Gießener Jeitnng
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43. Fahrv.
Gamstav, den 14. Fant 1930
Nummer 4647
Politische
Die Reichsregierung hat beschlossen, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, um Dem Preis für Roggen neuer Ernte die notwendige Sicherung zu geben.
An Kaiserslautern wurde in Anwesenheit des Oberkommandierenden der Bcjatzungstruppcn, General Guillaumat, die sianzösischc Flagge vom Regierungsgebäude niederholt. General Guillaumat stattete den Behörden Abschiedsbesuche ab.
Der deutsche Kreuzer „Karlsruhe", der eine Woche vor der jordinischc» Hauptstadt lag, hat seinen Standort nach Taormina an der südlichen Küste von Sizilien verlegt.
Fast täglich werden im Bcuthener Gebiet polnische Dcser- kutc sestgenommen. So sind dort in dieser Woche bereits acht polnische Soldaten in voller Uniform verhaftet worden.
Die französische Kammer hat am Donnerstag das Internationale Schiedsgerichtsablommcn ratifiziert.
Im Militärlager von Sissone in der Nähe von Lille haben sich unter den Reservisten, dir zu einer Wafsenübung cingerückt traten, erhebliche Unruhen ereignet. Die Soldaten bcschimps-
icn die Offiziere und Unteroffiziere und verweigerten entschieden
btn Gehorsam.
Wie aus Wilna gemeldet wird, kam es im Grcnzabfchnitt 'tkilcjka zwischen einer sowjetrussischen und einer polnischen Grenzwache zu einer Schießerei, in deren Verlauf der russische Kcmmandant Tscherbakow getötet und ein Rotarmist verwundet wurde.
General Presan hat den Auftrag, das rumänische Kabinett in bilden, an den König zurückgcgcbe».
„Sera Sccolo" meldet aus Malta: Der britische Gouverneur »«»bot sämtliche politische Versammlungen aus Malta. Die letzte!« Zusammenstöße haben mehrere Tote gefordert.
Wie aus Bernambuco in Brasilien gemeldet wird, ist im si eak Pnrohyba eine neue Ausstandsbcwcgung ausgcbrochcn. Sei einem Zusammenstoß zwischen Buiidcstruppcn und Anhän- fcin Pereiras gab cs über hundert Tote und eine große Zahl von Verletzten.
1283,7 Millionen RM. Fehlbetrag
im Rechnungsjahr 1929.
Das Reichsfina »Ministerium veröffentlicht nunmehr den Ausweis über die Rcichscinnahmen und -ausgaben im Rech- i rungsjahr 1929. Danach betrugen im.ordentlichen Haushalt die Einnahmen 10146,1 MillionenRM und die Ausgaben 10 545,7 § Millionen RM, so daß sich eine Mehrausgabe von 399,6 Millionen RM ergibt. Zuzüglich der zur Deckung der am Schluß k kcs Rechnungsjahres 1929 noch unbeglichenen Restposten (abzügl. ter Restcinuahmen) crforderlicheir 65,4 Millionen RM ergibt sich am Schluß des Rechnungsjahres 1929 ein Fehlbetrag von 465 Millionen RM, wovon 154,4 Millionen RM auf das Rech- »ingsjahr 1928 entfallen.
Im außerordentlichen Haushalt stehen 481,0 Millionen RM in Einnahmen, 348,2 Millionen RM an Ausgaben gegenüber, je daß sich eine Mehreinnahme von 132,8 Millionen RM ergibt. Hach Berücksichtigung der zur Deckung am Schluß des Rechnungsjahres 1929 noch unbeglichenen Restausgaben erforderlichen 47,0 Millionen RM und des Fehlbetrages aus den Rechnungsjahren |926=28 in Höhe von 904,5 Millionen RM bleiben aus spätern Einnahmen des außerordentlichen Haushalts noch 818,7 Millionen RM zu decken.
Der Fehlbetrag im Ecjamthaushalt beziffert sich dennoch «aus 1283,7 Millionen RM.
Die Reichsschuld belief sich am 31. März auf 8452,6 Millio- n RM und die schwebende Schuld auf 1938,4 Millionen RM.
200 Millionen durch Darlehen und Verkauf von Reichsbahnaktien.
Berlin, 13. 6. Am kommenden Dienstag finden im Reichs- bcitsministerium Verhandlungen zwischen der Reichsrcgicrung tb den Landesoersicherungsanstalten über Die Hergabe eines
irchens in Höhe von 60—70 Millionen RM an das Reich
Pi« Die Landesversicherungsanstalten sind bereit, diesen Be
eg zur Verfügung zu stellen.
Ferner will das Reich neue Vorzugsaktien der Reichsbahn terbringen. Die Rcichsvcrsicherungsanstalt für Angestellte in den letzten Tagen bereits 50 Millionen RM Reichsbahn- ßugsattien übernommen und wird noch weitere 50 Millio- t RM kaufen. 50 Millionen RM Reichsbahnvorzugsaktien km nach dem Ausland verkauft werden. Auch die Erlöse aus ei Verkauf dieser Aktien sollen zur Ankurbelung der Wirtschaft neu. Weitere 100 Millionen werden aus der bei der Schrö- Sruppe geplanten Anleihe hinzukommen, jodaß insgesamt ächst 300 Millionen für Arbeitsbeschaffung zur Verfügung «dien.
Das Reichskabinett hält an dem Rvtvpser der Zestbesvideken fest.
Berlin, 13. Juni. Als Auftakt zu der heutigen Kabinetts- sitzung fand eine eingehende Besprechung zwischen Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer statt. Der Kanzler erklärte sich mit dem Minister solidarisch. Dieser Haltung trat auch später das Kabinett bei. Es hält also an dem Notopfer fest. Ein großes Arbeitsbeschassungs- und Ausgabensenkungsprogramm bildet den Rahmen der Ka- binettsbcschlüsse.
Keine Verpfändung des Spritmonopols.
Berlin, 13. 6. Die Meldung der „Deurschen Zeitung", daß die deutsche Reichsregierumg das Spritmonopol an den Ostroerke- Konzcrn verpfänden wolle, wird von zuständiger Seite demontiert.
Kündigungen bei der Reichsbahn.
Berlin, 13. 6. Durch den Verkehrsrückgang veranlaßt, hat die Hauptverwaltung der Rcichsbahngesellschaft mit den vertragschließenden Eisenbahngewerkschaften über Einschränkungs- maßnahmcn, Entlastungen von Arbeitern und Einlegung von Feierschichten verhandelt. Die Hauptverwaltung der Reichsbahngesellschaft erklärt nach Presseangabcn in den Verhandlungen, daß sich durch den Verkehrsrückgang etwa 4000 Werkstätten- arbeiter erübrigt hätten. Die beabsichtigte Tariferhöhung könne den Verlust an (Einnahmen auch nicht wettmachen. Um den Gewerkschaften entgcgenzukommen, wolle man nur 1900 Arbeiter entlassen, 2100 sollten durch Einlegung von Feierschichten weiter behalten werden.
Todesstrafe für kommunistische Propaganda.
Warschau, 13. 6. In Lemberg wurden drei jugendliche Kommunisten wegen Ausgabe und Kolportage kommunistischer Flugschriften zum Tode verurteilt. Das Gericht erkannte in seinem Urteil auf das Verbrechen des Hoch- und Staatsverrats.
Die Toten beim Schiffsunglück von Boston.
Boston, 12. Juni. Nach amtlichen Mitteilungen hat der Zusammenstoß des Dampfers „Fairfax" mit dem Tankschiff „Blinthus" vierzig Todesopfer gefordert, darunter befindet sich die gesamte Besatzung des Tankdampfers, die einschließlich des Kapitäns 22 Mann betrug. Von der „Fairfax" sind 17 Passagiere und 11 Mann der Besatzung tot.
Max Schmeling Weltmeister im Boxen.
Sharkey wegen „Tiefschlag" disqualifiziert.
Newyork, 13. 6. Der mit großer Spannung erwartete Weltmeisterschaftskampf zwischen Max Schmeling und Jack Sharkey nahm ein überraschend schnelles Ende. In der vierten Runde brachte Sharkey einen regelwidrigen Schlag an, der seine sofortige Disqualifikation zur Folge hatte. Schmeling wurde zum Sieger erklärt.
10000 tschechische Kachelöfen.
Ein unbegreiflicher Entschluß der Berliner Wohnungsfür- sorgegescllschaft hat, wie aus Berlin gemeldet wird, die Deutsch- nationale Volkspartei zu folgender Anfrage im Preußischen Landtag veranlaßt:
„Die Wohnungsfürsorgegescllschast Berlin hat, wie verlautet, genehmigt, daß für die Wohnungsneubauten in Berlin etwa 10 000 tschechische Kachelöfen beschafft und verwendet werden. Trotz der katastrophalen Finanz- und Steuernot unseres Vaterlandes bringt nach der Mitteilung die Wohnungsfürsorgegefell- schast cs fertig, Stcucrgclder der deutschen Steuerzahler (es handelt sich fast ausschließlich um Haus.zinssteuer-Neubauten) an das Ausland weitcrzuleiten. Trotz der schweren Notlage der deutschen Wirtschaft übergibt die Wohnungsfllrsorgegcscllschaft Berlin dem Ausland einen Auftrag, durch den 150 deutsche Töpfer und Oscnarbciter ein ganzes Jahr volle Beschäftigung hätten haben können. Wie solle» die Bemühungen, das Arbeitslosen- problcm zu lösen, zum Ziele führen, wenn amtliche oder halbamtliche Stellen, wie die Wohnungssürjorgegcscllschaft Berlin jedes Verständnis für die Not bet Wirtschaft oermisten lassen und deutsche Arbeiter brotlos machen?"
Zur Wirtschaftskrise.
Ueber unsere jetzige katastrophale Wirtschaftskrise urteilt ein Kenner der gesamten Lage, Herr Dr. Vommbruch, folgendermaßen:
Die jetzige Krise ist keine solche im üblichen Sinne, sondern sic ist ein Prozeß, in dem die Wirtschaft einschrumpst aus die von den Verlusten der Kriegszeit, Nachkriegszeit, der tollen Ausgabewirtschaft und der Tributlaften gegebene Armut. Die jetzige Krife ist kein Kampf um die Beibehaltung des alten Lebensstandards, sondern sie zwingt zur Gewöhnung an einen neuen, noch ungewohnten.
Preisgabe von iP Milliarden Goldmark.
Berlin. Das im Zusammenhang mit der Aufrollung der Kricgsgcfangenensorderungen aktuelle Problem der Entschädigung für Wicdcrausbau-Arbeiten kriegsgefangener Deutscher in Frankreich und Belgien nach dem Waffenstillstand wird in der Denkschrift der Arbeilsgemeinschast der Vereinigungen ehem. Kriegsgefangener Deutschlands an einem Beispiel illustriert: Drei Originalphotos zeigen das prächtige Schloß Havringcourt im französischen Kampfgebiet in drei verschiedenen Phasen: zuerst so, wie es in den ersten Kämpfen beschädigt wurde, dann im Augenblick der Sprengung (eine sehr seltene Kriegsausnahme) und zuletzt als Trümmerhaufen. Dazu stellt der Herausgeber des „Ehem. Kriegsgefangenen" (Bremen 479) das Bild einer der vielen zu Aufräumungs- und Wiederaufbauarbeiten in Frankreich nach dem Waffenstillstand zuiückbehaltcnen Arbcits- kompagnien (es ist die P. G. Eomp. 514 bei Valenciennes im Mai 1919) und veröffentlicht hierzu den hierhergchörcnden genauen Wortlaut der Denkschrift ves Rcichsfinanzriinistcriums vom Sommer 1929 über „die materiellen Forderungen der deutschen ehemaligen Kriegsgefangenen":
„Eine besondere Stellung :m Rahmen der Ansprüche der Frankreich-Heimkehrer nimmt die sogenannte Wiedcrausbau- cnrschädigung ein:
Während der Rücktransport der deutschen Kriegsgefangenen aus Rußland bereits im Jahre 1917, im übrigen bald nach dem Waffenstillstand, einsetzte, mürben die deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich bis zum Friedensschluß zurückgehalten und dort von der französischen Regierung zu Aufräumungs- und Wiederaufbauarbeiten in der ehemaligen Kampfzone verwendet Der Wert der dort geleisteten Arbeit ist nach Abzug der Unterhaltungskosten der Kriegsgefangenen auf 1 bis 1/ Milliarden Goldmark geschätzt worden. Die Kriegsgefangenen haben den Standpunkt vertreten, daß für die während des Waffenstillstandes geleistete Arbeit eine angemessene Entschädigung zu gewähren, oder zum mindesten eine entsprechende Gutschrift auf Rcparationskonto zu Gunsten Deutschlands zu verbuchen sei . . . Ergänzend wird dazu bemerkt, daß eine Gutschrift des Wertes der Kriegsgefangenenarbeiten nicht erfolgt ist und auch in Zukunft nicht zu erreichen sein wird. Bei der Entwicklung, die die Frage der Lösung des Reparationsproblcms inzwischen genommen hat, erscheint es nicht angezeigt, Verhandlungen einzulci- ten mit dem Ziele, daß für den Wert der von den Kriegsgefangenen geleisteten Aufräumungs- und Wiederherstellungsarbeiten Deutschland ein gewisser Betrag gutgebracht werde. Ueber die Höhe der Sefamtforberung der Alliierten einerseits und die Bewertung der von Deutschland bereits geleisteten Reparationen andererseits bestehen so weitgehende Meinungsverschiedenheiten, daß sich selbst bei einer Anerkennung der Kricgs- gefangenenforberungen gegen Frankreich und Belgien an der Gesamtlage wenig ändern würde."
„Was hat man getan", so setzt die Denkschrift der Kriegsgefangenen hinzu, „um diese 1 % Milliarden Goldmark der deutschen Wirtschaft und den ehemaligen Kriegsgefangenen zu erhalten, welche für diese Arbeiten Zeit, Gesundheit, Familie und friedliche Erwerbsmöglichkeit in der Heimat dahingeben mußten?
Kleinwohnungen in Hessen.
Unter obigem Title hat die Wohnungsfürsorgegescllschast für Hessen ein Sonderwerk herausgegeben, das einen sehr interessanten Ausschnitt aus dem Gebiet der Kleinwohnungsbautätigkeit Hessens bietet. Nach einem Geleitwort von Minister Korell kommen Ministerialrat Klump, Regierungsrat Dr. Meyer, Präsident Dr. h. c. Neumann, Bcrwaliungsrcchtsrat von Gruner und Direktor Reg.-Bmstr. Kohl mit längeren Ausführungen zu Wort. Die Stellung, die die Wohnungsfür- sorgegcsellschaft in der hessischen Wohnungspolitik einnimmt, wird zusammenfassend wie folgt gekennzeichnet:
Die Wohnungsfürsorgegesellschpft ist ein gemeinnütziges, der staatlichen Aufsicht unterstehendes, Unternehmen: der Hessische Staat ist mit etwa 50 v. H. am Stammkapital der Gesellschaft beteiligt. Als weitere Gesellschafter sind zu nennen: Die Landesversichcrungsanstalt, die hessischen Landesbanken, Kreise, Städte und Gemeinden, Kricgsbeschädigtenorga- nisationen, der Verband der Bauvereine in Hessen, der Bund der Kinderreichen, Gewerkschaften, Beamtenschaft und bergt. Die für die Betreuung von Bauvorhaben von der Gesellschaft berechneten Gebühren (für finanzielle und technische Vollbctrcuung zusammen i. D. 4 v. H.) sind verhältnismäßig sehr niedrig und bienen zur Deckung der eigenen Unkosten. Dafür nimmt die Wohnungsfürsorgegesellschaft dem Bauherrn alle Arbeit ab und spart ihm durch Bearbeitung aller behördlichen, technischen und finanziellen Aufgaben Zeit, Geld und Sorgen. ' Das Programm der Gesellschaft wird wie folgt dargestellt:
1. Bauberatung von Einzelbauherren. Baugenossenschaften und Gemeinden;
2. Beschaffung von 1. und 2. Hypotheken, öffentlichen Baudarlehen und Bauzwischenkrediten;
ß. Anfertigung von Siedlungsplänen und ^injelentwünfen unter Benutzung bewährter Typenplänen;