Gießener Jeitnng
V__V I w (Gießener Tageblatt) ^^»^^ (Neueste Nachrichten)
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43. Fahrg.
Mittwoch, den 4. Funi 1930
Nummer 44
Politische Rundschau.
Die Einlage, die die Reichsregierung nach der Anlage des Haager Abkommens an die Bant für internationalen Zahlungsausgleich zu entrichten hat, ist am Dienstag bei der B^Z. geleistet worden.
Im Hinblick auf die Finanznot von Reich und Ländern ist die in diesem Jahr turnusmäßig fällige Volkszählung, mit der eine sogenannte verkleinerte Berufs- und Betriebszählung verbunden werden sollte, um ein Jahr hinausgeschoben worden.
Das Reichskabinctt hat dem Grafen Posadowsky-Wehncr zur Vollendung des 85. Geburtstages herzliche Glückwünsche übermittelt.
Der Rcichsvcrlehrsminister hat die Geltungsdauer des Ta- risnachtrags II vom 11. September 1928, den Nottarif für die Reichsbinnenwasserstraßen betreffend, vorbehaltlich Widerrufs, bis zum 30. September 1930 einschließlich verlängert.
Für die demnächst beginnende Welttraftkonserenz in Berlin hat der Reichspräsident von Hindenburg das Protektorat übernommen. Der Reichskanzler, sowie die übrigen Kabinetts- mitglitdcr werden Mitglieder des Ehrenpräsidiums fein.
In dem Verfahren gegen Dr. Göbbels wegen Beleidigung des Reichspräsidenten hat die Staatsanwaltschaft Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die Berufung richtet sich besonders gegen den Freispruch wegen der Beleidigung.
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Die für Pfingsten geplanten Veranstaltungen der „roten Sportler", die nicht nur aus das preußische Erfurt beschränkt bleiben sollten, sondern als großer kommunistischer Aufmarsch in den verschiedensten thüringischen Städten gedacht waren, sinv vom thüringischen Innenministerium, soweit Thüringen in Betracht kommt, verboten worden.
Nach Mitteilung des Statistischen Reichsamtes wurden im Mai 1930 1062 neue Konkurse — ohne die wegen Massemangels abgclchntcn Anträge auf Konkurseröffnung — und 702 eröffnete Vergleichsverfahren bclanntgegcbcn.
Beim Leipziger Uniocrjitätsrbntcnamt wurden bis zum Jahr 1924 zurückreichcndc Unregelmäßigkeiten aufgedeckt, durch die das Amt um etwa 80 000 Mark geschädigt worden ist.
Das schwedische Kabinett Lindmann hat dem König nunmehr formell sein Rllcktrittsgesuch eingereicht. Der König Hal daraus eine Konferenz der Parteiführer einberusen.
Mit Ablauf der letzten Maiwochc erreichte die Zahl der Arbeitslosen in Großbritannien 1 780 000. Für den Monat Ma: beträgt die Steigerung fast 60 000.
Anläßlich des 10. Jahrestages der Unterzeichnung des Frie- densvcrtragcs von Trianon veranstaltete die Revisionsliga auf dem Budapester Freiheitsplatz eine Volksversammlung, an der eine ungeure Menschenmenge tcilnahm. Es wurde eine Entschließung angenommen, in der die Regierung zu einer entschiedenen Rcoisionspolitik ausgesordert wird.
Ein Brief des Reichsvraiidcnlen an die Reichsregierung.
Die Führer des Reichsverbandes der deutschen Industrie nach Berlin berufen.
Besprechungen über Moldenhauers Finanz- und Sparpläne.
Das Rcichskabinetl trat am Dienstag um 19.30 Uhr zur Besprechung über die Vorschläge zur Ausgabensenkung und zur Sanierung des Reichsetats zusammen. Angesichts der Schwierigkeit der Probleme gilt es noch als zweifelhaft, ob diese eine Kabinettssitzung zum Ziele führen wird. Unter Umständen werden noch die nächsten Tage mit der Beratung der Vorlagen aus- gefüllt werden. In politischen Kreisen glaubt man zu wissen, daß ein Brief des Reichspräsidenten an das Kabinett vorliegt. Vor wenigen Tagen sind drahtlich die führenden Männer des Reichsverbandes der Industrie auf Dienstag zur Sitzung einge- laken worden. In unterrichteten Kreisen bringt man diese Sitzung mit wichtigen Vorverhandlungen in Verbindung, die am Dienstag über Moldenhauers Finanz- und Sparpläne stattfanden, ehe das Kabinett zu seiner Nachtsitzung zusammentrat. Das Kabinett hat sich in einer kürzeren Besprechung am Montag unter anderem mit den deutsch-rumänischen Verhandlungen befaßt, die wegen der Unvereinbarkeit der beiderseitigen For- derungcn ins Stocken geraten sind. Obwohl die Aussichten augenblicklich als nicht besonders günstig betrachtet werden, sollen die Verhandlungen fortgesetzt werden. In diesem Sinne dürften die deutschen Unterhändler instruiert worden sein.
Thüringen gibt nicht nach.
Das thüringische Kabinett hat am Montag nach einem Bericht, den Minister Daum über den Verlauf der Ländcrkonfe- renz gab, die Forderung des Reichsinnenministers, die Ernennung der nationalsozialistischen Polizeidirektoren wieder rückgängig zu machen, abgelehnt. Der Beschluß soll einstimmig zu- standegekommcn sein. Das Kabinett stellt sich auf den Standpunkt, daß Thüringen den Staats.gcrichtshof anrufen müsse, wenn Dr. Wirth seine Drohung, die Reichsz-uschllsse für Polizeizwecke zu sperren, wahrmachen sollte. Minister Baum wird das Schreiben Dr. Wirths in diesem Sinne beantworten.
Rückkehr Erzesinskis ins politische Leben?
Der ehemalige preußische Innenminister Grzesinski hat am Sonnabend in Berlin die Schauspielerin Daisy Torrens geheiratet. Das Zusammenleben des Ministers mit Frau Torrens war der Anlaß zu der Aktion des Senatspiäsidenten Grützner. Man vermutet, daß nach der jetzt vollzogenen Heirat Grzesinski auch recht bald wieder eine aktive Rolle in der Politik spielen dürfte.
Die neuen Botschafter in London und Rom ernannt.
Der Reichspräsident hat die in Aussicht genommenen Ernennungen für die Botschafterposten in London und Rom sowie für den Posten des Staatssekretär des Auswärtigen Amts nunmehr vollzogen. Botschafter Sthamer in London wird am 1. Oktober ds. Js. in den Ruhestand treten. Zu seinem Nachfolger ist der Botschafter in Rom, Freiherr v. Neurath, zum Botschafter in Rom der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Schubert und zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Bernhard v. Bülow ernannt worden.
Dem Düsseldorfer Mörder auch 20 Brandstiftungen bewiesen.
Mehr als 20 Brandstiftungen konnte man Kürten jetzt nachweisen. Reine Zerstörungswut war die Ursache des Handelns, verbunden mit der Freude am Brande selbst. Er zündete wahllos Scheunen, Strohschober, Erntewagen an, kurz alles, was ihm während des Sommers des Anzündens wert erschien. Niemals ist er dabei gesehen oder verdächtigt worden. Genau wie bei den Morden kam er aus dèm Verborgenen und tauchte nach bei Tat wieder in die Verborgenheit zurück. Erst bei seinen ictzi- gen Vernehmungen gestand er auch diese vielen Brandstiftungen, die man ihm dann auch nach einer Reihe von außerordentlich schwierig zu führenden Ermittlungen hinreichend genug beweisen konnte.
Ein Spar- und Sverrerlaß des Sarmslüdier Sberbürgermeisiers.
Darmstadt. In der vergangenen Woche wurde bekanntlich der Etat der Stadt Darmstadt mit den Deckungsvorschlägen des Oberbürgermeisters abgelehnt, der eine erneute starke Steigerung der Realsteucrn und der Gebühren verlangt hatte, während die Mehrheit des Stadtrates nur bei gleichzeitiger Erhebung einer Bllrgerabgabe sich mit einer Steuererhöhung einverstanden erklären wollte. Gewissermaßen als Antwort darauf hat Oberbürgermeister Mueller Erholungsurlaub angetreten und vorher noch eine Verfügung an die Stadtverwaltung herausgegeben, in der bestimmt wird: Erstens, es sind sämtliche städtischen Unter; Haltungsarbeiten sofort cinzustellen; zweitens, daß an Handwerker keine Rechnungsbeträge oder Vorschüsse gezahlt werden dürfen; drittens, daß die freiwilligen Leistungen in der Wohlfahrtspflege cinzustellen sind und viertens, daß Baukostenzuschüsie (ge; nchmigte oder vorgesehene) nicht zur Auszahlung kommen dürfen. Wie gleichzeitig von dem städtischen Presseamt mitgeteilt wird, ist die für den 14. und 15. Juni vorgesehene offizielle Jubiläumsfeier anläßlich dem 800jährigen Stadtjubiläum abgesagt worden.
Serbereitung ter großen siuftizreiorm.
Bei den Beratungen des Justizhaushalts ist von der Mehrheit des Reichstages ein Antrag gestellt worden, der die Bildung einer aus Rcchtslehrcrn, Richtern, Staatsanwälten, Rechtspflegern und Vertretern der Wirtschaft bestehenden Sonderkommission zum Ziele hat. Diese Kommission soll in Verbindung mit dem Reichsjustizministcr eine organische, systematische ^su= stizreform zur Vereinfachung der Rechspflege vorbereiten. Der Bund Deutscher Justizamtmänner als Standesvertretung der Rechtspfleger hat in einer kürzlich in Wiesbaden abgehaltcnen Sitzung seines gcjchäftsführenden Ausschusses beschlossen, die mit der großen Iustizreform zusammenhängenden Fragen auf dem vom 5. bis 7. September 1930 in Danzig stattfindendcn Deutschen Rechtspflegertag zur Erörterung zu stellen. Gegenstand der Beratungen wird dabei auch die Frage bilden, wieweit schon sofort ein Ausbau des Rechtspflegertums erfolgen kann, um Erfahrungen zu sammeln für die bei der großen Justizreform vorzunehmende endgültige Abgrenzug der Zuständigkeit des Richlers und des Rechtspflegen.
Ar -usammensttzung der hcififthtn Gemeinde- und SiadivarlameMt.
Eine statistische Untersuchung über die letzten Kommunalwahlen.
In der neuesten Nummer der „Mitteilungen des Hessischen landesstatistischen Amtes" (Nr. 4 vom 4. April 1930), ocr» öfsenllicht Direktor Dr. Lind einen Artikel über „Die Gemeinde- unb Stadtratswahlen am 16. November 1929“. Die interessante Arbeit gibt einen konzentrierten Auszug aus der Statistischen Aufbereitung des Ergebnisses der letzten Kommunalwahlen und enthält eine Fülle von Einzelheiten, die allgemein Beachtung finden dürsten.
Entsprechend der allgemeinen Tendenz ist auch bei bet Ge-- meinde- und Stadtratswahl in Hessen am 16. November 1929 eine zunehmende Parteizersplittcrung festzustellen. Zwar hat in rund zwei Fünfteln aller Gemeinden (400) überhaupt keine Abstimmung stattgcfunden, weil in diesen Gemeinden nur ein Wahlvorschlag eingereicht worden war. Allein 295 dieser Gemeinden hatten jedoch noch nicht einmal 500 Einwohner und nur 16 mehr als 1000 Einwohner. In 14 Gemeinden war es überhaupt nicht möglich, den Gemeinberat aus sieben Mitgliedern zusammenzusetzen, weil gar nicht so viel wählbar« Gemeindcangehörige vorhanden waren. Diese Feststellung ist aber keineswegs bloß ein Wahlkuriofum, sondern auch der Ausdruck der Tatsache, daß je nach Größe der Gemeinden das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Gemeinderäten und Einwohnern sehr stark voneinander abweicht. Während in den 14 kleinsten Gemeinden mithin sämtliche wahlfähigen Eemeindeangchörigcn zugleich Gemeniberäte sind, entfällt in den Gemeinden bis zu 500 Einwohnern auf 39 Einwohner ein Gemeinberatsmitgtieb. In den Gemeinden von mehr als 20 000 Einwohnern erst auf 1530 Einwohner ein Stadtratsmitglied. Die Wahlbeteiligung war in den kleinsten und den größten Gemeinden geringer als in den mittelgroßen Gemeinden (1000 bis 8000 Einwohner).
Die Feststellung über die Parteigruppicrung der Gemeindc- und Stadtratsmitglieder macht bei den einzelnen Parteien besondere Schwierigkeiten, weil die Bezeichnung auf den Wahlvorschlagslisten oft sehr wünschen übrig läßt. Immerhin läßt der Vergleich doch erkennen, daß die Nationalsozialisten bei der letzten Kommunalwahl überhaupt erstmalig in die kommunalen Körperschaften Hessens eingezogen sind — sie haben jetzt insgesamt 94 Gemeinde- und Stadtratsmitglieder in Hessen — und daß auch die Kommunisten in diesen Körperschaften fühlbar an Boden gewonnen haben. Eine Einbuße ist bei den Dcutschna- tionalen und den übrigen bürgerlichen Parteien. Die parteilosen Gemeinderatsmitglieder finden sich vor allem in den kleinen und den kleinsten Gemeinden. Die agrarischen Standeslisten haben mit steigender Gemeindegröße geringere Bedeutung, weil die Landwirtschaft eben nur auf dem flachen Lande eine überragende Bedeutung hat. Im Alter der Gcmeinderatsmitgliedcr ist gegenüber 1922 bis 1925 keine erhebliche Verschiebung eingetreten. Das mittlere Lebensalter der Gemei nberalsmitglicber der verschiedenen Parteien schwankt zwischen 37 Jahren (Kommunisten) — die also in der Mehrzahl jüngere Gemeinderäte haben — und 64 Jahren (Volksrechtpartei).
Die Berussangabcn der Ecmeindcratsmitglieder sind häufig ungenau. Zwei Drittel aller Gemeinderatsmitglieder sind selbständig, da in Hessen jeder 20. Landwirt im Alter von mehr als 25 Jahren Gemeinderatsmitglied ist.
Die Frauen sind in den hessischen Gemeinde- und S-adträ- ten gering vertreten. 9101 Männern stehen nur 42 Frauen als Gemeinderatsmitglieder gegenüber. In den kleineren Gemeinden sind Frauen nur in den seltensten Ausnahmefällen als Gemeinderatsmitglieder zu finden.
Jenas Studentenschaft für Dr. Günther.
Der Vorstand der Jenaer Studentenschaft (Allgemeiner Stu; dentenausschuß) hat anläßlich der Berufung des Rassenforschers Dr. Hans Günther an die Universität Jena das thüringische Sraatsminifterium beglückwünscht. Ein Begrüßungstelegramm wurde an Dr. Günther abgesandt Das Vorgehen der Studentenschaft erregt beträchtliches Aufsehen, da Senat und Rektor der Universität Zena sich gegen die Berufung Günthers ausgesprochen hatten.
Tagung des Verbandes reifender Kaufleute Deutschlands.
Am 31. Mai fand in Berlin die Generalversammlung statt. Die beiden ausscheidenden Präsidialmilglieder Schierloh-Bremen und Raape-MLnster wurden wieder gewählt, ebenso der bisherige Präsident, Kommerzienrat Lipp-Nürnberg. Als Ort der nächsten Generalversammlung wurde wieder Berlin gewählt. Unter Punkt Verschiedenes wurden eine Reihe wichtiger Berufs- und Organisationsfragen eingehend behandelt. Mit aller Entschiedenheit wandte man sich gegen die im Wirtschaftsleben in zunehmendem Maße in Erscheinung tretende Demoralisierung. Es wurde beschlossen, in nochstärkerem Maße als bisher mit allen Mitteln dafür einzutreten, daß bie. alten Ehrbegriffe des deutschen Kaufmannes wieder Allgemeingut aller in der Wirtschaft Tätigen werden.