Gießener Jeitung
I w^ (Gießener Tageblatt) (Neueste Nachrichten)
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43. Zahrs
Samstag, den 11 November 1930
Nummer 91
Politische Rundschau.
Die Fraktionen der Dcutschnationalen und der Deutschen Pollspartei haben im preußischen Landtag einen Urantrag cingebracht, worin die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses von 29 Mitgliedern „zur Prüfung der Verwirtschastung öffentlicher Gelder im Wohnungsbau" gefordert wird.
Die Interpellationsdebatte über die Finanz- und Börsen- lnse in der französischen Kammer wurde gestern abend kurz vor 10 Uhr mit einem Vertrauensvotum zugunsten der Regierung von 318 gegen 271 Stimmen zu Ende geführt.
Die Wochenbilanz der Bank von Frankreich weist eine Eoldzusuhr von 289,5 Millionen Franken aus, wodurch ihr Goldbestand aus 51 096 Millionen Franken gestiegen ist. Der neue Goldzuwachs erklärt sich vor allem durch Käufe aus dem Londoner Markt.
Die französische Lustflottcnvorlagc bringt 22 Millionen Franken Mehrsordcrungen gegenüber 1930.
Der König von Spanien hat ein Dekret unterzeichnet, das den Anlauf von 27 Torpedobooten genehmigt.
Auf den japanischen Ministerpräsidenten Hamaguschie ist gestern früh auf einem Bahnhof in Tokio ein Attentat verübt worden. Ein Rcvolvcrschuh traf ihn in den Leib. Der Zustand Hamaguschis soll sehr ernst sein.
Zu schweren Ausschreitungen, die den Charakter einer wahren Meuterei angenommen haben, ist cs in Havanna auf Kuba gekommen. Studenten und Pöbel haben Häuser und Besitztümer der Reichen geplündert.
Die indische Nationalsahne wurde als hochverräterische Handlung in ganz Indien durch Beseht des Bizctönigs verboten. Daraushin ist nm 10. November in 180 indischen Städten die abermalige ' Protlamicrung des Boykotts aller ausländischen Einsuhrwaren, besonders Stosse, ausgesprochen worden.
Russische Ingenieure haben im Austrage ihrer Regierung in Friedrichshafen sehr eingehend mit Dr. Eckener und Hauptmann Bruns über den Bau von drei Luftschiffen verhandelt, die lic Strecke Staaken—Leningrad—Tokio regelmäßig befliegen selten.
Mussolini hat die auf einer Studienreise in Rom weilenden Stahlhelmer empfangen.
Untragbarer Beschluß des Kaushaltsausschusses.
Berlin. Im Haushaltsausschuß des Reichstages wurde am Freitag ein kommunistischer Antrag angenommen, der die Reichsregierung auffordert, die Verbilligung von Frischfleisch für die minderbemittelte Bevölkerung so vorzunehmen, daß das Frischfleisch nicht teuerer ist, als das bisher zollfreie Gefrierfleisch. Von dieser Maßnahme sollen alle Erwerbslosen, Sozial- und Kleinrentner sowie Fürsorgcberechtigte erfaßt werden. Für diesen Antrag der Kommunisten stimmten neben den Antragstellern die Nationalsozialisten, die Sozialdemokraten, zwei Mitglieder der Christlichen Bauernpartei und ein Mitglied der Christlichsozialen. Das Zentrum, die Deutsche Volkspartei und die Wirtschaftspartei stimmten gegen den Antrag, während sich die Deutschnationalen der Stimme enthielten.
Dieser Ausgang der Abstimmung hat in Regierungskreisen begreiflicherweise große Erregung Hervoigcrufen. Nach den Berechnungen des .maßgeblichen Ministeriums schätzt man die. Kosten für die Durchführung dieses Antrages auf 640 Millionen Reichsmark bei einer Zugrundelegung von etwa 16 Millionen Personen, denen das verbilligte Frischfleisch zugute kommen würde. Eine solche ungeheuer große Summe für den angeforderten Zweck zur Verfügung zu stellen, sieht sich die Reichsregie- rung natürlich nicht in der Lage, und es bedarf keines besonderen Hinweises, daß die Parteien, die für Annahme des kommunistischen Antrages gestimmt haben, sich über die Konsequenzen nicht von vornherein im klaren gewesen sind. v>m ßtat Reichsernährungsministeriums ist lediglich ein Posten von zehn Mill RM für die Verbilligung von Frischfleisch vorgesehen, und es ist 'auch nicht beabsichtigt, bei der angespannten Finanzlage des Reiches diese Summe zu überschreiten.
Selbstverständlich ist bei dem Beschluß des Haushaltsaus- schusies noch kein Gesetz beschlossen worden, sondern es handelt sich vielmehr lediglich um einen Antrag, der zunächst noch der Genehmigung des Reichstagsplenums bedarf. Sollten die Sozialdemokraten auch im Reichstag selbst bei ihrer unverständlichen Haltung verharren, so würde sich das Kabinett vor die Tatsache gestellt sehen, daß es über eine Mehrheit tm Reichsparlament nicht mehr verfügt.
Es ist jedoch zu erwarten, daß angesichts der inzwischen bekanntgewordenen hohen Summe, die die Durchführung die,es Antrages bedarf, eine Mehrheit im Parlament, sich nicht wieder ergeben wird.
Serftimmung in Berlin.
Berlin. In den Kreisen der Reichsregierung ist man über die Ausführungen des französischen Ministerpräsidenten Tardieu außerordentlich verstimmt.
Man ist der Auffassung, daß im Gegensatz zu Briand Tardieu es verstanden hat, die politische Lage wesentlich zu verschärfen.
Im Gegensatz zu der Auffassung des französischen Ministerpräsidenten erklärt man, daß Deutschland nicht nur ein moralisches, sondern auch ein effektives und juristisches Recht auf Abrüstung bst ehemaligen Feindbundstaatcn hat und daß ebenfalls eine Verschiebung der rechtlichen Lage bezüglich eines Moratoriums keineswegs geduldet werden könne. Das Recht, ein Moratorium anzuwenden, sei allein einseitiges Recht Deutschlands und dieser Tatbestand sei in den Verträgen klar festgclegt.
Zu den Darlegungen Tardicus, in denen er nachzuweifen sucht, daß Frankreich weniger Mann unter Waffen hält als Italien und England, erfahren wir vom Rcichswchrministerium, daß eine solche Aufstellung, wie sie Tardieu gemacht habe. durchaus irreführend sei. Das französische Herr einschließlich seiner Kolonialtruppcn beziffere sich auf 577 882 Köpfe, davon seien allein in Frankreich 353 000 garnisomert. England dagegen verfüge einschließlich seiner Kolonialtruppen nur über 530 714 Mann, und Italien halte eine aktive Armee von 206 000 Mann unter Waffen. Hinzu kommen noch 20 000 Mann für die aktiven italienischen Luftstrciikräfte und 389 000 Mann der faschistischen Miliz. Diese Ziffern, die dokumentarisch in den Akten des Völkerbundes wiedergegeben seien, beweisen daß die einzelnen Angaben des französischen 'Ministerpräsidenten, von denen man nicht weiß, auf welche Berechnungen sie sich stützen, zum mindesten irreführend sind.
In Berliner Regierungskreisen ist man der Meinung, daß die Ausführungen Tardicus den Abrüstungsbemühungen wie auch der Liquidation der übrigen, die gesamte Weltwirtschaft störenden Rachkriegsfragen erneut starke Schwierigkeiten in den Meg gestellt haben.
Bergmannötragöblen und politische Setze.
Aus dein Ruhrbezirk wird uns geschrieben:
Man ist es leider gewohnt, daß größere Grubenunglücke in einem Teil der Presse in widerwärtigster Weise zur politischen Hetze ausgenutzt werden. Bedauerlicherweise haben sich daran nach den letzten beklagenswerten Unfällen im Aachener und Saarbrückener Revier, die überall das tiefste Mitgefühl und herzlichste Teilnahme erweckten, nicht nur Kommunisten und Sozialisten, sondern auch bürgerliche Zeitungen und Parteien beteiligt.
Wie anders denn als Hetze ist es zu bezeichnen, wenn beispielsweise die Ze n t r umsf r a k t i on in einer Großen Anfrage einen später als vollkommen unwahr nachgewiesenen Bericht über einen tödlichen Einzelunfall auf der Zeche „Graf Moltke" bei Gelsenkirchen, der angeblich durch Verschulden der Zechenverwaltung entstanden sein sollte, am Tage nach dem Alsdorfer Unglück durch Vermittlung des Wolff-Büros weitestgehend in der deutschen Presse verbreitet und diese Falschmeldung mit der einleitenden Bemerkung versieht: „Die Klagen der Bergarbeiter über Zunahme der Unfälle, herbeigefllhrl durch Verschulden der Zechenverwaltungen, mehren sich." Man beachte insbesondere diese Einleitung. Sie ist ebenso unwahr wie die Angaben über den Unfall selbst. Aber der Zweck, der Oeffentlichkeit in Verbindung mit dem Alsdorfer Unglück den Gedanken nahezulegen, daß viele Unfälle im Bergbau durch Außerachtlassung der Sicherheitsvorschriften seitens der Eruben- oerwaltungen entständen, ist erreicht. Unzählige Zeitungen bringen solche falsche Darstellungen, zumal sie nach solchen Grubenunglücken aktuell sind, aber nicht die Berichtigung.
Zu einem wahren Hetz- und Haß-Feldzug ist auch die Meldung eines Wirtschastsblattes, daß seitens der belgischen Gesellschaft „Arbcd", die zu neun Zehntel Besitzerin des Eschweil->r Bergwerksvereins ist, auf die wenigen noch in deutschen Händen befindlichen Aktien eine ktprozentige Dividende garantiert sei, benutzt worden. An sich wäre es zweifellos Pflicht einer reinen Wirtschastszeitung, eine solche Nachricht, die doch im vorliegenden Falle nur dazu dienen sollte, die Kleinaftionäre vor Angstverkäufcn und Verlusten zu bewahren, ihren Lesern nicht vorzuenthaltcn. Aber gerade weil man weiß, daß solche Meldungen den politischen Hetzern ein willkommenes Material bieten, kann man vielleicht darüber streiten, ob es nicht richtig gewesen wäre, die Meldung nicht oder erst später zu bringen. Wenn diese aber wochenlang in der parteipolitisch interessierten Presse und schließlich auch noch im Landtag in übelster Weise zu Beschimpfungen nicht nur des betreffenden Wirtschaftsblattes, sondern auch der Zechenbesitzer und sogar der ganzen deutschen Wirtschaft ausgenutzt wird, die doch mit der ganzen Sache nichts zu tun haben, so zeigt sich hier die politische Hetze in ihrer ganzen Niedertracht. Am meisten tun sich dabei, das ist sehr bezeichnend, gerade solche Blätter hervor, die gewohnt sind, aus einem Grubenunglück durch sensationelle Darstellungen und lügenhafte Berichte für sich selbst Kapital zu schlagen.
Die Linkspresse dient mit solchen hetzerischen Darstellungen dem Bolschewismus, sonst niemanden, am wenigsten der cadje unserer Bergleute, deren Schicksal in dem tiibutversklavten Deutschland ohnehin schwer genug ist und nicht leichter werden ?ann, wenn der deutsche Bergbau von verbitterten und haßerfüllten Belegschaften betrieben wird.
Ausstieg oder «itbtrgang.
Schicksalsfragen des deutschen Handwerks :
„Db dieser Staat leben bleibt ober nicht, das wird die nächste Zeit entscheiden. Der finanzielle Zusammenbruch von Staat und Wirtschaft ist das grauenvolle Gespenst, das über -Deutschland schwebt. Sprechen wir es ruhig aus, daß der Marxismus über das innere Staatsleben Deutschlands gesiegt hat und zivar deshalb, iveil die breiten Schichten des Bürger tums immer noch nicht begriffen haben, was sie diesem Staate schuldig sind. Die Zeiten sind ein für alle mal vorbei, die es dem Bürgertum gestatten, abseits zu stehen und die sogenannte Politik Leuten zu überlassen, die nach einem Worte von Bismarck vom Äriegführen bis zum Hundcflöben alles besser ver stehen, als irgendein Fachmann. Politik ist nicht so sehr eine Kunst, als vielmehr eine Wissenschaft. Um rechte Politik tret ben zu können, muß man auch etwas rechtes gelernt haben, muß die tiefe Verwobenheit aller Wirtschaftszweige miteinander kennen, vom Wesen, von der Entwicklung, und den Eristcnz- möglichkeitcn des eigenen Volkes wissen, um dementsprechend handeln zu können. Heute ist entweder alles Politik, oder cs gibt überhaupt keine Politik mehr. Das gerade der gewerbliche ^Mittelstand, sowie das Handwerk in eine derartige Mot und Bedrängnis hincingcralen find, ist nicht zuletzt darauf zurück;» führen, daß man sich um das Wesen und die Bedeutung der Politik für das wirtschaftliche Leben leiser niemals so recht geflimmert hat. Diese Intercssenlosigkcit hat dann auch dazu geführt, daß in den Parlamenten über den Kopf des gewerblichen ^Mittelstandes hinweg Gesetze durchgingen, die Haudiverk, Handel und Gewerbe mit immer neuen Steuern belegten, die geradezu untragbar geworden sind und dazu beigetragen haben, den selbständigen Mittelstand mehr und mehr zu proletorisieren.
Heute muß der letzte unter uns fühlen, daß ihm der Bei telstab winkt. Wir sind von einer Enttäuschung in die andere hincingestoßcn worden. 21 Ile Versprechungen, mit denen wir geradezu „gesegnet" wurden, haben ivcder das Herz, noch den Beutel angefüllt.
Halten wir einmal kurz Rückschau und Umschau. Als der sozialistische Finanzminister Hilferding kurz nach der vor letzten Aeichswahl seine Antrittsrede im Parlament hielt, erklärte er wörtlich: „Die Steuern seien bis an die Grenze des Möglichen angespannt." Es wurde die schnellste Einbringung eines Steuervereinhcitlichungsgcsctzea versprochen. Geschehen ist nichts. Statt dessen kamen neue Steuererhöhungcn. 1927 brachte es ein Finanzministcr fertig, die Gehälter der Beamten zu erhöhen: die Erhöhung kostete uns jährlich rund i % Milliarden AM. Daß diese Besoloungserhöhung für die deutsche Wirtschaft untragbar war, zeigte sich seit dieser Zeit an dem ungeheuren Fehlbetrag im Staatshaushalt. Ein anderer Finanzminister glaubte es verantworten zu können, eine Senkung der Lohnsteuer vorzunehmen. Für den einzelnen Arbeitnehmer waren dies Pfennige. Sie machten ihn weder reicher »och glücklicher, verursachten aber dem Staatssäckel jährlich eine Einbuße von über 100 IMillioncr? AZM.
Welche Hoffnungen und Erwartungen wurden s. Zt. an die Verhandlungen im Haag geknüpft, von denen man die end- gültige Liquidierung des Krieges erhoffte, sowie eine erhebliche Senkung der öffentlichen Lasten und ferner den Auftrieb der schwer darniederliegenden ^Wirtschaft. 700 Millionen AM. „Ersparnisse" t>om Doungplan sollten für Steuersenkung verwendet werden, aber diese Summe war schon längst verbuttert, ehe es dazu kam. Das Loch im Staatshaushalt wurde immer größer. Hinter all den großen Versprechungen, die dem deutschen Volke gemacht wurden, standen leider immer nur kleine Männer. So sind wir dann zu guterletzt gelandet, bei dem Ermächtigungsgesetz und bei der Motverordnung!
Seit 1926 find die Ausgaben für Aeich, Länder und Gemeinden alljährlich durchschnittlich um 10 Prozent gestiegen, so daß man annehmen sollte, wir find ein Volk von ständig wachsendem Wohlstand und Einkommen, das mit Begeisterung Steuern zahlt. Vielleicht wäre es am zweckdienlichsten, wir geben dem Staat unser noch vorhanoenes Vermögen und lassen uns einfach die Steuern auszahlen.
Die gesamten Schulovcrbinolichkciten des Aeiches, der Länder, Hansastädte und 44 Großstädte betrugen am 31. März 1930 60 Milliarden 972 ^Millionen A.-MTark gegenüber Co Milliarden 372 Millionen A.-Mark am 31. 12. 1929. Die neue Verschuldung im ersten Vierteljahr 1930 betrug also 600 Millionen A.-Mark! Bei diesem edlen Eifer aller mög= lieben Stellen, soviel Geld wie möglich aus der Wirtschaft herauszupresten und möglichst freigiebig wieder zu verwirtschaften, ist der Zusammenbruch unausbleiblich. Man muß sich oft fragen, ob wir für diese katastrophale Entwicklung wirklich 103 amtierende Minister, 2 384 Abgeordnete, ungerechnet der Provinzial- und Kreistagsabgeordneten und obendrein noch 326 der im „Vorläufigen" Aeichswirtschaftsrat nötig haben. Uns will bange werden vor soviel Köchen, die den Brei verderben.
Wir haben leider seit über 10 Jahren eine Politik getrieben, die es dahin gebracht hat, das schier Unmögliche möglich zu machen, nämlich den Kampf aller gegen alle bis zur Siedehitze zu steigern.
Ein Blick auf oen Staatshaushaltsplan belehrt uns, daß allein für Sozialversicherungen aller 2(rt rund 5 V- Milliarden