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GietzeNer Zeitung

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43. Fahrs.

Mittwoch, den 26. März 1930

Nummer 24

Politische Rundschau.

Der volkswirtschaftliche Ausschuß des Reichstages setzte am Dienstag die Beratung des Brotgesetzes fort. Die Vorschriften über den Deklarationszwang für Brot wurden genehmigt mit der Abänderung, daß das Roggenbrot aus 95 v. H. Roggenmehl und das Weizenbrot aus 95 v. H. Weizenmehl bestehen soll. Nach der Regierungsvorlage waren 97 v. H. vorgesehen. Auf Antrag verschiedener Parteien wurde darüber hinaus auch der Deklarationszwang für Mehl beschlossen.

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Der Geschäftsordnungsausschuß des Reichstages genehmigte am Dienstag die Strafverfolgung der nationalsozialistischen Ab­geordneten Dr. Goebbels, Feder-Sachsen, Wagner und Strasser, sowie des kommunistischen Abgeordneten Blenkle wegen Beleidi­gung.

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Newyork. Der Hauptausschuh des Repräsentantenhauses verabschiedete das deutsch-amerikanische Neparationsabkommen.

Am Donnerstag findet eine Zusammenkunft der Flottenab­ordnungsführer statt.

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Die Zollfriedenskonferenz ist gestern mit dem feierlichen Schluhunterzeichnungsakt abgeschlossen worden.

Um die Ausdehnung der Gewerbesteuer auf die freien Be­rufe, über die der Preußische Landtag in den nächsten Tagen Be­schluß fassen soll, zu vermeiden und zugleich die Möglichkeit für neue Steuereinnahmen zu schaffen, schlägt der Deutsche Anwalts­verein eine allgemeine Berufssteuer für Preußen vor.

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Unter den Begleitern Gandhis ist eine ansteckende Krankheit ausgebrochen, so daß bereits 19 Erkrankte auf Tragbahren mit­geführt werden.

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Der Wiederaufbau der 1923 zu Siebenzehntel durch ein Erd­beben vernichteten japanischen Hauptstadt Tokio mit einem Ko­stenaufwand von 1,6 Milliarden Mark, ist zum größten Teil vollendet.

Humanitè" meldet von abermaligen Gehorsamsverweigerun­gen in der Garnison Lyon. Die Ursache seien drakonische Straf­maßnahmen in der 4. Kompagnie des 2. Infanterie-Regiments.

Die »Europa bricht den Rekord der »Bremen.

4 Tage 17 Stunden 6 Minuten.

Bremen, 25. März. Nach Mitteilung von Bord derEuropas des Norddeutschen Lloyd hat der Dampfer die Strecke Cherbourg Newyork (Ambrose-Feuerschiff) in 4 Tagen, 17 Stunden und 6 Minuten zurückgelegt und damit die Reisedauer des Schnell­dampfersBremen" um 36 Minuten abgekürzt. Die Durch- schnittsgeschwindigkeit des DampfersEuropa^ betrug 27,91 Seemeilen je Stunde gegen 27,72 Seemeilen Durchschnittsge- fchwindigkeit des DampfersBremen" auf seiner ersten Reise.

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Triumph der deutschen Technik.

Newyork, 25. März. Das neue Schiff hat diese gewaltige Leistung vollbracht, trotzdem sein Kurs 70 Meilen weiter war als der derBremen". Die Aufstellung des neuen Rekordes wird in ganz Amerika als eine Sensation begrüßt und in ge­waltigen Überschriften der Zeitungen verkündet. Zn ganz Amerika wird größte Anerkennung für diese neue Großtat deut­scher Technik ausgesprochen.

bavag-Lloyd, die drittgrößte Echiftahrts- gesellschast der Welt.

Hamburg, 25. 3. Nach dem engeren Zusammenschluß rückten Hapag und Lloyd unter die größten Schiffahrtsgesellschaften. Sie rangieren nach der englischen P.- und O.-Linie mit 2,5 Millionen und nach der Royal Mail Linie mit 2,4 Millionen Brutto- registertonnen. Hapag-Lloyd verfügen über rund 2 Millionen.

Amerikas Zolloanzer.

Washington, 25. März. Unter einem wahren Trommelfeuer von Lob u id Tadel hat der Senat mit 53 g.na 31 Summen die Zollvorlage der Regierung angenommen, die darauf hin­ausläuft, die höchsten Zollschranken um Industrie und Landwirt­schaft, welche die amerikanische Wirtschaftsgeschichte je gekannt hat, aufzurichten.

Eine Ecknergründung in Amerika.

Newyork. Auf einem Festessen im Hause des Präsidenten der National City Bank, Clarence Mitchell, gab Dr. Eckener die Gründung einer Gesellschaft zur Förderung des transatlanti­schen Zeppelinverkehrs bekannt. Der Gesellschaft haben sich an- gcschloisen die National City Bank von Newyork, die Aluminium Company und die American Carbide Company. Die Kombina­tion verfiigi über mehrere Milliarden Dollar Kapital.

Teilnahme Hindenburgs an der Mainzer Besatzungsseier

Auf die Einladung der Stadt Mainz an den Reichspräsi­denten von Hindenburg, an der Mainzer Besatzungsfeier teil­zunehmen, hat der Reichspräsident geantwortet:

Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister! Ihnen und der Stadt Mainz danke ich für die freundliche Einladung zur Teilnahme an der Besatzungsfeier. Ich nehme diese Ein­ladung an, muß mir aber noch den Tag meines Besuches Vorbehalten. Mit Genugtuung nehme ich davon Kenntnis, daß Sie die Absicht haben, die Feier in einem Rahmen ab­zuhalten, der dem Ernst der Zeit und der in unserem Volke so vielfach vorhandenen Not entspricht."

Der rote Hahn in Bayern.

München. Die Brandstiftungen nahmen in Bayern in der letzten Zeit einen derartigen Umfang an, daß sich das Mini­sterium jetzt veranlaßt sieht, einen Aufruf an die Oeffentlich- keit zu erlassen, an der Unschädlichmachung dieser gewissenlosen Elemente sich zu beteiligen. Um weiteste Kreise zum Kampf gegen die Brandstifter heranzuziehen, gewährt die Landesbrand­versicherungsanstalt nunmehr erhöhte Belohnungen bis zu 5000 Rmk. ---------

Gefährlicher Leichtsinn.

Wie Erubenbrände entstehen können.

Essen. Auf Zeche Friedrich Ernestine wurde unter einer Rutsche ein glimmendes Häufchen Kohlenklein festgestellt, das glücklicherweise rechtzeitig mit Gesteinsstaub gelöscht werden konnte. Nach den Betriebsverhältnissen ist eine Entstehung des Brandes durch Reibung vollkommen ausgeschlossen. Auch eine andere Ursache konnte nicht festgestellt werden. Da nach Aus­sage der betr. Kameradschaft kurz vorher in der benachbarten Richtstrecke eine Z i g a r e t t e e gefunden wurde, so bestätigt dies die Vermutung, daß jemand geraucht und den Stummel in das Häufchen Kohlenklein geworfen hat, der dann nach und nach weitergeglommen hat. Die Folgen hätten unübersehbar sein können, wenn dieses nicht bemerkt und der folgende Tag ein Sonntag oder eine Feierschicht gewesen wäre. Zur Warnung muß auf solche Vorkommnisse immer wieder hingewiesen werden, zumal noch in den letzten Jahren mehrfach Grubenbrände vor­gekommen sind, denen auch Menschenleben zum Opfer gefallen sind. --

Bericht über die wirtschaft!. Lage des deutschen

Handwerks im Monat Februar 1930.

Da sich der allgemeine Konjunkturrückgang der Wirtschaft fortgesetzt hat, hat auch die Lage des Handwerks im Monat Februar keine Besserung erfahren, eher ist eine Verschlechte­rung eingetreten. Im Baugewerbe, das bei günstigen Witte- rungsverhältnissen, wie sie in diesem Jahre vorhanden waren, bereits im Februar Anzeichen von Belebung aufzuweisen pflegt, hielt dieses Jahr die Geschäftsstille unvermindert an. Die strengen Sparmaßnahmen der Behörden, die Unsicherheit über die Verteilung der Hauszinssteuermittel, sowie die Kapitalknappheit der privaten Bauunternehmer hinderten den an sich möglichen Beginn der Bautätigkeit. Die Bekleidungs- und Nahrungs- mittelhandwerke hatten in starkem Maße unter der großen Ar­beitslosigkeit zu leiden. Die hervorgerufene Minderung der Kaufkraft größerer Bevölkerungskreise führte zu einer vermin­derten Nachfrage nach den Erzeugnissen dieser Handwerksbe­rufe. Ungünstig wirkte sich für die Beschäftigung namentlich der Bekleidnngshandwerke sowie des Tapeziererhandwerks auch der außergewöhnlich späte Termin des Osterfestes aus, weil mit Rücksicht hierauf Aufträge für Garderobe sowie Instand­setzung von Wohnungen noch hinausgeschoben wurden. Von der sonst belebenden Wirkung des Faschings auf einzelne Hand­werksberufe wird in diesem Jahr nichts berichtet. Nicht ein­mal im Friseurhandwerk vermochten die Faschings- und sonsti­gen Festveranstaltungen eine größere Belebung hervorzurufen. Durch die zahlreichen Konkurse und Vergleichsverfahren sowie Zwangsvollstreckungen, die in sehr vielen Fällen zu einem frucht­losen Ergebnis führen, wurde das Handwerk ebenfalls stark betroffen. Dazu kommt, daß das Borgunwesen unter dem Druck der allgemeinen Not immer weiter um sich greift und ausstehende Forderungen immer schwerer einzuziehen sind. Die Konkurrenz der Schwarzarbeit hat ebenfalls infolge der großen Arbeitslosigkeit in bislang noch nicht beobachtetem Maße zuge- nommen und schädigt das Handwerk schwer. Daß unter diesen Verhältnissen die Preise für Handwerksarbeiten weiterhin außerordentlich gedrückt waren, kann nicht wundernehmen.

Schwierigkeiten in der Beschaffung von Rohstoffen und sonstigen Hilfsmaterialien werden nicht gemeldet. Die Preise für einzelne Materialien, wie beispielsweise Glas, haben zum Teil etwas angezogen. Die Zahl der arbeitslosen Gesellen erfuhr eine erhebliche Zunahme. Sowohl bei den Holz-, NTe- tall- als auch Nahrungsmittelhandwerken wurden Arbeiterent- lassungen erforderlich, während aus keinem Handwerksberuf be­richtet wird, daß Arbeitereinstellungen erfolgt sind. Im Schnei­der- und Elektroinstallateurhandwerk sind sowohl die NTantel- als auch die Lohntarifverträge gekündigt. Die Verhandlungen über den Neuabschluß haben noch zu keinem Ergebnis geführt. Das Angebot an Lehrlingen ist außerordentlich groß und kann bei weitem nicht von der Nachfrage aufgenommen werden.

Die Not der Bauwirtschaft und ihre Behebung.

Von Dr. Paul Ruprecht, Syndikus der Dresdner Kaufmannschaft.

Das Baugewerbe hat für jede Volkswirtschaft eine ganz besondere Bedeutung, denn mit ihm hängen so viele Gewerbe zusammen, daß man ihm mit Recht einen geradezu konjunktur­bestimmenden Einfluß zuschreibt. Deshalb ist es besonders be­denklich, daß der deutsche Baumarkt augenblicklich in einer Lage ist, die die Zeitungen berechtigt, von seinemVerfall" zu sprechen.

Dieser kommt darin zum Ausdruck, daß in dieser Saison trotz der günstigen Herbstwitterung die Arbeitslosigkeit bei den Bauarbeitern schon lange vor der ^m 9. Dezember einsetzenden Periode der Saisonarbeiterunterstützung einen unverhältnis­mäßig starken Ilmfang angenommen hat. So betrug der Durch­schnitt der Erwerbslosigkeit bei den Arbeitern der vom Bau­markt abhängigen Gewerbe Ende September 12,8 Prozent, Ende Oktober 17,7 Prozent und Ende November 28,6 Prozent, während die entsprechenden Zahlen in der sonstigen Wirtschaft waren 8,9 Prozent, 9,2 Prozent und 19,2 Prozent. Die in diesen Zahlen zum Ausdruck kommende Entwicklung ist um so bedenklicher, als die Bauwirtschaft der Zahl der für sie täti­gen Arbeiter nach, die etwa 3 Millionen Werktätige umfaßt, in der deutschen Gütererzeugung an zweiter Stelle steht. Es erscheint daher durchaus glaublich, daß der gesamte Herstellungö- wert an Hoch-, Tief- und Straßenbauten im vergangenen Jahre auf 8 bis 9 Milliarden Rmk. veranschlagt wird.

Bei dieser Sachlage ist es begreiflich, daß nicht nur die Wirtschaftsvertretungen der Unternehmer, sondern auch die Ge­werkschaften in der Öffentlichkeit für eine Belebung des Bau- marktes durch Staat und Gemeinden eintreten und auf die Ge­fahren seiner Vernachlässigung hinweisen. Für die Unterneh­mer hat sich vor allem die Fachgruppe Bauindustrie beim Reichs- verband der deutschen Industrie eingesetzt und zwar durch eine an die Reichsregierung ge,richtete Eingabe in der im Namen aller baugewerblichen Zentralverbände, die dringende Bitte an Reich, Länder und Stadtverwaltungen um Vergebung von Bau­arbeiten gerichtet wird. In der gleichen Richtung bewegen sich die Bemühungen der Bauarbeitergewerkschaften.

Diese Wünsche beider Parteien, so verständlich sie an sich sind, stoßen, worüber sie sich wohl klar sind, auf eine Notlage ihrer heutigen Auftraggeber. ^Während aber die Ar­beitgebervertretungen diese insofern anerkennen, als sie sich da­mit begnügen,die höchsten Behörden deö Reiches, der Länder und der deutschen Städte zu bitten, sobald als möglich Abhilfe zu schaffen", fordern die Gewerkschaften die Bereitstellung der dafür erforderlichen Ditittel ohne Rücksicht auf die Lage und die Erfordernisse der übrigen Wirtschaft. Wenn z. B. verlangt wird, daß die Sparkasseneinlagen und die Reserven der Ange­stelltenversicherung, die heute sicherlich anderweitig zinstragend angelegt sind, künftig dem Baumarkt zugewendet werden sollen, dann bedeutet dies eine Kreditverknappung und damit eine Ein­schränkung des sonstigen Arbeitsmarktes. Für die Arbeitsmarkt­lage ist also dieses Mittel nichts anderes, wie den Teufel mit Beelzebub austreiben. Dasselbe gilt von dem Vorschlag des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftöbuudes, zur Behebung der Arbeitslosigkeit, die z. Zt. gesetzlich erschwerte Aufnahme von Auslandsarbeiten freizugeben, denn deren Verzinsung ent­zieht der deutschen Wirtschaft laufend Kapital und beeinträchtigt dadurch die Kapitalbildung, deren Fehlen letzten Endes für die Nöte des Baumarktes verantwortlich ist.

Während also die Wünsche der Unternehmer an die Geld­knappheit der öffentlichen Hand von selbst scheitern, steht den Vorschlägen der Gewerkschaften die schlechte Wirtschaftslage entgegen. Wenn aber die Behauptung des Reichsverbandes der deutschen Industrie, daßdas Baugewerbe in Zeiten wirt­schaftlicher Depressionen von jeher berufen gewesen ist, die zum Stillstand gekommenen Räder der TOirtschaft wieder in Gang zu bringen", noch heute richtig ist, dann müßte aus diesem Dilemma ein Ausweg gefunden werden, selbst wenn damit wirt­schaftliche Nachteile verbunden wären. Denn schließlich muß man doch berücksichtigen, daß eine Erleichterung des Arbeits- marktes/die mit einer Belebung des Baumarktes einhergehen würde, der Wirtschaft an anderer Stelle Ausgaben erspart und ihr dadurch einen Ausgleich schafft.

Es erhebt sich also in diesem Zusammenhänge die Frage, ob die deutsche Bauwirtschaft auch unter den heutigen Verhält­nissen noch in dem Umfange wie früher als das Schlüsselge­werbe für viele andere Industrien anzusehen ist. Leider muß hierauf eine verneinende Antwort gegeben werden, und zwar weil die günstige Lage, deren sich die Bauwirtschaft bis jetzt durch die öffentliche Ausgabenwirtschaft erfreut hat, mit gro­ßen Nachteilen für andere Gewerbe erkauft worden ist. So hat z. B. die Betätigung der öffentlichen Hand als Bauherr denr Baugewerbe zwar große Aufträge verschafft, mit deren Finan­zierung jedoch die Entwicklung der übrigen Wirtschaft und deren Kapitalbildung gehemmt. Besonders deutlich macht dies die Lage des Hausbesitzers, dem mit Hilfe der Mietzinssteuer die Ditittel genommen werden, feinen Besitz jo instandzuhalten, wie das eine geordnete Verwaltung verlangt, um dadurch der öffent-