Einzelbild herunterladen
 

Hietzener Dettling

'*'*w*^ I w (Neueste 9la*rid)ten) ^**«*^ ((Siebener lageblait)

Erscheint Mittwochs und Samstags.

Bezugspreis 2,40 Jt vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rück­sendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert

Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.

Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M

Anzeigenpreise: die 30mm breite Petitzeile auswärts 24 Pfg . total 12 Pfg., die 90mm breite Reklame-Petitzeile 96 Pfg. Platz- Vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholung Rabatt.

für Vollklischee-Anzeigen außerdem besondere Ermäßigung.

41 Fahrg. Samstag, -en 20. Oktober 1928 Nummer S3

Politische ZaseMau.

Ueber das Ergebnis des kommunistischen Volksbegehrens liegen noch keine abschließenden Ziffern vor, jedoch steht zwei­felsfrei fest, daß nicht die erforderliche Stimmenzahl erreicht wor­den ist. Die Kosten für das kommunistische Begehren belaufen sich auf etwa 1 Million Mark.

Im Zusammenhang mit der Tagung des Ausschusses der Lünderkonferenz wird auch der Finanzausschuß zusammentreten, um das Ergebnis seiner Arbeiten zur Sicherstellung einer mög­lichst sparsamen Finanzgebarung in Reich, Ländern und Ge­meinden endgültig zu formulieren.

Zwischen der Interalliierten Rheinlandkommission und den deutschen Behörden schweben zur Zeit Verhandlungen über die Verlegung des Sitzes der Interalliierten Rheinlandkommission, die sich zur Zeit noch in Koblenz befindet. Es kämen vier Städte in Frage, Wiesbaden, Speyer, Mainz und Kreuznach. Voraus­sichtlich wird Wiesbaden gewählt werden.

Nach dem soeben eingeführten Wehrpflicht-Gesetz in Rußland ist die Dienstzeit von vier auf drei Jahre herabgesetzt. Die Truppenzahl ist aber dafür auf 1,2 Millionen heraufgesetzt.

Frhr. v. Hünefeld mußte am Donnerstag eine Notlandung in einem Vortort von Tokio vornehmen. Hünefelds Flugzeug ist dabei schwer beschädigt worden. Die Flieger sind unverletzt.

Um das Dawes-Abkommen.

Nach dem Abschluß der Genfer Verhandlungen ist es offi­ziell recht still geworden um Rheinlandfrage und Reparatio­nen. Diese Ruhepause, bevor man sich wieder an den Ver­handlungstisch setzt, ist aber nicht ungenützt geblieben, wenig­stens von der Gegenseite nicht. Hier hat man durch diploma­tische Sondierungen vorsichtig den Boden geprüft, auf dem man sich bewegen will, hat wohl in den Aemtern auch Pläne mit Minimal- und Maximalforderungen ausgearbeitet und läßt Don Zeit zu Zeit durch die Presse einen Versuchsballon steigen. Einige Irrtümer, die beabsichtigt oder unbeabsichtigt bei dieser Stimmungsmache unterlaufen, sind aber wert, richtiggestellt zu werden. Da war kürzlich in einer französischen Zeitschrift da­von die Rede, daß die Zahlungen nach dem Dawesplan für 30 Jahre vorgesehen seien und daß man Deutschland eine gewisse Ermäßigung der Jahresleistungen bei einer Verlängerung der Zahlungsdauer zugestehen wolle. Demgegenüber ist erneut daran zu erinnern, daß der Dawesplan überhaupt keinen Ter­min für die letzte Zahlung nennt, sondern lediglich für die Eisenbahn- und Industrieobligationcn einen Tilgungsplan auf­gestellt hat, nach dem in etwa 37 Jahren 'dieser Teil des deut­schen Tributes bezahlt sein soll.

Alle diese französischen und englischen Presseäußerungen verfolgen offensichtlich den Zweck, die Forderung nach Aus­dehnung der deutschen Tributleistungen auf 62 Jahre vorzu­bereiten, auf die gleiche Anzahl von Jahren also, die in den Schuldenabkommen der Vereinigten Staaten mit ihren ehe­maligen Alliierten vorgesehen sind. Es erübrigt sich, auf der- attige Versuche näher einzugehen, denn es wird sich wohl kaum ein deutscher Staatsmann finden, der die Verantwortung dafür übernehmen möchte, auch noch die kommende Generation in eine unerbittliche Schuldknechtschaft zu stürzen.

NeWstagsbeginn am 13. November.

Berlin. Der Reichstag wird am 13. November zusammen­treten. In erster Linie werden außenpolitische Probleme er- örtert werden. Daneben wird auch die Panzerkreuzerfrage in­folge sozialdemokratischer und kommunistischer Anträge eine Rolle spielen. Die Etatberatungen für das Jahr 1929 werden erst im Dezember beginnen.

Neue Verhaftungen in der EtinnesAftüre.

Wien. Nachdem vor einiger Zeit hier auf Ersuchen der Berliner Behörden der Kaufmann Bela Groß verhaftet worden war, weil er im Verdacht stand, in der Kriegsanleihefälschungs­affäre Stinnes die Verbindung zwischen Berlin und Rumänien bergestellt zu haben, ist vorgestern ein zweiter Kaufmann in Wien festgenommen worden, da auch gegen ihn der Verdacht besteht, daß er Mittelsmann zwischen holländischen Bankier­kreisen und dem Stinneskonzern gewesen sei. Der Verhaftete ist der 31jährige Vertreter Salomon Dunkelblum, aus Polen gebürtig.

Auch in Paris KauSeinNmz.

Paris. In dem Pariser Vorort Vincennes ereignete sich Donnerstag nachmittag eine entsetzliche Katastrophe, der etwa .25 Menscheleben zum Opfer fielen. Ein siebenstöckiger Neubau, her kurz vor der Vollendung stand, stürzte derart schnell zu- iammen, so daß die darauf beschäftigten Bauarbeiter nicht mehr Seit fanden, sich zu retten und unter dem sieben Meter hohen Steinhaufen begraben wurden. Die Feuerwehren von Paris und das in Vincennes liegende 6. Dragoner-Regiment sind an der Unglücksstelle mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Die genaue Zahl der Verschütteten war bisher nicht festzustellen' ebenso ist auch die Ursache der Katastrophe noch nicht bekannt.

Von den Zeppelinsahrern.

Graf Zeppelin" wird wahrscheinlich am Montag zu seiner Rundfahrt durch einige amerikanische Städte aufsteigen. Die Ausbesserungsarbeiten an der beschädigten Stabilisierungsfläche sind fast beendet. Man beginnt mit der Auffüllung der Gas­zellen und der Anbordnahme von Brennstoff und anderen Vor­räten. Wie verlautet, wird wahrscheinlich der Automobilkönig Henry Ford als Passagier die Fahrt über die amerikanischen Städte mitmachen.

Mittwoch abend waren Dr. Eckener und seine Offiziere Gäste des deutsch-amerikanischen Handelsamtes von Newyork im Hotel Astor. An dem Festessen nahmen rund 1000 Personen teil, die den Zeppelinfahrern bei ihrem Erscheinen im Festsaal minuten­lange stürmische Ovationen darbrachten. Nach einer Begrü­ßungsansprache durch den Vorsitzenden des Handelsamies nahm Dr. Eckener das Wort. Er dankte für die Ehrungen, mit denen man die Amerikafahrer förmlich überschüttete. Dr. Eckener führte in seiner Rede aus, daß er versuchen wolle, noch vor dem Rückflug desGraf Zeppelin" nach Deutschland eine Korpo­ration mit einem Grundkapital von 14 Millionen Dollar zu gründen, die einen regelmäßigen Zeppelinpassagierdienst zwi­schen Europa und Amerika einrichten solle. Die durchschnittliche Fahrzeit der Zeppeline könne dabei unter normalen Verhält­nissen, als sie sich bei der jetzigen Zeppelinsturmfahrt in un­günstiger Jahreszeit darstelle, auf etwa 50 Stunden festgesetzt werden.

Ein gutes Geschäft.

Newyork. Die amerikanischen Zeitungen sind trotz der un­geheuren Ausgaben, die sie für die Berichterstattung über den Flug desGraf Zeppelin" und seine Landung in Lakehurst nicht gescheut haben, gut auf ihre Kosten gekommen. Der Ab­satz der Blätter erreichte eine Rekordziffer. Das meiste Geld brachten aber die Inserate aller möglichen Firmen, die in ge­schickter Weise die Zeppelinbegeisterung in den Dienst ihres Warenabsatzes stellten. Sie begrüßten im Anzeigenteil den Zeppelin" und verfehlten nicht, so ganz nebenbei auch auf die Vortrefflichkeit ihrer Erzeugnisse hinzuweisen. Besonders taten sich die deutschen Delikateßgeschäfte hervor, und deutsche Wurst fand in diesen Tagen doppelten Anklang.

*

M$ bei Coolidge.

Washington. Dr. Eckener und vier weitere Herren vom Graf Zeppelin" sind Freitag mittag Gäste des Präsidenten Coolidge bei einem Frühstück im Weißen Hause gewesen, an dem auch Marineminister Wilbur, sowie die Sekretäre für die Kriegs- und Handelsmarine teilnahmen.

*

Wir brauchen eine größere Zeppelin-Werft!

Zu den aus Amerika kommenden Nachrichten, wonach Dr. Eckener für die Einrichtung regelmäßiger Luftschiftlinien zwischen Deutschland und Amerika den Bau eines Abflughafens in der Nähe von Basel empfohlen habe, erfährt man jetzt, daß ähnliche Pläne tatsächlich schon seit langer Zeit beint Luftschiffbau be­stehen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß Friedrichshofen für große Verkehrsluftschiffe ein ungünstiger Abflughafen ist. Hinzu kommt, daß die meteorologischen Verhältnisse in Friedrichshafen häufig durch die Föhnlage beeinflußt Werden. Wesentlich gün- sttger liegen dagegen die Verhältniße in der badischen Rhein­ebene, zwischen Basel und Baden-Baden.

Zur Finanzlage des hessischen Staates.

In einem Teil der hesiischen Presie, so schreibt die Hessische Amtliche Pressestelle, sind im Anschloß ein die veröffentlichten monatlichen Uebersichten der Einnahmen uno Ausgaben des Staates kritische Bemerkungen über die Entwick­lung der hessischen Finanzwirtschaft in dem laufenden Rechnungs­jahr enthalten. Zn fachlicher Beziehung sei auf folgendes hin- gewiesen: Jeder Versuch, aus den monatlichen Teilergebnissen Schlüße auf das Iahresergebnis ziehen zu wollen, muß unbe­dingt fehlschlagen, weil die Zahressumme der Einnahme und Ausgabe sich nicht gleichmäßig auf die einzelnen Monate ver-- teilt.

Aus den für die wirtschaftlichen Unternehmungen und Be­triebe angegebenen Zahlen ergibt sich, daß diese werbenden Staatsgüter, bei denen mit einem Iahresüberschuß von 3,6 Millionen Mark zu rechnen ist, nach den ersten fünf Monaten eine Mehrausgabe aufweisen, weil die Ausgaben an Holzhauer­löhnen, Bewirtschaftungskosten bereits entstanden sind, die Ein­nahmen an Holzgeldern usw. aber erst im Herbst des Jahres eingehen.

Die Zahlen der Landessteuern zeigen in den ersten Monaten auch ein irreführendes Bild. Die Anforderungen der Landes­steuern kamen bekanntlich zum Teil erst in den Besitz der Steuer­pflichtigen, als das zweite Ziel schon fällig war. Für die Be­urteilung der finanziellen Entwicklung eines ganzen Rechnungs­jahres sind umfaßende Unterlagen erforderlich, die sich erst in einem späteren Stadium erkennen lassen.

Politik und Wirtschaft.

Es ist in Deutschland lange Zeit darüber gestritten worden, was für das Leben des gesamten Volkes wesentlicher sei, die Politik oder die Wirtschaft. Man hat sogar den alten Spruch, daß die Politik das Schicksal der Völker sei, dahin abzuwan­deln gesucht, daß in der neueren Entwicklung diese erste Rolle die Wirtschaft einnehme. Auch dieser Streit ist mit bekannter deutscher Gründlichkeit theoretisch überschärft worden. Denn wenn man die Dinge in der Praxis ansieht, wird man sehr bald darauf stoßen, welche Fragen für das Leben der Völker die ausschlaggebenden sind. Heute sind, gerade für das Deutsch­land der Gegenwart, Politik und Wirtschaft so eng miteinander verflochten, daß man sie kaum noch von einander trennen kann. Denn ein wesentlicher Teil der Nachkriegspolitik besteht darin, die wirtschaftlichen Folgen des großen Weltgeschehens der Jahre 1914 bis 1918 wieder auszugleichen und in den immer empfindlicher werdenden Organismus der Weltwirtschaft wie­der Ordnung zu bringen. Die Wirtschaft ihrerseits bemüht sich mit wechselndem Erfolg, die politischen Hemmungen auszu­schalten, die ihrem Wiederaufbau entgegenstehen. Das gilt genau so für die Verhältnisse innerhalb der Staaten selbst wie für die Beziehungen zwischen den Völkern.

Gerade in den letzten Tagen ist der enge Zusammenhang zwischen Politik und Wirtschaft wieder einmal in einem Brenn­punkt des politischen Geschehens besonders deutlich geworden. In der deutschen Außenpolitik gibt es eine Reihe von wichtigen Problemen, die auf rein politischen Gebieten liegen, die aber allesamt gleichzeitig eine erhebliche wirtschaftliche Nebenbe­deutung haben. Da ist zunächst die Rheinlandräumung, die man als eine reine politische Forderung ansehen möchte. Ab^r auch sie hat ihren wirtschaftlichen Gesichtspunkt,' denn Deutsch­land hat beim Abschluß des Dawesabkommens mit Recht immer wieder betont, daß die volle Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und somit die Fähigkeit Deutschlands zur Leistung der Kriegstribute nur dann wiederhergestellt werden könne, wenn das Land von dem Druck der Besatzung befreit werde, die Handel und Wandel auf Schritt und Tritt hemmt.

In denselben Zusammenhang gehört die zweite Lebens­frage der deutschen Politik, die Anschlußfrage. Selbstverständ­lich ist auch da das politische Moment, das ursprüngliche. Die Sehnsucht nach Groß-Deutschland ist Gemeingut des gesamten deutschen Volkes, das gerade hier das Recht der Selbstbestim­mung für sich in Anspruch nimmt. Aber daneben hat die Ver­einigung mit Oesterreich auch eine gewaltige wirtschaftliche Bedeutung. Denn für Oesterreich ist es eine Schicksalsfrage, ob es künftig gezwungen ist, feine Wirtschaftsinteressen mehr nach Deutschland hin oder mehr nach dem Balkan zu orien­tieren. Der Gedanke der wirtschaftlichen Donau-Föderation spukt immer noch in manchen Köpfen, und außerdem ist die mitteleuropäische Wirtschaftspolitik über die deutschen Sprach­grenzen hinaus eines derjenigen zukunftsreichen Probleme, um die heute die Besten der Nation ringen.

Mindestens ebenso schicksalsschwer ist die Frage des deut­schen Ostens. Eine rein politische Regelung hat eine Grenz­ziehung herbeigeführt, die Deutschland staatspolitisch auf das schwerste gefährdet. Kein Deutscher, der sich seiner Aufgabe gegenüber der Zukunft der Nation bewußt ist, wird jemals innerlich die deutsche Ostgrenze anerkennen können. Diese politischen Imponderabilien laßen sich nicht aus der Welt schaf­fen. Aber auch diese Frage hat ihre starke wirtschaftspoliti­sche Seite. Ostpreußen ist vom Mutterland abgeschnürt unb be­darf heute eigentlich beständig staatlicher Subventionen, um seine Wirtschaft in Gang zu halten und wieder ausbauen zu können. Der polnische Korridor hat im Osten Deutschlands eine völlig unmögliche wirtschaftspolitische Lage geschaffen, die da­rin besonders krassen Ausdruck findet, daß die Polen aus rein politischen Gründen die Freie Stadt Danzig durch die staatliche Förderung der Konkurrenzhafens Edingen wirtschaftlich abzu- droßeln suchen. Das deutsche Oberschlesien, ehedem eine macht­volle wirtschaftliche Einheit, ist durch die skandalöse Grenz­ziehung des Jahres 1921 in zwei Teile gespalten worden. Wenn man einmal ganz davon absieht, daß die starke deutsche Minder­heit in Polnisch-Oberschlesien wider alles göttliche und mensch­liche Recht von den polnischen Machthabern drangsaliert und in ihrem Selbstbestimmungsrecht beeinträchtigt wird, dann hat diese Teilung eines ehemals blühenden Landes auch wirtschafts­politisch die schlimmsten Schäden gezeitigt. Reichspräsident von Hindenburg hat auf seiner Reise durch Oberschlesien zum Aus­druck gebracht, daß diese Not des deutschen Ostens eine An­gelegenheit des gesamten deutschen Volkes sei. Vielfach hat man dieses Problem gegenüber der Rheinlandfrage nur allzu stark in den Hintergrund treten lassen.

Von höchster internationaler Bedeutung ist die anscheinend rein politische Frage der Abrüstung. Man weiß, daß Deutsch­land hier seit Jahren einen schweren außenpolitischen Kampf führt, der sich rechtlich auf den Artikel 8 des Versailler Ver­trages gründet. Hier wird bekanntlich die Abrüstung Deutsch­lands als Beginn der allgemeinen Abrüstung bezeichnet. Die Abrüstungsfrage hat in den letzten Jahren durch recht ver­schlungene Pfade der internationalen Diplomatie geführt. Es ist für den Laien nicht ganz einfach, sich in den verschiedenen Ausschüssen zurechtzufinden, die sich damit befassen. Da gibt es eine Abrüstungs-Vorkonferenz, die ihrerseits wiederum den , sogenannten Sicherheitsausschuß gebildet hat. Da gibt es fer-