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Gießener Zeitung

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W. Jahrs.

Samstag, den 9. August 1930

Nummer 63

WW

Der Herr Reichspräsident empfing anläßlich der zur Zeit in Berlin stattsindcnden Weltbundtagung des Iugcndbuudcs für entschiedenes Christentum die Herren D. Poling, D. Kelly und Pfarrer Schürmann.

Seilerei Walter Reinhardt, der letzte Preußische Kriegs­minister und Erste Chef der Heeresleitung des neuen Heeres, ist am Freitagnachmittag nach schwerem Leiden gestorben.

Nach einer offiziellen Mitteilung hat das Schiedsgericht in Lausanne entschieden, daß Deutschland 48 Mill. Goldmart an Portugal für die während des Weltkrieges in den portugiesischen Kolonien ungerichteten Schäden als Entschädigung zn bezahlen hat.

In Angora unterzeichneten Geheimrat Bamberger und der türkische Arbeitsminister den Kreditlieserungsvertrug mit der deutschen Industrie. Der Vertrag sieht Lieferungen über 40 Mil­lionen Mark vor. Die Kreditsumme ist in sechs Jahren rück­zahlbar.

Sämtliche Mitglieder der dcutschnationalen Fraktion im Dresdener Stadtverordnetenkollegium sind aus der Deutsch- nationalen Volkspartei ausgetreten und bis auf einen zur Kon- jeroativen Volkspartei übergegangen.

Aus der Besprechung zwischen Bundeskanzler Dr. Schober und den beiden bevollmächtigten Bundesführern der Heimwehren am Donnerstag ist als wichtigstes Ergebnis festzustellen, daß die Aushebung der Ausweisung des Majors Pabst in allernächster Zeit erfolgen und daß Pabst ohne örtliche Beschränkung seines Ausenthaltes nach Oesterreich zurückkehren wird.

Der polnische Staatspräsident ist am Freitag nach Edingen aügcreist, wo er sich zuni Gegenbesuch des estländischen Staats­altesten nach Reval cinschisfeii wird. Außenminister Zaleski wird ihn aus seiner Reise begleiten.

Dav russisch« Außeiikommissariat ist zum Abschluß von Ver- banMungcn mit der italienischen Regierung über den Abschluß eines neuen russisch-italienischen Freundschastsvcrtrages beauf- lragt worden.

Der große Faschistische Rat hat den faschistischen Verband der Provinz Bozen ermächtigt, Einheimische, die ihren Militärdienst »ollendet habe», auf ihren Antrag in die Faschistische Partei luszunchmen. Von dieser Möglichkeit haben, italienischen Blüt- tecmeldungc» zufolge, bis jetzt rund 500 junge Leute Gebrauch gemacht.

Die Lappoleute haben in einer Sitzung beschlossen, daß sich bin leitender Mann der Lappobewegung als Reichstagskandidat eufjtellen lassen dürfe.

Argentinien hatte gegen die neuen nordamerikanischen Ein­fuhrzölle protestiert, namentlich gegen die Belastung von Lein- M. Im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten hat der ötgentinifdje Einspruch Erfolg gehabt.

Der Präsident Columbiens, Dr. Enrica Herrera, hat heute hin Amt angctrctcn. Er ist der 51. Präsident des Landes.

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ein Wort zum Wahlkampf.

Das Deutsche Ausland-Institut Stuttgart schreibt:

Das Ringen der Kräfte um innere Neugestaltung unseres Maates hat begonnen. Wahlversammlungen werden der Schän­itz heftiger Auseinandersetzungen parteipolitischer Art sein, »ie mögen nötig fein; aber mindestens ebenso notwendig ist es, *5 der Mahnung unseres allseits verehrten Reichspräsidenten gmaß auch der Gedanken und Ideen gedacht wird, die unser Älk über alle Gegensätze hinweg einigen. Darum ergeht die Alte an alle Redner, welcher Richtung sie auch angehören »igen: Vergeßt nicht diejenigen Deutschen, die jenseits der Heichsgrenzen leben und die mit vollstem Einsatz ihrer Persön- IWeit, oft ihres Hab und Gutes, bisweilen sogar ihres Lebens sh unser Volkstum einstehen! Gedenket ihrer Leistungen und ^es Opfermutes; erinnert die in der sicheren Hut des Reiches Worgenen daran, welche Stürme draußen wehen, denen es »trotzen gilt. Die Fürsorge für die Deutschen draußen ist Pflicht ^6i Partei, jeden Standes, jeder Weltanschauung, sic sei auch Mft durch Schranken aller Art voneinander getrennt! Selten ist tue so gute Gelegenheit gegeben, weiteste Volkskreise auf die Notwendigkeiten einer inneren Verbundenheit aufmerksam zu kochen! Und es wird sich lohnen: einmal wird das Ausland- ^»tschtum, das unsere inneren Kämpfe so aufmerksam verfolgt, int bar sein für das Gedenken; dann aber werden wir Reichs- Fischen auch im härtesten Streit daran erinnert werden, daß ir alle gemeinsame Güter zu verteidigen haben, die der steten ^iachr des Verlustes ausgesetzt sind, wenn wir nicht in den ganz roßen Fragen der Gestaltung unseres Volks- und Staatsschick- lr zusammenhalten!

Bitten der Zeit. 2 757 000 Arbeitslose.

In der Zeir vom 16. bis 31. Juli ist die Arbeilslosenziffcr erneut bedrohlich gestiegen. Die Zahl der Hauptunterstützungs- empfänger ist in der Arbeitslosenversicherung auf über 1 497 000, in der Krisenunterstützung auf 403 000 gestiegen. Damit hat die Belastung in beiden Einrichtungen einen Stand erreicht, der höher als eine Million über dem der gleichen Vorjahrs­zeit liegt. Unter Einbeziehung der bei den Aemtern einge­tragenen Arbeitsuchenden ergibt sich insgesamt eine Ziffer von 2 757 000 Arbeitslosen.

12000 neue Arbeitslose in Berlin.

Die Zahl der Arbeitslosen betrug am 1. Juli in Groß- Bcilin 336 935. Innerhalb eines Monats hat sich die Zahl um 12 000 erhöht. Unter den Arbeitslosen befinden sich nicht weniger als 32 000 kaufmännische Angestellte.

190 000 Arbeitslose in Hessen und Hessen-Nassau.

Ueber die Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen-Nassau berichtet das Landesarbeitsamt Hessen, Frankfurt a. M.: Die Verschlechterung der Arbeitsmarktlage hat auch in der zweiten Julihälfte angehalten. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist auf 189 198 gestiegen.

Nahezu 6000 Reickstogskandibalen.

Da der Aufmarsch der einzelnen Parteien und Gruppen zum Wahlkampf noch nicht beendet ist und auch der Reichswahlleiter für die Einreichung der einzelnen Wahlvorschläge eine Frist bis Ende August festgesetzt hat, so ist heute auch noch nicht die genaue Zahl der Kandidaten bekannt, die mit mehr oder weni­ger Aussicht sich um ein Mandat im deutschen Parlament be­werben werden. Immerhin geben die Zahlen der Reichstags- wahl 'm Jahre 192) eine gewisse Handhabe für das Ausmaß der Parteigruppen und Kandidaten, die sich am kommenden 14. September in die Gunst der deutschen Wäh'erschaft zu teilen gedenken. Für die Wahlen im Mai 1928 wurden in 35 Wahl­kreisen rund 642 Kreisvorschläge eingereicht; zählt man alle Gruppen der letzten Wahl zusammen, so ergibt sich die Tatsache, daß 1928 rund 38 Parteien und Gruppen ihre Liste zur Wahl stellten. Das Ergebnis der letzten Wahl ist kennzeichnend für die Sinnlosigkeit der deutschen Parteizersplitterung: Von den 38 Wahlkampfparteien gelang es nur 15, sich Mandate zu sichern. Die gewählten Abgeordneten verteilten sich auf 191 Kreiswahl­vorschläge und 12 Reichslisten. Das bedeutet mit anderen Wor­ten, daß 451 Kreiswahlvorschläge und 19 Reichslisten bei der Wahl völlig leer ausgingen.

Dem stattlichen Aufmarsch der Parteien bei der letzten Wahl entsprach natürlich auch das Heer der Kandidaten, die den Wählern präsentiert wurden. Zählt man auch diejenigen Be­werbernamen mit, die auf der Liste der kleineren Parteien die letzten Stellen einnahmen, so kommt man zur der Feststellung, daß für den Reichstag im Jahre 1928 rund 5680 Kandidaten sich bewarben, von denen nur 491 ihr Ziel erreichen konnten! Dieses trübe und lächerliche Bild dürfte sich im Lauf« der nächsten Wochen sogar noch etwas bunter erneuern. Eine wenig erfreu­liche Tatsache.

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30 uns etliche Parteien.

Berlin. Das Fiasko der Einigungsbemühungen innerhalb des bürgerlichen Lagers hat neben seinen bedenklichen Erschei­nungen doch das eine Notwendige gebracht, daß nunmehr die Wähler wissen, woran sie sind. Eine einheitliche Bürgerfront ist gescheitert. Die Parteien werden getrennt in den Wahlkampf marschieren. Neben den Nationalsozialisten, den Deutschnationa­len, den drei Splittergruppen der Rechten, der Deutschen Volks­partei, der Wirtschaftspartei, dem Zentrum, der Bayerischen Volkspartei und den Kommunisten werden rund 2 Dutzend Splitterparteien mit eigenen Wahlvorschlägen an die Oeffent- lichkeit treten.

Sie bürgerliche Mitte gescheitert.

Berlin. Alle Versuche, einen Schritt vorwärts zu kommen, sind gescheitert, zunächst unter den Gruppen der Volkspartei, des Landvolkes und der Volkskonseroativen. Der Vertreter des Landvolkes, Dr. Eerricke, gab die Erklärung ab, das Landvolk sei einmal mit seiner Organisation nicht fertig, sei außerdem doch wirtschaftlich interessiert und unterscheide sich dadurch wesentlich von den übrigen Parteien. Infolgedessen sei er nicht imstande, irgendwelche Bindungen durch einen gemeinsamen Wahlaufruf oder durch Festlegung seiner künftigen Politik zu übernehmen. Darauf zog sich auch die Wirtschaftspartei zurück, indem sie da­rauf hinwies, daß sie ja auch sehr starke berufsständische Jnter- essen hätte. Allein aber wollten auch die Volkskonservativen nicht bleiben, so daß die ganze Verhandlung auseinanderbrach.

Um die Milse.

Berlin. Die Verhandlungen des Reichskabinetts über die Durchführung der Ofthilfe sind nur teilweise zum Abschluß ge- kommen. Es wurde mit Preußen Einigung über die Frage des Vollstreckungsschutzes und die Einrichtung der zu seiner Durch­führung nötigen Landsttllen erzielt.

»elloerhonblung mit Polen abgefeimt.

Warschau. Die polnische Presse veröffentlich die am 4. August überreichte Antwortnote der Reichsregicrung auf die polnische Rote vom 15. Juni, in der Polen angesichts der deut­schen Zollerhöhungen neue Zollverhandlungen mit Deutschland forderte. In der deutschen Antwortnote werden neue Zollvcr- Handlungen unter dem Hinweis auf die grundsätzliche Gleich­artigkeit der von Polen beanstandeten Zollerhöhungcn sowie auf den deutschen Landwirtschaftsfricdcn abgelehnt.

Deutsches Eigentum in Frankreich freigegeben

Der Bund der Ausländsdeutschen teilt mit:In dem am 17. Mai d. J. in Kraft getretenen deutsch-französischen Abkommen hat die französische Regierung sich verpflichtet, das noch nicht liquidierte deutsche Privateigentum bis zum 17. August d. J. frcizugcben. Es ist anzunehmen, daß die französische Regierung die Berechtigten unmittelbar von der Freigabe unterrichten wird. 9lur soweit es sich um frcizugcbende Wertpapiere handelt, werden diese voraussichtlich mit einem Verzeichnis der deutschen Eigen­tümer der Reichsregicrung ausliefern. In diesem Falle wird die Verteilung an die Eigentümer durch die Rcichsbehördcn er­folgen.

Sto soziale Belastung ter Stätte.

Berlin. Der Reichsstädtebund untersucht zurzeit die Höhe der Belastung der Städte durch Wohlfahrtserwerbslosc und Kri- fenunterstützte im Rechnungsjahr 1929. Nach den bisher vorlie­genden Angaben von nahezu 500 Städten bis zu 25 000 Ein­wohnern sind die Fürforgeausgaben 1929 um etwa 18 v. H. höher gewesen als in den Haushalten vorgesehen war. Dieser Aus- gabenfteigerung stand eine Steigerung der Einnahmen um etwa 16 v. H. im Vergleich zu den Voranschlägen gegenüber. Der aus Steuern usw. aufzubringende Zuschutzbedarf der Städte betrug rund 19 v. H. mehr als veranschlagt. Die prozentuale Steigerung des gemeindlichen Zuschutzbedarfs gegenüber den Voranschläge» war also höher als die prozentuale Steigerung der Ausgaben und Einnahmen.

Die Deutsche Reichspost im 1. Vierteljahr 1»

Berlin. Die Deutsche Reichspost veröffentlicht soeben ihren Bericht über das 1. Vierteljahr (April bis Juni) des Rechnungs­jahres 1930. Der Postverkehr ist im Vergleich zum Vorjahre im allgemeinen etwas .zurückgegangen; der Bricfvcrkehr und der ge­samte Geldverkehr weisen Steigerungen auf. Im Telegramm­verkehr haben die Brief- und Blitz-Telegramme wenig, die Schmuckblatt-Telegramme erheblich (um 20 Prozent) zugenom- men. Die Zahl der Rundfunkverleihungsinhaber hat sich wie alljährlich in der wärmeren Jahreszeit etwas verringert. Im Vorvierteljahr wurden 248 Schwarzhörer rechtskräftig verurteilt.

Die Trierer Scparatiftenftürmer vor Gericht.

Trier. Vor dem hiesigen Sonderschöffengericht fand die dritte der Verhandlungen gegen Separatistenstürmer statt, die sich an den Tumulten anfangs Juli beteiligt hatten. Bei zwei der Angeklagten erkannte das Gericht entsprechend dem Antrag des Staatsanwaltes auf drei Monate Gefängnis. Zwei weitere Angeklagte erhielten drei Monate und sechs Wochen Gefängnis, bezw. sechs Monate Gefängnis. Sämtlichen Angeklagten wurde eine Bewährungsfrist von zwei Jahren mit Aussicht auf Straf- erlatz zugebilligt.

60 Bombenflugzeuge gegen die Afridis.

Peschawar. Sechs Bombenwerfergeschwader, bcsteheno aus 60 Flugzeugen, werden gegen die auf Peschawar heianriickenden Afridi-Stämme von den Engländern eingesetzt. Die Afridis rücken in Stärke von schätzungsweise 5000 Mann durch das Bara- Tal, südlich des Khyber-Passes, vor. Sie konnten bisher in ihrem Vormarsch nicht ausgehalten werden, zumal das Wetter unsichtig war, was die Tätigkeit der Bombenflugzeuge stark reeinträch- tigte.

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Grubenunglück in Westfalen. Zwei Tote.

Recklinghausen. Auf der Zeche Ewald-Fortsetzung in Erken­schwick erfolgte am Donnerstag vormittag gegen 10 Uhr bei Schietzarbciten ein Einsturz. Dabei wurden mehrere Bergleute verschüttet. Nach den bisherigen Feststellungen fanden zwei Steiger den Tod, während ein Schachtmeister schwer verletzt wurde.