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43. Jahrs. Samstag, den 8. Februar 1930 Nummer 11
Politische Rundschau.
Der Reichspräsident hat dem Präsidenten von Mexiko anläßlich des Mißlingens des auf ihn verübten Anschlags telegraphisch seine Glückwünsche ausgesprochen und der Hoffnung auf seine und seiner Familie baldige Genesung Ausdruck gegeben.
3m Volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstags teilte der Direktor des Reichsgcsundheitsamtcs bei der Wcitcrbcratung des Schankstättcngesetzcs mit, daß der Alkoholismus nach einer starken Abnahme im Weltkriege wieder erheblich steige, der Vorkriegsstand jedoch noch nicht erreicht sei.
Die Unterzeichnung des österreichisch-italienischen Freund- fchastsvertragcs ist in Rom vollzogen worden.
Aus der Londoner Flottcnkonscrcnz bereitet Frankreich einen neuen Vorschlag in der Untcrsecbootsragc vor.
Wie aus Moskau gemeldet wird, hat die GPU. den Bischof Pilirim in Chabarowsk wegen der Beteiligung an sowjetfeindlicher Propaganda im fernen Osten verhaftet. Pitirini wird nach Omsk gebracht und vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
Internierten Kommunisten in Niederländisch-Guinca gelang es, aus dem Konzentrationslager auszubrechen. Einer der Gruppen gelang es, die Thurda-Infel zu erreichen, wo sie aber von einem Rcxierungsdampscr wieder übernommen wurde. Eine andere Gruppe wurde auf der Flucht im Urwald von Papuas überfallen. Die Ucbcrlebcnden wurden an die holländische Besatzung ausgelicscrt.
In Hamburg kam es zu einem Kommunistcnlrawall vor dem mexikanischen Konsulat, wobei mit Flaschen und Steinen einige Fensterscheiben zertrümmert wurden. Als die Polizei herbeieilte, waren Lie Demonstranten verschwunden.
Der Industrielle Harnischscger von Milwaukee, Präsident der Harnlschfeger-Corporation, hat der Stadt Salmünster in Hessen zum Bau eines modernen Schulgebäudes 50 000 Dollar gestiftet.
Das Pariser Polizeipräsidium hat statistisch scftgcstcllt, daß jährlich in Paris eine erschreckend hohe Zahl von Menschen verschwindet, von denen man nie w'cdcr etwas hört. Im letzten Jahr verschwanden 12 000 Personen, von denen man nur 3000 wicdersand. 9000 blieben verschollen.
Die Lcbcnsmittelratiouicrung in Rußland mußte auf weitere Lebensmittel ausgedehnt werden. Besonders in Moskau ist die Zufuhr an Lebensmitteln sehr schlecht.
Für 370 Millionen neue steuern notwendig
Noch keine Einigung über die Stcucrqucllcn erzielt.
Ueber die Besprechung der Fraktionsführer mit der Regierung, die die Etatgestaltung für 1930 zum Inhalt hatte, wird folgende amtliche Mitteilung veröffentlicht:
„Unter dem Vorsitz des Reichskanzlers fand am Freitag in Anwesenheit der Mitglieder des Reichskabinetts eine erste Aussprache mit den Führern der Regierungsparteien über die Gestaltung des Haushalts 1930 statt. Der Reichs- finanzminister Moldenhauer erstattete hierzu einen aus: siihrlichcn Bericht, an den sich eine eingehende Erörterung schloß. Im Anschluß an liefe Besprechung werden sich die Parteisiihrcr mit ihren Fraltionsvorständcn in Verbindung setzen. Die Finanzsachverständigen der einzelnen Fraktionen werden alsdann Ansang nächster Woche Besprechungen mit dem Reichssinanzminister ausnchmcn."
Jm Vordergrund der Aussprache hat die Frage gestanden, wie die rund 700 Millionen Reichsmark des Rcichsdcsizils, für die noch keine Einnahmequelle gefunden ist, zu decken find.
Für die Beseitigung des Defizits hat Dr. Moldenhauer sich erneut für den Plan eingesetzt, aus Krediten der Angestellten- und Invalidenversicherung in Höhe von ungefähr 230 Millionen die Sanierung der Arbeitslosenversicherung in Angriff zu nehmen. Durch Steuererstattungen sollen im ganzen etwa 370 Millionen Mark aufgebracht werden. Davon entfallen 180 Millionen auf die Erhöhung der Biersteuer, der Rest soll durch die Erhöhung der Umsatzsteuer erzielt werden. An den Einzeletats sind Abstriche in Höhe von ungefähr 100 Millionen vorgesehen. Für den Fall, daß man sich auf die Erhöhung der Umsatzsteuer in dem vorgesehenen Ausmaß von % bis 1 Prozent nicht einigen kann, Harder Reichssinanzminister einen anderen Vorschlag gemacht, nämlich die Verdoppelung der geplanten Bierstcuer- erhöhung und die Heranziehung des Tee- und Kaffeezolls.
Irgendwelche endgültigen Ergebnisse hat, wie bereits erwähnt, die Besprechung gestern nicht gebracht. Doch scheint soviel sestzustehen, daß die Parteien sich daraus geeinigt haben, die Erundzüge des Etats unbedingt noch vor der dritten Lesung der Pounggesetze fertig zu stellen.
Im Zusammenhang damit ist es von Interesse, mitzuteilen, daß die Finanzminister der Länder am nächsten Freitag in Berlin mit dem Reichssinanzminister zusammentreffen werden, um ebenfalls Etatfragen zu besprechen.
Frankreichs Gewinn.
Paris, 7. 2. Finanzminister Cheron teilte vor der Finanzkommission der Kammer mit, daß der Poungplan Frankreich nicht nur die automatische Deckung seiner Schulden an Großbritannien und die Vereinigten Staaten sichere, sondern, noch einen jährlichen Ucberjchuß von 420 Millionen Reichsmark, d. h. mehr
211 Milliarden Franken aus einen Zeitraum von 37 Jahre lasse.
Hessen gegen die Weinsteuer.
Auf die von der Presse verbreitete Nachricht, daß die bevorstehende Reichssinanzreform unter anderem die Wiedereinführung der Reichsweinstouer vorsehe, hat der hessische Minister für Arbeit und Wirtschaft die hessische Gesandtschaft ersucht, falls dieser Plan tatsächlich bestehe, bei der Reichsregierung energische Vorstellungen zu erheben. Weinbau und Weinhandel könnten besonders bei ihrer jetzigen Notlage diese Steuer, welche mindestens zum Teil an ihnen hängen bleibe, nicht tragen.
ALe FmtaMrhMSuiMN im Skiartt - MeMKlmMuMlO.
Jm Sklarek-Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtags berichtete am Freitag der Berliner stellvertretende Stadtkämmerer Lange als Zeuge über
die Finanzlage der Stadt Berlin, daß in den Jahren 1924—28 der Berliner ordentliche Haushalt eine ständige Auswärtsbewegung gezeigt habe. Im Jahre 1925 sei das tatsächliche Steueraufkommen um eine Million Mark hinter dem veranschlagten Betrage zurückgeblieben. 1929 seien infolge Zunahme der Unterstützungsempfänger bei der Wohl- fahrtsverwaltung die Ausgaben um 29 Millionen gestiegen. Lange gab dann eine
Uebersicht über die Verschuldung der Stadt Berlin nach dem Stande vom 1. Januar 1930: Aufwertungsschuld 126,9 Millionen, Inhaber-Anleihen 214.1 Millionen, ausländische Anleihen 349,6 Millionen, Schuldscheindarlehen 182,8 Millionen, Hypotheken und Restkaufgelder 72,6 Millionen, zusammen also 946,0 Millionen Reichsmark. Hierzu kommt eine kurzfristige Schuld von 297,5 Millionen, so daß die Gesamtverschuldung rund 1,24 Milliarden beträgt. Ihr steht gegenüber ein Gesamt- vcrmögen der Stadt von 2,64 Milliarden. Dieses Vermögen besteht nach dem Stande vom 1. Januar 1930 aus folgenden Posten: Grundstücke und Gebäude Maschinen und Inventar 1,66 Milliarden, Beteiligung an Geschäften 512,4 Millionen, Hypo- thekenforderungen 12,1 Millionen, Forderungen an die Ver- kchrsgcscllschaften 345,2 Millionen, an sonstige dritte Schuldner 67,3 Millionen, Fonds 93.8 Millionen.
Weitere Fragen ergeben, daß die letzte Amerikareise der Magistratsmitglieder 90 000 Mark gekostet und daß der Zeuge bei dem Zuschuß für die Städtische Oper 200 000 Mark von den Solistengagcn abgestrichen hat.
Krise der Zeibstverwaitung?
In der Nummer 21 der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" und in der Nummer 3 der „Zeitschrift für Selbstverwaltung" beschäftigt sich der Präsident des Landireistages, Dr. von Stempel, mit der Frage der Krise der Selbstverwaltung. Er geht davon aus, daß es natürlich sei, daß der radikale Uebergang von Obrigkeitsstaat zur freien Republik in Uebergangszeiträumen immer zu beobachtende politische „Kinderkrankheiten" in allen öffentlich-rechtlichen Körperschaften zu Tage gefördert hätte. Das Verantwortungsbewußtsein gegenüber Finanzen und Wirtschaft sei zum Teil beeinträchtigt. Die Freunde der Selbstverwaltung hätten zu wiederholten Malen darauf aufmerksam gemacht, daß gerade in kleineren und mittleren Gemeinwesen die beste Auswirkung der Selbstverwaltung zu finden fei. Gerade die Erfahrung der letzten Monate (Sklarek-Skandal in Berlin, Finanznot der Stadt Berlin) rechtfertigen diesen Gedanken. Im Gegensatz zu den großen Gemeinwesen städtischer Art fei in den Landkreisen im allgemeinen von Krisenerscheinungen nichts zu bemerken. Der Sparfamteitsfinn der Landmannes und Kleinstädters sei neben den Verfassungsverhältnissen in den Landkreisen eine Garantie gegen finanziellen Leichtsinn. Es sei durchaus verständlich, daß alle Kategorien von Gemeinden sich zu einer gemeinsamen Aktion zur Konsolidierung und Gesundung der Kreditverhältnisse zusammengeschlossen hätten. Sollte der Erfolg ausbleiben, und Einschränkung gesetzlicher oder auf- sichtsrechtlicher Art notwendig werden, so seien diese notwendigerweise nur auf die Gemeinden zu beschränken, bei denen die Freiheit bet Selbstverwaltung zu Mißständen geführt habe. Staat und Parlament müßten im Einzelfalle vorhandene offenbare Uebertreibungen einschränken. Ein allgemeiner Angriff gegen die Selbstverwaltung sei jedoch nicht notwendig. Eine allgemeine Krise der Selbstverwaltung gebe es nicht.
Wolmungspolitik in Preußen und Kessen.
In der Sitzung des preußischen Landtags am 1. Februar 1930 machte zum Kapitel „Wohnungs- und Siedlungswesen" Minister Hirtsicscr Ausführungen über das Miet- und Wohnungswesen etwa folgenden Inhalts:
„Wann eine allgemeine Erhöhung der gefctzlichcn Mieten für ganz Preußen eintreten würden lasse sich noch nicht übersehen Erforderlich fei daher, wenigstens örtlich dem Vermieter einen Ausgleich für die ihn betreffenden erhöhten Gemeinde- abgaben zu gewähren. Der Antrag der Sozialdemokraten, die Höhe der gesetzlichen Miete durch ein Reichsgesetz zu bestimmen, Verstöße gegen die Reichsverfassung und widerspreche auch den praktischen Bedürfnissen, da die Voraussetzungen für die Höhe der Mieten in den einzelnen Ländern ganz verschieden seien. Die Mieterschutzvorschriften seien vorläusig unentbehrlich. Die Ersahrungen seit Aushebung der Zwangswirtschast für gewerbliche Räume hätten die Zweckmäßigkeit dieser Maßnahme bestätigt. Die völlige Beseitigung der Zwangswirt- schast, vor allem des Mieterschutzes, werde erst erfolgen können, wenn die Miete der Alt- und Neubauwohnungen dem allgemeinen Preisstand auf einer für das Einkommen der breiten Masse erträglichen Höhe sich angenähert habe und wenn das Angebot von Wohnungen der Nachfrage einigermaßen entspreche. Ein vorsichtiger Abbau der Zwangswirtschaft werde mit der Zeit möglich sein.“
Bei der Wertung dieser Aussllhrungen muß man in Betracht ziehen, daß in Preußen bereits ein weitgehender Abbau der Zwangswirtschaft erfolgt ist, so hinsichtlich der Gewerbe- räume und der sog. teueren Wohnungen i auch auf dem Land sind in weitgehendem Maße die Zwangsvorschriften außer Kraft gesetzt.
Auch in den anderen Ländern ist die Zwangswirtschaft mehr oder weniger gelockert. Es kann darauf nicht oft genug hingewiejen werden, denn nur bei richtiger Würdigung der Gesamtlage kann man das Unrecht ermessen, das auf diesem Gebiet nun schon seit Jahren dem hessischen Hausbesitz zugefügt wird.
Während der preußische Minister zum wiederholten Male die durch die Ersahrungen bestätigte Zweckmäßigkeit des vorgenommenen weitgehenden Abbaus bestätigt — ogn anderen Ländern wirb gleiches berichtet — weigert sich der hessische Minister beharrlich, 12 (!) Jahre nach Kriegsende überhaupt eine Lockerung vorzunehmen, denn die Lockerung, die im Laufe des -Vorjahres vorgenommen wurde, kann ernstlich als solche nicht bezeichnet werden, ihre Unwirksamkeit ist eine bekannte Tatsache.
Aber auch hinsichtlich der Beurteilung der finanziellen Belange bieten die Ausführungen des preußischen Ministers gegenüber der Einstellung der hessischen Regierung zu wertvollen Vergleichen Anlaß.
Wenn der preußische Minister aus moralischen Erwägungen und im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen erklärt,
es fei erforderlich, wenigstens örtlich, dem Vermieter einen Ausgleich für die ihn treffenben erhöhten Gemeinde- abgaben zu gewähren,
so verdient dieser Standpunkt, der in Preußen auch praktisch gehandhabt wird, rückhaltslos Anerkennung.
Wenn man den Standpunkt der hessischen Regierung dem entgegenstellt, so tritt auch hier der Gegensatz offen zu Tage. Während die preußische Regierung bafür Sorge trägt, daß neue Maustasten durch entsprechende Mieterhöhung restlos Deckung finben, zeigt die hessische Regierung für dieses, eigentlich als selbstverständlich zu bezeichnende und im Gesetz vorgejchriebene Erfordernis keinerlei Verständnis. Die hessische Regierung genehmigt den Gemeinden neuerdings jede Steuer- und Eebllh- renerhöhung, sobald sie zu Lasten des Hausbesitzers geht.
Obwohl die Mieten im Jahre 1927 auf Grund der damaligen Ausgaben schon äußerst karg bemessen wurden, haben sie keine Erhöhung ersahren, obwohl in der Zwischenzeit der Haus- besitz mit einer Reihe neuer Ausgaben ober Erhöhungen belastet worden ist.
Wir wollen von einer Auswertung der Mietpolitik der hessischen Regierung nach der politischen Seite hin für heute absehcn, möchten aber noch die Stellungnahme einzelner Partei- redner aus dem preußischen Landtag zu den Ausführungen des Ministers Hirtsiefer nach der „Frankf. Ztg." kurz mitteilen:
Abg. Howe sDn) begründete zahlreiche Anträge feiner Fraktion, welche die Wohnungszwangswirtschaft beseitigen wollen. Er meinte, daß man auf dem bisherigen Wege niemals zu einer Befriedigung des Wohnungsbedarfs kommen werde. Die zehnjährige Zwangswirtschaft habe dem Wohnungswesen schwer geschadet.
Abg. Hebbom (3) stellte fest, daß auch seine Partei nicht für eine Verewigung der Wohnungszwangswirtschaft sei. Ihre Aufhebung sei aber bei der momentanen Lage des Wohnungs- marttes unmöglich. Wenn man behaupte, die Wohnungszwangs- wirtschast habe versagt, so sei das unrichtig, denn das Ergebnis der Neubautätigkeit könne sich durchaus sehen lassen. (Daß aber