Gießener Jeitnng
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43. Fahry. Mittwoch, -en 8. Fanuar 1930 Nummer 2
Vslitische Rim-Mu.
Der Reichskanzler hat den einzelnen Ministerien den Wunsch übermittelt, die Haushaltspläne so zeitig wie möglich sertigzu- stellen, damit der normale Termin (31. März) für die parlamentarische Verabschiedung des Reichshaushalts eingehalten werden könne.
Die deutsche Abordnung im Haag hat in den bisherigen Verhandlungen die alliierte Forderung auf Abänderung des Youngplancs dahingehend, daß die verpfändeten Einnahmen dem direkten Zugriff der Gläubiger unterliegen, mit Erfolg abge- lehnt. «.«
In der Frage der Ostraparationen ist im Haag noch kein wesentlicher Fortschritt erzielt worden.
Rcichsbankpräfidcnt Dr. Schacht wird am 12. Januar ju der Sitzung des Ausschusses der B. J. 3- im Haag eintressen.
Die gestrige erste Sitzung der Berliner Stadtverordnetenversammlung im neuen Jahre ist nach zweistündiger Dauer durch kommunistische Streitigkeiten ausgeflogen.
Die bisherigen Reparationsverhandlungen des österreichischen Bundeskanzlers Schober mit der rumänischen Abordnung und den übrigen Staaten der Kleinen Entente sind vorläufig ohne Ergebnis verlaufen.
Wie der „Petit Puristen" zu melden weiß, wird Außenminister Briand, um an der Eröffnung des Völkerbundesrates in Genf am 13. Januar teilzunehmen, den Haag am Freitag »erlassen. Am Sonnabendabend werde er in Genf eintreffen.
Der russische Volkskomissar des Aeußeren, Tschitscherin, der bekanntlich wegen eines Zuckerleidens seit April v. J. zum Kur- gebrauch in Wiesbaden weilte, ist von dort abgereist, um über Berlin und Warschau nach Moskau zurückzukehren.
Nach den aus indirekten Quellen aus Albanien eingetrosse- nen Mitteilungen ist im ganzen Lande ein Ausstand gegen das Regime des Königs ausgebrochen. Eine Anzahl von Stammesführern lehnt sich gegen die Modernificrungsbcftrcbungen König Zogu» auf.
Die russische Akademie der Wissenschaften hat die Einführung des lateinischen Alphabetes für die russische Sprache vorgeschlagen.
Die erste Etappe im Haag.
Nach aus dem Haag vorliegenden Informationen hat die Konferenz mit den Sitzungen der sechs einladenden Machte am Dienstag gewissermaßen bie erste Lesung der offenen Fragen beendet. Der Mittwoch wird sitzungsfrei bleiben, um für Einzelbesprechungen zur Verfügung zu stehen, in denen die zweite L«- fung vorbereitet werden kann, die am Donnerstag beginnen wird. Nach der ersten Lesung sind noch eine Reihe wichtiger Fragen offen. Die bisherigen Ergebnisse sind kurz folgende:
1. Die Gegenseite hat in der Frage des negativen Pfandrechtes ihren Wunsch, dieses Recht irgendwie zu aktivieren, nach schwerem Kampf fallen gelassen.
2. Di« Anpassung des deutsch-amerikanischen Sonde rabkom- mens an den Poungplan ist soweit geklärt, daß für den Fall des Moratoriums die Gleichstellung der Gläubiger aus dem einen oder anderen Abkommen gesichert ist.
3. Das Betriebsrecht der Reichsbahn, das nach dem bisherigen Reichsbahngesetz 1964 endet, während die Zahlungen der Reichsbahn erst 1966 ablaufen, wird nicht verlängert. Die Dif- fereuz von 15 Monaten soll dadurch überbrückt werden, daß an die Stelle der Bahn eventuell das rechtsnachfolgende reichseigen« Unternehmen diese 660 Millionen Reichsmark jährlich auszubringen haben wird. Keine Einigung wurde bisher in der Frage der Kompetenzen des Reichsbahnschiedsgerichtes und einer Reihe von anderen Fragen, betreffend die Reichsbahn, ihre Besteuerung usw. erzielt.
4. Ungeklärt ist auch noch die Frag« der Zahlungstermin« für die laufenden deutschen Reparationsleistungen. Deutschland will am Monats ultimo in die International« Bank einschießen, um den monatlichen Zinsverbust, der jährlich auf 96 Millionen Rmk. geschätzt wird, einzusparen. Die Alliierten verlangen mindestens Zahlbarkeit zur Monatsmitte.
In Fragen von minderer Wichtigkeit ist also vorläufig Einigung erzielt, ander« sind zum Teil aus organisatorischen Gründen, zum Teil wegen sachlichen Differenzen noch nicht geregelt. Der Kampf war sachlich heftig, wobei besonders der Reichsfinanzminister Moldenhauer mit den Finanzministern der übrigen Mächte in schwierigen sachlichen Auseinandersetzungen das Feld zu behaupten wußte, während der Reichsaußenminister Dr. Curtius u. a. Gelegenheit nahm, di« verschiedenen neuen Anforderungen, die zum Teil die Grenzen des Poungplanes überschreiten, nachdrücklich zurllckzuweisen.
Anerkennung Zardleus für Moldenhauer.
Haag. Ministerpräsident Tardieu hat sich in einer Besprechung mit der französischen Presse über die Ergebnisse der Verhandlungen außerordentlich anerkennend über die Person des neuen deutschen Reichsfinanzministers Dr. Moldenhauer ausgesprochen. Tardieu, dem Briand auf diese Worte lebhaft zustimmte, hob die Ruhe und die Energie Moldenhauers bei den Verhandlungen hervor und bezeichnete ihn als einen Mann mit sehr klarem Verstand und großer Sachkenntnis.
Mietserhöhung in Berlin.
Wie die Berliner „Montagspost" erfährt, beabsichtigt der Magistrat, von den 60 Millionen Mark, die Berlin unbedingt noch zur Fortführung der städtischen Wirtschaft bis zum April braucht, 25 Millionen Mark durch eine fünfprozentige Erhöhung der Grundsteuer aufzubringen, die nach den gesetzlichen Bestimmungen von den Hausbesitzern auf die Mieter abgewälzt werden darf. Eine fünfprozentige Erhöhung der Grundsteuer bedeutet eine Mieterhöhung von 1 bis 2 v. H. Sie soll zum 1. April durchgcsUhrt werden.
Finanzmiscrc in Breslau.
Bei dek Vorlegung einer Nachtragsforderung von 5 Millionen, für die keine Deckung da ist, teilte der Oberbürgermeister mit: Insgesamt würden heute vom Wohlfahrtsamt der Stadt Breslau 73 904 Parteien unterstützt. Wenn man die Partei zu vier Familienangehörigen rechnet, so ergibt sich, daß die Hälfte der Breslauer Einwohnerschaft Unterstützung bezieht. Bei dieser Sachlage müsse er die Feststellung treffen, daß die Stadt aus eigenen Mitteln sich nicht mehr helfen könne.
Edeka verlangt Ziindholzkontingent.
Wie uns vom Edeka-Verband deutscher kaufmännischer Ee- nossenschaften «. V., Berlin, mitgeteilt wird, hat die Edeka-Zentrale Berlin, die Zentraleinkaufsgenossenschaft von 400 Edeka- Genossenschaften mit zirka 30 000 angeschlossenen Geschäften gegen die bevorzugte Sonderstellung der beiden deutschen Konsumver- einszentralen GEG.-Hambuig und Gepag-Köln im Zündholz- monopolgesetzcntwurf beim Reichsrat und bei der Reichsregierung Widerspruch erhoben. Sollten inbeffen di« gesetzgebenden Körperschaften die Bestimmungen über die bevorzugte Sonderstellung der beiden Konsumvereinszentralen aus dem Gesetzentwürfe nicht entfernen, so beantragt die Edekazentrale auf Grund des tatsächlichen Bedarfes Einschaltung in bas Zündwa- renmonopolgesetz mit einem Kontingent von mindestens 20 000 Kisten Zündhölzern im Jahre zuzüglich 300 Normalkisten für jedes seit Inkrafttreten des Gesetzes abgelaufene volle Kalenderjahr oder nach einer Wahl in jedem Kalenderjahr 10 v. H. des vorjährigen inländischen Gesamtadsatzes an Zündwaren.
Sesamtkiindigung im Tabakgroßhandel.
Leipzig. Die dem Zentralverband Deutscher Großhändler der Tabakbranche e. D., Sitz Leipzig, angeschlossenen Firmen haben heute ihren Arbeitnehmern die Kündigung zugestellt. Von dieser werden in ganz Deutschland 1600 Finnen mit 100 000 Arbeitnehmern betroffen.
Hochzeit des italienischen Kronprinzen mit einer belgischen Prinzessin.
Rom. Die Feierlichkeiten anläßlich der Hochzeit des Kronprinzen Umberto mit der belgischen Prinzessin Marie Josè haben die Bevölkerung von Rom in einen wahren Freudentaumel »ersetzt. Aeußerlich sanden die für die große Menge bestimmten Veranstaltungen ihren Höhepunkt in einem glänzen ben Volkstrachtenumzug. Der Umzug dauerte über zwei Stunden. Die Abordnungen der verschiedenen Gegenden sangen volkstümliche Lieder und führten Tänze auf. Jede Region überbrachte dem Brautpaar ein für ihre Gegend charakteristisches Geschenk. Der Zug bewegte sich nach dem Quirinal, wo die Kö- nigssamilie, der Hof und die Gäste aus besonderen Tribünen das Schauspiel genossen. Die offiziellen Feierlichkeiten und Empfänge spielen sich unter umfassenden militärischen oder polizeilichen Sicherheitsmaßnahmen ab.
Erhöhung der amerikanischen Rüstungslasten.
London. Dem amer. Kongreß, der am Montag wieder zusammentrat, wurde eine Vorlage des Kriegsministeriums unterbreitet, die eine Erhöhung der rein militärischen Ausgaben um rund sechs Millionen Dollar gegenüber den Ausgaben des vergangenen Jahres vorsieht. (Abrüstung!?)
Ein deutscher Pfarrer in Rußland zu Gefängnis verurteilt.
Kowno. Das oberste Gericht der Sowjetunion hat in Sin- jeropol den deutschen katholischen Pfarrer Graf wegen angeblicher sowjetfeindlicher Propaganda zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Die Pest in Tunis.
Mailand. Nach einem Bericht der „Stampa" sind in Tunis der Lungenpest 56 Personen zum Opfer gefallen. Im Lazarett von Rabta wurden über 300 Personen mit verdächtigen Krankheitserscheinungen isoliert. Die Schulen sind geschlossen.
Berichtüber die wirtschaft!. Lage des deutschen Sandwerks tm Monat Dezember 1929.
Drei Faktoren bestimmten im Monat Dezember die wirtschaftliche Lage des Handwerks: Die allgemeine wirtschaftliche Depression, die Witterung und das Weihnachtsfest. Der unverkennbare allgemeine Konjunkturrückgang der letzten Monate hat zahlreiche Handwerksberufe nachteilig beeinflußt. Namentlich auf die metallverarbeitenden Handwerke wirkten sich die Bctriebseinfchränkungen und Arbeitcrentlassungen in der Industrie ungünstig aus. Indirekt wurden auch die Bekleidungs- und Nahrungsmittelhandwerke durch die Arbeitcrentlassungen betroffen, da die hierdurch hervorgerufene große Zahl der Arbeitslosen nur als Käufer unbedingt lebensnotwendiger Artikel in Frage kommt und das beschränkte Einkommen dieser Gruppen die Nachfrage nach möglichst billigen Massenartikeln statt nach guter Handwerksarbeit steigen läßt. Da auch bei den noch beschäftigten Bevölkerungskreisen fühlbare Geldknappheit bestand, entsprach das Weihnachtsgeschäft nicht überall den in diese Zeit gesetzten Erwartungen. Wohl halten namentlich die Handwerksbetriebe, die auch Ladengeschäfte unterhalten, wie beispielsweise Sattler, Bäcker, Konditoren, Schuhmacher etc. eine gewisse Geschäftsbelebung aufzuweisen, doch wird fast durchweg berichtet, daß, soweit bis jetzt feststellbar, der Umfang des Weihnachtsgeschäfts des Vorjahres nicht erreicht ist. Auch wurden fast ausschließlich billige Sachen verlangt. Nach den eingegangenen Berichten trifft dieses namentlich für das Ver- kaufsgeschäft der Elektroinstallateure, der Goldschmiede und der Uhrmacher zu. 2m Schneiderhandwerk, für das der Monat Dezember noch mit zu den Hauptgeschäftsmonaten zählt, würbe nicht der Auftragsbestand erzielt, der sonst um diese Zeit üblich ist. — Mit Rücksicht auf bie' fortgeschrittene Jahreszeit ist die Beschäftigung des Baugewerbes nahezu völlig zum Stillstand gekommen. Mit Einsetzen des Frostes in der Mitte des Monats wurden auch die zu Anfang noch im Gange befindlichen Tiefbauarbeiter, sowie die Verputz- und Ausbauarbeiten an Hochbauten eingestellt. Die Aussichten für das kommende Baujahr werden ungünstig beurteilt, weil der allgemeine wirtschaftliche Rückgang, sowie die schwierige finanzielle Lage von Staat und Gemeinden keine Hoffnung auf ein größeres Bauprogramm aufkommen lassen.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes zeigt in den letzten Monaten eine ständig steigende Verschlechterung. Einen Ausgleich für die zahlreichen Arbeitcrentlassungen in einzelnen Handwerksberufen durch vermehrte Einstellung von Arbeitskräften in anderen, für die der Dezember Hauptgeschäftszeit ist, fand nicht statt, da selbst die besser beschäftigten Betriebe in dec Mehrzahl die Arbeiten mit den vorhandenen Arbeitskräften erledigen konnten. Lohnerhöhungen sind nicht bekannt geworden.
Die Beschaffung von Material bereitete keine Schwierigkeiten. Die Preise blieben überwiegend unverändert. Der Geld- eingang hat im Berichtsmonat eine weitere Verschlechterung erfahren. Größere Einkäufe wurden fast nur gegen Ratenzahlung getätigt.
Eine Gefahr für den deutschen Weinbau unb zugleich für bas Volkswahl bildet die zunehmende Ueber, schwemmung mit ausländischem Wein. Frankreich hat, nachdem noch Algier seine Weineizeugung mehr als verdoppelt hat, eine durchschnittliche Jahresernte von rund 80 Millionen Hektoliter Wein. Von diesem Ueberschuß geht etwa der fünfte Teil nach Deutschland. Diese Einfuhr hat sich seit 1924 verzweieinhalisacht. Dazu kommt die Einfuhr aus anderen Ländern, besonders Spanien, und mehr noch aus Südamerika. Unser Wein- und Mostimport ist nach dem Statistischen Jahrbuch für bas deutsche Reich seit 1923 fast auf bas fünffache gestiegen. 1923 noch 29000 Tonnen, 1928 auf 137 000 Tonnen. Insbesondere auch von der Einfuhr aus Chile, dessen Weinerzeugung neuerdings stark in die Höhe getrieben wurde, ist Deutschland heute mit bedroht. Was wird die Reichsregierung gegen diese beängstigend wachsende ausländische Weinüberschwemmung tun? Sch.
Der Welsenschatz verlaust.
Frankfurt. Der Welsenschatz wurde von den drei Frankfurter Firmen J. & S. Goldschmidt, Z. M. Hackenbroch und J. Rosenbaum erworben. Ueber die weitere Zukunft des Schatzes lassen sich zur Zeit noch keine bestimmten Angaben machen.
Am 1. Juli neue Währung in China.
Schanghai, Der chinesische Finanzminister hat der chinesischen Regierung einen Entwurf übermittelt, der die Einführung einer neuen chinesischen Währung vorsieht. Die Einführung ist für den 1. Juli 1930 vorgesehen.
Tausend Mark im Briefkasten.
Die Kasseler Postdirektion machte die eigenartige Feststellung, daß unter den in einem Briefkasten am Hauptpostamt auf- gelieferten Briefschaften sich ein Paket mit 100 Stück ll)-Mark- sch«inen befand, das, lediglich mit Streifband versehen, unter die Postsachen geworfen worden war. Die Herkunft des Geldes konnte bisher noch nicht ermittelt werden.