Gießener Zeitung
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43. Fahrs
Samstag, den 8. November 1930
Nummer 89
GB
Politische Rundschau.
Der Rcichskommissar für die Osthilse, Minister Treviranus, ist von Berlin nach Breslau abgcrcist.
Eine Reihe führender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Deutschland haben einen Protest gegen die englische Absicht der Einverleibung Dcutsch-Ostasrilas veröffentlicht.
Ben amtlicher deutscher Stelle wird dementiert, daß ein Abbau der Leistungen für die Kriegsopfer beabsichtigt sei.
Reichskanzler Dr. Brüning hat eine Reihe von Besprechungen mit den Ministerpräsidenten der Länder über Spezialfragen Des Sanierungsprogramms gehabt, wobei auch die Frage der Pcruerlegung der vorgesehenen Gehaltskürzung auf den 1. Januar 1931 erörtert wurde.
Der Preußische Landtag vertagte sich am Freitag wegen des Parteitages der Demokratischen Partei und der Staatspartei bis zum Mittwoch nächster Woche. Dann sollen die preußischen Durchführungsbestimmungen zu den neuen Kommunal- steucrn verabschiedet werden.
Der Preußische Landtag lehnte die gegen Innenminister Severing cingebrachten Mißtrauensanträge mit 629 gegen 196 Stimmen ab.
Wie verlautet, sind innerhalb der führenden Berliner Brauereien Bestrebungen im Gange, die Arbeitszeit aus fünf Tage in der Woche zu kürzen. Die Verhandlungen mit den Gewerkschaften werden voraussichtlich kommenden Montag auf- gencmmen werden.
Die englische Regierung hat den Reichsarbcitsministcr Dr. Stcgcrwald zum 15. November nach London gebeten zu Besprechungen über den Achtstundentag und einige Spezialfragen.
Das cngl. Unterhaus nahm den Gesetzentwurf, der zwecks Bekämpfung t<r Arbeitslosigkeit die Schulpflicht bis zum 15. Lebensjahr heraussetzt, mit 294 gegen 227 Stimmen in zweiter Lesung an.
Zu der schweren Schlagwetterexplosion aus Schacht 56 des Sunday Creek Kohlenreviers in Amerika, bei der 165 Bcrg- leutc eingcschlojscn waren, wird gemeldet: Die Rettungsmann- schaften wurden zunächst durch die ungeheure Hitze zur Umkehr gezwungen. Bon den dreihundert eingesahrenen Bergarbeitern tonnten sich etwa 150 nach der Explosion in Sicherheit bringen.
die WirWaflsvartei hinter Drewitz.
Berlin. Von der Wirtschastspartei wird mitgeteilt: In der am Donnerstag stattigefundencn Sitzung ist zu den Angriffen des Reichstagsabgeordncten Colofser gegen den ersten Parteivorsitzenden und Fraktionsführcr Drewitz Stellung genommen worden. Partcivorstand, die Fraktionsführer der Länderparlamente und die Reichstagsfraktion stellen ein einmütiges Zusammengehen in allen politischen und Parteifragen fest. Sie sprechen dem Vorsitzenden vollstes Vertrauen aus.
Die Vorstände des Landkreistages zum Programm der Regierung Brüning.
Die Vorstände des Deutschen und Preußischen Landkreistages traten in Berlin zusammen, um sich mit dem Programm der Regierung Brüning und mit dem Problem der Wohlfahrts- erwcrbsloscn zu beschäftigen. Es wurde folgende Entschließung gefaßt:
„In den letzten Jahren sind die Aufgaben der Kreise dauernd gewachsen. Infolgedessen müssen ihnen bereits bei Schaffung der Gesetze die Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden, die sie benötigen, um die ihnen übertragenen Aufgaben im Interesse der Bevölkerung zu erfüllen Die bevorstehenden Steuergesetze der Regierung Brüning müssen diesem Gesichtspunkt Rechnung tragen, indem sie die finanzielle Lei- stungsfähigkeit der Landkreise so sichern, daß auch weiterhin deren Tätigkeit als Lastenausgleichsträger fortgesetzt werden kann. Das Problem der Wohlfahrtscrwcrbsloscn hat die Landkreise vor außerordentliche Aufgaben gestellt. Die Notverordnung des Reichspräsidenten vom 26. Juli 1930 verkennt die tatsächlichen Verhältnisse auf diesem Gebiete. Die zur Abgeltung der Wohlfahrtserwerbslosenlasten erschlagenen Steucrquellcn stehen lediglich den Einzelgemcinden, nicht aber den Landkreisen zur Verfügung. Infolgedessen begeht die Gefahr, daß ein großer Teil der Landkreise ihre Ausgaben als Bezirksfürsorgeoerbände und als Träger der Mohlsahr s- crwerbslosenfiirsorge bald nicht mehr lösen können, vielmehr völlig zusammenbrechen. Das gilt auch von der Neuregelung der Krisenfürsorge. Der Landkreistag fordert. __
Erschließung der durch die Notverordnung gejchanenen neuen Steuern als Einnahmequelle der Landkresse als ^-e- zirksfürsorgevcrbände und Leistung weiterer finanzieller Reichs- und Staatshilfe. .
Die Gleichstellung aller Gemeinden ohne Ruazicht aus die Einwohnergrenze.
Beseitigung der Einschränkung des Personenkreises unc der Bezugsdauer der Krisenfürsorge."
In Anbetracht der Schwere der Zeit beschloß der Vorstand ferner, Veranstaltungen und Tagungen auf das notwendigste Maß zu beschränken Dieselben Maßnahmen sollen auch den Landesverbänden empfohlen werden.
Bernstorfs beantragt Einbeziehung der ausgebildeten Reservisten.
Genf, 7. November. Die deutsche Forderung auf Einbeziehung der ausgebildeten Reservisten in die allgemeine Abrüstung wurde am Freitag im Abrüstungsausschutz von Graf Bernstorff zur Verhandlung gestellt.
Graf Bernstorff wies auf den Antrag der deutschen Regierung im Mai 1929 hin, nachdem das Abrüstungsabkommen das jährlich einzustcllende Rekrutenkontingent, sowie aktive und Rescrvedicnstzeil angebcn solle. Der vorliegende Abkommensentwurf erwähnte dagegen lediglich die aktive Dienstzeit.
Die Entwaffnungsaktion Starhembergs.
Wien. Der Versuch Starhembergs, die sozialdemokratische Parteigarde, den Republikanischen Schutzbund, auf dem Wege einer Ueberrumpelung mit einem Schlag zu entwaffnen, ist nur zum Teil gelungen. Gefunden wurden nach einer amtlichen Mitteilung des Innenministeriums: 4000 Gewehre, darunter viele Sportgcwehre, 20 Maschinengewehre, 360 000 Schuß Munition, 160 Handgranaten, eine Radio-Sendestation in Innsbruck und eine Scheinwerfer-Garnitur.
Der „Irrsinn Ler Reparationen".
Paris, 7. November. Der ehemalige Ministerpräsident Caillaux veröffentlicht in dem Finanzblatt „Capital" einen bemerkenswerten Artikel über „Irrsinn der Reparationen".
„Man vergißt leider zu ost, zu bemerken — schreibt Caillaux —, das die Kriegstribute die Wirtschaft derjenigen Länder, die sie erhalten, annähernd ebenso stark schädigen, wie die Wirtschaft der anderen Länder, die sie zahlen müssen. Zahlungen von Nation zu Nation, die nicht dem normalen Strom des Austausches entsprechen, müssen überall Unordnung und Verwirrung stiften."
„Wann wird endlich — fährt Caillaux fort — diese Wahrheit begriffen? Mann vor allem werden die Amerikaner verstehen, daß es ebenso vergeblich ist, die Tributzahlungen einzu- kassiercn, wie zu versuchen, nur zu verkaufen, nicht aber zu kaufen, oder das Wirtschaftsleben vom grünen Tisch aus zu organisieren. Xerxes hat einst das Meer peitschen lassen . . ."
Bericht über die Wirtschaft!. Lage des »rutschen Handwerks im Monat Oktober ISA.
Zm Gesamtbild hat sich die wirtschaftliche Lage des Handwerks im (Monat Oktober unter dem Druck der derzeitigen katastrophalen allgemeinen wirtschaftlichen Lage weiterhin verschlechtert. Als besonders bemerkenswert muß die Tatsache hervorgehoben werden, daß selbst in den Handwerksberufen, für die der Berichtsmonat für gewöhnlich gute Befchäftigungszeit ist, höchstens eine kaum merkliche Belebung der Geschäftslage eingetreten ist. Da mit Rücksicht auf die geringe Neubautätigkeit während des ganzen Zahres auch Aufträge für Arbeiten an Neubauten fast gar nicht erteilt wurden, war der Geschäftsgang bei den Baunebengewerben sehr gedrückt. Etwas bester war fast nur das Elektro - Znstallatcurhandwerk beschäftigt. Nur aus wenigen Kammerbezirken liegen Berichte vor, nach denen das zusätzliche Wohnungsbauprogramm der Reichsregie- rung eine leichte Belebung des Baumarktes hervorgerufen hat. Sonstige Neubauaufträge wurden fast gar nicht mehr erteilt.
Zm Herrenfchneiderhandwerk hat mit Rücksicht auf die geringe Kaufkraft, sowie gehindert durch die verhältnismäßig warme (Witterung, die saisonmäßige Belebung keinen großen Umfang angenommen. Für das Damenschneiderhandwerk liegen die Verhältnisse zurzeit infolge der gegenwärtigen (Moderichtung, durch die wieder mehr (Wert auf guten Sitz und Verarbeitung gelegt wird, günstiger. Der Absatz der Nahrungsmittel- gewerbe hat sehr unter der großen Arbeitslosigkeit zu leiden. Auch bewirkt die gute Kartoffelernte einen verminderten Absatz der (Waren des Bäcker- und Schlachterhandwerks.
Zn den ländlichen Bezirken war die Lage des Handwerks nicht günstiger als in den Städten. Infolge der geringen Preisgestaltung für landwirtschaftliche Erzeugnisse waren die Landwirte nicht in der Lage, Neuanschaffungen zu tätigen. Eine erhebliche Anzahl ländlicher Schmiede-, Schlosser-, Sattler- und Stellmacherbetriebc waren auch fast ohne Reparaturaufträge.
Die Preisbildung für handwerkliche Erzeugnisse war unter diesen Verhältnissen naturgemäß sehr gedrückt. Außerdem führte die Preisseukungsaktion der Regierung in einer Reihe von Fällen dazu, daß die Kundschaft schematisch Preisnachlässe verlangte, obwohl weder Rückgänge für Materialien noch Lohnsenkungen usw. derartige Forderungen rechtfertigten.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes im Handwerk war sehr ungünstig. Zur Kennzeichnung der schlechten Arbeits- marktlage führt die Handwerkskammer Dortmund an, daß in Hagen beispielsweise im gesamten Handwerk bei 2700 Betrieben kaum noch 700 Gesellen beschäftigt werden wahrend noch im Zahre -9-6 die Zahl der beschäftigten Gesellen zirka ^^ßrfablUere Senkungen der Matcrialpreise werden nicht acmelöct. Als bemerkenswert wird darauf hmgewiescn, daß Hotz Fallens der Häutepreise die Preise für Leder angebcn.
Ntdeuluns u. Aufgaben des Handwerks in der wirtschaftliAen und politischen
Krisis der vegenwari.
„In dieser Zeir der schweren Depression der Wirtschaft, die besonders stark aus dem deutschen Milleistande lastet, ist es notwendig, sich Rechenschaft zu geben über die Lage und die Aussichten des millciständischen Handwerks innerhalb der dem scheu Volkswirtschaft. Aus einem Blick, der die großen Leit linien der Vergangenheit und Gegenwart überschaut, können allein die Aussichten und vor allein die Aufgaben des Handwerkerstandes für die Zukunft ersannt werden.
Ehemals während vieler Jahrhunderte das Kernstück der städtischen Wirtschaft und die vorherrschende gewerbliche Be- triebsform, leidet das Handivcrk seit mehr als hundert Jahren unter dein großen (Wanölungsprozeß der europäischen Wirt schaft, der das kapitalistische Zeitalter heraufführte und bis heute seinen stetigen Fortgang genommen hat. Eine neue |'ro= duktionStechnik setzte in Verbindung mit starker Kapitalbcwaff- nung die Fabrik in den Stand, das Handwerk von allen Märkten weitgehend zu verdrängen. (Mit der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes rottete der Großbetrieb int Laufe des ig. Jahrhunderts eine ganze Reihe alter und blühender Handwerks- zweige aus. So verschwanden, um einige Beispiele zu nennen, die Kammacher, die Zinngicßer, die Nagelschmiede, die Feilcii- hauer u. a. m. nach und nach ganz von der Bildfläche, und nur solche Handwerke blieben erhalten, die durch den Großbetrieb nicht ersetzt werden konnten, oder sich neue Formen der Organisation schufen, mit deren Hilfe sie sich den gewandelten Verhältnissen anpaßtcn. Neben den Gewerbevereincu, die um die Mitte des vergangenen IahrhundeS hauptsächlich im südlichen Deutschland entstanden, sind von diesen Organisationen zu nen nen die mittelständischen Genossenschaften Schulze-Deliyschs. Don ihnen betreut hat sich eine führende und beispielgebende Schicht des Klein- und Mittelgewcrbes durch alle Fährnisse der kapitalistischen Epoche hindurch zu erhalten vermocht. Der Staal, mit einsichtsvollem Blick in die schwierige Lage, hat durch Förderung der handwerklichen Standesorganisation, der Innungen, Innungsverbände und Handwerkskammern viel zur Sammlung und Stärkung dieser Berufsschicht getan.
Eine von der Wissenschaft veranstaltete Handwerksstatistik am Ende des vorigen Jahrhunderts stellte fest, daß zwar ein namhafter Teil des Handwerks sich der neuen Wirtschafts cpoche anzupassen gelernt hatte, z. T. sogar neu im Anschluß an moderne technische Errungenschaften (Elektrizität) entstanden war, daß aber die Entwicklungsrichtung der kapitalistischen Wirtschaft das Handwerk nach und nach zur Bedeutungslosigkeit verurteilen werde.
Diese ungünstige Prognose, durch die das Handwerk sich jedoch in keiner Weise beirren ließ, ivar sichtlich durch die Voraussage beeinflußt, die Karl (Marr über die allgemeine Wirtschaftsentwicklung gemacht hatte. Daß sie auf einem Irrtum beruhte, zeigt die amtliche Statistik des Jahres 1925, die feststellte, daß trotz Krieg und Inflation in der kapitalistisch aufs stärkste durchgeformten deutschen (Wirtschaft % aller Gewerbebetriebe Handwerksbetriebe waren, in denen 'A aller im Gewerbe beschäftigten Personen arbeiteten. Unter dem Eindruck dieser Zahlen hat sich das Urteil der (Wissenschaft über die Lebensfähigkeit des Handwerks stark gewandelt. Man rechnet heute das Handwerk ebenso wie das Bauerntum zu den unausrottbaren Grundbestandteilen unserer Wirtschaft.
Der große Wandlungsprozeß, der die gesamte abendländische Wirtschaft in ständigem Fluß hält, ist in der Gegenwart sichtlich in ein neues Stadium cingetreten. War das 19. Jahrhundert das Zeitalter des Konkurrenzkampfes dec Einzelbetriebe, so scheint das 20. Jahrhundert in immer höherem Maße die Zeit der gewaltigen marktregulierenden Wirtschaftsverbände, eine Zeit des Kampfes aller Einzelnnternehmungen in der geschloffenen Front großwirtschaftlicher Organisationen werden zu wollen, die in Form von Kartellen oder einheitlich itn < rüst verschmolzen (3. G. Farben) neben den wachsenden kommunalen Wirtschaftskörpern die wirtschaftlichen Machtkämpfe austragen.
Ist schon der einzelne Handwerksmeister, wie jeder gewerb- liche Einzelunternchmer, auf sich allein gestellt, den ihn beliefernden Kartellen schlechthin unterlegen, so muß seine Lage geradezu als gefährdet angesehen werden gegenüber der gegen die Vorkriegszeit außerordentlich gesteigerten Wirtschaftsbetätigung der öffentlichen Hand, die kraft ihrer Sonderstellung als Behörde uno mit Hilfe des Privilegs der Steuerfreiheit gerade dem mittelständischen Gewerbe großen Schaden zugefügt haben.
Was muß das Handwerk, das gesamte mittelständische Gewerbe tun, um dieser doppelten Gefahr Herr zu werden? Aus der sehr eindeutigen Stellung des Handwerks zur Großwirtschaft, Staat und Kommune ergibt sich ein doppelter Aufgabenbereich : der wirtschaftliche und der stanöespolitische.
Organisation läßt sich nur durch Organisation bekämpfen. Neben die modernen Verbände der Großwirtschaft müssen in immer höherem Maße die Wirtschaftsorganisationen des gewerblichen Mittelstandes treten, die auf einzelnen Gebieten, hauptsächlich in genossenschaftlicher Form, bereits namhafte Erfolae erzielt haben. Es fei hier erinnert an die Häutever-
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