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Gießener Zeitung

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Samstag, -en 22. Februar 1930

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Politische i i.

Die allgemeine Aussprache auf der Senser Zollfriedens- lonferenz ist am Donnerstag abgeschlossen worden.

Die deutschen Reichsminister Schmidt und Dietrich werden am Montag nach Berlin zurückreisen. Die Führung der beut« fegen Abordnung aus der Zollsriedenskonscrenz werden dann Staatssekretär Dr. Trendelenburg und Minister a. D. Dr. Hil­ferding übernehmen.

Die Handels- und Industrie-Beiräte der Deutschen Zen­trumspartei haben Freitag ihre 5. Generalversammlung abgc- halten. Im Lause der Aussprache führte der Vorsitzende der Zentrumssraktion, Dr. Brüning, aus, baß das Zentrum an sei­nem Vorschlag, die Sanierung der Rcichssinanzcn vor der Er­ledigung des Poungplancs vorzunehmen, sesthalten werde.

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Die polnische Regierung lehnt es ab, mit der deutschen Rcichsregicrung noch irgendwelche ergänzenden Verhandlungen über den Inhalt der Warschauer Liquidationsabkommcn vom 3L Oktober zu führen.

Der Verkehrsausschuß des Reichstages beschäftigte sich am Donnerstag mit einer Eingabe zur Abänderung des Postgcictzcs. Darin wird eine erweiterte Haftung der Rcichspost bei Reisen mit Postkrastwagen verlangt. Die Eingabe wurde der Reichs- regierung zur Erwägung und, soweit sic sich mit der Reform der Haftpslicht besaßt, zur Berücksichtigung überwiesen.

Die in den letzten Tagen angeregte erneute Verstärkung der französischen Grenzbefestigungen nach der deutschen und italieni­schen Seite hin wird in den Kreisen der Londoner Flottenkon- serenz alswenig ermutigend" für die weiteren Verhandlungen angesehen.

in in Siegen.

Nach den Regicrungsmittcilungen im Verkchrspolittschen Allsschuh sollen die neuen Rheinbrücken bei Mannheim-Lud- wigshascn im Jahre 1930, bei Maxau 1931 und bei Speyer 1932 gebaut werden.

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Die Berliner Stadtverordnetenversammlung stimmte mit gegen 98 Stimmen der Ausnahme des 45 Millionenkredites Stadt Berlin zu.

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Wie aus Moskau gemeldet wird, bcabstchtigt die Regierung Sowjetunion, in Moskau ein neues Krematorium zu er«

richten und sämtliche Friedhose in Moskau zu schließen. Die Gottlosenoerbänd« stellten Antrag bei der Sowjetregiernng, in Zukunft nur noch Verbrennungen zu gestatten.

nd|an«« chc Grbälanteile [. pro Stück.

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Die mexikanische Polizei hat durch einen Zufall Kenntnis von angeblichen Attentatsplänen gegen den nordamerikanischen Bundespräsidenten Hoover erhalten. Die mexikanische Polizei hat eine umfassende Untersuchung der Angelegenheit eingeleitet.

Die Finanzkris« der Stadt Chicago ist beendet. Für 122 Millionen Dollar wird eine sogenannteFreiheits-Anleihe" aufgelegt werden.

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Bei dem Explosionsunglück bei Athen sind 500 000 Hand­granaten im Werte von 12 Millionen Mark in die Lust geslo- «en.

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Kampf gegen die Beamten- geWter in Kessen.

Darmstadt. Die heutige Debatte im Finanzausschuß drehte sich fast ausschließlich um die Frage, ob eine Sanierung durch Kürzung der Beamtengehäller rechtlich möglich und praktisch durchführbar sei. Obwohl sich die Regierung gegen derartige Absichten aussprach und dringend darum bat, im Interesse der Beruhigung der Beamtenschaft von dessen Erörterung abzusehen, sprachen sich alle Redner der Sozialdemokratie für eine Kür­zung aus. Auch der Landbund setzte sich, entsprechend seinen An­trägen, für eine Herabsetzung ein. Selbst das Zentrum ließ er­kennen, daß es nicht ohne Sympathie diesen Absichten gegen« übersteht. Die Erörterungen bewegten sich hauptsächlich um die Wohnungsgelder und die Kinderzuschläge der Beamten.

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Zusammentritt des Hess. Landtagsplenums Ende April.

Der Finanzausschuß des Landtages hofft das vorliegende Material in etwa sechs Wochen aufarbeiten zu können. Tas Plenum bürste erst Ende April oder sogar Anfang Mai zusam- mentrelcn, um dann allerdings in einem Zuge Etat, Spar­programm und Sofortprogramm zu verabschieden.

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Amnestie für Südtirol.

Rom, 21. 2. Mussolini hat eine Amnestie für ganz Süd­tirol angeordnet, indem er alle aus politischen Gründen gegen

deutschsprachliche Angehörige der Provinz Bozen erlassenen polizeilichen Mahnahmen aushcbcn läßt. Infolgedessen wurde auch die sofortige Freilassung des Gemeindcarztes von Stein­haus im Ahrntal verfügt, der unter der Anschuldigung staats­feindlicher Gesinnung und antifaszistischer Betätigung vor einem Jahre zu dreijähriger Verbannung verurteilt worden war. Dr. Joseph Kiener war gegenwärtig der einzige Verbannte Südtirols und wohnte auf der Insel Ponza bei Neapel, wohin ihm seine wegen ihres deutschen Unterrichts polizeilich verwarn­te Gattin freiwillig gefolgt war. Zugleich wurden auch die gegen acht Südtiroler erlassenen polizeilichen Verwarnungen aufgehoben, die mit einer gewissen Einschränkung der persön­lichen Freiheit verbunden waren.

Nach diesem Straferlaß bleibt nach einer offiziösen Versiche­rung kein deutschsprechender Südtiroler mehr aus politischen Gründen polizeilichen Maßnahmen unterworfen. Diese Geste Mussolinis hat offenbar politische Bedeutung und soll nach dem Besuch Dr. Schobers in Rom das Verhältnis mit Oester­reich und Deutschland verbessern helfen.

Radikalsozialisten in Front.

Paris. Der radikalsozialistische Abgeordnete Camille Chau- temps ist vom Präsidenten der Republik, Doumergue, mit der Kabinettsbildung beauftragt worden.

Kabinett Lbautemvs.

Paris, 21. 2. Die heute abend ausgegebene offizielle Mini­sterliste sieht folgendermaßen aus: Ministerpräsidium und In­neres : Chautemps (radikal); Justiz: Steeg (radikal),' Aeutzeres: Briand (franz. Sozialist); Finanzen: Dumont (radikal); Budgetministerium: Palm ade (radikal); Krieg: Besnard (radikal); Marine: Albett Sarraut (radikal); Handelsmarine: Danièlon (rad. Linke); Handel: Georges Bonnet (radikal); Oeffentliche Arbeiten: Daladier (ra­dikal); Oeffentlicher Unterricht: I. Durand (radikal); Ko­lonien: Lamoureux (radikal); Landwirtschaft: Queuille (radikal); Arbeit: Loucheur (radikale Linke); Luftverkehr: Laurent Eynac (rad. Linke); Post: Julien Durand (radi­kal); Pensionen: Eallet (radikal).

Erhöhung des Kassee- und Teezolls.

Das Reichskabinett ermächtigte in seiner Donnerstag- Sitzung den Reichsfinanzministei zum Erlaß einer Verordnung über die Inkraftsetzung der Zollerhöhungen für Kaffee und Tee, die in dem Gesetz vom 8. April 1922 über Erhöhung von Zöllen beschlossen sind. Die Erhöhung tritt am 5. März ds. Js. in Kraft.

Lustpostabkommen mit China.

Schanghai, 21. Febr. Nach langen Verhandlungen ist heute zwischen der Deutschen Lufthansa und dem chinesischen Ber- kehrsministeiium ein vorläufiges Abkommen über die Ein­richtung einer europäisch-asiatischen Luftpostveikehrslinie unter­zeichnet worden.

Arbeltsmarktlage.

Noch keine Entspannung. 2,29 Mill. Hauptunterstützte.

Der Eintritt kälterer Witterung hat nach dem Bericht der Reichsanstalt für die Zeit vom 9. bis 16. Februar zu einer wei­teren schwachen Welle von Entlassungen aus den Außenberufen geführt. Infolgedessen trat die für Mitte Februar erwartete Entspannung noch nicht ein. Die Zahl der Hauptun^erftlltzungs- empfänger in der versicherungsmäßigen Arbeitslosenunter­stützung stieg um weitere 30 000 auf rd. 2 290 000 an.

Seit Ende Januar liegt die Kurve der Hauptunterstlltzungs- empfänger um etwa 50 000 unter der des Vorjahres; diese Tat­sache hat aber keinen symptomatischen Wert, da sie nicht auf allen bezirklichen Arbeitsmärkten erreicht ist und, wo sie. eingetreten ist, lediglich auf einer schwachen Fortführung von Hoch- und Tiefbauten beruht. Die einzige Ausnahme bildet Westfalen, wo die Belastung der Versicherung fast um ein Drittel geringer ist als Mr gleichen Zeit des Vorjahres. Diesem einen Bezirk, der eine verhältnismäßig günstige Entwicklung aufweist, stehen vier andere Landesarbeitsämter gegenüber, die den Stand des Vorjahres an Hauptunterstiitzungsempfängern erheblich über­schritten haben, an der Spitze Sachsen, weiter Brandenburg, Hessen und Mitteldeutschland. Die anderen Bezirke entsprechen mehr oder weniger dem Reichsdurchschnitt mit seiner überaus gedrückten Lage. Für alle Bezirke gleich ist jedoch die Unge­wißheit über die künftige Gestaltung des Marktes.

Explosionsunglück in Herford.

Herford (Wests.), 21. 2. Ein furchtbares Explosionsunglück ereignete sich am Freitag gegen 15 Uhr in der Bürstenfabrik von König & Böschke. Aus bisher unbekannter Ursache flog kurz vor Schichtwechsel der Kessel in die Luft und zertrümmerte das ihn umgebende Gebäude vollständig. Aus den Trümmern wurden drei Schwerverletzte geborgen, die sofort dem Kranken­haus zugeführt wurden. Polizei und Feuerwehr arbeiten fie­berhaft, da man annimmt, daß unter den Trümmern noch Ver­schüttete liegen.

Unser täglich Roggenbrot.

Was die hessischen Müller, Bäcker, Aerzte und Haussrauen zur Roggenbrotsragc zu sagen haben.

Ueber die Bedeutung der Roggenfrage für unsere gesamte Volkswirtschaft ist in den letzten Wochen viel geschrieben und gesagt worden. Die gesetzgeberischen Maßnahmen des Reiches, die eine Behebung der Roggenkrise durch Beimahlungszwang, Magazinierung, Brotgesetz unb ähnliches beabsichtigen, sind in der Tagespiesse und in den Fachblättern eingehend erörtert worden. Sie spielten auch hinein in eine Besprechung, die der hessische Wirtschastsministcr zu Beginn dieser Woche mit den Vertretern der an der Roggcnsragc interessierten Berufe und Organisationen abhielt. Kernpunkt der Besprechungen aber waren nicht so sehr die beabsichtigten Gesetzesmaßnahmen, die in ihrer Auswirkung immer umstritten sein werden, sondern ganz einfache, jeden Volksgenossen, vor allem aber jede Haus­frau und selbe Mutter unmittelbar berührende Fragen. Ein Vertreter der hessischen Aerzteschast hat dabei auf eine Tatsache hingewiesen, die zwingend für jeden ist, der noch nicht jeglichen Zusammenhang mit der Natur, ihren Kräften und ihren Wer­ten verloren hat. Er verwies daraus, wie die Natur jedem Volke die Mittel zu seiner Ernährung stellt, die es braucht. Das, was im Lande wächst, was dem Klima angemessen ist, brauchen die Menschen des Landes, und sie verstoßen gegen die Gesetze der Natur, wenn sie deren Schätze durch falsche Behand­lung, durch Mißachtung ober durch irrige Modegepflogenheiten verkommen lassen. Von dieser klaren Betrachtungsweise aus gewinnt die Roggenfrage eine über die volkswirtschaftliche Seite hinausgehende Bedeutung. Von den beiden Brotfrüchten, dem Roggen und dem Weizen, überwiegt in Deutschland der Roggen­bau bedeutend, weil das deutsche Klima unb die deutschen Bo­denverhältnisse für den Roggen besonders geeignet sind. Die Natur weist uns also gleichsam den Roggen als Brotsrucht zu. Wo Bodenverhältnisse und Klima den Anbau von Weizen mög­lich machen, wird dieser natürlich gleichfalls angebaut. Wir erhalten somit ein bestimmtes Maß an Brotkorn aus Roggen unb Weizen bestehend, und zwar, wenn Wachstum und Ernte glücklich verlaufen, so viel, daß der Bedarf des Landes an Brot­nahrung gedeckt ist. Es ist doch nun das Natürliche, daß die deutsche Bevölkerung auch ihren Verbrauch an Roggen und Weizen entsprechend «instellt. In unserer Ernte erhalten wir angenähert auf 70 Teile Roggen 30 Teile Weizen. Der Ver­brauch in den letzten Jahrzehnten erforderte aber auf 55 Teile Roggen 45 Teile Weizen. Eigenerzeugung und Verbrauch sind daher noch weit auseinander, und es ist nötig, daß der Weizen überall da, wo er nicht eine besondere Aufgabe zu erfüllen hat, eingespart wird. Aus das tägliche Brot übertragen, besagen obige Zahlen folgendes: Bei einem mittleren Jahresbedarf von 160 Kilogramm Brotgetreide pro Kopf würden bisher täglich verbraucht fein 245 Gramm Roggenbrot und 190 Gramm Wei­zenbrot, also auf jedes halbe Pfund Brot 45 Brötchen. Es ist kein Opfer, wenn man verlangt, daß die Zahl der Brötchen zu­gunsten des Brotes etwa auf Sie Hälfte verringert und daß als Brot reines Roggenbrot vom Bäcker gefordert wird. Also auf drei Viertel Pfund Roggenbrot 2 bis 3 Brötchen.

Ehe diese Ziffern bekannt geworden sind, hat sich in der Bevölkerung selbst schon eine Reaktion auf den übermäßigen Weizenbrotgenuß bemerkbar gemacht. Die Erkenntnisse der Ernährungswirtschaft und der besonders aus der Jugend und dem nach gesünderen Zuständen sich sehnenden Volksteil ertönen­den Ruf noch größerer Natürlichkeit in der Lebensführung haben dazu geführt, daß weite Schichten unseres Volkes sich wieder stärker dem Roggenbrot zuwenden. In der Konferenz wurde das von den Hausfrauenoertreterinnen, aber auch von den Bäckern bestätigt. Wie stark die Bewegung zur natürlicheren und damit gesünderen Brotnahrung bereits ist und wie bereit­willig auch die noch nicht von ihr erfaßten Bevölkerungsschich­ten auf die auftlärenbe Unterweisung eingehen, bas zeigt deut­lich der Erfolg, der in Gießen bereits erzielt wurde. Dort hat sich in der letzten Zeit die Roggenbrotnachfrage in den kleineren Bäckereien um 20 Prozent, in den größeren um 4050 Prozent gehoben. Aber auch in den anderen Städten sind bereits über­all dort gute Erfolge erzielt worden, wo man ein einwandfreies (nicht zu stark ausgemahlenes) Roggenbrot erhält. Beweis für die zunehmende Nachfrage aber ist der starke Auftrieb, den der Absatz der Spezialbrote aus Roggenmehl erfahren hat. Es kann natürlich nicht das Ziel sein, Roggenbrot zum Delikateß- brot werden zu lassen. Die hesiischen Bäcker sind deswegen be­müht, entsprechend der steigenden Nachfrage nach dem bekömm­lichen Roggenbrot den Wünschen der Bevölkerung nach einem guten Brotmaterial Rechnung zu tragen. Eine Reihe von Back­proben gab davon einen überzeugenden Beweis. Mit ihnen gehen die Müller einig, die der Ausmahlung des Kornes eine besondere Beachtung widmen. Eine Reih« von technischen Fra­gen gilt es dabei noch zu klären. Auch sie wurden in bet Aussprache, an der sich auch Vertreter der Landwittschaft be­teiligten, offen behandelt. Der Wille zur Gemeinschaftsarbeit stand über allen Erörterungen. Auf ihn wurde auch für bie Zukunft vertraut. Für den Volksstaat Hessen gab Minister Korell dazu die Versicherung ab, daß er es an gutem Willen wix bisher nicht fehlen lassen, diesen Willen vielmehr auch in feinem Wirkungsfelde durch Tatbeweis« erhätten werde