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Volttische Rundschau.
Der Reichspräsident empfing den deutschen Botschafter in Tokio, Dr. Voretzsch.
Wie vom Reichsministerium des Inneren mitgeteilt wird, tritt in der Zwischenzeit in der Auszahlung der Polizeigelder an Braunschweig eine Unterbrechung nicht ein, vielmehr ist die Auszahlung für November inzwischen bereits erfolgt.
Das Reichskabinett setzte seine Beratungen über die Vorlagen des Finanz- und Wirtschastsplanes fort. Die Beratungen über die Osthilfe wurden mit Rücksicht auf die Erkrankung des Ernährungsministers Schiele ausgesetzt.
In der Sitzung des Auswärtigen Ausschusses berichtete Rcichsaußcnminiftcr Dr. Curtius über die dcutschseindlichen Kundgebungen in Prag.
Der Acltestcnrat des Reichstags hielt eine Sitzung ab. Für die Diätenregelung wurde ein Unterausschuß eingesetzt.
Der Direktor der Abrüstungsabteilung des Völkerbundes ist in Berlin eingetroffen.
Wie aus Washington gemeldet wird, hat Präsident Hoover den Botschafter Gibson, den Hauptvcrtretcr der Vereinigten Staaten bei der bevorstehenden Tagung des Abrüstungsausschusses in Genf beauftragt, sich um das Zustandekommen einer Einigung in der Flottcnsrage zwischen Frankreich und Italien zu bemühen.
Nach Auslösung des ägyptischen Parlaments hat König Fuad nunmehr auch die Auflösung sämtlicher Provinzialausschüsse durch königliches Dekret angeordnet.
Im Vombenlegcr-Prozeß wurde gestern abend das Urteil verkündet. Insgesamt wurden die Angeklagten zu 49/4 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Gefängnis verurteilt. Drei Angeklagte, unter ihnen Bruno Salomon, wurden freigefprochen.
Der Oderdamm ist in der Nacht auf Freitag bei Scheidel- nkitz gebrochen. Sck>eidclwitz steht vollständig unter Waffgr und ist von jedem Verkehr abgeschnitten.
Der Neubau der Polizeilommission in Villach stürzte gestern ein und begrub 30 bis 40 Arbeiter unter seinen Trümmern.
Das Dornier-Flugzeug „Do 10" wird Sonntag, den 2. November von Altcnrhein aus zu seiner ersten Etappe des Europa- fluge nach Amsterdam aussteigcn.
In Katalonien sind erneut Teilstreiks der Industriearbeiter- schaft ausgebrochen.
Zur Unterdrückung der revolutionären Agitation erließ die japanische Regierung ein Vcrsammlungsvcrbot.
Im Alter von 74 Jahren ist der Bischof von Limburg, Dr. Augustinus Kilian, an den Folgen eines jahrealten schweren Herzleidens gestorben.
Jer SeutsKe Landkreistag beim Kanzler.
Der Reichskanzler Dr. Brüning empfing unter Führung des Präsidenten Dr. von Stempel eine Abordnung, «die einen Ueber- blict über die gesamte Finanzlage der deutschen Landkreise gab. Besondere Berücksichtigung fand das Problem der Wohlfahrts- erwerbslosen. Es wurde die Ansicht vertreten, daß für die dadurch entstehenden Lasten das Reich in erhöhtem Maße aufkommen müsse. Die dringendste Sorge ber Landkreise fei, daß in dem kommenden Finanzprogramm der Regierung die Maßnah- men getroffen würden, die die finanzielle Selbständigkeit der Landkreise in vollem Maße gewährleisten. Einzelheiten könnten der Landcsgcsetzgcbung überlassen bleiben. Die Wünsche bezüglich der Wahrung der Interessen der Landkreise in den bevorstehenden Steuergesetzen wurden in eingehender Aussprache erörtert.
17,6 Millionen Fehlbetrag in Preußen.
Der preußische Finanzminister hat dem Landtag die Uebersicht über die Staatseinnahmen und Staatsausgaben für das Rechnungsjahr 1929 vorgelegt. Danach hatte das Rechnungsjahr 1928 mit einem Uebevjchuß von rund 300 000 Mark abgeschlossen. Für das Rechnungsjahr 1929 ist nach dem Iahres- abschbuß der Eencralstaatskasse ein Fehlbetrag von 17,6 Millionen Mark entstanden. Die Steuern und Abgaben haben für Preußen ein reines Mehr erbracht von insgesamt 12,6 Millionen Mark. Die sonstigen Einnahmen der allgemeinen Finanzverwaltung haben ein Mehr ergeben von 11 Millionen Mark, die Hohcitsvcrwaltungcn haben ohne außerplanmäßige Ausgaben nach Abzug erhöhter Derwaltungseinnahmen und unter Berücksichtigung der Minderausgaben einen Mehrzuschuß von , .8 Millionen Mark erfordert. Zu diesen Ausgaben treten bei den Hoheitsvcrwaltungen außerplanmäßige Ausgaben zu Lasten der allgemeinen Staatsfonds von 17,8 Millionen Mark. ^nsge samt beträgt die Verbesserung 8 Millionen, die Verschlechterung 25,6 Millionen Mark. Das Rechnungsjahr 1929 hat somit gegenüber dem Haushalt mit einem Fehlbetrag von 17,6 Millionen Mark abgeschlossen. Ueber die Deckung dieses Fehlbetrages ist noch keine endgültige Bestimmung getroffen.
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Samstag, den 1. November 1930
Vereitelter Militärputsch in Griechenlaud.
Athen, 31. 10. In der vorletzten Nacht versammelten sich über 100 Offiziere in einem Privatgebäude Athens, um die letzten Vorbereitungen für einen Putsch zu treffen, der noch in der gleichen Nacht losbrechen sollte. Bei den Verschwörern handelt es sich um Leute, die mit der Außenpolitik Veniselos' und dessen Reise nach Angora unzufrieden sind und darin eine Verletzung des griechischen Rationalstolzcs erblicken. Die Beteiligten waren jedoch schon seit längerer Zeit von der Geheimpolizei beobachtet worden, die einschritt und Masjenverhaftungen vornahm.
Nüstnnqen an der mandschurischen Grenze.
Schanghai, 30. Oktober. An der sibirisch-mandschurischen Grenze ballen sich neue Kriegswolken zusammen. Die russisch, chinesischen Verhandlungen zur Beilegung des Streites um die chinesische Ostbahn stehen vor dem Zusammenbruch. Auf beiden Seiten der Grenze ist die Mobilisierung im Gange.
Erdbeben in Italien.
Wieder ist Italien von einem Erdbeben heimgesucht worden, das namentlich die Städte Ancona an der adriatischen Küste und Senigallia betroffen hat. Soweit sich bisher übersehen läßt, sind dem Beben 21 Menschen zum Opfer gefallen.
Rom, 30. Oktober. Heute morgen kurz nach 8 Uhr wurde die Stadt Ancona von einem heftigen Erdbeben heimgesucht. Viele Gebäude wurden zerstört. Von dem Erdbeben wurden in der Hauptsache die Städte Ancona, Fabriano, Senigallia und Padua betroffen.z Rach den bisherigen Meldungen wurden 24 Personen getötet und 130 verletzt.
Deutscher Landkreistag.
Am Montag, den 4. November, findet eine gemeinsame Sitzung der Vorstände des Deutschen und des Preußischen Land- kreistages statt. Die Landkreise nehmen in dieser Sitzung Stellung zum Programm der Negierung Brüning und zum Problem der Wohlfahrtserwerbslosenlasten.
Neues Zollprogramm.
Nach Information des „Deutschen Wirkschaftsvercins" enthält der neue kanadische autonome Zolltarif Erhöhungen bis zu 400 Prozent gegenüber dem bis her gültigen Tarif. Auch Deutschland, das sehr viel von Kanada bezieht, wird diese Ver- schärsungcn in seinem Handel spüren. — Was für Gegenmaßnahmen wird die deutsche Reichsregierung ergreifen?
Verträum in die Wirtschaft.
Im August 1930 haben die Spareinlagen bei den deutschen Sparkassen die lO-Milliardcngrenze überschritten. Im Laufe des Jahres 1930 sind allein 1 170 Millionen Reichsmark Spar- kapital neu gebildet worden. Diese beiden Tatsachen haben in der gegenwärtigen Zeit größter wirtschaftlicher Rot mit Recht Erstaunen hervorgcrusen. An der Richtigkeit der Zahlen, die die amtliche Statistik liefert, kann nicht gezweifelt werden. Die Einlagen sind auch von den gleichen Sparerkreisen wie in der Vorkriegszeit aufgebracht. Die Zahl der Erwerbstätigen und damit Sparfähigen ist gegenüber früher um mehrere Millionen gestiegen, so daß selbst bei Berücksichtigung der Erwerbslosigkeit eine ansehnliche Sparerschicht vorhanden ist. Die Sparleistungen des Einzelnen sind, was nicht weiter begründet zu werden braucht, klein, sind doch über 15 Millionen Sparer an der 10= Milliardensumme beteiligt. Ist schon an sich die Spareinlagenentwicklung ein erfreuliches Zeichen, weil sie nicht nur auf den gesunden Sinn unseres Volkes einen günstigen Rückschluß zuläßt, sondern weil sie auch ebenso willkommene Kapitalquellen der heimischen Wirtschaft erschließt, so ist sie im gegenwärtigen Zeitpunkt noch aus einem anderen psychologischen Grunde beachtenswert. Die stetige Spareinlagenentwicklung, die selbstverständlich wegen der Wirtschaftskrise hinter den Vorjahren zurückbleibt, ist ein Beweis dafür, daß das Sparerpublikum gegenüber den verschiedenen beunruhigenden Momenten aus der wirtschaftlichen und politischen Sphäre einen klaren Kops und einen gesunden Optimismus bewahrt hat. Während Börse und Kapitalistenpublikum aus einer Befürchtung in die andere fielen und eine allgemeine Nervosität um sich zu greifen drohte, haben die Sparer die Dinge wesentlich nüchterner angesehen und ihr Vertrauen in die gesunde Grundlage der deutschen Wirtschaft praktisch bekundet. Wohl nicht zuletzt wirkten sich dabei die Erfahrungen der Maikrise des vorigen Jahres aus, die im Anschluß an die Pariser Reparationsverhandlungen entstand. Die im Vergleich zur Vorkriegszeit wesentlich unruhigere Wirt- schaftsgcstaltung kann — und dies erkennt heute jeder — leicht vorübergehende Gefahrenmomente zur Folge haben, die aber durch tatkräftiges Eingreifen aller beteiligten Stellen bald gebannt sind. Zn solchen Lagen bringt eine ruhige, abwartende Haltung des Publikums wesentliche Unterstützung. Darum ist das Verdienst, das sich der Sparer durch seine vernünftige Einstellung zur Wiltschaftsentwicklung erworben hat, nicht hoch genug zu veranschlagen. Es bleibt zu hoffen, daß das Finanzprogramm der Regierung in der gleichen psychologischen Richtung sich auswirft und damit unserem gesamten öffentlichen Leben wieder die ruhige Grundlage gegeben wird, auf der die Sparkapitalbildung in früherem Umfang vor sich gehen kann.
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Nummer 87
Zum vrubenunglülk in Alsdorf.
Von Bergass« jjor Dr. F 0 rstmann , Leiter der Hauptstelle für das Grubenrettungswesen im Ruhrbergbau.
Das traurige Grubenunglück in Alsdorf hat in der Oefsent- lichkeit große Erregung heroorgcrusen. Sie hat vielfach nicht verstanden, daß über die Ursache des Unglücks noch nichts vcr- öffcnllicht worden ist, daß die Angaben über die Zahl der Verunglückten an den ersten zwei Tagen dauernd stiegen und daß schließlich, wie behauptet wird, nicht genügend Mitteilungen hcrausgcgcbcn wurden. Es sind deswegen geigen die Gruben- Verwaltung und die Bergbehörde viele unbegründete Vorwürfe erhoben worden. Man muß sich dock) einmal klarmachen, daß cs bei einem Grubenunglück, bei dem ein größerer Drubentcil betroffen ist, schon an und für sich außerordentlich schwer ist, eine Uebersicht über die Ausdehnung des Unglücks und die Zahl der Opfer zu gewinnen.
In diesem Falle waren die Schwierigkeiten ganz ungewöhnlich groß. Als Seher der Hauptstelle für das Erubcnrcttungs- wesen habe ich mich leider schon bei vielen Unglücken an den Rettungsarbeiten beteiligen müssen. Ich habe aber noch keinen Fall gefunden, in dem so viele Schwierigkeiten zusammcntrascn. Auch bei „Minister Stein" der größten Explosion im Ruhr- revier nach dem Kriege, war nur ein Teil der Grube betroffen. Auf Sck/acht Anna II war die ganze Grub« in Mitleidenschaft gezogen.
Zwar nicht durch die Explosion selbst, wohl aber durch ihre Rachschwaden (d. h. die durch sie entwickelten igiftigen Gase), die sich über das ganze Gvubenfeld verteilten. Die Tagesanlage der Grube war vernichtet. Deshalb konnte man von der Schacht- anlage Anna II aus nicht nach untertage kommen. Die Leitung der Rettungsarbeiten mußte daher auf den nächsten Schacht, das war die Anlage Anna I, verlegt werden. Von hier aus war cs aber leider nicht möglich, nach allen Erudenräumen der Un- glücksgrubc zu kommen. Deswegen ging ein Teil der Arbeiten von Anna III und von Schacht Adolf aus. Dadurch wurden sowohl die Uebersicht wie auch die Durchsührung der Rettungs- arbeiten erheblich erschwert.
Die Markenkontrolle war vernichtet und damit alle Unterlagen darüber, wer sich in der Grube befand. Der Betriebs- führcr der Grube, sowie 12 Steiger und Fahrstciger waren tot oder doch verletzt. Es fehlte daher an ortskundigen Beamten, die bei allen Explosionen das Rückgrat der Rettungsarbeiten bilden müssen. Da von Anna I aus auf der ttzv-Meter-Sohle eine Verbinidung nach Anna II nicht bestand, die beiden Schächte von Anna II aber ausgoschaltet waren, ging die Verbindung von der :E<>-Meter-Sohle zur 466-Meter-Sohle durch zwei kleine, nicht zu Tage ausgehende Nebenschächte (Stapel). Zwar war in diesen Nebenschächten die Seilfahrt, d. h. die Beförderung von Menschen im Schacht, zugelassen, aber durch die Explosion war das Kabel im Schacht zerstör, und der elektrische Haspel betriebsunfähig, da der Strom fehlte. Die Rettungsmannschaften mußten somit von bet 360-Meter-Sohle auf Fahrten (Leitern) durch den Stapel zur 460-Meter-Sohle herunterklettern. Selbstverständlich war auf diesem Wege eine Bergung der zum Teil schwer verbrannten Verwundeten unmöglich, so daß die Sanitätsmannschaften und Aerzte ebenfalls die lOO Meter auf Leitern herunterklettern mußten, um unten die Verletzten zu behandeln. Erst in später Nachtstunde gelang es, durch Der- lqgung eines Notkabels den Strom zu der Fördermaschine des Stapels zu leiten.
Durch das Zubruchgehen der Förderstrecke nach dem nordöstlichen Feldesteil konnten die Explosionsgase aus diesem, mehrere Steigerreviere umfaßenden Feld«steil nicht abziehen, und es war den Rettungsmannschaften nur möglich, von der höheren Sohle aus auf einem sehr weiten Wege in die Baue vorzudringen. Infolge des weiten Weges reichte der allgemein auf zwei Stunden bemessene Sauerstoffoorrat der Gasschutz- geräte nicht aus, so daß einige Rettungsmannschaften auf dem Rückwqg infolge des Verbrauchs des Sauerstoffvorrats zufam- mcnbrachen. Glücklicherweise konnten sie durch frische Mannschaften, die in hinreichender Zahl zur Verfügung standen, sofort in Sicherheit gebracht werden, so daß von den Rettungsmannschaften niemand besibädigt worden ist. Nach diesen Darstellungen wird es allen sachverständigen Bergleuten ohn« weiteres klar, daß hier ganz besonders ungünstige Umstände zu- sammcntrafen.
Leider ist in der Presse sehr viel über die vermeintliche Ursache des Unglücks geschrieben worden. So ist z. B. behauptet worden, die Mitwirkung großer Mengen von Schlagwettern sei festgestcllt worden. Diese Behauptung entspricht nicht den Tatsachen. Eine solche Feststellung hat niemand gemacht. Solange die Bergbehörde, die in erster Linie dazu berufen ist, ein endgültiges Urteil über die Entstebungsursalbe nicht abgegeben hat, halte ich es für verfehlt, wenn nicbt unverantwortlich, wenn dics von unberufener Seite geschieht Immerhin kann ich, ohne her Bergbehörde vorzugreifen, fcststellcn, doß das Grubenunglück auf Schacht Anna II sich von allen mir bekannten größeren Unglücken dadurch grundsätzlich unterscheidet, daß die Explosion sich nicht durch die Abbore (Kchlengcwinnungspunlte) bewegt hat, sondern auf den Einziehsibacht, die Hauptquerschläger der beiden Fördersohlen und die Richtstrccke der 366-Meier-Sohle nach