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43. Fahro.

Mittwoch, den 2. Juli 1930

Nummer 52

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Die Rheinlandbesreiungssahrt des Reichspräsidenten be­ginnt am 19. Juli in Mannheim-Ludwigshasen. Nach Be­endigung der Feierlichkeiten in Mainz und Wiesbaden wird die Rheinfahrt am 22. Juli mit dem Dampfer „Mainz" bis Koblenz fortgesetzt.

Der Volkswirtschaftliche Ausschuß nahm das Brotgesetz an, les die Einführung eines Gewichtszwanges vorsieht. Das Gesetz soll am 15. August 1930 in Kraft treten und bis zum 30. September 1932 Gültigkeit haben.

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Das Reichswirtschastsministcrium hat ein Zwangskohlen- syndikat verordnet. Es hat durch Verordnung den neuen Syn- dilatsvertvag des rheinisch-westfälischen Kohlensyndikats für verbindlich erklärt.

Unter dem Ehrcnoorsitz Briands wurde in Paris der Kon­greß der europäischen Zoll-Union im Quai d'Orsay eröffnet. Unter den 14 Ländern, die aus ihm vertreten sind, befinden sich auch Deutschland, Oesterreich, Ungarn, England, Italien usw.

Die sinnlichen Heimwehren setzen ihre energische Verfol­gung der kommunistischen Elemente fort. Es sind fünf Kom- niunistensührer ergriffen und über die Grenze nach Rußland gebracht worden.

Aus Lettland wird gemeldet, daß unter der Bauernschast eine Bewegung im Gange ist, die dafür wirkt, daß nach finni= schein Muster die Bauern einen Zug nach der Hauptstadt uns iernehmrn sollen, um den Sejm zu zwingen, der bedrängten Landwirtschaft zu Helsen.

Der italienische Ministerrat hat eine Erhöhung der Rü- ftungsausgaben im Haushaltsjahr 1930-31 um 500 Millionen Li re beschlossen.

Aufruf!

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Anläßlich der Räumung der 3. Zone von fremden Truppen erliess die hessische Regierung nachstehenden Aufruf.

An das hessische Volk.

Die Hessische Staatsregicrung entbietet am Tage der Ee- iarntrüumung der besetzten Gebiete Gruß und Glückwunsch den teutschen Männern und Frauen am Rhein. In tiefer Dankbar- feni gedenken wir ihrer, die während langer, schwerer Besatzungs- zciir in unerschütterlicher Treue zu Volk und Staat gestanden, die die inneren und äußeren Drangsale der Besetzung mit Würde und Geduld getragen haben.

Das Ringen der vergangenen Jahre um den deutschen Strom wird für alle Zeiten in der Geschichte leben als eine Großtat des deutschen Volkes. Auf sich selbst gestellt, stark in vorbildlicher Einigkeit, hat das deutsche Volk am Rhein, geführt von zielbewußten, mutigen Männern, den Kampf bestanden: einen Kampf, bei dem cs nicht allein um das Schicksal der deut­schen Westgebiete, sondern letzten Endes um die Einheit und Zukunst des Deutschen Reiches ging. Die unbeirrbare Liebe der rhe'nschen Bevölkerung zu Volk und Land und ihre aus- Souernde Opferbereitschaft gaben weitblickenden Staatsmännern der deutschen Republik die Grundlage für eine Politik, die den hc'tig--n Tag der Befreiung von fremder Besetzung herbeige- jührt hat. Möge auch die Rückkehr de« Saargcbictes zum Reiche bald verwirklicht werden.

Das Land Hessen begrüßt die Stunde der Befreiung mit besonderer Freude und Genugtuung. Die Besetzung, die einem erheblichen Teil des Landes, und dazu dem wertvollsten, aufer- legt war, hatte sich verhängnisvoll auf die wirtschaftlichen und finanziellen Kräfte Hessens ausgewirkt. Jetzt, da die Hemmnisse Der Ordonnanzen, die Lasten der Beschlagnahmungen und der ichwcrc seelische Druck der Unfreiheit von unserem Besatzungs- gebiet genommen sind, kann der Wiederaufbau mit frischen und freien Kräften in Angriff genommen werden. Trotz der iehmeren wirtschaftlichen Not der Gegenwart muß es gelingen, die tiefen Wunden zu heilen, die die Besatzungszeir geschlagen. Wir bauen dabei auf die ungebrochene, im Kampf um den Rhein erneut bewährte Kraft unseres Volkstums. Wir müssen aber euch darauf vertrauen können, daß ganz Deutschland die Röte lindern, die Schäden beseitigen hilft, die ein Teil des deutschen Lölkes für die Gesamtheit auf sich nehmen mußte.

Unser Dank und unser Gruß gilt allen denen, die mithalfen im Kampfe gegen fremde Machthaber und ihre Helfershelfer: den deutschen Männern am Schraubstock und Amboß, in der Werkstatt und am Schreibtisch, hinter dem Pflug, in Aemtern Mb Kontoren. Der Frauen zumal gedenken wir in dieser Snunbe, denen ein besonderer Teil seelischer Bedrückung aufer- le«k war. Alle werden für ihre Standhaftigkeit und Treue den bersten Lohn finden in dem Bewußtsein, Wcgcbcreitcr einer idjoijncrcn deutschen Zukunft zu sein. Die hessische Heimat, das große deutsche Vaterland aber mögen in friedlicher Entwicklung triebet aufsteigen, uns und unseren Nachfahren möge als heiliges Vermächtnis des Ringens um den Rhein Einigkeit und Freiheit iü r immer erhalten bleiben!

Darmstadt, den 30. Juni 1930.

Hessisches Gejomtministerium:

Du Adelung Kirnberger Leuschner Korell.

Sie Befreiungsieiern.

Mainz.

Zehntausenbe hatten sich auf dem Festhallenplatz eingesun­den, auf dem der Festakt vor sich ging. Die Reden wurden durch Lautsprecher verbreitet. Zum ersten Male waltet die Schutzpolizei ihres Amtes. Die Glocken aller Kirchen läuteten die Feier ein. Böllerschüsse ertöntem Ein Chor intonierte „Großer Gott wir loben dich". Der Klang des feierlichen Be­kenntnisses „Deutsch ist der Rhein" zog über die andächtig lau­schende Menge. Oberbürgermeister Dr. Külb ergriff dann das Wort. Seine Rede klang aus in die Mahnung zur Einigkeit und in einem Hoch auf Deutschland, worauf die Menge das Deutsch­landlied anstimmte. Reichsminister Dr. Wirth, der dann das Wort ergriff, führte aus, daß die deutschen Lande zwar frei, aber doch noch minderen Rechts seien gegenüber den Ländern der Sieger. Den Weg Iber Abrüstung, den wir gegangen sind, soll­ten alle Länder gehen. Die größte Sicherheit Frankreichs sei die Freiheit unseres Vaterlandes. Unsere Freiheit sei durch den Tributplan teuer erkauft. Die Wirtschaftskrise sei internatio­nal, und es sei daher zu prüfen, ob die jetzige Form der Welt­wirtschaft noch zweckmäßig fei. Einer Neuordnung wollten wir auch den Tributplan unterwerfen, dessen Forderungen über un­sere Kräfte gingen. Wir wollen nach unseren Kräften zur Neu­ordnung beitragen, aber auch die anderen sollten Pflichten übernehmen. Es gilt, einen Weg zur Behebung der Wirtschafts­krise zu suchen. Aus den Fluten des Rheins wollen wir poli­tische Erkenntnis trinken. Das Beispiel des rheinischen Volkes, das uns das Reich gerettet hat, soll auf tuns wirken und un­sere Vaterlandsliebe stärken. — Musikalische Vorträge schlossen die Feier.

Bingen.

Die Befreiungsfeier wurde eingeleitet durch einen Fackel­zug, der durch bie Teilnahme der Studierenden bes Rheinischen Technikums ein besonders malerisches Bild bot. Der Fremden­zustrom war außerordentlich groß. Von der Her raffe der Fest­halle am Rhein herab feierte darauf Finanzminister Dr. Kirn- berger den Anbruch der neuen Freiheit. Pünktlich um Mitter­nacht ging 'auf ber Burg Knopp die Reichsflagge hoch unter dem Jubel der Tausenden und unter dem Sirenenpfeifen der im Hafen liegenden Schifte.

Wiesbaden erlebt« heute nacht feine ganz große Stunde. Zu Tausenden ballten sich die Massen vor dem Rathaus, wo die Befreiungsfeier stattfand. Unzählige Lichter verschönerten das festliche Bild. Feierliches Glockengeläute, unterbrochen von dem Beifall der jubelnden Meng«, kündigte die Stunde der lang­ersehnten Freiheit am Posaunen- und Mannerchöre umrahmten die Ansprachen der Redner. Nach der Ansprache des preußischen Ministerpräsidenten Braun brauste das von bet Meng« begei­stert gesungene Deutschlandlied über den Platz. Ein Choroor- trag der Wiesbadener Sängerschaft gab der Feierstunde einen weihevollen Abschluß. Auf den Höhen ringsum leuchteten Flam­men zum Himmel empor.

Auch in Worms, Oppenheim, Groß-Gerau, Bad Schwalbach, Königstein und in vielen anderen Städten am Rhein und in der Pfalz wurden Befreiungsfeiern veranstaltet.

Sie fette froniéfifdtt Parade in Mainz.

Vier Kompagnien französischer Infanterie traten am Mon- tagoormittag auf dem Deutsch-Haus-Platz in Mainz zur letzten Parade an. General Guillaumat, der Vorsitzende der Rhein­landkommission, Tirard, und vier Generäle schritten die Front ab. Darauf wurde unter ben Klängen der Marsellaise die Trikolore eingezogen. Die große Menge brach dabei in laute Hurrarufe aus. Unter diesen Hurrarufen mußte das letzte französische Bataillon ,zum Bahnhof marschieren. Dort nahm General Guillaumat noch einmal bie letzte Parade ab und bestieg dann seinen Salonwagen.

Wie ein jäher Rausch ist die Freiheit über die Stadt ge­kommen. Zu lange und zu drückend war die Fremdherrschaft. Zehntausend« jubelten auf, als Punkt 5 Uhr die Schupo-Truppe über die Brücke von Kastel her Mainzer Boden betrat. Zu gleicher Zeit stiegen auf den Gebäuden und am Rhein, die jahrelang die fremden Farben der Trikolore ertragen mußten, die deutschen Rcichssarben hoch und prägten ein neues, ein besseres Bild von dem deutschen Mainz.

Der Jubel beim Einzug bet Polizei war ungeheuer.

Durch ganz Mainz marschierten sie, voran ein Zug Berit­tener. Das buntprächtige Bild dieser deutschen Stabt am Be- freiungstage, die aufrichtige Freude, mit der die Polizei emp­fangen wurde, wird sie manch« Dienststurtde leichter ertragen und vergessen lassen. Am Theater nahmen hohe Beamle und Regierung den Dorbeinraisch ab. Mit Tränen in den Augen sahen alte Leute wieder den Glanz deutscher Mannhaftigkeit. An der Stabthalle endete der Marsch. Das Deuischlandlied erklang.

Major Pabst will nach München gehen.

Wien. Das „Neue Wiener Tagblatt" läßt sich aus Mün­chen berichten, daß Major Pabst beabsichtige, sich in der näch­sten Zeit in München niederzulasen, um in Bayeren Organisa- tionen nach dem Muster der österreichischen Heimatwehren zu gründen.

Was Kessen tragen mutzte.

Besotzungsnot in Zahlen.

Die Ausdehnung des hcsiischcn besetzten Gebietes.

Der Waffcnstillstandsvertrag vom 11. November 1918 setzte die Besetzung des linken Rheinufers durch Truppen bet Al­liierten fest. In das besetzte Gebiet fiel die reichste hessische Pro­vinz, Rheinhessen, mit 1377,5 qkm Fläch« und 384 168 Einwohnern: ferner mürben vom übrigen Hessen mit dem rechtsrheinischen Brückenkopf Mainz besetzt 585 qkm ber Provinz Starkenburg mit 103 742 Einwohnern (der ganze Kreis Groß- Gerau und Teile des Kreises Darmstadt und Oftenbach) und schließlich 1,70 qkm der Provinz Oberhessen (Waldgcbiek ohne Einwohner, zum Kreis Friedberg gehörig). Insgesamt waren also 1964,5 qkm mit 487 910 Einwohnern hessisches besetztes Ge­biet. Hessen war damit das am stärksten besetzte deutsche Land, denn gegenüber 25,5 Prozent Besetzung in Hessen betrug die Be­setzung von dem preußischen Staatsgebiet nur 4,5 Prozent, vom bayerischen 7,8 Prozent. 36,1 Prozent der hessischen Bevölkerung unterstanden dem Besatzungsregime, während die entsprechenden Zahlen für Preußen 5,9 und für Bayern 12,8 Prozent waren.

Am 5. Dezember 1918 und den folgenden Tagen erfolgte der Einmarsch französischer Truppen in Rheinhessen. Am 14. De­zember 1918 erreichte der Besatzungseinmarsch die Westgrenze Darmstadts und nahm vom Truppenlager Griesheim Besitz. Die Räumung des hesiischen besetzten Gebietes, die im Frühjahr 1930, begann, nahm ihr juristisches Ende in der Mitternachts­stunde des 30. Juni auf 1. Juli 1930. Die Besetzung hat so­mit 11 Jahre und knapp 7 Monate gedauert. Vorübergehend, vom 6. April bis 17. Mai 1920, war im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch als angebliche Repressalie auch Darmstadt be­setzt und mit ihm das hessische Gebiet zwischen Main und der Eisenbahnstrecke Darmstadt—Aschaffenburg. Dieser sogenannte Maineinbruch stieß in Oberhessen bis vor Friedberg vor und umfaßte insgesamt 837 qkm mit 317 017 Einwohnern.

Hessen hatte die meisten Besatzungstruppen.

Das hessische besetzte Gebiet hatte im Verhältnis zu feiner Größe und Einwohnerzahl weitaus die stärkste Besetzung aufzu­weisen. Um die Jahreswende 1928=29 garnisonierten in Hessen fast 19 000 Besatzungsangehörige, das sind beinahe 28 v. H. der gesamten Bcsatzungsarmeen, während die Bevölkerung nur 13,1 v. H. der Gesamtbevölkerung der besetzten Gebiete aus­machte. Auf 10 000 Einwohner kamen im besetzten Hesien 3 8 5 Besatzungsangehörige, im besetzten Preußen 137, in der bayeri­schen Pfalz 160. Von den damals noch immer fast 1300 farbi­gen Soldaten ber französischen Besatzungsarmee befanden sich über 400 im hessischen besetzten Gebiet. Die Städte Mainz und Worms hatten Belegungen zu tragen, die weit über ihre Friedensgar- nisonsstärke hinausgingen. Auch Bingen, das nie Garnisons­stadt war, mußte eine Besatzungsgarnison unterbringen. Im Jahre 1922 betrug die Besatzungsstärke in Mainz 19 300. Sie sank dann in den Jahren 1923 bis 1925 auf 15 000, stieg im Jahre 1926 wieder auf 16 400, ging bis zum Jahre 1929 auf 11 492 zurück und betrug im Jahre 1930 noch 11 365. In diese Zahlen sind die Zivilangestellten, jedoch ohne Familienange­hörige, eingejchlosien.

Wieviel Wohnungen die Besatzung wegnahm.

Der sich aus der Besatzungsstärke ergebende überaus große Wohnungsbedarf hatte im hessischen besetzten Gbiet Beschlag­nahmungen ,zur Folge, wie sie kein anderer besetzter Gebietsteil aufzuweisen hatte. Soweit diese Wohnungen in den vom Reich für Besatzungszwecke besonders erstellten Wohnbauten zur Ver­fügung gestellt werden konnten, wurde die Bevölkerung nicht un­mittelbar berührt. Dagegen waren im gesamten besetzten Ge­biet im November 1928 auch 3599 Privatwohnungen beschlag­nahmt, wovon auf Hesien allein 1080 Wohnungen mit 3709 Zimmern entfielen. Außerdem wurden noch 645 Einzelzimmer in Hessen von der Besatzung zu Wohnzwecken in Anspruch ge­nommen. Zu anderen als Wohnzwecken waren am 15. Septem­ber 1928 im hessischen besetzten Gebiet beschlagnahmt 50 Woh­nungen^ 53 Einzelzimmer, ferner ganz oder teilweise 76 Häuser, 2 Kirchen, 7 Schulen mit 94 Klassenzimmern, 1 Lichtspielhaus, schließlich Turnhallen, Fabriken und Wirtschaftsgebäude. Be­sonders drückend wurde von der Bevölkerung die Beschlagnahme von 148 ha besten Ackerlandes der Gemeinde Wackernheim zur Errichtung eines Flugplatzes empfunden. Die Beschlagnahme erfolgte, obwohl anderswo Flugplatzgelände in Hessen ausrei­chend zur Verfügung stand. Die Besatzung nahm aber der klei­nen Bauerngemeinde Wackernheim ein Viertel ihrer Gemarkung.

Aus der Heimat vertrieben.

Die Besatzungsjustiz, die mit unzähligen größeren und klei­neren Strafen die Bevölkerung schikanierte, erreichte ihren Höhe­punkt mit den Massenausweisungen während des Ruhrkampfes. Aus dem hessischen besetzten Gebiet waren insgesamt, soweit feststellbar, etwa 20 000 Personen ausgewiesen, fast 5 000 Reichs- und Staatsbeamte mit etwa 11 500 Angehörigen, ferner über 3 000 Privatpersonen einschließlich Angehörigen. Die Welle der Ausweisungen stieg vor allem an, als die Franzosen das Eisen­bahnwesen in eigene Regie nahmen und die Bahnbeamten sich treu ihrem Beamteneid weigerten, Rcgiedienst zu leisten. In Darmstadt hatte die hessische Regierung eine Fürsorgestelle für die Ausgewiesenen eingerichtet, die sich unter der Leitung bes Landtagspräsidenten Adelung der Ausgewiesenen annahm. Nicht