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Samstag, den 17. Januar 1931.

„G » ehener Zeitung"

Nr. 5

gen einmal eine wesentliche Senkung der Realsteuern eintreten. Die eingeleiteten Maßnahmen müssen weitere Ergänzung fin­den durch die so notwendige Reichsreform an Haupt und Glie­dern und durch die ebenso nicht mehr hintan zu haltende Neu- regelung der Neparationsfrage.

Für das Handwerk bleibt das Jahr 1930 noch von be­sonderer Wichtigkeit, weil in ihm der Ausschuß zur Untersu­chung der Erzeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft seine Ergebnisse über das deutsche Handwerk vorle­gen konnte. VZir dürfen kurz darauf zurückgreifen, daß nach den Untersuchungen dieses Ausschusses für das 3°^v 192ß i 300 000 Handwerksbetriebe mit i 320 000 Inhabern, 150 000 Gesellen, 766 000 Lehrlingen und i10 000 Ange­stellten festgestellt werden. Der Gesamtumsatz des Handwerks wird für das Jahr 1928/29 mit 20,6 Milliarden NMi oder 14—16 % des volkswirtschaftlichen Gesamtumsatzes angege­ben. Einschließlich der Berufszugehörigen finden innerhalb der Handwerkswirtschaft rund 8 Millionen Deutsche oder 12,6 % der Bevölkerung ihr Brot.

Diese Zahlen, die uns die wirtschaftliche Bedeutung des Handwerks künden, sind leider noch viel zu wenig bekannt. Es wird auch eine der Hauptaufgaben der vom 15. bis 22. M'ärz 1931 stattfindenden Reichs-Handwerks-Woche sein, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen und die Öffentlichkeit über die Notwendigkeit des Handwerks für Volkswirtschaft und Volkskultur und über seine Bedeutung für den Zusammen­halt der Volksgemeinschaft aufzuklären. Ntöge der Erfolg auf Seiten der Veranstaltung stehen und sie zu einer neuen Bele­bung des wirtschaftlich, kulturell und sozial nicht zu entbah- renden Berufsstandes beitragen.

Reichsgründung und evangelische Kirche.

Das Landeskirchenamt weist in einem Ausfchrciben die evangelischen Pfarrämter ,4h Uebereinstimmung mit d^em Deutsch-evangelischen Kirchenausschuß an, der 60jährigen Wie­derkehr des Tages der Gründung des deutschen Reichs am Sonntag, dem 18. Januar, in der Predigt des Hauptgottes- dienstes und im Gebet zu gedenken.

Die „Tote Hand" bleibt steuerfrei.

Darmstadt, 16. Jan. Im Finanzausschuß des Hessischen Landtages beschäftigte man sich heute vornehmlich mit einem Anträge der Sozialdemokraten über die Notlage vieler hessischer Gemeinden und in Verbindung damit mit einem Antrag auf Neuregelung der Arbeitslosenfürsorge. Man beschloß, die „tote Hand", die bislang auf Grund des § 10 des Grunderwerbsteuer­gesetzes bis 31. Dezember 1930 steuerfrei war, auf weitere drei Jahre steuerfrei zu laßen. Am 24. Januar beginnt im Finanz­ausschuß die Generaldebatte über den diesjährigen Staatshaus­halt. Am 25. Januar soll bereits mit der Beratung des Etats des Kultusministeriums begonnen werden.

Der Preisabbau in Italien.

Mailand, 16. Jan. „Sera Secolo" meldet aus Rom: Der Etatsabschluß für 1930 bringt 120 Millionen Defizit. Die be­hördliche Preissenkung hat bis 1. Januar eine sechzehnprozentige Senkung der Durchschnittspreise gebracht. In Rom sind drei Hotels und 170 Geschäfte wegen Widerstandes gegen den Preis­abbaubeschluß der Regierung geschlossen worden.

Nationalsozialistischer Präsident der Bremer Bürgerschaft.

Bremen, 16. Jan. In der ersten Sitzung der neugewählten Bürgerschaft am Freitag nachmittag wurde in der Stichwahl der Kandidat der Rechtsparteien, Konsul Bernhardt (N.S.D.A.P.), mit 59 Stimmen der Nationalsozialisten, Deutschnationalen, Wirtschaftspartei, Konservativen Volkspartei, Deutschen Volks- partei und der Haus- und Grundbesitzer zum Bürgerschaftspräsi- denten gewählt. Der S.P.D.-Kandidat Osterloh erhielt 47 Stimmen.

Einwanderungsbeschränkung in Brasilien.

Aus Sao Paulo (Brasilien) wird dem D.A.J. geschrieben: Dem Drängen der Industriellen in den Großstädten hat die

Die alte Lampe.

Von Walter Riffler.

Die Grubenlampe hing in der kleinen Wohnstube des alten Bergmanns gleich unter dem kleinen Bild, das ihn in der dunklen Knappentracht zeigte und schon seit über 20 Jahren der Hauptschmuck des Zimmers war - wenigstens solange, bis die Grubenlampe darunter gehängt mürbe. Aber für den alten Wilhelm Mewes gehörten Bild und Lampe zusammen, und der Ehrenplatz, den er diesen beiden Dingen zugewiesen hatte, war gut gewählt, denn jeder Gast, der.den alten Bergmann besuchte und auf dem kleinen Sofa niedersaß, halle Bild und Lampe an der gegenüberliegenden Wand direkt vor Augen.

Wilhelm Mewes war 42 Jahre lang Bergmann gewesen, bis ihm das Alter die Arbeit aus der Hand nahm und ihn zur Ruhe schickte. Aber als er nimmer einfahren konnte in den Berg da wollte er wenigstens etwas mitnehmen ins Alter aus dem Reich seiner Arbeit, seine alte Grubenlampe. Er hörte nicht darauf, daß man sagte, er könne ja eine andere leicht be­kommen, eine kleine, silberglänzende Lampe, wie sie in man­chen Geschäften zu kaufen sind — er wollte die richtige, stabile Gebrauchslampe haben, mit der er so lange ins Bergwerk ein- gefahren war, und schließlich tat man dem alten Arbeiter die Freude an und überließ ihm, was er haben wollte. Wilhelm Mewes ließ sic sich füllen und nahm sie mit nach Hause, und nun hing sie sorglich geputzt unter dem Bild. Niemand durste ihm daran viel kramen, und auch, als er immer älter und ge­beugter wurde, putzte er noch selbst immer mit seinen zitternden, weiten Händen den Staub von dem Metall, sah jede Kleinigkeit nach und hing sie ernsthaft wieder an ihren Platz.

Manche Leute, die um diese Eigenheit des alten Mannes wußten, hielten ihn wohl für einen Sonderling und lachten darüber, aber das traf Wilhelm Mewes nicht. Er hielt sich meist von fremden Menschen zurück, und die ihn kannten, wußten auch, daß er schon vor langen Jahrzehnten seine Frau begraben mußte und daß sein einziger Sohn im kräftigen Manncsalter vom Kriege dahingcrafft worden war, und sie ehrten das ein­same Alter des Bergmanns. Der sprach wohl mit niemand über

provisorische brasilianische Regierung nunmehr nachgegeben und am 13. Dezember ein Dekret veröffentlicht, das die Einwande­rung nach Brasilien beschränkt. Es ist bedeutend weniger rigoros als etwa die nordamerikanischen, kanadischen und australischen Gesetze über die Abdrosselung der Einwanderung und hat vor allem im Auge, die Zuwanderung von Proletariat nach den Großstädten, wo überall mehr oder weniger starke Arbeitslosig­keit herrscht, zu unterbinden. Auch gilt es ab 1. Januar 1931 zunächst nur auf ein Jahr und verbietet keineswegs die Ein­wanderung auch nach der Stadt vollständig.

Deutsche Auswanderung aus dem Banat.

Aus dem rumänischen Banat sinid, wie die „Banater Deutsche Zeitung" in Temesvar hervorhebt, im Jahrzehnt 1921—1930 42 300 Deutsche nach Uebersee gewandert. Bei einer Gesamt­zahl von 300 000 Deutschen bedeutet diese Zahl fast ein Sechstel der gesamten deutschen Einwohnerschaft.

Ein Preisausschreiben im Interesse der Landwirtschaft.

Der Vorstand der zu Ehren des Gelehrten August Forel errichteten ForschunHsstiftung schreibt einen Preis von 1500 RM. aus für eine Arbeit über „Einfluß der Schlempe auf die Qua­lität und Quantität der Milch". Berücksichtigung sollen nur Arbeiten experimentellen Inhalts finden; zugleich sind die besten bereits vorhandenen Arbeiten kritisch zu würdigen. Die Arbei­ten, mit einem Kennwort versehen und einem das Kennwort tragenden geschlossenen Briefumschläge, in dem die genaue Adresse des Verfassers enthalten ist, sind spätesten^ bis 1. Oktober 1932 an Geh. Rat Prof. Dr. Abderhalden, Halle a. d. Saale, einzusenden. Sch.

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Lokales.

Sonntagsgedanken.

Vier Millionen Menschen rufen in Deutschland nach Arbeit. Die Räder stehen still, trotzdem der starke Arm es nicht will. Die ungeheure Not treibt Menschen zur Verzweiflung. Schon erhebt Bruder gegen Bruder die Faust. - Und unterdessen saugen noch habgierige Menschen am letzten Herzblut der anderen. -

Armes Deutschland, armes Vaterland! Zwei Millionen brave Söhne hast du auf den Schlachtfeldern Europas geopfert, um frei zu sein. Aus vielen Wunden quillt heute noch Blut und viele Tränen sind noch nicht getrocknet. Millionen von flei­ßigen Händen hat man gekettet, die arbeiten möchten. Zerrißen hat man das deutsche Land und die Fetzen als Beute an die Feinde verteilt. Aber allmählich verstummt auch das höhnende

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seine stille Eigenheit, und nur einmal, als der alte Pastor ihn besuchte und ihn nach der Grubenlampe fragte, vertraute er ihm ein paar stille Gedanken an.

„Sehen Sie, Herr Pastor," sagte der alte Mewes, „man macht sich ja im Alter schon so seine eigenen Gedanken über das gruje Leben, und mit der alten Lampe ist das nun so. Als ich für die Arbeit da unten nicht mehr taugte und so still meine alten Tage verbringen wollte, da hab' ich mir gedacht, daß das Grubenlicht, das man von oben mitnimmt in die dunkle Erde hinein, doch das einzige ist, was überhaupt das Leben und die Arbeit im Berg möglich macht ... ja. ich will sagen: Der Berg­mann unten im Stollen ist ganz abgeslbnitten von der Welt, und das einzige, was einen schwachen Schein des Lebens da hincinträgt, das ist das Heine Gruben licht. Und glauben Sie nur, H^rr Pastor, ich habe allerlei doch mitgemacht in den 42 Jahren, die ich da unten geschafft habe — so ein kleines Licht unten im Stollen kann einem manchmal vorkommen wie die helle Sonne. Mir dem kleinen Licht tragen mir ja erst das Leben hinein in die Erde, und wo Sie da unten schon so ein Licht sehen, da wissen Sie sofort, daß da Leben ist, Menschen da sind wie Sie und ich, daß Sie nicht allein und verlassen im Dunkeln sind, und daß alle, die das kleine Licht zu ihrer Arbeit Hinointragen in den Berg, hier unten zusammengehören. Und wenn man dann wieder ausfährt und an den Tag kommt, und wenn man dann die Sonne und das Licht sieht, wo doch alles Leben von herkommt, dann habe ich immer gedacht, daß die Lampe im Pint unsere kleine Sonne ist, mit der wir das Leben tief in die dunkle Erde tragen."

Dem alten Mewes war es gewiß nicht leicht, seine Ge­danken so in Worte zu formen, daß der Pastor sie vielleicht ver­stehen konnte. Er fuhr sich mit der Hand einmal durch die ge­lichteten Haare und sprach schließlich schwerfällig weiter: „Ja, Herr Pajlor, ich will das man so sagen: Mein Junge, der hat die Lampe ja auch noch da hängen sehen, und kurz bevor er gefallen ist. Hat er mir noch einen Brief geschickt. Da hat er geschrieben: Lieber Vater, ich muß heute so oft an Deine Gru­benlampe denken. Wie man so beim Licht in der Grube manch- mal denken kann an das große Licht oben auf der Erde, so denke id), wenn manchmal ein paar seltene, schönere Stunden hier draußen sind, daß das auch eigentlich so kleine Achter in

Lachen der Feinde. Denn die Beute ist verzehrt und gefesselte Hände können auch für sie nicht mehr schaffen. Jetzt muß das deutsche Hoffen erst recht beginnen mit dem Glauben an die eigene Kraft. Die Rettung liegt in der Gemeinschaft. Wir müßen alle Brüder und Menschen sein. Jeden Sonntag soll man es in allen deutschen Kirchen lehren, daß nur in der Ge­meinschaft das Großschöpferische eines Volkes zur Tat für die Nation wird. Wir müßen mitfühlen am Leide und Lose unserer Mitmenschen, in Wort und Tat, duldsam müßen wir sein, ver­zeihen können und zum Guten einander helfen. Dann wird allmählich die deutsche Herzenswunde sich schließen und langsam heilen. Und Brust und Schulter wird sich stählen, Sehnen und Muskeln sich recken. Hand ineinander alles, was bereit ist zur großen, unüberminblid)en, deutschen Gemeinschaft, was mit­helfen will zur inneren und äußeren Befreiung. Dann . . . nur dann werden deursche Hände und Arme wieder frei . . .

Der Sonntagsschreiber.

Sie Sürotnitutr.

Sie soll ein Beitrag sein aller Gemeindebürger zu den namentlich durch die Wohlfahrtspflege überaus angespannten Gemeinöelasten. Ihre Einführung war neben anderen neuen Gemeindesteuerquellen notwendig geworden, weil die Grund und Gewerbesteuern, auf die die Gemeinden seither in der Hauptsache angewiesen waren, durch den fortschreitenden Ge­meindebedarf eine unerträgliche Höhe erreichten.

Eingeführt wird die Bürgersteuer durch die OemeinOen selbst auf Gemeinderatsbeschluß. In gewissen Fällen sind die Gc meinden zu ihrer Einführung verpflichtet. Unterläßt in die­sen Fällen ein Gemeinderat ihre Einführung, so wird die Bür­gersteuer durch Verfügung der Aufsichtsbehörde angeordnet.

An der Aufbringung der Bürgersteuer sollen alle Bur geckreise beteiligt sein, auch diejenigen, die seither wohl in den Gemeinderäten über Gemeindeausgaben mit beschlossen, aber mangels Gewerbebetrieb und Grundbesitz nichts zur Auf bringung neuer Lasten beigetragen haben. Nach den anfäng­lichen Nativen sollte ein Satz in geringer Höhe auf alle wahl­fähigen Personen umgelegt (Kopfsteuer( und nach möglichst einfachen RTethoden eingezogen werden.

Nun haben wir aber jetzt schon zwei Bürgcrsteuergesetze, das eine für 1930 auf Grund der Notverordnung vom 26. 7. 1930 und ein weiteres für 1931 auf Grund der Notverord­nung vom i . 1 2. 1930, das weiterhin auch die Bestimmungen für das Jahr 1930 z. T. ändert. Dazu gibt cs bereits eine umfangreiche Nkenge von Ausführungsverordnungen und 91ti nisterialerlassen.

Es sollen vor allem die für die Bürgersteuer für das Jahr 1930 gültigen Bestimmungen in folgendem kurz geschildert werden:

Wo eine Bürgersteuer beschlossen ist, muß sie sich nach dem von der Landesregierung bestimmten Landessatz richten. Dieser ist in Hessen in Höhe der in der Notverordnung gc nannten Dltinöeflfä^e festgesetzt. Die Höhe der Bürgersteuer beträgt sonach bei einem im letzten Jahre gehabten Einkommen von bis zu 8000 9191t. = 6 9191t., über 8000 9191t. bis 25 000 9191t = 1 2 RNt. und gestaffelt wcitergehend bis zu 1000 9191t. Für das Rechnungsjahr 1931 sind andere Sätze vorgesehen.

Die Anforderung und Erhebung erfolgt verschiedenartig. Die Gewerbetreibenden erhalten eine Anforderung durch das Finanzamt, wobei der Tag der Fälligkeit angegeben ist (regel­mäßig der 10. i . 1931 und der 10. 3. 1931). Für die Lobu- stcuerpflichtigen erfolgt die Anforderung im allgemeinen auf der Steuerkarte 1931, der Abschnitte für die Biirgcrsteuer beü gefügt sind. Der Arbeitgeber muß am Fälligkeitstage die Bürgersteuerrate am Lohn in Abzug bringen und an die Ge- meindekasse (nicht die Finanzkasse, wie bei der Lohnsteuer) frifb gerecht abführen.

Ermäßigt wird die Bürgersteuer für einkommensteuerfreie Personen auf 3 9191t., für die Ehefrauen auf die Hälfte des Steuersatzes des Ehemanns.

Befreiungen bestehen für Personen, die am 10. 10. 1930 noch nicht 20 Jahre alt waren, ferner für solche, die- am glei­chen Stichtag vom VJahlrccht ausgeschlossen waren- oder oie am Fälligkeitstag der Bürgersteuer (10. 1. und 10. 3. 1931) Arbeitslosenunterstützung oder Krisenunterstützung bezogen,

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allem Dunkel unb allem Schweren sind, auf die auch einmal eine hellere Zeit kommen muß, wie ja nach der Arbeit in der Erde. wo nur die Erubenlamvc leuchtet, auch die Taafahn folgt ins Freie, wo die Sonne leuchtet und überall Leven ist.

Das hat mein Junge damals geschrieben, und ich hab' die alte Lampe lieb darum, weil der Gedanke daran dem Jungen ein Trost gewesen ist in der schweren Zeit."

Der Pastor hatte ernst zugebört, und schließlich sagte er: „Ja, Herr Mewes, ich verstehe schon, daß Ihnen die alte Lampe lieb und wert geworden ist. Die Menschen freilich, die hier oben über die Erde wandern, vermögen wohl nichts zu ahnen von dem Leben, das Sie mit der kleinen Lampe da unten ins tote Gestein hincintragen, und sicher werden auch nicht viele so tief darüber nachdenken, wie Sie es wohl manchmal in stillen Stunden tun!“

Aber da sagte der alte Mewes : „Ja, Herr Pastor, Sie sagen totes Gestein, und das ist ja auch wohl richtig. Aber glauben Sie mir — ich bin so lange Bergmann gewesen, und da habe ich oftmals gcbadjt, es wäre gerade, ols ob da unten, tief in der Erde, altes, vergeßenes Leben nur schliefe, als ob man es wieder aufwccken könnte, wenn man ein helles Licht da hinein­tragen würde, und manchmal habe ich ein Gefühl gehabt, als wenn zu dem Leben, das wir in die Erde hineintragen, langsam ein anderes, stilles Leben erwachte und sich zu dem neuen Leben, zu dem Licht hin sammelt. Wissen wir denn überhaupt, ob es etwas ganz Totes auf der Erde gibt, was nicht mehr zu be­leben ist?"

Man fand den alten Wilhelm Mewes eines Tages in sei­nem Sofa sitzen, gegenüber der alten Grubenlampe, wo er cin- geschlafen wâr, um nie mehr auszuwachen. Alte Bergknappen sorgten für die Bestattung, und einer nahm still die Lampe vom Haken, wog sie sinnend in der harten Ar veitshand und legte sie dann dem Greis zwischen die starren Hände. Der alte Pastor aber, der Wilhelm Mewes begrub, dachte sehr ernst daran, was der ihm gesagt hatte vom Leben, diesem unerforschlichen, ge­heimnisvollen Leben in der tiefen Erde, in der cs nichts Totes gebe, und er betete in stillen Gedanken zu seinem Gott, daß dein Toten auch einst eine Glocke ihr Glückauf läuten werde zu fröhlicher Tagfahrt . . .

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