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Erscheint Mittwochs und Samstags.

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Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.

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Samstag, den 22. Dezember 1928

Nummer 101

Mir ist das ^erz so froh erschrocken, Das ist die liebe Weihnachtszeit!

Ich höre fernher Airchenglocken Mich lieblich heimatlich verlocken In märchenstille Herrlichkeit.

Lin frommer Zauber hält mich wieder, Anbetend, staunend must ich stehn;

Ls sinkt auf meine Augenlider Lin goldner Aindertraum hernieder, Ich fühl's, ein wunder ist geschehn.

Theodor Storm

41 Fahrv

herzlich an Er- Lebens können.

diese Lebenskräfte nicht. Wir können uns freuen alles dessen, was die Technik uns leichterungen und Bereicherungen des schenkt. Aber die Gabe. uns freuen zu

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Ein Stück Romantik, dieser grüne Tannenbaum mit seinen strahlenden Lichtern? Paßt diese Ro­mantik eigentlich noch in unsere Zeit der Technik? Wenn diese Technik sich auch des Lichierglanzes am Weihnachtsbaum bemächtigt und die alten, duftenden Wachskerzen durch elektrische Lämpchen ersetzt: wirkt das nicht schon wie eine Ernüch­terung? Wie eine Beeinträchtigung dieser ro­mantischen Poesie, die den Weihnachtsbaum seit Jahrtausenden mit ahnungsvollen Träumen und mystischen Stimmungen umwob? Gewiß, die Kinder werden sich keine Gedanken über solche Wider­sprüche machen. Sie sehen nur den Glanz und den bunten Schmuck und den Tisch mit Geschenken. Für sie ist das alles noch wie im Märchen, und rückhaltlos geben sie ihr kleines Gemüt dem holden Eindruck gefangen Aber wie lange sind die jungen Menschen von heut« noch Kinder? Wachsen sie nicht so viel früher als wir einst in dieses Zeit­alter der Technik mit all seinen Berechnungen, mit all seinen greifbaren und unerklärbaren Wunderleistungen mit hinein? Als wir Kinder waren, da hoben wir noch nicht die Augen zum Himmel, um surrende Flugmaschinen durch den blauen Aethcr streifen zu sehen: da stellten wir noch nicht den Radioapparat ein. um aus dem schwei­genden Aether plötzlich menschliche Stimmen und weither klingende Melodien hervorzuzaubern: da war uns eine Eisenbahnfahrt noch Ereignis. und Wagen, die ohne Vorspann mit 70 Kilometer Ge­schwindigkeit die Landstraße entlang fegen. Hatten wir noch nicht zu Gesicht bekommen. Heute sehen die Kinder das alles auf Schritt und Tritt um sich herum, heute bekommen sie das alles frühzeitig in der Schule erklärt, heute find sie in solchen Dingen häufig wissender als selbst die Eltern. Wer will ihnen da vom Weihnachtsbaum noch Wunder­ding« erzählen und mit Bildern von fliegenden Engeln und von himmlischen Lichtern Eindruck auf sie machen? Ja, es ist eine veränderte Welt, in die unser« Jugend hineinwächst, und fie wird mit anderen seelischen und geistigen Voraussetzungen an die Aufgaben ihres Lebens herantreten als wir.

Aber trotz alledem: den Weihnachtsbaum wird auch sie nicht vergessen! Die liebevolle, finnige Stimmung des heiligen Abends wird auch sie nicht von sich abtun. Denn was auch immer die Technik an Wundern uns beschert, höchstes und letztes Wunder bleibt doch stets das Leben selbst. Lebens­kräfte kann die Technik beherrschen lernen und uns dienstbar machen. Aber schaffen kann sie selbst

stammt aus anderen Zusammenhängen als den­jenigen, die sich technisch berechnen und konstruieren lassen. Die Sehnsucht der Menschenseele geht immer nach über alle Technik hinaus, und die Technik selbst mit all den Anstrengungen und Opfern, die sie von der Menschheit verlangt hat und stets wieder verlangen wird. entstammt legten Endes der Sehnsucht der Menschenseele den schaffenden Kräften in uns. die uns Gott, dem Schöpfer, ver­wandt machen. Denn Gott schuf den Menschen ihm zum Bi lde.

Die Hirten auf dem Felde sehen noch heute wie vor Jahrtausenden die ewigen Lichter des Himmels über sich Der Großstädter kann über den engen Straßen höchstens noch einen Streifen des Himmels erwischen. und im Scheine der elektrischen Bogen­lampen wird für ihn das Sternenlicht ertrinken Wenn er einen Glanz über den Himmel huschen sieht oder wenn hoch über allen Häusern ein rotes Licht aufblitzt, dann wird er an die Scheinwerfer denken und an die Blinklichter, die den nächtlichen Flieaern den Weg zeigen sollen. Jener einfache ländliche Mensch konnte nur mit seiner Seele zum Himmel emporfliegen. Der moderne Geschäfts­mann erhebt sich körperlich in die Lüfte, wahrend vielleicht sein« Seele das Fliegen längst ver­lernt hat.

Aber doch: es muß nicht immer so sein und es wird auch nicht immer so sein. Es gibt auch unter den Menschen, die den weiten Himmel über sich haben. gar manche, deren Seele keine Flügel

mehr hat. Und es gibt unter den ollermvdernstev Großstadt Menschen neben all ihrer rechn jchen Be­geisterung das Verlangen nach einem höheren Leben: das fromme, andächtige Suchen nach einem höheren Sinn unseres Lebens. Und nur diese Menschen, deren Seele das Fliegen noch nicht ver­lernt hat, werden doch immer die ganzen und echten Menschen sein Nur sie werden sich in der Ma­schinenwelt nicht selbst verlieren, nicht selbst ein Stück Maschine in dieser Welt werden.

Und weil diese Sehnsucht io zum innersten Wesen der Menschlichkeit gehört, weil erst die Liebe und Güte den wahren Menschen macht. und weil der Mensch aus allem äußeren Erleben immer wieder zu einem innerlichen Erleben kommen will zu einer Verbindung des Göttlichen in ihm selbst mit der Gottheit im Weltall deshalb werden auch die ewigen Symbole der Religion niemals ihren Wert einbüßen. Und immer wird das Licht Symbol der Hoffnung bleiben Aus dem düstern Winter sehnt sich der Mensch nach der goldenen Sonne des Sonu mers: aus dem Dunkel der Nacht wünscht er sich heraus in das klare Licht des Tages Uno so hat er mitten in der Winternacht die Lichter des Weih­nachtsbaumes entzündet. um sich ein Unterpfand zu schaffen für den Glauben an die Wiederkehr des Tages und an die Wiederkehr des Sommers. Und zugleich soll ihm dieses liebliche Unterpfand Sinn- bild eines himmlischen Tages und eines ewigen Sommers sein Hoffnungen und Wünsche, die über das irdische eng begrenzte Leben hinausgehen, lallen sich niemals anders als durch Symbole zum Aus­druck bringen. Und ie älter diese Symbole find, je mehr Gefühle und Gedanken von Hunderten von Geschlechtern sich mit ihnen unlöslich verknüpften, um so mehr haben sie uns zu sagen. So gewinnt der Weihnachtsbaum seinen Wunderglanz. von dem es gleichgültig ist. ob ihn Wachskerzen oder elek­trische Glühlämpchen versinnbildlichen So gewinnt er jenen Glanz, der in unserer Seele aufleuchtet und nachleuchtet über das ganze Jahr hin und den auch keine Scheinwerfer und Blinkfeuer in unserer Seele jemals übertrumpfen können.

Kultusminister a D. Dr. Reinhold Strecker.