Kretzener Peilung
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44 Fahrg.
Mittwoch, den 7. Januar 1931
Nummer 2
Politische Rundschau.
Infolge der in der hessischen Staatspartei zurzeit bestehenden Meinungsverschiedenheiten ist auch Landtagsabgeordneter Reiber aus der Staatspartei ausgetreten. Ueber seine etwaigen Abfichten in bezug auf Anschluß an eine andere Partei ist noch nichts bekannt geworden.
Zu den europäischen Verhandlungen, die mit der Tagung des Studienaucschusses für die Europa-Union am 16. Januar in Sens beginnen, werden folgende Außenminister erwartet: Briand, Dr. Curtius, Henderson, Grandi, Zaleski, Marin- kowttsch, Mowinckel, der Herzog von Alba-Spanien, Hymans, Benesch, Prokope, Ramel-Schweden, Bech-Luxemburg, Belaerts »an Blookland, Munch-Dänemark und Zaunis-Litauen.
Reichsarbeitsminister Stegerwald hat seine Anwesenheit im Ruhrgebiet benutzt, um die strittigen Lohnfragen mit den beiderseitigen Verbänden und mit einzelnen führenden Persönlichkeiten aufs eingehendste durchzusprechen. Die Besprechungen haben jedoch eine Möglichkeit der Annäherung der beiderseitigen Standpunkte bisher nicht ergeben.
Wie aus Valparaiso gemeldet wird, ließ der Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drummond, bei seiner Abreise nach Peru durchblicken, daß die Aufnahme der Bemühungen zur Heranziehung Brasiliens, Argentiniens und Chiles zu aktiver Mitarbeit im Völkerbund« freundlich und erfolgversprechend gewesen sei.
Die Telegraphenagentur der Sowjetunion ist zu der ErNä- rung ermächtigt, daß die Meldung eines rumänischen Blattes über zwischen der Sowjetunion und Polen aufgenommene Verhandlungen zwecks Abschluß eines Schlichtungsabkommens jeglicher Grundlage entbehrt.
An verschiedenen Stellen von Amsterdam kam es zu Zusammenstößen zwischen größeren Arbeitslosentrupps und der Polizei. Die Polizei mußte mit blanker Waffe gegen die Demonstranten vorgehen.
Nach einer im Pariser „Journal" veröffentlichten Agentur- meldung aus Casablanca kam es am 3. Januar zwischen einer französischen Eingeborenen-Polizeistreife und dem Disstdenten- ftamm Ait Chokman bei El-Abid zu einem schweren Zusammenstoß.
Die spanische Regierung hat eine neue revolutionäre Verschwörung aufgedeckt, die Ende Januar ausbrechen sollte.
Im Kaspischen Meer wurden 50 Fischer mit einer Anzahl Pferde auf einer Eisscholle fortgetrieben.
Der amerikanische Bundesstaat Nordkarolina wurde von einer Serie schwerer Wirbelstürme heimgesucht.
Der schwere Taifun, der am Sonnabend den Philippinen- Archipel heimgesucht hat, forderte nach den bisherigen unvollständigen Nachrichten in dem Hasen von Cebu und Jlo sowie in der Provinz Leyte zahlreiche Menschenleben. Außerdem richtete er ungeheuren Sachschaden an.
In Smyrna haben am Montag erneut Ausschreitungen stattgesunden. Die demonstrierende Menge war zeitweise bis 8000 Köpfe stark.
Wie aus Rio de Janeiro gemeldet wird, find zehn Flugzeuge des italienischen Ozeanfluggeschwaders bereits in Port Natal, an der brasilianischen Küste, eingetroffen.
Das amerikanische Repräsentantenhaus hat einen Hilfskredit in Höhe von 45 Millionen Dollar zugunsten der Farmer angenommen, die im vergangenen Sommer unter der Trockenheit schwer gelitten haben.
Neugestaltung
Auf der Landesversammlung der württembergischen Demokraten in Stuttgart sprach Reichsfinanzminister Dietrich über die Wirtschaftskrise, das Arbeitslosenproblem und die Reparationsfrage. Er verteidigte zunächst die letzte Notverorbnüng: Zu der Sparsamkeit, die rücksichtslos eingesetzt worden sei, komme eine bedeutende Vereinfachung des Steuvrwesens hinzu.
Daß man die Beamtengehälter habe kürzen müssen, sei schmerzlich, aber notwendig gewesen. Wenn große Teile des Volkes um ihre nackte Existenz rängen, Millionen von Arbeitern und Angestellten brotlos seien, wären die Beamten in einen unheilvollen Konflikt zu dem gesamten Volk gekommen, wenn sie an der Not der Zeit nicht teilgenommen hätten.
Die größte Sorge sei die Wirtschaftskrise und die damit verbundene Arbeitslosigkeit,
die zurzeit noch verschärft werbe durch die Auseinandersetzungen im Kohlenrevier. Auf 2,2 Milliarden Mark würden die Ausgaben für die Arbeitslosen ohne die Wohlfahrtsunterstützungen geschätzt. 1,7 Milliarden Mark betrügen die Tributlasten, über 2 Milliarden Mark die inneren Kriegslasten Deutschlands. Es sei klar, daß fald^ unproduktiven Ausgaben von mehr als sechs Milliarden Mark jährlich eine fürchterliche, vielleicht untragbare Last seien. Die Frage sei nun:
Könnten wir unser heutiges Wirtschaftssystem in dieser Form erhalten?
Der Redner bejahte diese Frage: Er lehne den Sozialismus grundsätzlich ab, sei aber der Meinung, daß die Aufrecht
erhaltung des privatwirtschaftlichen Systems nur möglich sei, wenn die Mängel, an denen es leide, ausgemerzt werden könnten.
Er fuhr dann u. a. fort:
Die Hauptmängel
der Gegenwart sehe ich in folgenden Punkten: In der Veränderung des 'selbständigen Unternehmers, durch dessen Erfindergeist und wirtschaftlichen Wagemut allein unser wirtschaftliches System sich halten könne, ferner in der Zusammenballung großer Wjirt- fchaftsgruppen auf einen oder einige Konzerne, die in ihrer bureaukratischen Organisation und ihrer Abhängigkeit von den Banken auf die Dauer «in« Gefahr bedeuten. Die drittle Schwierigkeit liegt' daran, daß die Arbeitslosenversicherung das Band der Verantwortung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in einem bedeutenden Maße gelockert hat. Endlich hat die Arbeitslosenversicherung das Famvlienverantwortüngsgesühl in gefährlichem Umfange zerstört. Gin System, das nicht imstande wäre, mit der gegenwärtigen ungeheuerlichen Arbeitslosigkeit aufzuräumen, wäre dem Untergang verfallen.
Man darf sich daher keinem Zweifel darüber hingeben, daß es die Lebensfrage ist, nicht durch Versicherung die Arbeitslosen zu unterstützen, sondern sie zu beschäftigen. Für den ^Augenblick ist zu prüfen, ob es «inen Weg gibt, die Wirtschaft anzukurbeln.
Der Widersinn, daß wir für Millionen von Arbeitslosen über zwei Milliarden Mark ausgeben
mit dem, was die Gemeinden zahlen, find cs nahezu drei Milliarden, ohne einen Gegenwert zu bekommen, ist so ungeheuerlich, daß trotz aller Bedenken das Betreten neuer Wege gewagt werden darf.
Der Kohlenarbeiterstreik in EiidtvaleS.
London, 6. Jan. Infolge des Kohlenstreiks in Südwales hat die Trade Western Railway 1500 Arbeitern gekündigt, die Nus ihren Docks in den Häfen von Südwales mit der Verladung von Kohle beschäftigt sind. Falls der Streik andauert, wird mit der Kündigung von tausenden anderen in der gleichen Weise beschäftigten Arbeitern gerechnet.
Wegen der dreitägigen Arbeitseinstellung in der vergangenen Woche ist die Wochenziffer der Kohlenverladungen in den Häfen von Südwales bereits von 668 583 Tonnen auf 379 000 Tonnen im Vergleich mit dem Vorjahre gesunken. Falls die Gruben nicht bald wieder zu arbeiten beginnen, befürchtet man, daß die Orders der ägyptischen Staatsbahn auf 155 000 Tonnen großer Kohle und der portugiesischen Staatsbahn auf 100 000 Tonnen kleiner Kohle nach dem Kontinent gehen.
Verhinderter Einbruch in die Villa des Grafen Reventlow
Berlin. In der Dienstagnacht versuchten Einbrecher in die Potsdamer Villa des nationalsozialistischen Reichstagsabgeord- noten Graf Reventlow einzudringen. Sie wurden jedoch bereits im Garten von einem Reichswehvsoldaten gesehen. Der Soldat, der die Absicht der Einbrecher erkannte, stellte sie. Di« Ein- brecher setzten sich jedoch zur Wehr Und der Soldat brach bewußtlos vor Schmerz zusammen und im Schutze der Dunkelheit konnten die Diebe entkommen. Der Reichswehrsoldar liegt schwer verletzt in einem Potsdamer Krankenhaus.
Gruben-Eabotage.
Aus dem Ruhrgebiet wird uns geschrieben:
Der Sabotageakt auf Zeche „Pluto" in Wann«, wo durch Stürzen von Förderwagen in den Hauptschacht großer Sachschaden angerichtet wurde, zeigt erneut der Oeftentlichkeit, mit welchen gefährlichen Elementen man es gerade in den linksradikalen Kreisen des Ruhrbezirks zu tun hat. Jedes Gewaltmittel ist ihnen recht, wenn es ihnen zur Verfolgung ihrer wahnsinnigen politischen Ideen zweckmäßig erscheint,' sie scheuen auch nicht davor zurück, das Leben der Arbeiter aufs Spiel zu setzen. Der Sabotageakt auf Zeche „Pluto" bringt einen ähnlichen Fall in Erinnerung, der vor einigen Jahren der Gegenstand einer Verhandlung vor dem Esten«r Landgericht bildete. Es wurde in dieser Verhandlung festgestellt, daß bei der Sabotage auch die kommunistische Parteizentrale in Berlin ihre Hand im Spiele hatte. Als die Ruhrbergleute damals in einen Streik getrieben werden sollten, wurde von Berlin aus Anweisung gegeben, im ganzen Ruhrgebiet sogenannte Terrorgruppen zur Ausführung von Sabotageaktenzu bilden. Auf den Zechen „Graf Bismarck" und „Wilhelmine Victoria" wurden beispielsweise von diesen Terrorgruppen Förderwagen in den Schacht gestürzt, obwohl die Uebeltäter wußten, daß unten im Schacht Arbeitskameraden beschäftigt waren, die auf ein Haar dem verbrecherischen Anschlag zum Opfer gefallen wären. Zweifellos werden auch jetzt di« Täter nicht aus sich heraus den verbrecherischen Anschlag verübt, sondern, wie das in früheren Fällen nachgewiesen ist, auf „höhere" Anweisung gehandelt haben. Wenn di« kommunistischen Drahtzieher ihre Absichten auch jetzt nicht durchsetzen konnten, so deuten doch verschiedene Anzeichen darauf hin, daß sie ihre Bemühungen, einen allgemeinen Streik zu entfachen, wiederholen und dabei auch vor ähnlichen Sabotageakten nicht zurückschrecken werden. Es wird daher Aufgabe der Polizei sein, auf alle verdächtigen Personen und Vorgänge ein wachsames Auge zu haben.
90 Prozent des deutschen Volkes Mieter?
Der Bund Deutscher Mietervereine (Sitz Dresden) behauptet in seinen Eingaben an die gesetzgebenden Körperschaften unentwegt, daß die deutsche Mieterschaft etwa 90 Prozent des deutschen Volkes darstelle. Oeffentlich ist der Bund deu- scher Mietervereine aufgefordert worden, anzugeben, woher er wisse, daß die deutsche Mieterschaft etwa 90 Prozent des deutschen Volkes darstellt und warum denn die „90 Prozent des deutschen Volkes" nicht in jenem Bund zum Kampfe gegen die .Hauspaschas" organisiert sind. Der Bund Deutscher Mietervereine, der sich immer als Vertreter der gesamten deutschen Mieterschaft aufspielt, ist auf dies« öffentliche Anfrage die Antwort schuldig geblieben, obwohl die wackeren „Mietervertreter" diese Anfrage nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch „niedriger gehängt" haben.
Da der Bund Deutscher Mietervereine offenkundig für die Richtigkeit seiner Behauptung keinen Nachweis führen kann, wollen wir auf Grund statistischen Materials beweisen, daß die deutsche Mieterschaft n i ch t 90 Prozent des deutschen Volkes ausmacht. Der Durchführung der folgenden Berechnungen, die der Verband Mecklenburgischer Haus- und Erundbe- fitzervereine (Sitz Schwerin) kürzlich vorgenommen hat, dienen der mecklenburgische Staatskalender vom Jahre 1902 und das Staatshandbuch 1930.
Diese Unterlagen zeigen einerseits die Entwicklung der städtischen Haushaltungen in 28 Jahren, und andererseits geht aus ihnen hervor, in welchem zahlenmäßigen Verhältnis Hausbesitzer und Mieter zueinander stehen.
Nach dem Staatskalender 1902 waren vorhanden:
Inden
Wohn
Haus
alsoHaus-
Mieter
Städten
häuser
haltungen
besitzer
Rostock
4 313
14170
4 313
9 857
Schwerin
2 764
9 935
2 764
7171
Wismar
1962
5 366
1962
3 404
Güstrow
1 546
4 316
1 546
2 770
Parchim
1234
2 534
1234
1300
Waren
817
2 273
817
1456
12 636
38 594
12 636
25 958
In den übrigen
Städten:
17 831
33 376
17 831
15 545
zusammen:
30 467
71 970
30 467
41 503
Nach dem
Staatshandbuch 1930 bestehen jetzt:
In den
Wohn
Haus
also Haus
Mieter
Städten
häuser
haltungen
besitzer
Rostock
5 973
26 866
5 973
20 893
Schwerin
4 051
14 500
4 051
10 449
Wismar
2 650
8 275
2650
5 625
Güstrow
1830
5 442
1 830
3 612
Parchim
3 418
3 419
1651
1 767
Waren
887
2 901
887
2 014
17 042
61 402
17 042
44 360
In den übrigen
Städten:
20 459
38 956
20 459
18 497
zusammen:
37 501
100 358
37 501
62 857
1902 1930:
Hausbesitzer
30 467 37 501
Mieter
41 503 62 857
zusammen:
71 970 100 358
Nach vorstehenden
zahlenmäßigen Beweisen ist festgestellt.
daß 1902
der Haus- und
Grundbesitz mit . . 42,2%
die Mieter mit
.... 57,8%
an der gesamten städtischen Bevölkerung beteiligt waren.
Nach dem Staatshandbuch 1930 ist allerdings eine Verschiebung der Zahlen zugunsten der Mieter errechnet worden.
Es haben:
der Haus- und Grundbesitz mit . . . 37,5%
die Mieter mit........62,5%
Anteil an der Gesamtbevölkerung der mecklenburgischen Städte.
Aus dem Zahlenmaterial ist noch weiter hervorzuheben, daß nach dem Staatstalender 1902 in den sechs größeren Städten des Landes
der Haus- und Grundbesitz mit . . . 32,7%
die Mieter mit....... 67,3%
Anteil an der Gesamtbevölkerung haben.
In den übrigen Städten überwog aber schon damals der Haus- und Grundbesitz gegenüber den Mietern. Das zahlenmäßige Verhältnis stellte sich
für den Haus- und Grundbesitz auf . . 53,4%
für die Mieter auf..... . 46,6%
Nach dem Staatshandbuch 1930 beträgt die Beteiligung der Eesamibevölkerung in den sechs größeren Städten
für den Haus- und Grundbesitz . . 27,8%
für die Mieter.........72,2%
In den übrigen Städten ist das Ueberwiegen des Haus- und