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Gießener Jeiinng

V__^ I ^ (Gießener Tageblatt) ^^^^ (Neueste Nachrichten)

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43. Fahrg. Mittwoch, den 12. Februar 1930 Nummer 12

Politische Rundschau.

Die Zcntrumsfraktion des Reichstages will der Rcichsrcgic- rung mitteilen, bag die mit dem Youngplan zusammenhängen­den Gesetze erst verabschiedet werden können, wenn gleichzeitig die mit der Sanierung der Rcichssinanzen zusammenhängenden Fragen geklärt werden.

Der Rcichsfinan, minister hat dem Reichsrat eine Verord­nung über den Zuschlag zur Krastsahrzeugsteucr für das Jahr 1930 zug-h-n lassen. Der Zuschlag soll wie im Jahre 1929 wieder 15 Prozent betragen.

Der Reichsparteitag der DVP. wird voraussichtlich am 23. März in Mannheim stattfindcn.

Einer Warschauer Meldung zufolge rechnet man in Polen mit der bevorstehenden Umwandlung Ler deutschen Gesandtschaft in eine Botschaft.

Der Oberste Gerichtshof in Palästina hat die gegen neun Araber im Zusammenhang mit den Unruhen im August des vorigen Jahres ausgesprochenen Todesurteile bestätigt.

Die Voruntersuchung gegen die Brüder Sklarek dürfte noch Ende dieses Monats abgeschlossen werden. Man rechnet damit, Latz frühestens im August die Hauptverhandlung beginnen wird, Lie fünf bis sechs Monate dauern dürfte.

Am Sonntag fand die fünfteGrüne Woche" Berlins ihren Abschluß, deren Schlutzergcbnis mit über 300 000 Besucher in neun Tagen einen der größten Berliner Vrcanstaltungscrsolgc darstcllt.

Von der Handelskammer Saarbrücken liegt ein Projekt vor, Las sich mit der Errichtung eines Rhein-Saar-Kanals bcschäj- tigt. Der Kanal soll teilweise entlang Ler Nahe durch rhein- hessisches Gebiet geleitet werden. Das Ende Les Kanals würde, der Elanstrccke folgend, etwa bei Bingen in den Rhein münden.

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Der Deutsche Ostmarkenvcrcin veranstaltete am Sonntag eine Kundgebung gegen das deutsch-polnische Liquidationsabkommen.

«mdasWWe Sparprogramm.

Unter der BezeichnungSchulgelderhöhung und Volksschul- lastcn der Gemeinden" ist durch die hessische Presse ein Artikel mit Zahlenangaben veröffentlicht worden. Das Ministerium für Kultus und Bildungswesen hat nunmehr eine genaue Be­rechnung aufgestellt, auf Grund derer das Nachstehende miige- tcilt werden tann:

In dem von der Regierung geplanten Sparprogramm ist vorgesehen, datz die Gemeinden für jede Voltsschullchrcrstellc einen Beitrag von 200 Rmk. leisten sollen. Aus dieser Matz­nahme wird der Stadt Darmstadt eine Ausgabe von rd. 40 000 Rmk. erwachsen. Für Eichen wird die Belastung rd. 14 000 Rmk. betragen, für Worms rd. 24 000 Rmk., für Michelstadt rd. 2 200 Rmk., für Mainz rd. 50 000 Rmk. und für Offenbach rd. 42 000 Rmk.

Hierbei muß erwähnt werden, daß durch die Sparmatznah- men der Regierung auch eine Verminderung der Stellcnzahl eintritt, die in den obigen Zahlen bereits in gewissem Umfange berücksichtigt ist. Dieser Rückgang in der Stellenzahl führt zwangsläufig zu einer in den einzelnen Orten natürlich ganz verschiedenen Verringerung der von den Gemeinden auszubringenden sachlichen Kosten.

Von allgemeinem Interesse dürste noch [ein, datz die Re­gierung im Staatsvoranschlag für 1930 einen Betrag von 30 000 Rmk. vorgesehen hat, der zur Unterstützung leistungs­schwacher Gemeinden bei der Aufbringung der Stellenbeiträge für die Volksschulen dienen soll.

Die SchulgclLcrhöhung im laufenden Schuljahr in Ver­bindung mit dem an Ostern 1930 zu erwartenden verstärkten Zugang zu den höheren Schulen wird Ler Stadt Darmstadt eine Mehreinnahme von rd. 54 0000 + rd. 8 000 = rd. 62 0000 Rmk. bringen. Immer in runden Zahlen ausgedrückt, beträgt das entsprechende Mehr für Eietzen 27 000 + 4 000 31 000 Rmk. für Worms 24 000 + 3 000 = 27 000 Rmk., für Michelstadt 2 300 + 500 = 2 800 Rmk., für Mainz 39 000 + 8 000 = 47 000 Rmk. und für Offenbach 30 000 + 4 000 = 34 000 Rmk. In ähnlicher Weise werden sich Schulgelderhöhung und die zu er­wartende Schülerzunahme in allen Gemeinden mit höheren Schulen auswirken.

Selbstverständlich können die Berechnungen über das Mehr an Schulgeldcinnahmcn infolge der Ungewißheit über die vor­aussichtliche Schlllerzunahme an Ostern 1930 vorerst nur auf Schätzungen beruhen. Schwankungen nach oben oder unten sind also wohl möglich, doch werden die genannten Zahlen der Wirklichkeit ziemlich nahe kommen.

Schaumburg-Lippes Anschluß.

Bückeburg, 11. 2. Im Schaumburg-Lippischen Landtag wurde die 2. Lesung des Gesetzentwurfes über die Vereinigung Schaumburg-Lippes mit Preutzcn mit 10 gegen 4 Stimmen an« genommen.

Ein deutscher Lehrer in Odessa verurteilt.

Wie aus Moskau gemeldet wird, hat das Eowjetgcricht in Odessa den dcutschstämmigen Lehrer Karl Peters zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, weil er mehreren Schülern Religionsun­terricht erteilt hat. Nach Verbüßung der Strafe soll Peters nach Sibirien verbannt werden.

Lehrerausweisungen.

Kowno, 11. 2. Eine Nachricht, wonach 80 deutschen Leh­rern durch den Gouverneur des Memelgcbietes gekündigt wor­den ist, wird von litauischer Seite bestätigt. Der Autzenmini- stcr hat dem deutschen Gesandten zugesagl, eine Klärung 'der Angelegenheit herbeizusühren.

40 000 Berliner Laden Phne Licht.

Ein Protest gegen die städtischen Tarise.

Der Bund der Handels- und Gewerbetreibenden hat den Beschluß gefaßt, seine sämtlichen Mitglieder und die dem Bunde angeschlosscnen Verbände auszufordern, vom 15. bis zum 28. Februar als Protest gegen die Erhöhung der städtischen Werk- tarijc nach Geschästsschluß die Schauscnstcrbeleuchtung einzu- stcllen und auch die Rcklameinschristcn nicht mehr leuchten zu lassen. An der Aktion sollen sich rund 40 000 Berliner Laden­geschäfte aus den verschiedensten Branchen beteiligen.

Der ölvObampfer..München im Newnorker Keifen durch Feuer zerstört.

Newyork, 11. Febr. Der am 30. Januar im Bremen abge­fahrene und am heutigen Dienstag in Newyork eingetrofsenc DampferMünchen" des Norddeutschen Lloyd ist durch Feuer zerstört und gesunken.

Der Dampfer war gerade angekommen und hatte am Pier festgemacht und die Passagiere hatten begonnen, von Bord zu gehen, als dichte Rauchwolken aus dem Schiff Herausquollen, worauf sofort das AlarmsignalFeuer im Schiff" den Dampfer durchgellte. Der Umsicht der Schiffsleitung gelang es, eine Pa­nik zu verhüten und alle Passagiere sicher an Land zu bringen. Der Kapitän ließ alle Feuetlösch- und Sicherheitsmatznahmen ergreifen und auch die Newyorker Feuerwehr griff alsbald in die Katastrophe ein. Dennoch erwies sich eine Rettung des Schiffes als unmöglich. Es folgten noch mehrere Explosionen, wobei drei Feuerwehrleute verletzt wurden.

Amerikaner wollen die Emelka kaufen.

Die Pressemeldung, daß die Radio-Corporation, die Mutter- gesellschaft der Western-Clectric, der Rcichsregierung das An­gebot gemacht habe, das im Besitz der Reichsregierung befindliche Aktienpaket der Emelka zu übernehmen, wird von Seiten des Rcichsinncnministeriums für richtig erklärt. Das Angebot der Radio-Corporation fei außerordentlich günstig.

Unverantwortliche Angriffe gegen die Wahrung.

Seit mehreren Jahren hält der frühere Reichstagsabgeord­nete Richard Kunze nacheinander in den verschiedenen deut­schen Landesteilen Vorträge über das ThemaKommt eine neue Inflation?" Die Auswirkungen dieser Vorträge zeigen sich in plötzlichen ruckweisen Steigerungen der Abhebungen, bezw. Kün­digungen von Sparbeträgen bei den Geldinstituten und in einer allgemeinen Beunruhigung der Bevölkerung über die Weiter­entwicklung der Währung, vor allem nach 1932.

Die durch die unverantwortlichen Ausführungen des Volks- redners wachgerufene Beunruhigung wird noch dadurch verstärkt, daß durch Unterbindung jeder Diskussion die Möglichkeit einer sachkundigen Aufklärung an Ort und Stelle genommen wird und daß in leider nicht seltenen Fällen die Ortspresse ausführ­lichere Berichte über die Vorträge von Kunze bringt. Aus welchem Interesse Kunze immer wieder die gleichen Vorträge hält, wird klar, wenn man weiß, daß jeder Zuhörer ein Eintritts­geld von 50 Rpfg. zu zahlen hat. Nach Angaben von Kunze hat et den Vortrag schon über 600 Mal vor mehreren hundert­tausend Zuhörern gehalten: er hat also aus den Eintrittsgeldern und dem Verkauf seiner Broschüren während der Vorträge ein ansehnliches Vermögen verdient. Kunze, der bereits den Dp fenbarungseid leisten mutzte, wirbt dabei auch für eine unbe­deutende, von ihm gegründeteDeutsche Sparoereinigung auf wertbeständiger Grundlage e. G. m. b. H", Berlin-Friedenau. Diese finanziellen Hintergründe blieben eine Privatangelegen­heit, wenn nicht die Vorträge in Süd-, Ost- und Mitteldeutsch­land die außerordentlich ungünstigen Wirkungen auf weite Be- völkeiungslreise ausgeübt hätten. Die Möglichkeit eines be­hördlichen Eingreifens besteht leider nicht, weder Reichsregie­rung noch Reichsbank haben eine gesetzliche Handhabe zur Unter­bindung der verantwortungslosen Demagogie.

Versichern ober sparen?

Was in der Vorkriegszeit in einem arbeitsreichen Leben und vielfach unter Verzicht auf jeden unnötigen Aufwand, mit­unter durch Entbehrungen gespart und für das Alter zuriickgc- legt worden ist, wurde durch die Inflation nahezu restlos ver­nichtet ober doch mindestens stark dezimiert. Besonders schwer betroffen wurde von diesen Verhältnissen der werktätige und hausbesitzende Mittelstand Für ihn« gibt es leine Fürsorge seitens des Staates, und seine Angehörigen erhalten, auch wenn sie arbeitsunfähig werden, keine Pension. So steht heute der Mittelstand vor einer düsteren Zukunft, vielfach vor einem Nichts. Das stellt ihn vor die Notwendigkeit, neu aufzubauen, was Kriegs- und Inflationszeiten zerstörten, das stellt ihn vor die Aufgabe, aufs neue Vorsorge zu treffen für die Existenz- sicherung der Familie Zugegeben ist, daß dies sehr erschwert ist durch den schweren Existenzkampf, den der Mittelstand heute zu führen gezwungen ist, und durch den gewaltigen Steuer­druck, der kaum das Notwendigste zum Leben läßt. Wer aber die Sorge des mit jedem Tage näher rückenden Alters und da­mit der Arbeitsunfähigkeit bannen will, muß sich wieder auf« raffen, das zu ersetzen, was ihm das letzte Jahrzehnt vernichtet hat.

Damit wird der Mittelständler vor die Frage gestellt: Ver­sichern oder sparen?

Der Wert einer Lebensversicherung soll durchaus nicht ver­kannt werden, obwohl das Vertrauen in diese Art der Alters­versorgung schwer erschüttert wurde. Zweifellos wurden auch die Lebensversicherungsgesellschasten von der Inflation schwer getroffen und auch die Kapitalanlagen dieser Gesellschaften. Aber die winzigen Auswertungsquoten aus bezahlten Lebens­versicherungsprämien und die überaus ungünstigen Auszah­lungsbedingungen derselben haben nicht ohne Grund zu einer Abneigung gegen die Lebensversicherung bei denjenigen ge­führt, die hiervon ungünstig betroffen wurden Der Abschluß einer Lebensversicherung auf einen einigermaßen ins Gewicht fallenden Betrag verbietet sich für weite Kreise des Mittel­standes im Hinblick auf das vorgeschrittene Alter und die da­durch bedingten beträchtlichen Jahresleistungen. Abschreckend wirkt auch die Möglichkeit des Eintritts veränderter Verhält­nisse, die die Weiterzahlung der Prämien in Frage stellen und unter Umständen unmöglich machen. Zwar besteh! in solchen Hallen die Möglichkeit, die Versicherung unter Einstellung der Prämienzahlungen in eine sogenannte prämienfreie Versiche­rung umzuwandeln: die Bedingungen für Auszahlung und Ver­zinsung der bis dahin eingezahlten Beträge sind aber für die Versicherten keineswegs günstig.

Diese Umstände erfordern, eine andere Altersversorgung ernsthafter als ehedem in Erwägung zu ziehen: das Sparen. Es wird bestimmt seit Stabilisierung der Währung wieder ge­spart. Der Sparer aber mutz sich doch die Frage vorlegen, ob er mit der von ihm betätigten Sparsamkeit auch richtig und in der für ihn zweckmäßigsten Form spart. Ob jemand zweckmäßig oder systematisch spart oder nicht, ist leicht zu beurteilen, wenn er sich das vomZentraloerband Deutscher Haus- und Elund- besitzervereine" durch seine Kreditanstalten ins Leben gerufene Sparsystem genauer betrachtet, die

Altersversorgung des hausbesitzenden Mittelstandes.

Dieses System ist speziell aus die Verhältnisse des werktätigen und bodenständigen Mittelstandes zugeschnitten. Es will unter Vermeidung eines starren Systems den Bedürfnissen der wei­testen Kreise tunlichst Rechnung tragen und vermeidet auch alle entbehrlichen Bindungen, so daß dem Sparer bei veränder­ten Verhältnissen die Möglichkeit der Einschränkung oder Aus­dehnung des Sparens gegeben ist.

Mit 10 Ji Rücklage pro Monat ist selbst bei bescheidenen Verhältnissen Gelegenheit geboten, von derAltersversorgung" Gebrauch zu machen. Wer 10 Jahre lang auf diese Weise spart, hat nach Ablauf dieser Frist 1200 Ji einbezahlt und erhält da­für unter Zurechnung von Zins und Zinseszins 1633 Ji zurück. Wer monatlich 30 Ji zurllckzulegen in der Lage ist, zahlt in 10 Jahren 3600 Ji ein Und erhält dafür 4899 Ji zurück. Wer hin­gegen in der Lage ist, monatlich 50 Ji auf die hohe Kante zu legen also immer noch bedeutend weniger als eine Lebens­versicherung auf 10 000 M in einem vorgeschrittenen Lebens­alter kostet, der zahlt in 10 Jahren 6000 Ji ein und bekommt nach dieser Frist 8165 Ji zurück. Bei einer 15jährigen Sparer- laufzeit zahlt er 9000 Ji ein und erhält als Gegenleistung 14 415 J( ausbezahlt.

Treten beim Sparer Verhältnisse ein, welche die Weiter­zahlung in der bisherigen Höhe nicht mehr gestatten, oder können die Einzahlungen überhaupt nicht mehr geleistet werden, so wird diesen veränderten Verhältnissen auf Antrag in ent­gegenkommendster Weise Rechnung getragen. Jedenfalls geht kein Pfennig am Kapital und den bis zur Einstellung der Spareinlagen ausgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen verloren.

Die Altersversorgung sieht aber noch die Möglichkeit der Rentenzahlung an Stelle der Auszahlung des Sparbeitrages vor. Die Rentenzahlung bedingt jedoch, daß monatlich minde­stens 30 Ji zurückgelegt werden. Wer 15 Jahre lang monatlich 30 Ji einbezahlt, hat damit 5400 Ji geleistet und kann entweder Barauszahlung von 8649 Ji fordern oder nach feinem Wunsch