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Gießener Peilung

Erscheint Mittwochs und Samstags.

Bezugspreis 2,40 Ji vierteljährlich frei ins Haus. Nedaktionsjchluß früh 8 Uhr Für Aufbewahrung oder Rück- sendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

41* Fahrg.

Samstag, den 22. September 1928

MMWe ZagessKau.

Die Minister- und Staatspräsidenten der deutschen Länder werden am 2. Oktober zur Information über die Genfer Ver­handlungen zusammentreten, und am Tage darauf, am 3. Ok­tober, der Auswärtige Ausschuß des Reichstages.

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Reichsminister Dr. Stresemann, dem die Kur in Baden- Baden bisher gut bekommen ist, gedenkt Ende Oktober seinen Urlaub zu beenden und am 1. November seine Amtsgeschäfte wieder zu übernehmen.

Reichskanzler a. D. Dr. Luther, der erst vor zwei Jahren ernannt war, erklärt, daß er zu Ende des Jahres sein Mandat als Mitglied des Verwaltungsrates der Deutschen Neichsbahn- qesellschaft niederlegen werde.

Der Chef der Nordseestation, Vizeadmiral Bauer, scheidet aus dem Dienst.

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Der in dem Tarifstreit der deutschen Herren- und Knaben- bekleidungsindustrie am Mittwoch ergangene Schiedsspruch ist von beiden Parteien angenommen worden.

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Nachdem gestern die Kaution in Höhe von einer Million Mark zur Abwendung der weiteren Untersuchungshaft beim Gericht eingegangen ist, ist Hugo Stinnes nach dreiwöchentlicher Haft wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

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Der Völkerbundsrat hat gestern in geheimer Sitzung den italienischen Diplomaten Conte Gravina zum Nachfolger des Bölkerbundslommissars in Danzig, van Hamel, ernannt. Der neue Völkerbundstommissar wird im Juni nächsten Jahres das Amt in Danzig antreten.

Im ungarisch-rumänischen Optantenstreit wurde ein vor­läufiges Abkommen getroffen, nach dem zur nächsten Völker- bundsratssitzung Vertreter benannt werden.

Graf Zeppelins Zriumpfflug über die Schweiz und EüdbeutfchSanb.

Am Donnerstag ist Deutschlands Stolz, seinGraf Zeppe­lin", aufgestiegen und hat, zunächst im Streit mit Wolken und Nebelschleiern, dann gleich der Sonne strahlend, Jubel und Stol^, Freude und Begeisterung in den Herzen der Deutschen erweckt die ihn sehen durften.

Das heißt, in unsere ehrliche Freude, in unser tiefes Rach­em psinden dieser Feierstunden mischt sich ein Tropfen Wer­muth und Neid auf die Glücklichen, die ihn sehen durften. Aber noch klammern wir uns an die Hoffnung, daß sein Weg ihn auch noch über Oberhessen führen wird ihn, den größ­ten, unserenZeppelin".

Um 8 Uhr früh startet derGraf Zeppelin", diesesmal mit einer größeren Zahl von Passagieren insgesamt 72 Per­ionen zu einem programmäßigen Flug über Süddeutsch- land. Noch über dem Bodenseee faßt die Leitung den Ent­schluß, einen Abstecher in die Schweiz zu machen. Durch Wol­len, die zeitweise die Erde verdecken, findet, unterbrochen von zahlreichen Manövern, das Luftschiff den Züricher See, wen­det und fliegt nun den Rhein entlang über Basel nach Deutsch­land hinein. Kurs: Badenweiler-Freiburg-Offenburg. % nach 10 Uhr ist Baden-Baden erreicht, das unvorbereitet, spontan dem Luftschiff zujubelt. Karlsruhe wird passiert, desgleichen Mannheim und an Worms vorbei wird Mainz angesteuert. ?ie Stadt selbst darf nicht überflogen werden, lt Verfügung der Rheinlandbesatzung. So bleibt das Schiff am rechten Ufer - des Rheins.

UndGraf Zeppelin" senkt wie zum Gruß den Bug, ganz tief, so tief, als wenn er den Boden des Landes küßen wollte, t das er nicht überfliegen darf, wo aber Deutsche wohnen unter 1 sremdcr Besatzung. Der Eindruck des Grußes ist gewaltig. l)ann beschreibt das Luftschiff einen weiten Bogen über der Rainmündung und nimmt den Main entlang Kurs nach Frankfurt am Main.

Frankfurts Bevölkerung wußte bereits, welche Ehre ihm wider fahre 7i sollte und konnte sich rüsten. Um 1 Uhr beleben sich Türme, Dächer und Fenster, und wo ein Punkt mit weiter Licht, da sind auch Menschen, die in höchster Spannung das Blickfeld oder den Horizont nach demGraf Zeppelin" ab­suchen. Und 10 Minuten später kommt leicht und elegant der schlanke Körper des Luftschiffs aus dem Dunst des Mittags, immer deutlicher wird sein Bild, immer plastischer und immer jp.cioaltigcr die deutlich erkennbare Form. Drei Flugzeuge um- Ihwärmen den großen Bruder. Ueber dein Flughafen macht da.s Schiff einige Manöver und senkt sich auf 300 Meter herab. San Postsack wird abgeworfen. Dann steigt es leicht wieder am das Manöveriexen ist wie ein Spiel anzusehen, so leicht he bt und senkt sich das mächtige Schiff dgnn wird der Kurs ams das Häusermeer der Stadt genommen. In wenigen Augen- Iwliicken schwebt es über dem westlichen Industrieviertel, stür- Imlisch begrüßt von der Arbeiterschaft, denn alle Räder stehen

Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.

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still, alle Hände haben die Arbeit niedergelegt, die Autos und Straßenbahnen halten, die Leute sind ausgestiegen und jubeln dem fliegenden Riesenschiff zu. Auf den riesigen Werksanlagen der I. G. Farben in Höchst war es nicht anders: Die Arbeiter kommen zu Hunderten, zu Taufenden herausgerannk, sie klet­tern auf die Dächer, auf die Keßelanlagen. Das Schiff fährt in gleichmäßig ruhigem Kurs und verläßt %2 Uhr Frankfurt um Stuttgart anzufl-iegen.. Hier grüßt derGraf Zeppelin" mit einer Neigung das Grab des Mannes, dessen Namen er trägt. Dann ging die Fahrt weiter nach Reutlingen, Hachin- gen, am Kloster Beuren vorbei und den Rest des Weges zum ersten Male mitvoller Kraft", mit 2000 PS. und einer Stundengeschwindigkeit von ca. 140 Kilometer nach Hause, wo er glatt um 17.28 Uhr gelandet wurde.

DerGraf Zeppelin" ist neun Stunden 28 Minuten un­terwegs gewesen und hat eine Strecke von über 1000 Kilo­meter zurückgelegt.

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DerGraf Zeppelin" hat seine erste größere Fahrt glän­zend bestanden. Möge er weiter so sieghaft zeigen, daß deut­scher Geist, deutsche Schaffenslust und deutsches Können Werte zu schaffen vermögen, die uns uns immer wieder an die Spiqe der Nationen stellen.

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Neue Lustpostmarken für die Zeppelinfahrt.

Aus Anlaß der bevorstehenden Amerikafahrten des Luft­schiffesGraf Zeppelin" sind besondere Luftpostmarken zu 2 und 4 Mk. herausgegeben worden. Sie haben die Form eines lie­genden Rechtecks und die gleiche Größe wie die Kupferdruck- marten zu 1, 2, 3 und 5 Reichsmark. Die Gesamtgebühr für eine mit dem Luftschiff zu befördernde Postkarte ist auf 2 Mk., für einen gewöhnlichen Brief bis 20 Gramm auf 4 Mk. festgesetzt. Zum Freimachen der Sendungen können auch andere Luftpost­marken verwendet werden.

Andenburg in Riederfchlesien.

Am Mittwoch weilte der Reichspräsident in Niederschlesien. War auch hier die Bevölkerung außerordentlich stark zusammen­geströmt, so fehlte doch der reiche Flaggen- und Blumenschmuck. Die Bevölkerung machte einen schweigsamen -Eindruck und erst an den Stellen, wo die Schuljugend Aufstellung genommen hatte, drang der Jubel durch. In Wabdenburg angekom­men, begab sich der Reichspräsident in bas Rathaus, wo er von Oberbürgermeister Wießner begrüßt wurde, der u. a. sagte: Was wir im einzelnen von Ihnen erwarten, läßt sich kurz zu­sammenfassen in dem Wunsch nach Linderung der Notlage des Industricbezirk. In diesem Sinne begrüßen wir Sie mit dem alten BergmannsgrußGlückauf!"

Auch Landrat Franz führte aus, daß Sorge und Elend des Los unserer Arbeiter von Geschlecht zu Geschlecht waren und bleiben. Diese dichtgedrängte Bevölkerung, von den in Not befindlichen Vätern her die schwere Erbschaft geringer Widerstandskraft gegen manche Volkskrankheit mit sich schlep­pend, kann sich trotz treuester, hingebendster Arbeit nicht aus der Not befreien, wenn nicht vom Reiche her geholfen wird. Ihr Besuch, hochverehrter Herr Reichspräsident, gibt uns nun die Gewißheit, daß unsere Not fortan nicht vergessen wird, daß Waldenburger Not fortan Not des Ganzen ist.

In seiner Erwiderungsrede dankte der Reichspräsident für die Begrüßungsworte und gab seiner schmerzlichen Bewegung über die Notlage des niederschlesischen Kohlengebietes Ausdruck. Weiter erklärte der Reichspräsident:Ich kann nur aufrichtig wünschen, daß es durch gemeinsame Arbeit von Reich und Staat, Arbeitgebern und Arbeitnehmern gelingt, die hier vorliegenden Probleme zu lösen. Was ich im Rahmen meiner verfassungs­mäßigen Befugnisse dazu helfen kann, will ich von Herzen gern dazu tun. Das Elend, das ich hier gesehen habe, erschüttert mich aufs tiefste. Ich verspreche Ihnen noch einmal persönlich, daß hier bald etwas geschehen muß.

Stürmischer Beifall dankte dem Reichspräsidenten für diese Aeußerung. Die Fahrt ging dann weiter über Weißstein nach dem dortigen Wintererholungsheim, das von mehreren Ge­meinden errichtet wurde. Hindenburg erkundigte sich nach den Einrichtungen dieser Anstalt sehr eingehend.

Aus Mitteln, die zu seiner persönlichen Verfügung stehen, stiftete er dann für diese Anstalt 3000 Jt, desgleichen je 500 Ji für die drei Familien, deren Ernährer bei dem letzten Gruben­unglück ums Leben kamen.

Am Nachmittag begab sich der Reichskanzler nach Breslau zurück, wo er um die sechste Abendstunde eintraf.

Am Donnerstag weilte der Reichspräsident zuerst in Wahlstatt, wo er zunächst die alte Kadettenanstalt besuchte. Von dort begab er sich nach Liegnitz. Auch hier wurde dem Reichs­präsidenten ein überaus herzlicher Empfang bereitet. Nach einer Rundfahrt durch die Stadt begab sich der Reichspräsident nach dem Schießhaus. Hier wurden dem Reichspräsidenten alte Veteranen vorgestellt. Der ADAC, hatte eine Sternfahrt nach Liegnitz veranstaltet und aus allen Teilen Schlesiens alte Vete­ranen nach Liegnitz gebracht. An dem Frühstück zu Ehren des Reichspräsidenten nahm auch Vizekanzler a. D. Hergt teil.

Am Nachmittag traf Hindenburg in Glogau ein. An die Begrüßung schloß sich eine Rundfahrt durch die Stadt. Auf den Straßen bildeten Schulen und Vereine Spalier. Ein kurzer Halt vor dem Haus, in dem der Reichspräsident als Kind ge-

Anzcixenpreise: die 30mm breite Petitzeile auswärts 24 Pfg. lokal 12 Pfg., die 90mm breite Reklame-Petitzeile 96 Pfg. Platz' Vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholung Rabatt. für Vollklischee-Anzeigen außerdem besondere Ermäßigung.

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Nummer 75

wohnt hat. Am Denkmal der gefallenen 58er legte der Reichs­präsident einen Kranz nieder. Danach begab sich der Reichs- präsidenl nach Fraustadt. Dort trug er sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Nach einer Rundfahrt durch die Stadt kehrte der Reichspräsident nach Glogau zurück. Hier begrüßte im Stadt- vcrordnctcnsaal Oberbürgermeister Dr. Hasie den Reichspräsi­denten. Nach der mit stürmischem Beifall aufgenommenen Ant­wort des Reichspräsidenten trug er sich auch in das Goldene Buch der Stadt Glogau ein. Nach dem Essen im Weißen Saal des Rathauses empfing der Reichspräsident die Veteranen und begab sich dann durch ein Fackelspalier der Vereine zum Bahn­hof zur Weiterfahrt nach Culmitau.

Die Sozialdemokraten haben den Reichspräsidenten nicht empfangen

Breslau. Das Reichsbanner und die Sozialdemokraten haben sich bei den Empfängen am Dienstag und Mittwoch nicht beteiligt. Die sozialdemokratischeVolkswacht" schreibt zu dem Hindenburg-Empfang in Breslau::Die Breslauer sind diese Woche -glücklich; denn es gibt viel zu «ehen. Gestern und heute Hindenburg und morgen Sarrasani, die schönste Schau zweier Welten. Gestern schon haben sie sich der alten Volks­tradition treu gezeigt, in Scharen dorthin zu laufen, wo es etwas zu sehen gibt. Niedriger hängen!

Gegen bezahlte Räumung.

Ludwigshafen. Die Vorstände des Verbandes der Stadt- und Landkreise des besetzten Gebietes haben in einer Sitzung in Ludwigshafen folgendes Telegramm an den Reichskanzler abgesandt:

Die in Ludwigshafen tageirden Vorstände des Ver­bandes der Stadt- und Landkreise des besetzten Gebietes sprechen dem Herrn Reichskanzler für seine zielbewußte Ver­tretung der Interessen des besetzten Gebietes in Genf auf­richtigen Dank aus. So sehr die gesamte Bevölkerung des be­setzten Gebietes den Tag herbeisehnt, an dem ihr die ma­teriell und seeelisch schwer empfundenen Lasten der Besetzung abgenommen werden, so weist sie den Gedanken- einer Be­freiung durch weitere Belastung des Reiches auf politischem oder finanziellem Gebiet weit von sich. Der Verband bittet an diesem Standpunkt bei den weiteren Verhandlungen unter allen Umständen festzuhalten.

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Bingen a. Rh. Gelegentlich der am Mittwoch nachmittag stattgefundenen Stadtverordnetenversammlung fand folgende Entschließung die einmütige Billigung des gesamten Kol­legiums: Mit Unruhe und wachsender Sorge verfolgte die Be­völkerung des besetzten rheinischen Gebietes die Vorgänge in Genf. Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Bingen als Vertreterin der gesamten Bürgerschaft erwartet, daß die Reichsregierung die Freiheit des besetzten Gebietes nicht mit Opfern erkauft, welche neue Lasten für künftige Generationen darstellen und gleichbedeutend [inb mit einer weiteren Be­schränkung der Souveränität des deutschen Volkes.

Der Bremer Eisenbahnmörder feslgenommen.

Mainz. Der Bremer Raubmörder Emil Hopp, der während der Fahrt des Eilzuges von Hamburg nach Bremen den Direk­tor Nordmann ermordete und aus dem Zug warf, ist Donners­tag in Mainz-Kastel festgenommen worden. Hopp hat gestan­den, Direktor Neumann überfallen und beraubt zu haben.

Ueber den Vorgang machte er folgende Angaben: Er habe Nordmann im Schlaf bestehlen wollen und versucht, ihm die Uhr aus der Tasche zu ziehen. Darauf sei der Direktor erwacht und es sei zwischen ihm und dem Angreifer zu einem kurzen Kampfe gekommen. Er, Hopp, habe aber bald gemerkt, daß Nord­mann ihm an Kraft überlegen sei, deshalb den Revolver ge­zogen und den sich Wehrenden niedergeschossen und den Leich­nam auf die Schienen geworfen. Nachdem er aus dem Gepäck die wertvollsten Gegenstände entnommen hätte, habe er alles andere durch das Fenster auf die Bahnstrecke hinausgeschleudert.

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