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Gießener Icitung
^^^^ I U^ (Gießener Tageblatt) ^*^ (Neueste Nachrichten) ^^J^
Erscheint Mittwochs und Samstags.
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43. Fahrs
Mittwoch, den 17. September 1930
Nummer 74
Lin Eieg dir rofeifaltn Slügtlpnrltitn
575 Abgeordnete gewählt
Das vorläufige amtliche Gesamtergebnis gestaltet sich folgendermahen: Zn den 35 Wahlkreisen und aus
Grund der Verrechnung der Reststimmen auf die Wahlkreisverbände sowie auf die Reichslifte sind 575 Abgeordnete ( gegen 491 im letzten Reichstage) als gewählt zu betrachten. Die vorläufige Zusammenstellung Stimmen und die vorläufige Verteilung der Abgeordnetensitze ergeben folgendes Bild:
der
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
Sozialdemokraten . . . . Deutschnationale Volkspartc Zentrum...... Kommunisten . . . . Deutsche Volkspartei . . Deutsche Staatspartei . . Wirtschaftspariei . . .
Stimmzahl
Mandatszahl
September 1930
Mai 1928
September
1930
Bisherige Rcichstagsjitze bei der Auflösung
Gewinn- u.
Verlust
Bejahung eines neuen Staatswillens zu verstehen. Auf die Schultern der Nationaljozialistischcn Partei sei am 14. September eine ungeheuere Verantwortung gelegt worden.
8. Bayerische Volkspartei . . . .
9. Nationalsozialisten .....
10. Deutsches Landvolk......
Darunter: Konservat. Volkspartei 313 874
Hannoveraner
144 242
11. Volksrechtpartei .....
12. Deutsche Bauernpartei . . .
13. Landbund.......
17. Christl, sozialer Voltsdienst . .
8 572 060
9 150 533
143
152
— 9
2 458 497
4 380 196
41
33
— 8
4 128 929
3 710 747
68
61
+ 7
4 587 708
3 262 876
76
54
+ 22
1 576 199
2 678 532
29
45
— 16
1 322 608
1 478 469
20
25
— 5
1 379 359
1 395 650
23
23
+ o
1 058 565
945 306
19
17
+ 2
6 401 210
809 939
107
12
+ 95
1 104 727
904 542
26
46*)
— 20
271 931
508 949
—
2
— 2
339 072
480 947
6
8
— 2
193 899
867 377
199 513
3
14
575
3, Christl, soz. Slr=-|- Kftbeitsgemeinsch. _|_
491
0
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New Porter Waklkemmentare.
New Porl, 16. Sept. Der Wahlausgang mit dem völlig verschobenen Reichstagsbild hat sich seit gestern in den Vordergrund des Interesses der Vereinigten Staaten und der öffentlichen Meinung geschoben.
Die Presse widmet dem Ereignis einen breiten Raum und ist nunmehr auch in der Lage, redaktionell Stellung zu nehmen. Auch der gestrige Nachtrundfunk unterzog die politische Sensation einer ausführlichen Betrachtung. Es ist jedoch besonders hervorzuhebcn, daß alle Betrachtungen durchaus objektiv sind und die Ereignisse aus ihren Ursachen zu erklären suchen. So ist denn, handele es sich um Pressekommentare oder um das Urteil ernst zu nehmender Politiker oder um Finanzkreise, die die Wendung der Dinge, wenn auch mit Besorgnis, so doch durchaus ruhig betrachten, die Ausfassung allgemein daß der Wahlausgang
ein Protest einer durch die wirtschaftliche Lage niedergedrückten Wählerschaft sowie ein Ausbruch politischer Erregtheit sei.
Diesen Regungen an sich steht die öffentliche Meinung verständnisvoll gegenüber. Ein Blatt wie die „Herold Tribune" gibt der Auffassung Raum, daß diese Geste erwartet werden mußte, weil sie nun nach der Rheinlandräumung straflos gemacht werden konnte. Eine direkte Bedrohung des Poungplanes oder der Deutschen Republik besteht nach hiesigen Kommentaren nicht, die in dem Wahlgang eine vorübergehende Erscheinung sehen,' und überall kommt die Hoffnung zum Ausdruck, daß die Bildung einer Koalition Deutschland vor dem Ehaos bewahren möge. Diese durchaus ruhige Auffassung ist für das Vertrauen bezeichnend, das Amerika nunmehr Deutschland entgcgcnbringt.
Uebersicht halber gleich die im letzten Reichstag von den Deutsch-
*) In die 46 Mandate des Landvolks haben wir
nationalen ausgeschiedcnen Abgeordneten (Schiele-Gruppe, Westarp-Gruppe und Volkslonservative) zusammengesaßt und außer-
der
dem die Deutsch-Hannoveraner mit eingerechnet.
Die aus den kombinierten Wahloorschlag Nr. 10 und die ihm angeschlossenen Reichswahlvorschläge Nr. 10, 14 und 16 (Landvoltlisten, Deutsch-Hannoversche Partei und Konservative Volkspartei) entsallenden 26 Sitze werden sich voraussichtlich wie folgt verteilen: 18 Sitze Deutsches Landvolk, 5 Sitze Konservative Boitspartei und 3 Sitze Deutsch-Hannov. Partei.
Nach § 31 des Reichswahlgesetzes entfällt auf 60 000 Stimmen des Kreisoorfchlages ein Abgeordnetensitz. Die verbleibenden Reststimmen werden zunächst innerhalb des Wahlkreisverbandes zufammengezählt und es wird dann auf je 60 000 in dieser Weise gewonnenen Reststimmen ein weiterer Abgeordnetensitz zugeteilt. Diese Zuteilung erfolgt auf di« Wahlkieisvorjchläge nach der Zahl ihrer Reststimmen. Hierbei bleiben jedoch die Reststiinmcn unberücksichtigt, wenn für einen der verbleibenden Wahloorschläge nicht wenigstens 30 000 Stimmen abgegeben worden sind. Die dennoch verbleibenden Rest- itimmen gehen auf die Reichsliste zur weiteren Verwertung.
Die Bollsrechtpartei z. B. hat im ganzen Reiche rund 272 000 Stimmen erhalten, sie hat aber in keinem Wahlkreise
die Voraussetzungen des Gesetzes erfüllt. Infolgedessen fallen ihre sämtlichen Stimmen für die Berechnung vollkommen aus; keinem Mandat gebracht
üe stehen in diesem Falle gleich den Stimmen der zahlreichen Splitterparteien, die es ebenfalls zu haben.
Ervebnis in Heffen-DarmstaA
Hessen
Prov. Oberhessen
Prov. Starkenburg
Prov. Rheinhessen
1930
1928
1930
1928
1930
1928
1930
1928
Sozialdemokraten . . .
. 215 727
192 376
51 399
42)760
109112
100 349
55 217
49 267
Deutschnationale Bolksp.
. 13 609
20 627
4 075
5 751
4 628
10199
4 206
4 677
Zentrum ,.....
. 104 263
95 280
6 134
6 849
47 608
44 731
48 317
43700
Kommunisten . .
. 84 918
52 007
10 523
6 741
53 507
36 655
26 889
8 611
Deutsche Volkspartei . .
. 50 020
67127
10 285
13 640
24 316
34 519
15 222
18 966
Dtjch. Staatsp, (Dem.)
. 38 727
37 521
8 328
7 511
13 126
14 942
16 473
15 068
Wirtschaftspartei . . .
. 16 373
7 825
5 203
3 078
8 206
3 444
2 960
1 303
Nationalsozialisten . .
. 137 868
11 281
35 018
2 356
63 564
5 704
39 272
3 221
Landvolkpartei ....
. 57 304
79 709
29 363
40103
16 846
23171
11 344
16 432
Dtsch. Bauernpartei . .
1496
—
655
—
581
—
266
—
Konservative Boitspartei
3 886
_
801
—
1011
—
1207
—
Christl, soz. Bolksdienst .
. 19184
5 746
3 202
7 247
3 890
6 207
4 469
Volksrechtpartei . . ,
4 646
13 892
718
2 541
2 722
7 733
1238
3 618
Kriegsbeschädigte . .
1049
—
—
—
4 687
_ —
—.
—
Ser Mhlausfall in Gießen-Stadt.
20.5.1929 14. 9. 30.
Sozialdemokraten.........
Deutschnationale .........
Zentrum ............
Kommunisten ..........
Deutsche Seitepartei........
Staatspartei (Demokraten)......
Wirtschaftspartei .........
Rationalst Deutsche Arbeiter Partei . . Hess. Landvolk.......... Lolkspartei u. Christl.-Soz...... Deutsche Bauernpartei....... konservative Seitepartei...... Kriegsbeschädigte u, Hinterbl......
(4529) (1475) ( 791) ( 649) (3594)
(1273) (1002) ( 205) ( 111) ( 527)
5039
840
925 1729 2636 1500
1452
3714
61
221
12
819
11
Hessens Vertreter im neuen Reichstag
Pfarrer a. D. Münchmeyer-Borkum, Nationalsozialist Lehrer Ringshausen-Ofsenbach, Nationalsozialist Reichsminister a. D. Dr. David-Berlin, Sozialist
Di. Mierendorsf-Darmstadt, Sozialist .
Rechstanwalt Dr. Dingeldey-Darmstadt, Deutsche Volksparte, Landwirt Dorsch-Wölfersheim, Landbund Rechtsanwalt Dr. Bockius-Mainz, Zentrum Redakteur Remmele-Berlin, Kommunist
Ober-Regierungsrat Ritzel-Gießen, Sozialist
Schlüsselstellung der Wirtschaftspaktes.
Da nach den gegenwärtigen Fraktionsstärken die Große Koalition, also eine Arbeitsgemeinschaft zwischen e-ozialdemo- kraten, Deutscher Bolfspartei, Zentrum. Bayrischer Volkspartei und Staatspartei, über feine Mehrheit im Reichstage mehr verfügt, fällt der Wirtschaftspartei die Schlüsselstellung ^ und es ist erklärlich, daß bereits jetzt vielfach Betrachtungen über bic Taktik dieser Partei angestellt werden. Unter diesen Umständen gewann eine in der Presse verbreitete Aeußerung des w,rt- schaftsparleilichen Parteivorfitzenden Drewitz an Bedeutung, in ber er die Große Koalition außerordentlich skeptisch dehan- belte und gleichzeitig feine Zustimmung zu einer Rechtsreg,e- iung mit den Nationalsozialisten unter gleichzeitiger Umbildung der Preußenregierung aussprach.
Wie man aus Berlin hierzu von der Pressestelle der iit- schastspartei erfährt, sind alle Kombinationen und Gerüchte, bie diese Partei festzulegen versuchen, verfrüht. Die Wirtschofispar- tei erklärt, daß sie mit feiner anderen Partei bisher über die Frage der Regierungsbildung oerhandelt habe und es auch ablehne, vor dem Zusammentritt des Reichstages in Verhandlungen über dies« Frage einzutreten.
Der „Bölkiübe Beobachter" über die Sahl.
Der Völkische Beobachter" nennt den 14. September ein in der politischen Geschichte noch nicht dagewesenes Ereigms und betont, das Ereignis fei als Protest, aber auch als stärkste
KursMMge.
Das Wahlergebnis hat in Bankkreisen und an der Börse starke Ueberiaschung heroorgerufen. Während man sich an der Börse völlig abwartend verhält und die Kurse scharfe Abschwächungen von durchschnittlich 8 bis 20 v. H. erfuhren, ist man in Büros der Berliner Großbanken und Privatsirmen bezüglich bei weiteren Entwicklung des Börsen- und Bankgeschäfts nicht so niedergeschlagener Stimmung.
Erste Reichstaysiiltung tun 13. Oktober.
Berlin, 16. 9. Der Reichstag wird aller Wahrscheinlichkeit nach am Montag, den 13. Oktober, zu. seiner ersten Sitzung zusammentvcten. Nach den Bestimmungen der Verfassung muß er innerhalb 30 Tagen nach der Wahl zusammengerufen werden.
Das Kabinett Brüning bleibt bei seinem Programm.
Die erwartete Erklärung des Reichskabinetts Ist inzwischen erfolgt. Wie nicht anders zu erwarten war, bleibt das Kabinett Brüning bei seinem Programm. Diese Absicht wird in folgender Fassung amtlich bei Öffentlichkeit bekanntgegeben:
Amtlich wird mitgeteilt: Unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning trat am Dienstag das Reichskabinett in einen Meinungsaustausch über die durch die Wahlen geschaffen« politische Lage ein. Es bestand die einmütige Auffassung, daß die Reichsiegierung das im Sommer in Angriff genommene Programm einer fachlichen Arbeit zur Lösung der wirtschaftlichen, finanzpolitischen und sozialpolitischen Aufgaben mit allem Nachdruck so weit zu fördern hat, daß dem neuen Reichstag bestimmte Vorlagen zugeleit«1 werden können.
Polltifckt Rundschau.
Man rechnet jetzt allgemein damit, daß als erste Lösung der Weg der Großen Koalition beschritten werden wird. Sollte eine solch« Lösung nicht möglich fein, scheint eine später, Wiederauf, löfnng des Reichstage- mit gleichzeitigen Neuwahlen in Preußen unvermeidlich zu sein.
Die Nationalsozialisten haben in der Berliner Stadtverordnetenversammlung beantragt, die hohen Gehälter der Direktoren der BVG. möglichst sofort von 125 000 bezw. 72 000 RM auf etwa 11 000 RM jährlich herabzusetzen, wodurch etwa 500 000 RM jährlich gespart würden.
In der Hauptaussprache der Böllerbundsversammlung am Montag behandelten verschiedene Redner eingehend Methoden zur Bekämpfung der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise.
Aussehen hat die Nachricht hervorgerufen, daß die Regierung MacDonald bemüht ist, eine Revision des Schuldenabkommens mit Amerika zu erreichen. In Regierungskreisen ist man der Ansicht, daß Großbritannien im Begriff steht, eine europäisch« Bewegung für eine allgemeine Herabsetzung der Kriegsschulden einzuleiten.
Der Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtages wird voraussichtlich am 25. September wieder zusammentreten, um d»e Vernehmungen zur Aufklärung der Mißwirtschaft in der Berliner Stadtverwaltung fortzusetzen.