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41. Jahrs.

Mittwoch, den 29. August 1928

Nummer 68

Politische Tagesschau.

Der Aeltestenrat des Reichstages hat am Montag über den kommunistischen Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstages zur Erörterung des Panzertreuzerbaues beraten. Der Antrag ist unter den Tisch gefalley.

3II einer Mitgliederversammlung des Breslauer Reichs­banners wurde beschlossen, sich bei dem bevorstehenden Hinden- burgbesuch in Breslau nicht zu beteiligen. Als Begründung wurde angegeben, daß Hindenburg heute noch immer Ehrenmit­glied des Stahlhelms, einer republikfeindlichen Organisation, sei.

Stresemann wird in Baden-Baden mit Staatssekretär von Schubert und Reichskanzler Müller Zusammentreffen.

Die Manöver der Rheinarmee finden unter Beteiligung eines englischen Kavallerie-Regiments vom 4.11. September einschließlich statt.

Der amerikanische Staatssekretär Kellogg wird am 29. August mit einem Sonderzug Paris verlassen und sich an Bord des amerikanischen KreuzersDetroit" nach Dublin einschiffen.

Am Samstag wird aus Helgoland ein Denkmal für den vor einem Jahre auf einer Luftreise nach München verunglückten Freiherrn Ago von Maltzan enthüllt.

Freiherr von Hünefeld ist auf dem Flughafen Stuttgart- Böblingen eingetroffen. Er wird von dort aus die Vorberei­tungen zu einem neuen Ozeanflug treffen und bei der Flieger­schule die Flugzcugsührerprüfung ablegen.

Aus Tirana wird gemeldet: Die Proklamierung Achmet Zogus zum König soll erst am 29. August erfolgen.

Ein Brand im Agramer Bauernheim hat die Bevölkerung in Aufregung versetzt. Zn den Abendstunden des 28. August durchzogen große Menschenmengen die Straßen Agrams und demonstrierten gegen Belgrad.

Die Unterzeichnung des Kelloggpatteö in Varis.

Montagnachmittag erfolgte die Unterzeichnung des Kellogg- Vertrages durch 14 Vertreter von 15 Mächten. Die großen Boulevards, die öffentlichen Gebäude, zahlreiche Bankhäuser, Privat- und Eesellfchastsgebäude prangten in reichem Flaggen­schmuck. Vor der Fassade des Quai d' Orsay flatterten etwa 60 Fahnen aller Nationen der Erde. Im prächtigen Uhrensaal ist der «hufeisenförmige, rotgedeckte Tisch aufgebaut, an dessen Mitte Außenminister Briand Platz genommen hat. Zu seiner Rechten sitzt Dr. Stresemann, zu seiner Linken Staatssekretär Kellogg. Daran schließen sich in alphabetischer Reihenfolge die Vertreter der übrigen Mächte an. Weiter hinten haben in achr Stuhl reichen die Mitglieder der französischen Regierung, das diplomatische Korps, die beiden Präsidenten der Kammern und die Vorsitzenden der großen parlamentarischen Kommissio­nen Platz genommen. Nachdem die Delegierten ihre Plätze ein­genommen haben, ergreift Briand das Wort zu seiner Rede. Schweigend hören die Versammelten seinen Worten zu. Als der Außenminister bewegt seine. Ausführungen schließt, um den Pakt allen Toten des Weltkrieges zu werhen, erchebt sich lebhafter Beifall. Nachdem die Rede des französischen Außen­ministers ins Englische übertragen worden ist, erhebt sich der deutsche Außenminister Dr. Stresemann als erster, um seine Unterschrift unter den Vertrag zu setzen. Als er an seinen Platz zurückkehrt, klatscht der Saal Beifall, eine Kundgebung, die sich bei jedem anderen Unterzeichner wiederholt. Dev tschechische Außenminister Dr. Benesch schließt die Reihe, und die Gäste zerstreuen sich in die umliegenden Räume, wo ihnen ein Tee bereitet wird.

*

Erste Beitrittserklärungen Zum Ketloggpatt.

Von den Nationen, die nach Vornahme der Unterzeichnung aufgefordert worden sind, auch ihrerseits dem Antikriegspakt beizutreten, haben bereits vier Länder telegraphisch ihre Zusage erteilt. Es sind dies Dänemark, Slawien, Rumänien und Peru.

Die amerikanische Regierung ist beauftragt worden, den Text des Kellgggpaktes allen Mächten der Welt mitzuteilen und diese zum Beitritt aufzufordern.

*

Stresemann bei Vointarè.

Paris. Reichsaußenminifter Dr. Stresemann begab sich zu einem Besuch des Ministerpräsidenten Poincare in das Fi­nanzministerium. Die Unterredung zwischen Dr. Stresemann uhd Poincare die um 10.50 Uhr begann, dauerte 1% Stunde. Es wohnten ihr der Dolmetscher des Reichsaußenministeriums, Schmidt, und der Dolmetscher des französischen Auswärtigen Amtes, Werweille, bei.

«

Streng geheim!

Meder auf der deutschen Botschaft, noch im französischen Finanzministerium wurde eine offizielle Mitteilung über die Besprechungen zwischen Dr. Stresemann und Poincare aus­

gegeben. Es wurde strenge Geheimhaltung gegenseitig beschlos­sen. Dr. Stresemann erklärte bloß, daß er von seinem Pariser Aufenthalt befriedigt sei.

Die Tariferhöhung der Reichsbahn.

soll nunmehr am 1. Oktober durchgeführt werden. Bis jetzt hat sich verhältnismäßig wenig Widerstand geltend gemacht. Die Reichsbahngesellschaft selbst versucht nach Möglichkeit, die Maß­nahme als bedeutungslos hinzustellen. Soweit wir unterrichtet sind, 'besteht die Absicht, die Zeitkarteninhaber von der Tarif­erhöhung auszunehmen, so daß die Preise für Wochenkarten und ähnliche Einrichtungen unverändert bleiben. Dieses Zu­geständnis würde rund 43,4 Prozent aller Reifenden betreffen. Die künftige Holzklasse soll eine Erhöhung von 11,5 Prozent erfahren. Bei der Polsterklasse sollen die Preise etwas höher sein als die jetzigen der dritten, aber geringer als die der jetzi­gen zweiten.

Parlamentarisches in Hessen.

Nach längerer Pause wird nun wieder die parlamentarische Tätigkeit beginnen. In der nächsten Woche werden die ersten Fraktionen ihre Tätigkeit wieder aufnehmen und in der darauf­folgenden Woche werden die Ausschüsse zu Besprechungen zu­sammentreten. Das Landtagsgebäüde, sowie einige Räume des Landtags wurden renoviert. Für die Presse wurde ein neues Zimmer Hergeri chtet, ebenso hat das stenographische Büro eine Erweiterung erfahren.

Antrag der hessischen Nationalsozialisten abgelehnt.

Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei, Gau Hessen, hatte im Juli das Wiederaufnahmeverfahren bezüglich der Ungültig­keitserklärung der letzten hessischen Landtagswahl vor dem hes­sischen Staatsgerichtshof beantragt. Der Präsident des Hessi­schen Oberlandesgerichts Darmstadt hat jedoch als Vorsitzender des Staatsgerichtshofs diesem Wiederausnahmeantrag nicht stattgegc'ben, da gemäß Artikel 6 bis 13 des Gesetzes über den hessischen Staatsgerichtshof vom 13. Mai 1921 eine Wieder­aufnahme des Verfahrens unmöglich ist.

Im Zeichen der Konzentration.

Nach längeren Verhandlungen haben sich bekanntlich der Eesamtverband der evangelischen Arbeitervereine Deutschlands, der Eesamtverband der evangelischen Arbeiterinnenvcreine Deutschlands, der Verband der evangelischen Gesellenvereine und die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Arbeiterjugend soeben zu einemReichsverband evangelischer Arbeitnehmer­verbände" zusammengeschlossen. Nachdem in der Vergangen­heit nur lose Verbindungen zwischen diesen verwandten Orga­nisationen bestanden, soll nun der neu begründete Spitzenver­band bei möglichster Konzentration der Kräfte eine geordnete Vertretung der gemeinsamen Interessen in Staat, Gesellschaft und Kirche ermöglichen.

Zur Frage der Reichsreform.

Aus Pressestimmen und Besprechungen.

Deutschlands Neugliederung.

A. Weitzeft Frankfurt a. M., der bekannte Vor­kämpfer und Verfechter des Gedankens eines regio­nal und vernünftig gegliederten Deutschlands hat anläßlich der Weiterberatung der Länderkonferenz in einer größeren Abhandlung in Nr. 12 Märzheft der ZeitschriftDer Zusammenschluß Berlin", das Ziel einer territorialen Verwaltungsreform dar- gelegt.

Unter Berücksichtigung des landschaftlichen und kulturellen Einschlags sowie nach wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Gesichtspunkten kommen hiernach 12, mit Einschluß Deutsch- Oesterreichs 13 geschlossene und zusammengehörige Reichslands­gebiete in Frage.

Die überraschenden und überaus treffenden Beobachtungen aus dem Wirtschafts-, Verkehrs- und Kulturleben, welche zu dieser natürlichen und organischenregionalen Gliederung" die Grundlage abgeben, kennzeichnen in drastischer Weise die Halt­losigkeit der von den unentwegten Länderpartikularisten ver­fochtenen Irrlehre von der Unabänderlichkeit bezw. notwendigen Erhaltung der dynastischen Ländergrenzen.

In dieser Richtung sind diejenigen Vorschläge besonders wertvoll, welche u. a. als Reichsländer: Ostfranken mit Nürnberg, Rheinschwaben mit Stuttgart, Rheinfranken mit Frankfurt, Obersachsen mit Leipzig, Niedersachsen Weser mit Hannover nicht nur den wirtschaftlich interessierten Deutschen die Augen geöffnet haben und daher Weithin in den betr. Gebieten, aber auch bei den Wissenschaftlern stärksten Widerhall gefunden haben.

So hat Prof. Obst, Hannover, in Heft 1 derZeitschrift für Geopolitik" 1928 diesenFrankfurter Entwurf" in ausführlicher Begründung für eine weitere wissenschaftlich geographische Durch­arbeitung als einen überaus glücklichen Wurf bezeichnet. Und Dr. Josef Räuscher hat in Aufgreifung dieses Leitgedankens im März-Heft der Münchener katholischen MonatsschriftHochland" diese geographisch, wirtschaftlich und nach Stammes- und Kul­

turgebieten ausgebaute organische Gliederung als einen dec besten Beiträge für eine wirklich sachliche Erörterung des Reichsproblems in einer längeren Abhandlung gekennzeichnet, schließend mit den Worten:Gin praktischer Kompromiß zwischen der Linienführung dieser vier Gliederungsmöglichkeiten ist da­nach keineswegs so überaus schwierig.

Nicht uninteressant ist auch die Tatsache, daß der Jung deutsche Orden in dem Aufbau seiner Organisation zu einer gleichähnlichen Lösung gekommen ist. In Heft 1 April 1928 der gleichen ZeitschriftDer Zusammenschluß" findet in längeren Ausführungen des Vizekanzlers des Jungdeutschen Ordens der Frankfurter Entwurf" weitgehendste Zustimmung.

Die Ausführungen von A. Weitzel, Frankfurt a. M., welche in wirtschaftspolitischer Hinsicht eingangs darauf Hinweisen, daß diese heute schon für jedermann erkennbar sich durchsetzende re­gionale Gliederung Deutschlands, besonders im Rahmen des europäischen Problems zwangsläufig ihre Lösung finden wird und muß, haben karthographisch eine wertvolle Illustrierung in den verkehrsgcographischen Betrachtungen aus der Feder des­selben Verfassers im April-Heft 1 der ZeitschriftErde und Wirtschaft" 1928 gefunden. Im November-Heft 7/8 1927Der Zusammenschluß" findet sodann dasRheinfräutische Gebiet" als typisches Beispiel einer neuzeitlichen Raumverschiebung seine besondere Betrachtung im Rahmen der Gesamtgliederung. In tendenziöser Weise wird in dieser Schrift rein sachlich und ver­nunftgemäß der Gedanke weiter ausgebaut, den der Verfasser 1926 in der Denkschrift des deutschen Republikanischen Reichs­bundes:Wege zum deutschen Einheitsstaat" im Geiste der Paulskirche zum erstenmal einer größeren Öffentlichkeit unter­breitete und seinerzeit durch die Revolutionisierung der Geister bis weit in die Linkskreise hinein berechtigtes Aufsehen erregte,' zum Entsetzen einer damals noch sehr obrigkeitsstaatlich einge­stellten Länderbürokratie. Auch erklärlich! Allein für Rhein­franken bedeutet diese Regionalisierung den Fortfall von etwa 80 Landräten, X> Dutzend Ober- und Regierungspräsidenten so­wie Landeshauptleuten, desgleichen einer Anzahl von Oberpost- direktions-, Eisenbahndirektions- und Landesfinanzamtspräsi­denten und so fort neben 5 Länderregierungen mit ihren Par­lamenten, Gesandtschaften, Konsulaten usw.

Ein Anfang ist hierzu bereits gemacht! 1 Land haben wir in Rheinfranken weniger ausMweisen: Waldeck ist in Hessen- Nassau (Preußen) aufgegangen; auch die Zusammenlegung der allzu kleinen Regierungsbezirke um Rhein und Main steht zu Diskussion, so u. a. die Zusammenlegung der Reg.-Bez. Wies­baden und Kassel, ferner der Regierungsbezirke Trier und Koblenz und ihre Zusammenfassung zu einer größeren preußi­schen rheinfränkischen Provinz' die J. G. des rhein-mainischen Städtekranzes ist auf dem Marsche' und was die Verringerung von Landratsämtern betrifft, so bedeutet die Bildung des neuen Main-Taunuskreises erst den Auftakt zur großen Flurbereini­gung, wie auch im Regierungsbezirk Düsseldorf nach dem Vor­schläge der Regierung die Zahl der 15 kreisfreien Städte auf 12, der Landkreise von 15 auf 8 verringert werden sollen.

Kann die Zwangsläufigkeit unserer Verwaltungsreform besser bewiesen werden? Diese tatkräftige Förderung der regio­nalen Gliederung Deutschlands zu sichtbaren Fortschritten in einer verantwortlichen Selbstverwaltung ist heute besonders zu einer Angelegenheit des steuerzahlenden Bürgers geworden,' im Kampfe einer auf ihre Selbsterhaltung bedachten historisch über­kommenen Länderbürokratie und im Kampfe gegen einen über­triebenen Zentralismus, mag er Preußen-Berlin oder Reich- Berlin bezw. Bayern-München heißen. Die Schriften von A. Weitzel bilden hierbei wertvolle Wegweiser für diese notwendige Flurbereinigung bei einer gleichzeitigen durchgreifenden Ver­waltungsreform, die nicht nur dem Ausschuß für Verwaltungs­und Derfassungsreform der Länderkonferenz angelegentlichst empfohlen werden können.

In der DenkschriftMitteldeutschland", ein Vortrag von Dr. Raimund Köhler, Direktor des Leipziger Messeamtes ist ferner der Neugliederungsvorschlag Weitzel Frankfurt (12 Ge­biete) mit dem von Professor Scheu, Leipzig, (22 Gebiete) karten- mäßig in Vergleich gesetzt. Ein flüchtiger Blick auf diese Karte genügt bereits um zu erkennen, daß nur mit der geringst-mög- lichen Zahl von Wirtschafts- und Verkehrsgebieten wie der be­kannteFrankfurter Entwurf" es sich zu eigen macht, das Ziel einer wirklichen und durchgreifenden Reichsreform zu erreichen ist.

Die politische WochenschriftDeutsche Einheit", Berlin, bringt in ihren August-Nr. 32 und 33 v. 11. u. 18. 8. 28 unter Erwachen der Landschaft" in längeren Ausführungen ein leben­diges Bild dieser werdenden rheinfränkischen Landschaft, der Keimzelle der regionalen Gliederung Deutschlands um Rhein und Main.

Ueber die durch Schaubilder und Karten aufgezeigte Not­wendigkeit einer regionalen Gliederung nach demFrankfurter Gntmurf in der ZeitschriftErde und Wirtschaft" spricht sich die Schriftleitung wie folgt aus:

Der ganze Jammer deutscher Zerrissenheit faßt uns an, wenn mir hier im Bilde unser heutiges Deutschland betrachten. Diese Eindringlichkeit graphischer Darstellung halten wir für ein besonderes Verdienst der Arbeit Wentzels, der in knappen Sätzen das Bild durch das Wort ergänzt und so das ganze zu einem beredten Plädoyer für die erforderliche Neugliederung abrunbet, weilunser Zeitalter eine weitgehende Ueberwindung von Raum und Zeit erfordert."