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43. Zahrg.

Mittwoch, den 31. Dezember 1030

Nummer 104

WltiW NunMau.

Im Bundeshaus des Deutschen Vcamtenbundcs fand dieser liagc eine Aussprache s att zwischen den Vertretern des Deut- ichen Beamtcnbundcs und der Spitzcnvcrbändc des Handwerks.

Zu ter von einem Berliner Blatt angeschnittenen Frage einer etwaigen Rcgicrungsbetciligung Hitlers erklärt derVöl- ti'fdjc Beobachter", es stehe für die Zukunft gar nicht zur Dc- bcitte, ob man Hitler sich mitbctciligen lasse, sondern mit wem Silier selbst einst regieren werde.

Der Parteivorstand der Wirtschaftspartei hat beschlossen, den Äleichsausschuß einzuberufen und die Ausschließung der Abge- «biictcn Colosser und Dannenberg zu beantragen.

Die im großen Altonaer Bombenlegerprozeß verurteilten k andvoltangchörigen Becker, Vieck und Luhmann sind am 23. Dc- zcmbcr vorläufig aus der Haft entlasten worden.

Mit seinem Eintritt in den Reichstag wird der seitherige sozialdemokratische Landtagsabgcordnctc Weber-Offenbach sein ?anütagsmandat niedcrlcgcn. An seine Stelle tritt nach der Piste Bürgermeister Lorenz von Erzhausen.

Dir von dem Schlichter begonnenen Einigungsverhandlun- 5 cn über die Lohnscstsctzung im Ruhrberabau sind vertagt wor- ben.

Die Landcsgruppcn Südbayern und Nordbayern des Ver- > anües Süddeutscher Textilarbeiter haben zum 10. Januar 1931 »sie Tarifverträge für die Arbeiterschaft gekündigt.

Der Magistrat der Stadt Berlin hat aus Grund einer Ver- rinbarung mit der Arbeitnehmerschaft die Einführung der 44; hünbigen Arbeitswoche für die städtischen Arbeiter angeordnet.

Die Schlichtungstammcr fällte für die gesamte württcni- lbcrgische Metallindustrie einen Schiedsspruch, wonach von der ersten Lohnwochc itn Januar 1931 ab die Tariflöhne um 5 Pro­zent und die Akkordverdicnstc um 6 Prozent herabgesenkt werden.

Tschechischen Blättermeldungen zufolge sollen die Verhand­lungen über eine Regelung der handelspolitischen Verhältnisse zwischen der Tschechoslowakei und Ungarn schon in den nächsten Tagen aus neutralem Boden wieder ausgenommen werden.

Der Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drum­mond, ist in Buenos Aires cingetroffcn. Der argentinische Außenminister Bosch erklärte ihm, die Entscheidung über den Wiedereintritt Argentiniens in den Völkerbund müsse dem neu zu wählenden Kongreß überlassen bleiben.

Die Unruhen gegen die türkische Regierung haben sich in Smyrna und Brussa in besonders ausdrucksvoller Weise fort: gesetzt. Auch in Konstantinopel demonstrierten gewaltige Men- schcnmasscn für die Wiederherstellung der religiösen Gesetze in der Türkei.

Heute geht aus Marseille ein Truppentransport von 2500 Kolonialtruppen nach Marokko ab. Die ernste Lage für einen Teil der französischen Niederlassung und Stationen in Marokko und Algerien wird damit zugegeben.

Der verbannte Bolschcwistenführcr Trotzki soll auf dem ihm angewiesenen Exil auf der Insel Prinkipo so schwer erkrankt sein, daß mit seinem Ableben gerechnet werden müsse.

In Hankau wurden am Montag neun Kommunisten stand­rechtlich erschossen, die versucht hatten, ein Pulverlager in der Nähe von Hankau zu sprengen.

Meldungen aus Batavia besagen, daß ber Ausbruch des Me­rapi bisher 1300 Opfer gefordert hat. Der Vulkan ist immer noch in Tätigkeit.

Neues Defizit im Reich.

Berlin. Als Leistungen des Reiches an die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung waren im laufenden Reichsetat 50 Millionen als Notstock, 184 Millionen als Zuschuß und 140 Millionen als Darlehen eingesetzt. Alle diese Ansätze sind schon seit Ende Oktober überholt. Der Notstock wurde schon im Juli erschöpft, der Reichszuschuß im August und der Darlehensbetrag Ende Oktober. Von Anfang November an hatte also die Reichs- anstalt keinen etatsmäßigen Anspruch mehr auf Zuschüsse aus der Reichskasse. Der Zuschußbedarf dürfte sich allerdings im Winter dadurch verringern, daß seit Anfang Oktober der 6S= prozentige Beitragssatz gilt, wodurch sich die Einnahmen der Reichsanstalt beträchtlich erhöhen. Auf der anderen Seite er­fordern die wachsenden Unterstützungen trotz der Beitragsleistun­gen des Reiches ständig größere Beträge. Nach den Schätzungen der Regierung wird das Reich für wenigstens 200 Millionen Mark aufzukommen haben, da die Rcichskasse nach dem Gesetz vom Sommer d. I. jeweils bis zur Hälfte des Mehrbedarfes einspringen muß.

Dieser Mehraufwand, für den im Etat keine Deckung vor­handen ist, wird dazu beitragen, das Defizit des Haushalts, das ohnehin dank der Steuerausfälle über eine halbe Milliarde Mark hinausgeht, weiter zu erhöhen, und wird außerdem in den ersten Monaten des neuen Jahres auch kassenmäßig einen star­ken Druck auf die Reichsfinanzen ausüben.

Brünings Programm für die Ssireife.

Berlin. Aus dem Programm für die Reise des Kanzlers nach dem Osten, an der sich auch Reichsbankpräsident Dr. Luther und der Generaldirektor der Rcick-sbahn, Dr. Dorpmüller, be­teiligen, sind folgende Stationen hervorzuheben: Am 5. Januar vormittags findet in Nauenbnrg in Pommern eine Besprechung mit dem Oberpräsidenten der Provinz Pommern statt, am Nach­mittag in Schneidemühl eine Konferenz mit dem Oberpräsiden- ten der Grenzmark. Am 6. Januar folgt vormittags eine Be­sprechung mit dem Oberpräsidenten von Ostpreußen in Königs­berg. Dann geht die Reise nach Tilsit und Insterburg, am 7 Januar nach Lyck und Dcutsch-Eylau, am 8. Januar nach Ma­rienwerder und Marienburg. Am 9. Januar trifft der Kanzler in Oppeln ein, wo er mit dem Oberpräsidenten und anderen Vertretern der Provinz eine Besprechung hat. Am 10. Januar besucht er u. a. Waldenburg und Breslau, am 11. Januar Kreuz- burg Von dort wird am Abend die Rückreise nach Berlin an= getreten.

SM im Ruhrgebiet?

Berlin. Die Meldung über den Abbruch der Lohnverhand­lungen im Ruhrbergbau und den Eintritt des tarislosen Zu­standes ab 1. Januar 1931 läßt die Gefahr eines Riesenstreiks in diesem für Deutschland lebenswichtigen Industriegebiet ent­stehen. Die Kündigung der laufenden Arbeitsverträge kann schon zum 15. Januar erfolgen Die Arbeitgeber würden dann zweifellos versuchen, ihr Ziel durch Einzelvcrhandlungcn in den Betrieben zu erreichen. Die Eeweikjckmften sind aber entschlos­sen, sich gegen eine Lohnreduzierung mit allen Mitteln, auch dem Mittel des Streikes, zu wehren, um so mehr, als sie genötigt sind, auf die komniunistische Agitation Rücksicht zu nehmen. Die revolutionäre Ecwerkschaftsopposition soll in den letzten Wochen im Ruhrgebiet starken Zulauf erhalten haben. Es ist ferner zu beachten, daß der Mittelstand im Ruhrgebiet in seiner großen Mehrheit die Haltung der Arbeiterschaft durchaus billigt. In Gelsenkirchen z. B. haben die Kleinhändler den Arbeitern für den Fall eines Streikes Lebensmittel zu gesichert. In verschie­denen Städten haben sich sogenannte Solidaritätsausschüsse ge­bildet, denen u. a. auch zahlreiche Kleingewerbetreibende an­gehören.

Braun und N. S. A. P. D.

Berlin. In einer kleinen Anfrage mehrerer nationalsozia­listischer Landtagsabgeordneter wurde ausgefllhrl, der Berliner Polizeipräsident habe öffentlich in einer sozialdemokratischen Versammlungfestgcstellt, daß die Behauptungen, die Natio­nalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei wolle den gewaltsamen Umsturz, ungerechtfertigt sind". Auf diese Behauptung gründe sich aber, wie die Anfragenden sagen, der Staatsministerialbe- schluß, der den Beamten die Zugehörigkeit zur NSDAP, verbiete. Das Staatsministcrium wird gefragt, ob es bereit sei, diesen Beschluß aufzuheben. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, beantwortete der preußische Ministerpräsident die An­frage mit einemNein".

Polizeikosten an Thüringen überwiesen.

Berlin. Das Reich hat dem Lande Thüringen an Polizei­kosten bis einschließlich Januar 2 132 000 RM. überwiesen. In dieser Summe sind die Zinsen noch nicht einbegriffen, jedoch be­steht Einigkeit darüber, daß diese gezahlt werden.

Sozialdemokratischer Professor gekündigt.

Braunschweig. Wie derVolksfreund" berichtet" hat der braunschweigische Kultusminister Dr. Franzen dem Professor Paulsen mit Ablauf des Wintersemesters 1930:31 den Lehrauf­trag für praktische Pädagogik an der hiesigen Hochschule gekün­digt. Gründe für die Kündigung sind nicht angegeben. Profes­sor Paulsen ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei.

Der polnische Innenminister im Terrorgebiet.

Wie diePolska Zachidnia" meldet, traf der polnische In­nenminister Skladkowski in Kattowitz ein und begab sich ohne weitereren Aufenthalt nach denjenigen Ortschaften, in denen sich gemäß der deutschen Note an den Dölkerbundsrat Terrorakte gegen die deutsche Minderheit abgespielt haben. Angeblich soll der Minister sich bei dieser Informationsreise nicht nur mit den Aussagen der örtlichen Behörden beschäftigen, sondern auch die Geschädigten selbst befragen. Die polnische Aktivität für die bevorstehende Genfer Ratstagung ist also im Fluß.

England mahnt.

Paris. Der englische Botschafter in Paris hat im Namen seiner Regierung im französischen Außenministerium eine neue Note bezüglich der englischen Forderungen auf Bezahlung der Rückstände für während des Krieges in England aufgelegter französischer Anleihen in Gold überreicht.

Lebensmittelkrawalle.

Kownow. In der letzten Zeit hat sich in Sowjetrußland infolge der weiteren Zerstörung der privaten Bauernwirtschaft die Lebensmiltelkrise weiter verschärft. Die Zufuhr von Nah­rungsmitteln auf die städtischen Märkte ist bedeutend zurück- gegangen. Die Bauern verlangen Bezahlung entweder mit Jn- dustriewaren ober mit Gold- und Silbergeld. Auf einzelnen städtischen Märkten ist es zu Zusammenstößen zwischen den Bauern und der städtischen Bevölkerung gekommen.

Ein Acujahrswunslh des Rhein- Mam-Gebietes an die Reichsbahn überbracht vom Hessischen Dcrlehrsvcrband.

Als Ziel, das zu erreichen mit allen Mitteln anzu st reden sei, galt auf dem Gebiet der deutschen Eisenbahnverkchrspoli- lik bisher im großen und ganzen die Wiederherstellung des Fahr­plans der Voikriegszeit. In unermüblidjer Ausarbeit ist es der Reichsbahn gelungen, im wesentlichen dieses Ziel zu erreichen: Die Leistungen der Reichsbahn bewegten sich im Sommer 1930 etwa im gleichen Rahmen wie im Jahre 1914 vor Kriegsaus­bruch,' bedauerlicherweise brachte durch die schwierige Wirt­schaftslage mirverursacht der Wintersahrplanabschnitt 1930 31 wesentliche Zugei nschränhingen.

Prüft man allerdings die Frage, ob die allgemeinen Be­dingungen des Uebcrlandverlchrs den Vergleich mit der Vor­kriegszeit überhaupt noch aushallen, jo liegt klar auf der Hand, daß dies nicht der Fall ist. Die Zahl der Kraftwagen hat sich seit 1914 vervielfacht: Während am 1. Januar 1914 im Deut­schen Reich rund 61 000 Personcn-Kraslwagen vorhanden waren, war die entsprechende Zahl am 1. Juli 1929 trotz des stark ein­geschränkten Reichsgebietes und ohne das Saargebiet rund 433 000, so daß, wiederum ohne Anrechnung der Veränderung der Reichsgrenzen, eine Versicbenjachung des Bestandes an Per- fcncnkraftwagen festgestellt werden kann. War es in der Vor­kriegszeit beispielsweise noch verhältnismäßig selten, daß bei Reisen von einer nach der anderen Stadt unseres Rhein-Main- Gebietes der Kraftwagen benutzt wurde, so ist heute ein wesent­licher Teil dieses Verkehrs auf kürzere Entfernungen von der Schiene zur Landstraße abgewandert. Die höheren Beförde­rungskosten werden wegen der großen Vorteile in zeitlicher Be­ziehung in Kauf genommen. Nicht nur, daß der Kraftwagen die Beförderung von Haus zu Haus ohne Zeitverlust durch Ab- und Zugang an den Bahnhöfen ermöglicht und schon hierdurch einen besonderen Anreiz bietet, leistete die Fahrplan- und Tarif- gestaltung der Reichsbahn der stärkeren Benutzung des Kraftwa­gens geradezu Vorschub. Es darf nur daran erinnert werden, daß in der Vorkriegszeit die Eilzüge ohne Zuschlag benutzt wer­den konnten und daß selbst in »Zügen auf Entfernungen bis 75 km in der 3. Klasse nur ein Zuschlag von 25 Pfennig, in der 2. Klasse von 50 Pfennig erhoben wurde, welchen Beträgen heu­te der vierfache Satz gegenübersteht. Eine Auswirkung dieser Tarispolitik ist die, daß aus kürzere Entfernungen, wie sie in un­serem Rhein-Main-Gebiet die Regel sind, für den überwiegenden Teil der Reisenden die Benutzung der »Züge wegen des unver­hältnismäßig hohen Fahrpreises praktisch ausfällt.

Mit Genugtuung darf festgestellt werden, daß im nunmehr zu Ende gehenden Jahre 1930 sich die Reichsbahn zum ersten Male nach Abschluß des Krieges entschlossen hat, den dringenden Forderungen der im Rhein-Main-Gebier am Verkehr interessier­ten Stellen nach einer zeitgemäßen Verkehrsverbesierung Folge zu leisten: Der Sommersahrplan 1930 brachte den Beginn eines ausgesprochenen Vezirkscilvertehrs im Rhein-Main-Gebiet in Gestalt einiger zwanzig neuer Bezirkseilzüge, die mit knappen Fahrzeiten die Städte des Rhein-Main-Gebietes enger als bis­her aneinander anschließen. Leider haben die Einschränkungen des Winterfahrplans auch vor dieser beliebten Zuggattung nicht Halt gemacht. Die Bezirkseilzüge, nur 2 bis 3 moderne, vier- achsige Personenwagen umfassende leichte Züge, die den Vor­teil schnellen Anfahrens bieten, sind im rhein-mainischen Reise­verkehr eine besonders beliebte Zuggattung geworden. Die Belastung der meisten dieser Züge mit dem Eilzugs,zuschlag wurde in Kauf genommen, da die Möglichkeit geboten war, in schneller Weise von Stadt zu Stabt zu gelangen. In der Tat ist es die Gattung der Eiltzüge, die bei der heutigen Tarifgestaltung auf kürzere Entfernungen von 25'40 ober 50 km, wie sie im Rhein- Main-Gebiete anzutreffen sind, in Bezug auf Reisegeschwindigkeit und Fahrpreis den zu stellenden Anforderungen vor anderen Zuggattungen entspricht. Die Personenzüge mit ihren vielen zeitraubenden Zwischonhalten bieten zwar eine preiswerte Be­förderung, sind aber zu langsam: die Schnellzüge sind zwar schnell genug, aber, wie betont, für die meisten Reisenden im Nahver­kehr unerschwinglich teuer.

Es liegt nahe, daß angesichts bet derzeitigen schwierigen Wirtschaftslage mit ihren geringen Umsätzen mancher Reisende sich fragt, ob er nicht zweckmäßig statt einer Kraftwagenfahrt die Fahrt von Stabt zu Stadt mit der Eisenbahn unternimmt Ergibt das Studium des Fahrplans, daß die Möglichkeit besteht, ohne unnötigen Zeitverlust durch Warten und durch zu lange Fahrzeiten preiswert von einer Stadt unseres Rhein-Main- Gebietes in die Nachbarstadt und wieder .zurück zu gelangen, so wird in vielen Fällen dem Schienenweg der Vorzug gegeben werden. Gleichzeitig ist es aber einleuchtend, daß die zum Som­mer 1930 cingcführten Bezirkseilzüge, die in unserem Rhein- Main-Gebiet einen dankenswerten, durchaus gelungenen ersten Versuch einer großzügigen Anpassung an die veränderten Der- kehrsverhältnisse daiftellen, auf die Dauer nicht aus reichen: Es ist vielmehr dringend notwendig, den Bezirkseilverlehr im Jahre 1931 durch Einlegung einer größeren Anzahl von Zügen dieser besonders bewährten Gattung weiter auszubauen. Hierbei wird auf der einen Setie eine Verdichtung des Eilzugsverkehrs auf den von Dezirkseilzügen bereits befahrenen Strecken, eingutreten Haben: des weiteren ist es aber auch geboten, bisher noch nicht