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Samstag, den 11. Juli 1931

Auè Rah und Fern.

Lang-Eöns. Im Gasthaus „Zum Gambrinus" hielt der hiesige Gewrrbcverein eine Werbcoersammlung ab. Syndikus Dr. Röhr von der Handwerkskammer-Nebenstelle Gießen sprach über die wirtschaftliche Lage des Handwerks, Geschäftsführer Kirchner, Gießen, über die Aufgaben der Beratungsstelle des BezirksverbaNdes der Eewerbcvereine und über die Abgabe der Lermögenssteuererklärungen. Dann berichtete Dr. Röhr noch über die Organisation des Handwerks im Kreise Gießen.

Langgöns. Ihr 50. Judiläum feiert morgen die hiesige Freiwillige Feuerwehr. Etwa 40 Wehren aus den Kreisen Gießen und Friedberg und dem Hüttcnbcrg haben ihr Erschei­nen zugesagt. Mit der Feier veranstaltet der Kreis verband Gießen der Freiwilligen Feuerwehren seinen 11. Herbst-Ver- bandstag.

Grohen-Vuseck. Das Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkrieges wird nunmehr an der Nordseite der Kirche er­richtet. Das Denkmal besteht aus einem aus grauen Steinen erbauten weit ausladenden Altar, auf dem ein gebrochener Eichenzweig aus Bronze liegen soll. An der Kirchenmauer hinter dem Altar werden Bronzetafeln mit den Namen der Ge­fallenen angebracht. Damit das Ehrenmal als geschlossenes Ganzes wirkt, soll der Zugang zur Kirche verlegt werden und ein Aufgang zum Ehrenmal an der Nordseite des Kirchhofs geschaffen werden.

Lich. Der Sommermarkt, verbunden mit Zuchtvieh- und Prämiierungsmarkt, findet am 22. Juli statt. Aufgetrieben werden hessisches Fleckvieh, Vogelsberger Notvieh und Zucht­bullen. Auch eine Schafbockverstcigerung ist vorgesehen.

Nidda. Am Sonntag und Montag gab der aus 100 Knaben und Mädchen bestehende Mozart-Chor in der Turnhalle zwei Konzerte. Lieder wechselten mit Sprechchören, Volkstänze, sowie eine musikalische Hauskomödie wurden aufgefühtt. Die jungen Sänger sowie Chorleiter Steffen ernteten lebhaften Beifall.

Bad Nauheim. Wie das Verkehrsamt der Kurverwaltung mit- icilt, betrug der Gesamtbesuch bis zum 9. Juli 1931 18 305 Gäste. Darunter waren 3076 Ausländer. Anwesend waren am 9. Juli 1931 4481 Gäste.

Büdingen. Der Beigeordnete und Ersenbahnbedienstete Bär von Lindheim fand Mittwochmorgen bei Nieder-Wöll­stadt den Tod auf den Schienen. Er stand auf Sicherheitsposten und überhörte den in Richtung Frankfurt—Friedberg kommen­den Schnellzug. Der Zug erfaßte ihn von rückwärts, es wurde ihm ein Bein abgefahren und der Kopf zerdrückt. Der Unglück­liche hinterläßt Frau, ein Kind und seine hochbetagte Mutter.

Bingen. In Oberhilbersheim fand man dieser Tage mor­gens vor der Haustür eines Anwesens die Leiche eines Man­nes. Als man die Hausbewohner weckte, erkannte die Haus­besitzerin in dem Toten ihren Bruder Konrad, der vor 32 Jah­ren aus seinem Elternhaus verschwunden war. Seit dieser Zeit war es nicht gelungen, eine Spur von dem Vermißten zu finden. Offenbar hat nun der jetzt 54 Jahre alte Mann aus Heimweh die Stätte seiner Kindheit aufsuchen und seine Schwe­ster sehen wollen. Was die Ursache zu seinem so plötzlichen und tragischen Tod war, muß erst noch festgestellt werden.

Frankfurt. Mittwoch kam es im Hof des Arbeitsamtes in der Friedberger Strotze zu Erwerbslosenunruhen, die ein Ein­greifen des Ueberfallkommandos notwendig machten. Durch die durch die Notverordnung bedingten Abzüge an der Erwerbs- loscnunterstützung waren die Leute verbittert. Es kam zu Zu­sammenrottungen und Schlägereien. Als die Polizei einschritt, wurde sie mit Steinen beworfen.

Frankfurt. Der Leiter der bekannten Lederfabrik Kaufmann hat seinem Leben durch Erhängen ein Ende bereitet. Kauf­mann hatte am Montag wegen schlechten Geschäftsganges Kon­kurs anmelden müssen.

Launsbach. In einem Neubau vom Gerüst abgestürzt ist hier ein Maurer. Er trug schwere Beinverletzungen davon und mutzte in die Klinik nach Eiehen verbracht werden.

Dutenhofen. Von einem Motorradfahrer ungefähren wurde zwischen Dietzen und Dutenhofen der Landwirt Müller. Stratzen- passanten fanden ihn bewußtlos mit erheblichen Verletzungen im Chausseegraben liegen. Der rücksichtslose Fahrer hatte sich aus dem Staub gemacht.

Wetzlar. Unter der Geschäftsführung des neuen Bürger­meisters Dr. Bangert wurde der diesjährige Haushaltsplan verabschiedet, der gegenüber dem Etat des Vorjahres mit einem Weniger von rund 800 000 RM. abschließt. Der Prozeß gegen den früheren Oberbürgermeister wegen Verfehlungen im Amt

ist von der Staa-tsanwaltschaft in Limburg aus unbekannten in strammer Haltung vor sich stehen, der im fernen Osten sein

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„Siebener Zeitung"

Gründen auf den 14. September vertagt. Stadtverwaltung und Stadtverordnete haben gegen diese Verlegung des Termins Protest erhoben. Sie hoffen durch Einwirkung der Regierung eine Vorverlegung des Prozesses zu erwirken.

Wetzlar. In den Optischen Werken von E. Leiß wurde rn diesen Tagen das 300 000. Mikroskop fertiggcftelH, das dem um die pathologische Anatomie hochverdienten Gelehrten Geheimrat Professor Dr. Ludwig Aschoff in Freiburg i. B. zum Geschenk gemacht wurde.

Marburg. Marburger Studentenkammerwahlcn. Liste 1: Nationaler Block (Stahlhelm und deutschnationale Hochschul­gruppe) 772 Stimmen gleich 10 Sitze) Liste 2: Deutscher Aka­demischer Ring (Deutsche Studentenschaft) 429 Stimmen gleich 6 Sitze; Liste 3: Nationalsozialisten 1525 Stimmen gleich 21 Sitze; Liste 4: Ueberparteiliche Arbeitsgemeinschaft (katholische Studenten) 238 Stimmen gleich 3 Sitze; Liste 5: Ring deutscher Studenten 74 Stimmen gleich 1 Sitz. Ungültig 34. Abgegebene Stimmen 3072 gleich 41 Sitze. 72 Prozent Wahlbeteiligung.

Hannover. Nach Mitteilung des hiesigen sozialdemokrati­schen Patteiblattes ist man einer Bestechungsaffäre auf die Spur gekommen, in die die gesamte Wegebau Verwaltung der Provinz Hannover mit Ausnahme von nur wenigen Beamten verwickelt sei. Die technischen Beamten der Wegebau Verwal­tung hätten sich seit Jahren von solchen Firmen, die in Ge­schäft sdeziehungen zur Provinzialverwaltung stehen, Bestechungs- gelder geben lassen. Die Provinz Hannover soll um sehr grotze Summen geschädigt worden sein.

Wild-West in der Mongolei.

Schanghai. Das Postflugzeug Nanking—Berlin, das eine Notlandung vornehmen mußte, ist von einem mongolischen Stamm in Besitz genommen worden. Das Schicksal der beiden deutschen Piloten ist unbekannr. Ein Hilfsflugzeug entdeckte das Postflugzeug, von mongolisäen Soldaten umgeben, die auf die zu Hilfe eilende Maschine Schüsse abgabcn. Schritte zu: Freigabe des Flugzeuges sind cingcleitet worden.

Meine Mutter.

Erzählung von Balthasar Grimm, Babenhausen (Hessen).

Langsam fuhr der Zug in die Bahnhofshalle. Lautlose Stille herrschte überall. Es war kein Jauchzen, kein Singen, nicht erklang die Melodie des Liedes: „In der Heimat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehn!" Es war kein Urlaubcrzng, oder ein Zug, der die stolzen Kämpfer an die Front beförderte. Aber es war ein Zug, auf dessen Wagen das Rote Kreuz im weißen Felde eingezeichnet ist. Ein Lazarettzug, der die ver­wundeten und kranken Krieger in die Heimat brachte, wo sie einer sorgsamen Pflege entgegensahen. Da konnte man die Leiden und Schrecken des Krieges vor Augen sehen. Aber es mutzte sein, denn es galt doch, die deutsche Scholle von fremden Eindringlingen freizuhalten. Ja, Deutschlands Söhne, alle waren sie bereit, dem Rufe des Vaterlandes Folge zu leisten. Keiner blieb zu Hause. Selbst die Freiwillige Sanitätskolonne des Roten Kreuzes wollte nicht zurückstehen. Man konnte wahr­nehmen, wie sie in pflichttreuem Bewußtsein den Befehlen ihrer Vorgesetzten Folge leisteten. So trugen sie die verwundeten oder kranken Krieger aus den Wagen, um sie den bestimmten La­zaretten zuführen zu können. Ja, einstmals starke und kräf­tige Männer wurden ein Opfer der feindlichen Geschosse und sonstigen Vernichtungsmittel. Auch so mancher junge Mensch, der sich seiner Pflicht bewußt war, mußte sein Schicksal mit äl­teren Kameraden teilen. Auch trug man einen jungen Front­soldaten aus dem Zuge heraus, der als 18jähriger Stubent die Hochschule verlassen hatte, um sein Leben einzusetzen für sein Vaterland. Sein Gesicht war blaß, starr schauten seine Augen um sich Mit Geduld ertrug er seine Schmerzen. Eine Verletzung der inneren Organe versetzten ihn in heftiges Fie­ber Nach dem Befund des Stationsarztes war wenig Hoff­nung vorhanden, das Leben des jungen Menschen zu retten. So vergingen einige Tage im wechselnden Fieber. Schwester Ottilie pflegte ihn treuherzig und gewissenhaft. Eines Mor­gens weilte die Schwester wieder an seinem Bette, um ihm einen Trunk zu reichen. In schwerem Schmerz schaute er auf die Schwester und sprach: „Meine Mutter, meine Mutter, hol sie mir!" Ja, seine Mutter, seine Mutter, sie soll zu ihm kom­men; ihr will er sein Leid erzählen. Wie viele Lebensbilder mögen an ihm vorüber gezogen sein? Wie ihn seine Mutter pflegte, wie ihn die Mutter manchmal unter die Arme nahm, wenn ihn des Vaters Zorn erreichen wollte. Im Traume sah er sein Schwesterchen, wie sie im Garten Ball mit ihm spielte und wie sie ihm in schwesterlicher Liebe einen Kuß auf die Wangen preßte. Nun sah er wieder seinen Vater als Offizier

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Nr. 55

Vaterland verteidigte All diese Fieber- uno Traumbilder zogen an ihm vorüber. Nun bewegten sich seine Lippen wieder in einem Lächeln und flüsterten: „Meine Mutter kommt!"

Wie erging cs dagegen seinen verheirateten Kameraden? So mancher von ihnen sah sein Weib und seine Kinder vor sich stehen und fragte: „Ihr lieben Kleinen, schlaft ihr süß, kommt euer Vater wieder zu euch?" Diese Streifbtiber des Lebens entfalteten sich bei jedem Kriegsteilnehmer' vor dem Feinde oder im Lazarett.

Aber bei dem jungen Studenten waren es nicht vorüber­gehende Wunschträume. Er wollte und mußte seiner Mutter Stimme hören und Trost bei ihr finden Und Schwester Ot­tilie hat es erreicht. Seine Mutter, seine treubpsorgte Mutter, durste kommen Wer kann sich ein Bild davon machen? Das Zusammentreffen eines brechenden Herzens mit seiner Mutter! Die Mutter kam. Auch die naheliegenden Kameraden konnten dem Heldengeist der Mutier nicht widerstehen, Tränen rollten aus ihren Augen. Ach, wie freudig strahlten seine Augen. Seine Mutter war da, seine gute Mutter! Aber wie ruhte er in der Mutter Armen? Mit starren Augen schaute er ihr ins Gesicht, ein schmerzvolles Lächeln umspielte seinen Mund — und er war am Ende seiner Lebensbahn angelangt Langsam legte die Mutter die erkalteten Hände zurück und drückte auf seine bleichen Wengen den Abschiedskuß. Seinem Vater wurde die Nachricht, daß sein Sohn als Held gestorben sei, übermittelt Aber er konnte aus dem fernen Osten nicht so schnell nach Hause kommen Einige Tage später begaben sich Vater und Mutter zur Grabstätte hin. Ein stilles Gebet war ihr letz­ter Abschied und des Vaters letzte Worte lauteten: „Mein Sohn

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Vaterland gegeben!" Beim Weggang schaute die Mutter einmal zurück, da glaubte sie die Wckrte aus Oer Erabcs- zu hören> „Meine Mutter !"

Beseitigt die haurzinssteuer!

Auch eine Forderung der Hausfrauen.

Die Zentrale der Hausfrauenvereine Groß-Berlins ver­anstaltete im „Haus Ning der Frauen" auf der Bau Aus­stellung in Berlin einen Teenachmittag mit dem Aussprache­thema „Wünsche der Hausfrauen zum Wohnungsbau".

Frau Oliaric Jecker, Aachen, NTitalied des NWR., uno Erste Vorsitzende des Neichsverbandcs Deutscher Hau§ frauenvcreinc, beschäftigte sich in ihrem Vorträge auch mit der Aufteilung von Großwohnungen, einer Frage, die nach ihrer Ansicht nicht nur den Hausbesitz angeht, sondern auch die All gemeinheit. Denn dieser Vesitz dürfe nicht zerschlagen, sondern er müsse wieder nutzbar gemacht werden. Es sei daher auch der Wunsch des Reichsverbandes, daß die Hauszinsstcuer so schnell wie möglich verschwinde. Durch Schaffung von Um bau Mög­lichkeiten solle man den Hausbesitz erhalten und Handwerkern | und Arbeitern Verdienstmöglichkeiten geben.

Reue Bücher.

Gedenktage im deutschen Osten.

Ohne große Feiern ist der 700jährige Gründungstag der Stabt Thorn in diesem Jahre vorübergegangen, die der ost­deutschen Kolonisation des deutschen Ritterordens ihre Ent­stehung verdankt. Allenthalben im Deutschtum hat man bei Stabt gedacht, deren deutsche Bevölkerung bis auf einen kleinen Rest vertrieben ist Eingehend beschäftigt sich mit dem histori­schen Schicksal Thorns und des Weichsellandes ein Aufsatz, den der Herausgeber der „Ostdeutschen Monatshefte", Carl Lange, unter dem Titel „Die Weichsel von Thorn bis Danzig" im Juliheft der in München erscheinenden Monatsschrift „Zeit wende" veröffentlicht.

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Die neue „Woche" beginnt mit dem Abdruck des Roman; „Wrack mit gelber Flagge" von Kurt Siddmak. Der übrige In­halt, ausgowählt und interessant wie immer, ausgezeichnet aber durch die Fortführung der beiden großen Film Preisaus­schreiben aus dem vorigen Heft. Dor allem die künftigen Film dichter, die auf die 100 000 Mark lossteuern, können an einem Manuskript, das mit Erfolg verwirklicht wurde, sehen, wie mal so etwas anfängt. — Die neue „Woche" überall für 50 Pfp.

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Verantwortlich: G. Burgelei 1, Gießen.

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