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Gießener Beitnnn

Erscheint Mittwochs und Samstags.

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Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäfts st elle: Gießen, Südanlage 2L

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41. Fahrs

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Mittwoch, den 19. September 192S

Nummer 74

Politische Zagesschau.

Die bayerische Staatsregierung hat an Reichskanzler Mül­ler das Ersuchen gerichtet, zum Zwecke der Information und Aussprache über die Ergebnisse der Genfer Besprechungen über die Rheinlandräumung die Staats- und Ministerpräsidenten der Länder zu einer Besprechung nach Berlin zu berufen.

In Genfer politischen Kreisen wird von einer Gesamtrepa­rationssumme von 40 bis 45 Milliarden Mark gesprochen.

Der Chef der Marineleitung, Admiral Zenker, hat sein Rücktrittsgesuch eingereicht und wird Ende September von sei­nem Posten zurücktreten. Als Nachfolger ist der bisherige Chef der Marinestreitkräfte der Ostsee, Vizeadmiral Dr. h. c. Raeder, in Aussicht genommen.

Die Leitung derPressa" in Köln teilt mit, daß der 14. Oktober der letzte Tag der Ausstellung ist. DiePressa" wird mit einer besonderen Feier abgeschlossen werden.

Freiherr v. Hünefeld hat am Dienstag früh seinen seit längerer Zeit geplanten Ostflug mit dem ihm gehörigen Jun­kers-Flugzeug Type W. 3311 (Europa), dem Schwesterschiff der Bremen" angetreten.

Wie aus Moskau gemeldet wird, hat das Präsidium des Zentralvollzugsausschusses der Sowjetunion beschlossen, sich dem Kelloggpakt anzuschließen.

Die entdeckten gegenrevolutionären Militärorganisationen in Leningrad und Kronstadt werden den Anhängern Trotzkis zur Last gelegt. In Leningrad sind dreihundert Funktionäre der Partei verhaftet worden.

Das Finanzministerium in Belgrad verhandelt wegen einer 1VV-Millionen-Goldanleihe in Sachwerten mit Deutschland. Es handelt sich um Lokomotiven, Eisenbahnwagen und Schienen­material für die südslawischen Eisenbahnen.

China will sich wegen Zurücksetzung bei den Ratswahlen Dam Völkerbund zurückziehen.

.Graf Zeppelin fliegt.

Friedrichshafen, 18. Sept. Um 3 Uhr wurde die Halle nach Süden geöffnet und das neue Luftschiff ,:®raf Zeppelin" mit seiner glänzenden Hülle zeigte sich den vor der Halle Har­renden. Um 3.15 Uhr erteilte Dr. Eckener noch letzte Instruk­tionen und bestieg dann mit den Piloten das Schiff. Bei be­decktem Himmel und mildem Wetter sowie abflauenden Win­den ging dann das Luftschiff 3.30 Uhr aus der Halle auf die vorher nochmals geprüften Laufschienen und verließ in der Rich­tung Bodensee die Zeppelinwerft, begleitet von Flugzeugen der Storni erweist. Unten standen die Menschen teils sprachlos vor Rührung, teils jubelnd, schreiend, winkend, in begeisterter Ek­stase vor diesem überwältigenden Anblick.

Vier Jahre lang hat das deutsche Volk kein Zeppelinluft- jdriff mehr gesehen. Das letzte fuhr nach Amerika unter dem Staunen der ganzen Welt, kehrte aber nicht mehr wieder. Die­ses neue Luftschiff ist um ein Drittel größer als sein letzter Bruder. Als erstes Luftschiff seit zehn Jahren gehört es Deutsch­land. DerGraf Zeppelin" folgte zunächst dem nördlichen Ufer des Sees, flog über die Jnselstadt Lindau und dann drüben am österreichischen und Schweizer Ufer entlang bis nach Kon­stanz.

Glatte Landung.

Friedrichshafen, 18. Sept. Das Luftschiff ist um 6,48 Uhr glatt gelandet. Nach seiner letzten Schleife, in Der es noch ein­mal Gas abließ, erschien es wieder über dem Werftgelände, ging bis auf 200 Meter herunter und warf dann aus der Bugluke Ankerfesseln, an denen es dann langsam zur Erde gezogen wurde. Um 19.50 war es vorsichtig zur Halle hinübergeführt.

Glanzendes Ergebnis der Probefahrt.

Frierichshafen, 18. Sept. Gleich nach der Landung erklärte Dr. Eckener, daß die Fahrt ausgezeichnet verlaufen und er mit dem Flug sehr zufrieden sei. DerGraf Zeppelin" habe alles ge­halten, was er versprochen und was man von ihm erwartet habe. In mancher Beziehung habe er die (Erwartungen sogar übertroffen. So hat die heutige Fahrt schon gezeigt, daß das Schiff ohne Anstrengung auf eine Marschgeschwindigkeit von 120 Kilometern zu bringen ist. Jedenfalls ist es noch schneller, als der Z. R. III. Die Geschwindigkeit wurde auf der üblichen - Meßstrecke FriedrichshafenKehlen bei Ravensburg erprobt. Diese Strecke, die 5700 Meter lang ist, wurde zweimal durch­fahren. Dabei hat sich auch die Manöverierfähigkeit des Schiffes glänzend gezeigt. Höhen- und Seitensteuer funktionierten her­vorragend, namentlich haben auch die Maschinen tadellos ge­arbeitet. Dr. Eckener hob besonders hervor, daß sie bei der Umstellung auf Rückwärtsfahrt seine Erwartungen gerechifer- tigt hätten. Besondere Aufmerksamkeit wurde natürlich der Durchlüftung des Schiffes zugewandt, da ja schon bei der Ver- iud) sanft alt für Luftfahrt Bedenken wegen des Triebgases be­standen. Dr. Eckener erklärt, daß die Lüftung allen Ansprüchen im vollem Maße genüge, so daß er hoffe, daß diese Bedenken sich durch praktische Erprobung überwinden lassen. Die Ventile hÄben so gut funktioniert, sagte Dr. Eckener scherzend, daß ich üschlossen habe, im Schiff einen Luftkurort einzurichten.

Der Reichspräsident in Schlesien.

Reichspräsident von Hindenburg ist Montag in Oberschlesien eingetroffen und hat in Hindenburg den Grundstein für ein neues Kinderkrankenhaus gelegt. Er erklätte, es sei ihm eine besondere Genugtuung, daß sein erster Besuch in Schlesien der Errichtung einer Anstalt gelte, die berufen sei, die Kindersterb­lichkeit dieser geburtenreichen Stadt zu mindern und der Not der Kinder zu steuern. Danach fuhr der Reichspräsident nach Beuthen, wo er als Leiter des Armeeoberkommandos Ost sich im Kriege aufgehalten hatte, und von dort nach Gleiwitz, wo ein festlicher Empfang stattfand. Auch Oppeln empfing den Reichspräsidenten in festlicher Weise unter stärkster Beteili­gung der Bevölkerung.

Gestern weilte v. Hindenburg dann in Ratibor, das ihn in reichem Flaggenschmuck empfing. Nachdem der Reichspräsi­dent der Geburtsstätte Eichendorffs einen Besuch abgestattet hatte, nahm er an einem Festessen im Jugendheim teil, um dann nach Breslau weiterzr^fahren, wo er vom Oberpräsidenten Lüde­mann, dem Regierungspräsidenten, dem Landeshauptmann und dem Oberbürgermeister empfangen wurde. Nach kurzer Begrü­ßung verließ der Reichspräsident die Bahnhofshalle und schritt auf dem Bahnhofsvorplatz die Reihen der Veteranen von 1870- 71 ab, dem sich das Abschreiten der Ehrenkompagnie und der Vorbeimarsch derselben anschloß. Sodann wurden die bereit- gestellten Automobile bestiegen und die Fahrt ging unter dem brausenden Jubel des die Straßen dicht umsäumenden Publi­kums nach dem Oberpräsidium. Meger umkreisten während des Empfanges den Bahnhofsvorplatz. Auch vor dem Ober­präsidium hatten sich Tausende von Menschen angesammelt, die in begeisterte Hoch- und Hurrarufe ausbrachen, als sich der Kraft­wagen des Reichspräsidenten näherte. Im Oberpräsidium wurde dem Reichspräsidenten der Fürstbischof Bertram vorge- stellt. An eine offizielle Feier schloß sich ein Tee im Gesell­schaftsraum des Oberpräsidiums, während dessen vor dem Ober­präsidium eine Kapelle konzertierte und die Menge immer wie­der das Deutschlandlied sang.

Kabinettssttzung über Genf.

Nachdem der Reichskanzler Hermann Müller am Dienstag­morgen, von Baden-Baden nach Berlin zurückgekehrt war, hat der Kanzler sofort die Geschäfte wieder ausgenommen. Um 11.30 Uhr ist sodann die Reichsregierung zu einer besonderen Kabinetts­sitzung zusammengetreten, in der der Kanzler noch einmal den schriftlich bereits gegebenen Bericht mündlich ergänzte. An der Sitzung nahmen teil die Minister Groener, Dr. Curtius, Dr. Koch, Hilferding, Wissell und von Guerard, außerdem der stell­vertretende Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Köpke.

Der Reichskanzler gab sehr ausführliche Erklärungen über feinen Genfer Aufenthalt und die dort geführten Verhandlungen. Auch berichtete er eingehend über seinen Gedankenaustausch mit Dr. Stresemann in Baden-Baden. Nach Beendigung der Sitzung wurde gegen 14 Uhr eine amtliche Mitteilung herausgegeben, die folgenden Wortlaut hat:

Das Reichskabinett billigt einstimmig die Haltung des Reichskanzlers und der deutschen Delegation und dantt dem Reichskanzler für seine geschickte und tatkräftige Führung der Verhandlungen."

In den nächsten Tagen wird voraussichtlich eine neue Sitzung stattfinden, in der über die in der Genfer Kundgebung erwähnte Finanzkommission zur endgültigen Regelung des Reparations­problems sowie über die Feststellungs- und Vergleichskommisson gesprochen werden wird. Ferner will man sich in dieser Sitzung klar darüber werden, in welcher Form die weiteren deutschen Schritte unternommen werden sollen. Es sind verschiedene Vor­schläge aufgetaucht. Ein Teil der Kabinettsmitglieder ist der An­sicht, daß es besser wäre, den beteiligten Regierungen den deut­schen Standpunkt und die deutschen Vorschläge auf schriftlichem Wege zu übermitteln. Die übrigen Minister glauben, der Fort­setzung der diplomatischen Verhandlung in mündlicher Form den Vorrang geben zu sollen. Die Entscheidung darüber soll, wie gesagt, in einer der nächsten Sitzungen des Reichskabinetts fal­len.

Nichts ohne die amerikanischen Bankiers!

Newyork. Der Präsident der Steneck Trust Co. in Hoboken, John Steneck, der auf derDeutschland" von einer Europareise zurückkehrte, während der er besonders eingehend die Verhält­nisse in Deutschland studierte, erklärte, daß die amerikanischen Bankiers eine Beseitigung des Dawesplanes nicht gestatten wür­den. Die amerikanischen Bantters, die der deutschen Industrie Anleihen vorstreckten, damit durch den hierdurch gewonnenen Aufschwung die Zahlung der Reparationen möglich gemacht werden könnte, erwarteten befragt zu werden, wenn man sich über die Konsolidierung der deutschen Finanzverhältniye unter­halten sollte.

Zruppenverstarkungen im Elsaß.

Paris. Das französische Kriegsministerium hat eine Reihe von Earnisonsverschiebungen im Elsaß angeordnet, die vor allem darauf hinauslaufen, die militärischen Positionen von Straßburg und Hagenau zu verstärken. Außerdem wird in Mutzig eine neue Garnison geschaffen und dieser Platz als be­festigter Ort erklätt werden. Weiter ist geplant, in Longwy und Longuyoni wie vor dem Kriege vier Garnisonen einzu­richten. Und das alles im Zeitalter der Abrüstung.

Los vom Völkerbund!

Berlin, im September. Der Vorstand der Nationalen Ein­heitsfront hat sich in seiner letzten Vorstandssitzung ein­gehend mit dem Zusammenbruch der deutschen Erfüllungspolitik in Genf befaßt und einen Beschluß herausgebracht, der auf die Forderung hinausläuft:Los vom Völkerbund!" Nie sei die außenpolitische Lage Deutschlands treffender gekennzeichnet wor­den, als dieser Tage in einem italienischen Blatt, in dem über Briands Antwort an Deutschland gesagt seit,

daß man Deutschland die Ohrfeige für feine unwürdigen Anbiederungsversuche an Frankreich überall von Herzen gönne".

Trotz aller Warnungen von fetten der deutschbewussten Kreise unseres Volkes habe man zum Erstaunen aller Neutralen gegen­über dem Erbfeind Frankreich eine Politik der Annäherung und Nachgiebigkeit betrieben, die bei der Wesensart der Feinde von vornherein zum Scheitern verurteilt war nur, um Schein­erfolge vorzutäuschen und Zeit zu gewinnen zur Befestigung der bedingungslosen Herrschaft der Demokratie im Innern. Man habe diese Politik, trotz regelmäßiger schwerer Enttäuschungen auf allen Etappen, fortgesetzt und Deutschland völlig isoliert. Wir stehen vor einem politischen Zusammenbruch wie nie seit Versailles. Und dieser Zusammenbruch ist umso schlimmer, weil uns Briands Kampfansage ahnen läßt, was uns bevorsteht, wenn sich morgen die Erfüllung der Dawesverpflichtungen als unmöglich erweist. Die Zugehörigkeit zum Völkerbund ist für Deutschland verhängnisvoll geworden, sie hat uns lediglich nach alben Seiten die Hände gebunden und uns verhindert, die Frucht Europas vor der Vorherrschaft des übermächtig gewor­denen Frankreichs in unsere außenpolitische Rechnung einzustel­len. In Genf haben wir nichts zu erwarten. Die Außenpolitik wird außerhalb des Völkerbundes gemacht.

Das brtttsch-französische

KloNenabkommen erledigt.

London. Der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" schreibt, in amtlichen Kreisen in London werde jetzt kein Versuch mehr gemacht, die Tatsache zu verheimlichen, daß das Flottenabkommen in seiner augenblicklichen Gestalt tot ist.

Die Wahlen in Schweden.

Von den Wahlen der Zweiten Kammer liegt bisher ein vor­läufiges Endergebnis aus 27 Wahlkreisen vor. Danach sind ge­wählt: Rechte 67 (Gewinn 8), Bauernbund 26 (Gewinn 3), Li­berale 3, Freisinnige 27 (Verlust 2), Sozialdemokraten 83 (Ver­lust 13), Kommunisten 6 (Gewinn 2).

Das Neichsverkehrsministerium zu den gegenwärtigen Fragen des Straßenbaues und der Wegeunterhaltung.

Auf der Tagung des deutschen Landkreistages in Rostock führte Der Herr Ministerialdirektor Dr. Stapenhorst als Ver­treter des Reichsverkehrsminiftertums aus, das Reichsverkehrs- ministerium beabsichtige nicht, eine Reichsstraßenverwaltung aufzuziehen. Davon könne keine Rede sein. Man könne wohl darüber streiten, ob es nicht richtig, zweckmäßig und wirtschaft­lich sei, Straßenzüge von größerer Bedeutung aus der Verwal­tung der Landkreise herauszunehmen und sie auf einen leistungs­fähigeren Verband zu übertragen. Zum Beispiel sei es sehr gut möglich, daß etwa in Preußen die Provinzen mit ihren größeren Erfahrungen im Straßenbau als die größeren, finanz­kräftigeren Verbände eine bessere Wirtschaftlichkeit und grö­ßere Rationalisierung auf dem Gebiete der Wegeunterhaltung erzielen könnten.

Diese vereinzelte Herausnahme von Straßen aus der Anter- Haltung der Kreise soll aber keineswegs zur Schaffung einer Reichsstraßenverwaltung führen. Den im Reichstage zutage getretenen Bestrebungen auf diesem Gebiete habe das Ver­kehrsministerium immer die Bedenken und Schwierigkeiten ent­gegengehalten, die diesem Plane entgegenständen. Viel zweck­mäßiger sei der Weg, Vereinbarungen mit den Landesregierun­gen über Richtlinien und Normativbestimmungen zum Zwecke einheitlicher Beachtung zu treffen. Dieser Gedanke leite das Ministerium bei der Aufstellung einer Straßenbauordnung.

Die Frage der Nurautostraßen sei heute noch nicht spruch­reif. Die vordringliche Aufgabe sei es, das vorhandene Stra­ßennetz den neuzeitlichen Verkehrsbedürfnisfen anzupassen. Auf diese Aufgabe seien alle Kräfte zu verwenden. Wenn aber die wirtschaftliche und verkehrstechnische Notwendigkeit den Bau von Nurautostraßen erfordere, dann sollten auch die wegeunter- haltungspflichtigen Verbände diesen Bau als eine öffentliche Ausgabe in Die Hand nehmen. Eine Finanzierung der Nur­autostraßen durch Wegeabgaben halte das Ministerium nicht für tunlich.

Was die Frage der Finanzierung der Verkehrsstraßen im allgemeinen angehe, so sei das Reichsverkehrsministerium jeder­zeit bereit, alle Schritte der Landkreise zu unterstützen, die das Ziel hätten, von der Beratungsstelle für Ausländsanleihen die Genehmigung zu Anleihen zu bekommen. Der Straßenbau und die Wegeunterhaltung seien so eminent produktive Aufgaben, daß es sich verlohne, außerordentliche Kräfte zu ihrer Lösung zur Auswirkung zu bringen.