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Samstag, den 23. August 1930.

„G i ebener Zeitung"

Nr. 67.

nach Kräften durch Aufklärung und Werbung dazu beizutragen, und nicht einfach die Sorge dem Parteiapparat überlassen. Dies­mal muß die verdammte Wahlsaulheit unter den nichmarxisti- schen Wählern überwunden werden. Wenn es gilt, das sinkende Schiff vom verderblichen Ballast zu befreien, dann darf keine Hand fehlen.

Bei dem jetzigen Wahlkampf wird uns wohl der altgewohnte Anblick erspart bleiben, daß sich die Parteien gegenseitig durch Versprechungen überbieten, die nachher aus dem großen Topf finanziert werden müssen. Es ist eben doch zu bekannt.dah dieser grobe Tops total leer ist, und jeder weiß auch, daß aus einem leeren Tops nichts herauszuholen ist. Mit marktschreierischen Zu- gabevcrsprcchungen ist also wohl diesmal bei den Wählern kein Geschäft zu machen. Dieses Zugabewesen, dieses Wettbuhlen der Parteien um die Gunst der Wählermassen ist eine der wesentlich­sten Ursachen für die Z rrüttung der öff’iifliegen Finanzen und der unerträglichen Hebelsteuerung des deutschen Volkes. Es hat zu der Ausgabenwirtschaft geführt, von der Stresemann in Ber­lin am 29. Februar 1929 bekannte, daß sic einen nur mit Grauen erfüllen könne. Stresemanns Forderung, dah der Wettstreit der Parteien um die Popularität aufhören müsse, hat jetzt auch Dr. Brüning wiederholt. „Mit der Sucht und dem Kampf um die Erhaltung der Popularität", so sagte er in Köln, „kann man nicht ein Volk retten. Man kann es nur retten, wenn man den Mut hat, auch in schwerster Stunde die Verantwortung auf sich zu nehmen." Das Schlimmste ist, wie Dr. Brüning mit Recht heroorhob, dah das deutsche Volk, was Ausgaben der öffentlichen Hand angeht, großenteils noch in den Illusionen der Jnflniions- zeit steckt. „Man hat sich", so führte er aus, „daran gewöhnt, daß man jeden Augenblick neue Ausgaben beschließen konnte, weil durch neuen Notendruck man über die Deckungsschwierigkeiten hinwegkam, aber man hat sich nicht wieder an die eherne Tat­sache gewöhnt, dah „Keine Ausgaben ohne sofortige Deckung" die Voraussetzung jeder parlamentarischen Demokratie ist. Dazu müssen wir wieder zurückkommen."

Es ist erfreulich und ein bedeutungsvolles Anzeichen der Besserung, dah einmal von Regierungsseiie so rücksichtslos der Finger auf die Wunde gelegt unfb gezeigt wird, daß die bisheri­gen Regierungsmethoden hier versagt haben. Dr. Brüning ist sich auch der Defekte im System bewuht, wenn er weiter verlangt, dah „Garantien geschaffen werden nach der verwaltungsmäßigen Seite und auch nach der politischen Seite hin, daß ein Neuauf­leben der ungedeckten Ausgabenwirtschast in Reich, Ländern und Eemeiden in Zukunft nicht mehr möglich ist." Solche Garantien, die das Budget gegen groben Mißbrauch durch die Parteien zum Stimmenfang schützen, haben sich England und die Vereinigten Staaten längst geschaffen. Bei uns fehlen sie völlig Die Be­mühungen der Deutschen Volkspartei in dieser Hinsicht sind er­folglos geblieben. Dr. Brüning schlägt vor, durch Aenderung der Geschäftsordnung des Reichstages alle Ausgabcnanträgc mit der Etatsberatung zu verkoppeln und auf diese zu beschrän­ken. Das ist genriß ein nützlicher Anfang, aber man muh doch zweifeln, ob es auf die Dauer genügt. Jedenfalls sollten die Wähler sich die Programme der Parteien auf diesen Punkt hin genau ansehen. Hier zeigt sich am besten, ob hinter dem Be­kenntnis zur Sparsamkeit ein unbeugsamer Wille steht.

Daß von der Sozialdemokratie nichts Gutes zu erwarten ist, versteht sich von selbst. Sie ist der Hauptschuldige an der trost­losen Verwüstung der öffentlichen Finanzen Dr. Brüning und

sein Parteifreund Prälat Kaas haben ihr kürzlich ihr langes Sündenregister vorgehalten und am 1. August hat in einer Ver­sammlung der Kölner Zentrumspartei der Reichstagsabgeord­nete Eerig festgestellt: „Die Sozialdemokratie hat in den letzten zwei Jahren den Etat so ausgehöhlt, dah das Reich kaum mehr in der Lage war, feinen Verpflichtungen nachzukommen." Die demagogische Art, wie die Sozialdemokratie den Wahlkampf führt, beweist am deutlichsten ihre völlige Unbußfertigfeit. Sie wird der so bitter nötigen Umstellung auf Sparsamkeit stets die gröhien Hindernisse in den Weg legen. Diese wird nur im Kamps gegen die Sozialdemokratie zu erreichen sein. Ernster Wille zur Sparsamkeit und ein Liebäugeln mit der Sozialdemokratie ver­tragen sich deshalb nicht miteinander. Die Einstellung der ein­zelnen Parteien zur Sozialdemokratie ist daher ein Punkt, der die besondere Aufmerksamkeit des Wählers bei einer Wahl be­ansprucht, die unter der Parole „Sparen" steht.

Spitama in der „Deutschen Bergwerks-Zeitung".

Beiträge der Arbeitnehmer zu ihren Gewerkschaften.

Naw dem 2"^öuch des Allgemeinen Deutschen Ge- werksebaftsbundes haben die N^itgliedsbeiträge im ^abre 1927 pro Kopf folgende Höhe erreicht:

Rmk.

Rmk.

Baugewerksbund

56,72

Fabrikarbeiter

33,61

Bekleidungsarbeiter

29,40

Feuerwehrmänner

16,74

Bergarbeiter

Fleischer

3- ,73

Böttcher

52,69

Friseurgehilfen

33,05

Buchbinder

Bucborucker

45,46

124,25

Gärtner

Gemeinde- und

29,09

Dachdecker

4i,53

Staatsarbeiter

33,o6

38,47

Eisenbahner

28,64

Graph. Hilfsarbeiter

Holzarbeiter

41,1 1

Musiker

41,07

Hotel-, Restaurant-

und

Nahrungs- und Genuß-

Easëangestellte

33,57

Mittelarbeiter

32,33

Hutarbeiter

27,18

Sattler, Tapezierer

37,i i

Kupferschmiede

54,28

Schornsteinfeger

22,3 r

Landarbeiter

18,49

Schuhmacher

32,80

Leben-mittel- und

Ge-

Schweizer

27,36

tränkearbeiter

56,52

Steinarbeiter

39,39

Lederarbeiter

38,12

Tabakarbeiter

20,60

Lithographen

78,38

Textilarbeiter

28,09

OTialer

48,52

Berkehrsbund

3-,32

^Maschinisten (Metallarbeiter

40,27

49,20

Zimmerer

57,33

Die Höhe bet

• angegebenen jährlichen Beiträge

! ist ein

Beweis der Opferfrcudiakeit der Arbeitnehmer für ihre Or­ganisationen. ÜGir bringen diese Zusammenstellung, damit sich das Handwerk hieran ein Beispiel nehmen kann.

Reichsunterstützung für den Baumarkt und Wirkung von Selbsthilfe.

Das Reich stellt für das Jahr 1930 100 Millionen RM zur Belebung des Baumarktes und Beseitigung von Arbeitslosigkeit zur Verfügung. Wie sie beschafft werden sollen, steht noch nicht fest. Wahrscheinlich wird dadurch unsere Verschuldung um wei­tere 100 Millionen vergrößert. Für das Reich ist es in der Zeit schwerer Finanzlage ein großes und schwieriges Vollbringen.

Da darf doch eine Leistung aus Selbsthilfe, die den gleichen Zwecken dient, die noch dazu aber statt Mietzinshäusern Eigen­heime und Eigenbesitz schafft, in Vergleich gesetzt werden, die Leistung einer Bausparkasse, die mit ihren Mitgliedern nur einen kleinen Teil der Einwohnerschaft des Deutschen Reiches ausmacht. Die Bausparkasse der Deutschen Bau- und Siede- lungsgemeinschaft (DBS) in Darmstadt vollzieht schon wieder eine Darlehensvergebung von 2 Millionen RM. Durch diese als 'dritte in diesem Jahre hat sie schon über 6 Millionen für das Baujahr 1930 vergeben. Mit den im Laufe des Jahres noch kommenden Darlehensvergebungen werden es wohl über 10 Mil­lionen fein. Es handelt sich um die bekannten billigsten Bau- kredite, um zinsfreie unkündbare Hypothekendarlehen.

Diese Aufbringung für Baumarkt, Beseitigung von Arbeits­losigkeit und Eigenheimsiedlung dürfte sich neben der Leistung des Reiches sehen lassen können. Die D. B. S. hat mit diesen 2 Millionen wieder Darlehen zur Erstellung von 136 Eigen­heimen vergeben. Die Gesamtsumme bet Darlehensvergebungen steigt damit auf über 29 Millionen RM. und die Zahl der ver­gebenen Darlehen auf rund 2000. Trotz dainiederliegender Wirt­schaft und immer noch bestehenden Kapitalmangels wächst die Spartätigkeit bei dieser Bausparkasse mit fortwährend sich er­höhenden monatlichen Eingängen und Jahr für Jahr stark stei­genden Leistungen. Statt einmaliger Hingabe an den Baumarkt würde das Reich mit Förderung solcher auf Selbsthilfe gerichte­ten Bauspartätigkcit mehr erreichen. Solcher Art angewandt würden die Gelder niemals festgelegi sein, sondern immer wieder zurückkehren und könnten zur Erfüllung des gleichen Zwecks immer von neuem ausgegben werden.

Unter welchen Voraussetzungen kann eine Invaliden­rente auch rückwirkend verlangt werden?

Ein Kaufmann R. wurde 1921 wegen schweren Nervenlei­dens von der Angestslltenversicherung in ein Heilverfahren überwiesen, welches mit der Feststellung dauernder Arbeitsun­fähigkeit und Ueberweifung in eine Heilanstalt endete, in der sich R. noch befindet.

Seine Ehefrau betrieb zunächst das Rentenverfahren nach der Angestelltenoersichexung, konnte aber damit nicht durchdrin­gen, weil die Wartezeit nicht erfüllt war, worauf sie Antrag auf Invalidenrente für ihren Mann stellte, und zwar am 29. 4. 29. Als Pfleger ihres Mannes wurde die Ehefrau am 16 10. 28 gerichtlich bestellt.

Die Landesversicherungsanstalt lehnte die rückwirkende Rentenzahlung ab und bewilligte sie erst ab 1. 4. 28. Das Ober- versicherungsamt bewilligte jedoch die Rente vom Tage der Er­werbsunfähigkeit, nämlich vom 15. 2. 21 ab, rückwirkend, da der Rentenberechtigte durch Verhältnisse, die außerhalb seines Wil­lens liegen, in diesem Falle die heute noch bestehende Geistes­krankheit, an rechtzeitiger Antragstellung verhindert war. In den Entscheidungsgründen sagt das Oberversicherungsamt des weiteren: Wenn auch der Pfleger, nämlich die Ehefrau des R, bereits seit dem 16. 10. 28 in der Lage war, Rentenantrag zu stellen, diesem Anträge auch insoweit entsprochen worden ist, daß die Rente vom 1. 4. 28 bewilligt wurde, so durfte die Lanves- versicherungsanstali doch die Rente für die vor dem 1. 4. 28 lie­gende Zeit nicht versagen, weil an genanntem Tage ein Pfleger noch garnicht bestellt war und infolgedessen ohne Verschulden des Rentenberechtigten die Antragsstellung unterblieben war.

Einzelhandel mb Preisabbau.

Die Preissenkungsaktion, die von der Eisenindustrie in so hoffnungsvoller Weise eingeleitet ist, wird ein Schlag ins Wasser bleiben, wenn es jetzt nicht gelingt, eine allgemeine Senkung des Preisniveaus durchzufüh­ren. Was nutzen schließlich zur Erreichung des gesteckten Zieles die herabgesetzten Preise für Eisen, Tafelglas, Wagenfenster usw., was nutzt schließlich auch der ermä­ßigte Zinsfuß der Banken und Sparkassen, wenn die Welle des Preisabbaues gerade vor den Gegenständen des täglichen Bedarfs Halt machen muß, wenn die Mar­ken- und Monopolerzeugnisse hartnäckig ihre Preise be­haupten und wenn endlich die tausendmal angekündigte, aber nie durchgeführte Einsparung bei der öffentlichen

?cn Steuerdruck eher verschärft als vermindert? Alles kommt darauf an, daß auch hier der Preisabbau durchgeführt wird und daß vor allem der Einzelhandel sich dieser Bewegung nicht verschließt.^Wie steht es da­mit? In einem bemerkenswerten Aufsatz in der Berliner Börsen-Zeitung hat der Abgeordnete Dr. Hugo eine sehr interessante Zusammenstellung veröffentlicht, aus der hervorgeht, daß der Einzelhandel in den letzten Mo­naten dem Preisabbau in der Tat in einem ziemlich er­heblichen Maße gefolgt ist. So sind seit Juli 1929 die Preise für Schmalz um 12 bis 15 0/0, für Speck um 130/0, für Käse um 21 bis 11 °/o, für Eier um 16,7 0/0 usw. heruntergegangen. Das sind immerhin schon beachtliche Ergebnisse. Man darf bei ihrer Bewertung überdies wohl auch nicht vergessen, daß die Preissenkung für den Einzelhandel besondere Schwierigkeiten bietet, die — ganz abgesehen von seiner ungeheuerlichen steuer­lichen Belastung — mit seiner besonderen Struktur und Eigenart zusammenhängen. Dr. Tiburtius, der Ge­schäftsführer der Hauptgemeinschaft des deutschen Ein­zelhandels, hat in einem Aufsätze der Kölnischen Zei­tung vom 6. Juli mit Recht darausAhingewiesen, "daß sich die Preisbildung im Einzelhandel in erster Linie nicht nach Einkaufspreisen und Unkosten, sondern nach der Kaufkraft der letzten Verbraucher orientiert. Grund­sätzlich überwiegt im Einzelhandel die Kalkulations­methode, auf den Einkaufspreis der einzelnen Waren nicht diejenigen Unkosten aufzuschlagen, die ihre Be­handlung speziell verursachen, sondern diejenigen Be­trage, die sie angesichts der Nachfrage und Kaufkraft der Kaufer absatzfähig erhalten. Das bedeutet praktisch, daß jeder Einzelhändler die sogenannten Wettbewerbs- artikel, die wie Zucker und Salz im Lebensmittelhandel von der Mehrzahl der Betriebe in gleichen Quantitäten umgesetzt werden, mit ganz geringen, unter der Un­kostenhöhe bleibenden Aufschlägen verkauft, wogegen er zum Ausgleich Waren höheren Luxuscharakters mit ent­sprechend größeren Aufschlägen abzusetzen versucht. Sehr interessant ist die weitere Bemerkung des Verfassers, die Durchführung dieses Prinzips werde durch die Tat­sache gehemmt, daß beutzntage die Kundschaft nicht

mehr mit der gleichen Empfindlichkeit wie im Frieden auf Preisnachlässe reagiert, daß sie nicht mehr Zeit und Lust habe, einige Straßen weit zu laufen, um einige Pfennige am Einkauf zu ersparen, sondern vielfach die Rebenleistungen des Kundendienstes wie Auswahl, Ver­packung, Zusendung ins Haus und vor allem Stundung und Teilzahlung höher schätzt. Zu den in der Eigenart des Einzelhandels liegenden besonderen Schwierigkeiten des Preisabbaus beim Einzelhandel kommt also noch der psychologisch besonders bedeutsame Umstand, daß das Publikum es selbst an der erforderlichen Mithilfe beim Preisabbau fehlen läßt. Der Preisabbau ist ihm weniger wichtig als Teilzahlung, und der frühere Wille zur Sparsamkeit, der die Hausfrau veranlaßte, überall nach den billigsten Einkaufsquellen zu suchen und statt des teueren Einzelhändlers den billigen Wochenmarkt aufzusuchen, scheint verschwunden zu sein, wie das ja auch aus dem sogenannten Qualitätsfimmel hervorgeht, der sich immer weiter zu verbreiten scheint. Die gerin­geren Sorten von Lebensmitteln werden nicht mehr verlangt, von Roggenbrot will trotz aller patriotischen Propaganda niemand mehr etwas wissen, seidene Strümpfe, Pelze und andere Dinge sind heutzutage Selbstverständlichkeiten bei allen Volksschichten gewor­den. In dieser seelischen Einstellung liegen die wirk­lichen Schwierigkeiten für den Preisabbau. Die beim Einzelhandel vorhandenen Hemmungen könnten bei einigem guten Willen schon überwunden werden.

Preisabbau auch der Markenartikel.

Von vornherein ist insbesondere von gewerkschaft­licher Seite darauf hingewiesen worden, daß die jetzt im Fluß befindliche Preissenkungsaktion sich auch im Einzelhandel und hier vor allem in den Markenartikeln auswirken müsse.GNachdem der Einzelhandel bereits seine grundsätzliche Bereitwilligkeit zur Preissenkung erklärt und Preissenkungen auch auf einzelnen Gebieten vorgenommen hat, ist es von besonderem Interesse, daß nach einer in diesen Tagen durch die Presse veröffent­lichten Mitteilung sich auch der Verband der Fabri­kanten von Markenartikeln in einer mehrstündigen Sitzung mit der Frage des Preisabbaues beschäftigt hat. So erscheint die Erwartung berechtigt, daß in der Tat in der nächsten Zeit eine Preissenkung für Markenar­tikel durchgeführt wird, fei es auf Kosten des Fabrikan­ten oder des Handels. Die Verhältnisse liegen natür­lich bei den vielen Markenartikeln sehr verschieden Die Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels will ihrerseits diese Preissenkungsaktion für Markenartikel dadurch fördern, daß sie im Rahmen ihrer allgemeinen Preisabbauenquete die Preisgestaltung für Markenar­tikel besonders untersucht und schon in den nächsten Tagen mit den interessierten Fachverbänden bespricht.

' Diese Initiative des Markenschutzverbandes ist um so lebhafter zu fi* die öffentliche Kritik

an der bisherigen starren Preispolitik für Markenav- tikel verschärft hat. So gelangt ein sehr interessanter Aufsatz von Dr. Deiters, der am 16. Juli in dem Haupt­organ der christlichen Gewerkschaften „Der Deutsche" unter der Ueberschrift „Und die Markenartikel?" er­schienen ist, zu dem Ergebnis, daß sich an der Mauer der Markenartikelpreisbin-dung die von den Rohstoffen ausgehende Welle des Preisabbaues brechen äverde. Deiters beruft sich hierbei auf einen im Berliner Tage­blatt am 7. Juli von Dr. Grünbaum, dem Referenten der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels ver­öffentlichten Aufsatz, in dem festgestellt wird, daß „mit ungeheurem Reklameaufwand immer neue Markenar­tikel auf den Markt geworfen und in die Handelslager gepumpt werden". In der Tat werden die vom letzten Verbraucher eingekauften Gegenstände immer mehr und mehr Markenware. Längst sind die Markenartikel nicht mehr auf den Handel mit Drogen, Büchern, ^'Lebens­mitteln und Tabakwaren beschränkt. Der Konsument kauft heute als Markenartikel Brot, Kaffee, Heilmittel, Tee, Waschmittel, Schuhputz, Zahnputz, Bleistifte, Schreib­utensilien, Strümpfe, Textilwaren aller Art, Badean­züge- Puder, Rasierklingen, Kragen, Schallplatten, Ra­dioartikel, Schokolade, Seife, Zündhölzer usw. Bei all diesen Artikeln gibt es keine Preissenkung, denn im Gegensatz zum Einzelhandel als solchem sind die Mar­kenartikelfabrikanten zu einem ganz erheblichen Teil kartelliert. Eine Preisermäßigung kann also hier nur durch diese Kartelle erfolgen; denn, selbstverständlich muß und wird der Einzelhändler es akzeptieren, sofern der Fabrikant von Markenartikeln nach Herabsetzung seiner Preise auch die Verkaufspreise des Einzelhändlers herabsetzt. So wird man nur der auch schon früher von den christlichen Gewerkschaften erhobenen Forderung bei­pflichten müssen, daß eine Senkung der Fabrikpreise bei den Markenartikelsirmen unerläßlich erscheint, wenn nicht die ganze Preisabbauaktion zum Scheitern kommen soll. Mit der Vorstellung, daß Markenarttkelwaren um der Qualität willen jahrzehntelang gleiche Preise haben müssen, ist angesichts der gegenwärtigen kritischen Lage der deutschen Wirtschaft ein.Kür allemal zu brechen. Eine derartige Risikoprämie für die dauernde Quali­tätserhaltung der Markenartikel ist zu hoch. Auch bei veränderlichen Preisen der Markenartikel kann von den zahlreichen und angesehenen weithin bekannten Mar­kenartikelfirmen unseres Wirtschaftslebens Ztreng aus die Erhaltung der Qualität gesehen werden? Erst wenn aud)^>ie Markenartikel der allgemeinen Preissenkung folgen, wird auch dem Verbraucher endlich eine fühlbar- Senkung der Lebenshaltungskosten zugute kommen. Jede Verzögerung des Preisabbaues bedeutet eine Ver­schärfung der Krise. Je eher sich die Fabrikanten von Markenartikeln dem Preisabbau anschließen, desto sicherer werden sie den Interessen der deutschen Gesamt- w-rtscho. und damit auch ihren eigenen dienen.