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Erscheint Mittwochs und Samstags.
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Politische Rundschau.
Der Generalagent für die Reparationen, Parker Gilbert, der in den nächsten Tagen nach Amerika zurückreist, wurde vom Reichspräsidenten von Hindenburg in Abschiedsaudienz empfangen.
Der Aeltestenrat des Reichstages beschlotz, dah am nächsten Mittwoch die Pfingstserien beginnen, der Reichstag dann am 16. Juni wieder zusammentritt und bis zur Sommerpause durch- tagt.
Der Reichsrat hat den deutsch-österreichischen Handelsvertrag unverändert angenommen.
Verschärfte Kampfansage enthielt eine Rede des deutschnationalen Sprechers in der letzten Sitzung des Preutzischen Landtages, die fich gegen die derzeitige Regierungskoalition in Preutzen richtet.
Im österreichischen Ministerrat wurde über die Frage der österreichischen Heimwehren völlige Einigung erzielt.
Das amerikanische Repräsentantenhaus verabschiedete am Donnerstag das deutsch-amerikanische Schuldenabkommen.
Die Berufungsverhandlung gegen Bötz vor dem Disziplinar- scnat des Obcrverwaltnngsgerichtes wird im Zuli erst stattfind- den können.
Durch eine am Freitag im „Reichsanzeiger" und im „Reichszollblatt" zur Veröffentlichung gelangte Verordnung werden mit Wirkung vom 26. Mai 1930 der Zollsatz für Roggen auf 15 RM. und der Zollsatz für Gerste zur Biehfütterung unter Zollsicherung auf 12 RM. je Doppelzentner erhöht.
Französische Zollerhöhungen wurden für Weizen beschlossen. Die Erhöhung geht von 30 aus 80 Franken pro Doppelzentner.
„Graf Zeppelin in Südamerika.
Donnerstag kurz nach Mittag hat das Luftschiff den Aequa- tor überflogen. Wie auf den Seeschiffen wurde auch im Luft- ich iff dies Ereignis recht gefeiert. Bald darauf erreichte man die Insel Fernando Noronta. Von hier aus waren es noch 300 Meilen bis Pernambuco. Um 16.30 Uhr amerikanischer Zeit überflog das Luftschiff Pernambuco. Nach einigen Schleifen nahm es Kurs auf den 10 Minuten entfernten Flugplatz. Hundcrt'tausen'de waren in Pernambuco anwesend als das Luftschiff sich auf den Landungsplatz senkte und am Haltemast befestig! wurde. Die Begeisterung der temperamentvollen Südländer ist nicht vorzustellen. 400 Mann Polizei waren bereit und manöverierten das Luftschiff auf dem Landungsplatz. Der Zeppelin hat jetzt eine Fahrtzeit von 61 Stunden hinter sich.
Ungeheurer Zubel
herrscht in Pernambuco. Die Zeitungen bringen grosse Festausgaben und bezeichnen den gestrigen Tag der Landung als Den größten in der Geschichte Pernambucos.
Ergänzung der Wasservorräte.
In Pernambuco hat die Feuerwehr große Pumpen heran- geschafst, um den Wasservorrat des „Graf Zeppelin" zu ergänzen. Er wird etwa zwei Tonnen aufnehmem
„Graf Zeppelin" ist dann gestern abend gegen 9 Uhr -unserer Zeit weiter gestartet. Er wird heute mittag in Rio de Janeiro erwartet.
— * 7 - 1 im Reiche.
Berlin. Schwere finanzielle Sorgen sind in den letzten Tagen, in denen die Abschlutzziffern für das verflossene Etats- jahr und die Anforderungen für die Arbeitslosenunterstützung im laufenden Etatsjahr festgestellt worden sind, wieder über uns hereingebrochen. Während im Reichstag noch über den mit vieler Mühe aufgestellten Reichshaushalt für 1930 beraten wird, der in seiner ursprünglichen Form als endgültiger Sanierungs- ctat gelten sollte, sind
neue Löcher aufgebrochen, für die im Augenblick noch jede Deckung fehlt.
Schuld daran ist die schlechte Lage der Wirtschaft und die mit ihr aufs engste verbundene Arbeitslosigkeit. Wichtigste und mit großer Vorsicht aufgenommene Schätzungen sind dadurch über den Haufen geworfen, so datz sich das Reich augenblicklich einem
neuen Fehlbetrag von etwa einer dreiviertel Milliarde RM. gegenübeersieht. Etwa 350 Millionen RM. dieser Summe werden allein von der Arbeitslosenversicherung über den bereits im der bisherigen EtatsauffteUung vorgesehenen Betrag in Anspruch genommen. Bei der Aufstellung des Etats für 1930 glaubte man, mit einer Durchschnittszahl an Arbeitslosen von 1,2 Millionen rechnen zu können. Jetzt rechnet das Reichs- finanzministerium schon mit einer Durchschnittszahl von mindestens 1,6, vielleicht aber auch 1,7 Millionen Arbeitslosen. Die durchschnittliche Arbeitslosenzahl in den ersten fünf Monaten des Kalenderjahres bis Ende Mai betrug ungefähr 2,2
Samstag, den 24. Mai 1930
Millionen. Sie mutz also in den Sommermonaten auf die Durchschnittsziffer von 1,2 Millionen sinken, wenn die jetzt vom Reichsministerium angenommene Durchschnittsziffer von 1,7 Millionen Arbeitslosen heran stommen soll. Ganz ähnlich sind auch die Berechnungen über die notwendigen Ausgaben für die Krisenfürsorge über den Haufen geworfen worden. Während man bei der Etatsaufftellung mit 200 000 Arbeitslosen in der Krisenfürsorge rechnete, hat sich diese Schätzung inzwischen auf
325 000 Arbeitslose in der Krisenfürsorge erhöht, was wiederum einen Mehrbedarf von 100 Millionen Reichsmark erfordert.
Einen weiteren schweren Stotz hat die Etatsgestaltung durch die inzwischen festgestellten'
Mindereinnahmen aus einzelnen Steuern und Zöllen erhalten. Alles in allem glaubt man für das ganze Etatsjahr mit einem
steuerlichen Minderaufkommen von rund 200 Mill. RM. gegenüber den bisherigen Ansätzen rechnen zu müsien. Es ist selbstverständlich, datz die Reichsregierung alles Mögliche versucht, um diese unvorhergesehene neuerliche Zerrüttung der deutschen Finanzen mit Mitteln zu parieren, die fern der Pumpwirtschaft liegen. Wohl oder übel muß sie neue Einnahmequellen schaffen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Innerhalb der Reichsregierung sind schon seit Tagen eingehende Besprechungen im Gange, welche Schritte ergriffen werden sollen. Es liegen zur Zeit
fünf Pläne nor :
1. wird der Plan eines befristeten Notopfers in der Form einer Sonderbelastung der Festbesoldeten erwogen. Man will dieses Notopfer auf die Festbesoldeten beschränken, weil die anderen Einkommensteuertväger durch Umsatz- und Realsteuern schon stark vorbelastet sind;
2. wird voraussichtlich der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung um ein weiteres volles Prozent erhöht werden;
3. ist an die Verlängerung der Kontingentierung in der Zigarettenindustrie und an eine Erhöhung der Zigarettensteuer gedacht;
4. will man eine finanzielle Erleichterung durch die Aussetzung der Zuweisungen für den Anleihetilgungsfonds in Höhe von 44 Mill. RM. und der Tilgung der Rentenbankschuld in Höhe von 50 Mill. RM., sowie möglicherweise durch Ausschüttung der bisher angesammelten Anleihetilgungsfonds in Höhe von etwa 250 Mill. RM. erreichen;
5. ist an die Erhöhung der Biersteuer auf 75 oder gar auf 100 Prozent des ursprünglich geltenden Satzes gedacht. Dazu kommen rigorose Sparmatznahmen und weitestgehende Abstriche an den nicht unbedingt lebensnotwendigen Etatspositionen.
Entscheidende ReichskablnettWung am Dienstag.
Berlin. Das Reichskabinett beschäftigte sich Donnerstag mit der wirtschaftspolitischen Lage in ihrer Gesamtheit. Die mit der Reichspost geführten Verhandlungen haben gezeitigt, dah schon- jetzt alle für 1930 vorgesehenen Lieferungsverträge vergeben und Arbeiterentlassungen daher nicht erfolgen werden. Das Reichskabinett, das sich in seinen letzten Sitzungen wiederholt mit der Sanierung der Arbeitslosenversicherung und der gesamten Lage nebst Deckungsvorschlägen beschäftigt hat, wird nunmehr am kommenden Dienstag zu diesen Fragen entscheidend Stellung nehmen.
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Die Industrie greift ein.
In der Sitzung des Hauptausschusses des Reichsverbandes der Deutschen Industrie am Freitag in Berlin erklärte der Vorsitzende, Geheimrat Dr. Duisberg, datz die Industrie sich an einem Punkte der innerpolitischen Entwicklung befinde, wo die zunehmende Mutlosigkeit und Verdrossenheit dazu zwinge, neue Wege einzuschlagen. Die fortgesetzte Nichtbeachtung aller Mahnungen aus wirtschaftlichen Kreisen habe die Krisis in Deutschland autzerordentlich verschärft. Nach der Staatsum- wälzung die letzte Entscheidung auch in wirtschaftlichen Dingen in Hände gelegt worden, die in diesen Fragen weder hinreichend sachverständig, noch bereit seien, die Verantwortung für ihre Entschlüsse zu tragen. Vergeblich habe das Unternehmertum rechtzeitig gewarnt, um einen anderen Kurs der Wirtschaftspolitik zu erreichen.
Diese Verhältnisse zwängen dazu, dah die Vertreter der Wirtschaft aus ihrer bisherigen Zurückhaltung herausträten und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln aktiv handelnd an der Politik sich beteiligen.
In diesem Zusammenhänge und in Uebereinstimmung mit dem Präsidenten richtete Geheimrat Duisberg den ausdrücklichen Appell an alle verantwortlichen Leiter wirtfcya7tlicher Unternehmungen, sich nach Matzgabe ihrer Zeit und Kräfte in oen Volksvertretungen von Reich, Ländern und Gemeinden politisch zu betätigen.
Nummer 41
Schlußworte zum Kapitel: Inflation.
Don Dr. K. S. von Galèra.
Im Verlag Schlüter Vertriebsgesellschaft m. b H., Leipzig, C 1, erschien in diesen Tagen die erste deutsche Geschichte der Nachkriegszeit unter dem Titel „Geschichte unserer Zeit", Entwicklung des Deutschen Reiches feit 1918, von Dr. K. S. von ®aséra. 4 Bde. mit 231 Abbildungen. Preis komplett 20 Mk. — Wir sind in der Lage, aus diesem vierbändigen Werke den nachfolgenden Abschnitt $m veröffentlichen.
Man hat häufig gegen die deutschen Reichsregierungen im Inland und Ausland den Vorwurf erhoben, sie hätten absichtlich die Inflation herbeigeführt oder befördert, um sich den Versailler Verpflichtungen zu entziehen und um den deutschen Besitz zu zerstören. Diese Vorwürfe waren ungerecht. Die Inflation war eine Art höheren Gewalt, eine notwendige Folge des verlorenen Krieges, eine Folge des auf utopischen Illusionen aufgebauten grenzenlosen Trugschlusses der Sozialdemokratie von der allgemeinen Völkerversöhnung und der Beseitigung des Klassenstaates, sie war das Produkt, das mit geschichtlicher Notwendigkeit sich ergab aus der ganzen gewitterschwülen Atmosphäre des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie war, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf, die Lava all der politischen und sozialen Vulkane, die seit Jahrzehnten unter dem Abendlande wühlten und schütterten. Weit mehr als die Inflation des bolschewistischen Rutzland, war die deutsche Inflation eine europäische Katastrophe von generellem Charakter, traf sie doch eines der kulturell und wirtschaftlich am höchsten entwickelten Völker.
Die deutsche Regierung hat verschiedene Versuche unternommen, die Inflation aufzuhalten. Schon Ende 1921 war der Reichskanzler Wirth deshalb mit der deutschen Industrie und mit den Banken in Verbindung getreten. Man glaubte, durch eine Ausländsanleihe die Mark stützen, sie stabilisieren zu können. Der Versuch schlug fehl. Ein zweiter Schritt, der in derselben Richtung bei der Reparationskommission im Frühjahr 1922 unternommen wurde, endete mit dem gleichen Mißerfolg. Nun wurde im Juli eine Zwangsanleihe aufgelegt, um die schwebende Schuld tilgen zu können. Was aber konnte man von einer Anleihe erwarten, deren Wert sich selbst mit der ständig abwärts gleitenden Währung verringerte? Im gleichen Herbst 1922 berief Wirth einen Sachverständigenausschutz nach Berlin, der die Frage der Markstabilisierung untersuchte und ebenfalls drei Mittel hierfür vorschlng: eine äußere Anleihe, eine innere Anleihe und ein Moratorium für Wiedergutmachungsleistungen. Auch Wirths Nachfolger, der Reichskanzler Cuno, hielt an diesen Gedanken fest. All diese Bestrebungen hingen in ihrem Erfolge aber zu sehr vom Auslande ab, von der Anleihe und vom Moratorium. Da das Ausland aber beides ablehnte, konnten die Stabilisierungsmatznahmen nicht durchgeführt werden.
Der Ruhreinbruch der Franzosen und das damit verbundene weitere unaufhaltsame Sinken der Mark zeigten auch dem hoffnungsfreudigsten Optimisten zweierlei: erstens, daß an eine Hilfe des Auslandes überhaupt nicht mehr zu denken war, und zweitens, datz es verlorene Liebesmühe war, die schrecklich gestürzte Mark zu retten oder sie gar aufzurichten. So blieb dann nur noch ein letzter Ausweg übrig, nämlich der, datz Deutschland aus sich selbst von innen heraus eine neue gesunde Währung hervorbrachte. Mannigfach waren die Versuche, welche seit dem Frühjahr 1923 hierin unternommen wurden. Der Ruf des Volkes nach wertbeständigen Zahlungsmitteln wurde immer lauter. Die Industriewerke gaben Schuldverschreibungen heraus, die nicht mehr auf Mark, sondern auf Zentner Kohle lauteten. Die landschaftlichen Banken gaben Pfandbriefe nicht mehr auf Mark, sondern auf Zentner Roggen heraus. Diesem Beispiel folgte die Reichsregierung, als sie Ende Juli eine sogenannte wertbeständige Anleihe auflegte, welche den breitesten Volksschichten die Möglichkeit bieten sollte, das Sparbedürfnis zu befriedigen, sich gegen die Entwertung zu sichern und so dem ungesunden Ansturm auf Warenvorräte und Devisen entgegenzuwirken. Neben dieser Roggenrentenanleihe wurde eine Roggenzwangsanleihe ausgegeben, die nach der Verordnung vom 25 August mit Devisen und anderen ausländischen Vermögensanteilen bezahlt werden und zur Sicherung der Brotversorgung verwandt werden sollte.
All dies waren Notbehelfe, die nicht an den Kern der Sache herankamen, aber doch dem neuen Gelde den Weg bereiten halfen, nachdem auch Hilferdings veralteter, an Wirthsche Traditionen anknüpfender Gedanke einer Markstabilisierung überwunden worden war. Nach monatelangen Vorarbeiten trar Helfferich mit seinem Plan der Noggenmark an Die Oeffent- lichkeit. Unter all den unmöglichen Vorschlägen, das Reich solle Vorräte an Getreide, Kohle, Kali und anderen Erzeugnissen in Verwaltung nehmen, um darauf ein neues Geldmittel zu stützen, wirkte Helfferichs genialer Plan höchst einfach und einleuchtend. Er baute das neu zu schaffende Geld auf einer Verpfändung des landwirtschaftlichen und industriellen Besitzes auf, der etwa nach Art der friderizianischen Pfandbriefe in Geld verwandelt werden sollte. Helfferich gab dem Renten- bankgesetzentwurf die grundlegende Fassung; er war es, der durch seine Tatkraft, sein Ansehen, seinen sittlichen Ernst Land-