Gießener Jeiinng
^^■"^ ' w sN°v«tte NachrickttnI ^^*— ^ lSichencr Tageblatt) ^J^
Erscheint Mittwochs und Samstags.
Bezugspreis 2,40 Ji vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr — Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert
Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.
Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M
Anzeigenpreise: die 30mm breite Petitzcile auswärts 24 Pfg lokal 12 Pfg., die 90mm breite Reklame-Petitzeile 96 Pfg. Plan- vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholung Rabatt, für Dollklischee-Anzeigen außerdem besondere Ermäßigung.
41. Zahrs
IM
Mittwoch, den 17 Oktober 1928
Nummer 82
Politische Zagesschau.
Der Reichskanzler gab zu Ehren des englischen Arbeiterführers Macdonalds ein Frühstück, an dem der großbritannische Botschafter, die Reichsminister Hilferding, Koch und Severing und der preußische Ministerpräsident teilnahmen.
Der Reichstagsausschuß für Strafrechtsreform hielt eine Sitzung ab, der Reichsjustizminister Koch beiwohnte. Zur Beratung stand Paragraph 15, der sich mit der strafrechtlichen Ver- «ntwortlichkeit der Jugendlichen beschäftigt.
Der Reichsverkehrsminister teilt mit, daß er wegen des Antrages auf Aenderung der Bestimmungen über die Gewährung der Fahrpreisermäßigung für Schwerkriegsbeschädigte (Benutzung der Polsterklasse) befürwortend an die Deutsche Reichsbahngefellschaft, Hauptverwaltung, herangetreten sei.
Die deutschen Flieger Lindner und von Hünefeld, die in Schanghai cingetrofsen sind, wollen am Mittwoch um 3 Uhr hiesiger Zeit den Flug ohne Zwischenlandung nach Tokio mitteten. Sic glauben, daß sie die japanische Hauptstadt in 18 Stunden erreichen können.
Zu Beginn der gestrigen Sitzung des Landtags von Thüringen gab der Abg. Dr. Dinter die Erklärung ab, daß er sicht mehr Abgeordneter der Nationalistischen Deutschen Arbeiterpartei sei.
Die italienische und japanische Regierung haben der Veröffentlichung des Schriftwechsels, der sich auf das englisch-fran- iöfische Flottenkompromiß bezieht, zugestimmt.
Der ..Graf NNir in Amerika.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist am Montag um 5.40 Uhr amerikanischer Zeit (11.30 Uhr MEZ.) auf dem Flugplatz Lakehurst glücklich gelandet und 20 Minuten später in die Halle c-ingebracht worden. Als das Luftschiff vom Flugplatz aus gesichtet wurde, war die Dunkelheit schon so weit vorgeschritten, daß das Schiff erst zu erkennen war, als es bereits unmittelbar über dem Flugplatz stand. Die Zahl der auf dem Flugplatz ver- fammelten Menschen ging in die Hunderttausende. Viele hatten Voit Sonntag ununterbrochen auf das Luftschiff gewartet. Im ganzen hat das Schiff 111% Stunden sich in der Luft aufge- halten und dadei über 11 000 Kilometer bei einer Durchschnitts- Stundengeschwindigkeit von 100 Kilometer zurückgelegt. Die Landung erfolgte unter Hilfeleistung von 400 Helfern. Das Schiff war kurz nach 11 Uhr MEZ. über dem Luftschiffhafen erschienen. Die Passagiere verließen sofort das Schiff, dem dann die Zollbeamten einen kurzen Besuch abstatteten. Die Mannschaft machte noch einen recht frischen Eindruck.
Es ist das in Anbetracht der ungünstigen Wetteroerhält- niße auf der Fahrt eine technische Leistung ersten Ranges. Die Fahrt mutet an wie ein Märchen, wenn man bedenkt, daß sie in viereinhalb Tagen über halb Europa, Afrika und über das Weltmeer in seiner größten Ausdehnung geführt hat.
Rewyork rüstet sich
zu einem Empfang von grhtztem Ausmaß für die Zeppelinflieger. Im Extrazug werden die Zeppelingäste nach Jersey und von dort mit dem Dampfer der Stadt Newyork in Begleitung von Vertretern der Stadt Newyork, von deutsch-amerikanischen Organisationen zur Battery gebracht werden, wo der Festzug beginnt. Der Zug geht dann dem Brodway entlang zur City Hall, wo Oberbürgermeister Walker die Gäste begrüßt. Daran schließt sich ein Zug durch ganz Newyork an. Ganz Amerika befindet sich im Zeppelin-Fieber. Die Zeitungen bringen nur Zeppelin-Nachrichten. Seitenweise werden Bilder veröffentlicht, die „Graf Zeppelin" während der Ueberfliegung Amerikas zeigen. Daneben findet man in allen Zeitungen die Köpfe Eckeners und des Grafen Zeppelin. Große Firmen veröffentlichen mit einem deutschen „Willkommen Zeppelin" überschriebene Inserate. Die Schaufenster sind mit deutschen Flaggen geschmückt. Jeder bewundert den Flug, der als neue deutsche Großtat gefeiert wird.
Ans der Fülle der Glückwünsche.
Coolidge an Hindenburg.
„Ich möchte Sie beglückwünschen zu der herrlichen Leistung Ihrer Landsleute, die den Flug von Deutschland nach den Ver- ânigten Staaten im Lufschiff „Graf Zeppelin" durchgeführt haben. Der Flug hat das amerikanische Volk mit Bewunderung erfüllt und verzeichnet eine weitere Stufe in dem Fortschritt und in der Entwicklung der Luftverbindung."
Hindenburg an Coolidge:
„Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für die Glückwünsche «nd Anerkennung, die Sie dem „Graf Zeppelin" und seiner Besatzung in so freundlicher Weise gezollt haben. Namens des deutschen Volkes spreche ich gleichzeitig für die dem Luftschiff rund seiner Besatzung gewährte glänzende Aufnahme und Unterstützung meinen aufrichtigsten Dank aus. Ich hoffe, daß mit diesem neuen Fortschritt in der Lufffahrt die freundlichen Beziehungen, die zwischen dem großen amerikanischen Volke und ! Deutschland bestehen, noch engen geknüpft werden.
v. Hindenburg, deutscher Reichspräsident."
Hindenburg an Dr. Eckener:
„Zur glücklich durchgeführten Ueberfahrt des „Graf Zeppelin" nach Amerika spreche ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche aus. Ich verbinde damit den Ausdruck meiner aufrichtigen Anerkennung für die vorzügliche Leistung, die Sie und die bewährte Mannschaft des Luftschiffes unter so schwierigen Witterungsverhältnissen vollbracht haben.
von Hindenburg, Reichspräsident."
Der Reichskanzler an Dr. Eckener:
„Zu der so sehnlich erhofften glücklichen Ankunft des Luftschiffes „Graf Zeppelin" in den Vereinigten Staaten von Amerika spreche ich Ihnen und der vortrefflichen Besatzung des Luftschiffes die herzlichsten Glückwünsche aus. Ganz Deutschland ist stolz darauf, daß Sie nach Ueberwindung so großer Schwierigkeiten Ihr Ziel erreicht haben, und dankbar, daß Sie mit Ihrer Fahrt die Verbindung zwischen dem großen und befreundeten amerikanischen Volk und dem deutschen Volk enger geknüpft haben. Müller, Reichskanzler."
Der amerikanische Botschafter an Dr. Eckener:
„Sie siegten glänzend über widrige Elemente. Das lieferte den praktischen Beweis für die Richtigkeit Ihrer mir kürzlich in der Berliner Botschaft erläuterten Theorie von der Ueber- legenheit des Luftschiffes über das Flugzeug im Sturm. Sie haben überzeugend die Möglichkeit eines transatlantischen Handelsflugverkehrs bewiesen. Das ist ein neuer Weg deutscher Wissenschaft, Ausdauer und deutschen Muts. Dr. Shurmann."
Schwedens König an Hindenburg:
„Mit großer Freude erfahre ich die glückliche Ankunft des „Graf Zeppelin" in Amerika Zu vieler bewunderungswurd'.- gen und großartigen Tat dentjänr Männer spreche ich Ihnen meine wärmsten Glückwünsche aus. (gez.) Gustaf."
Englands Luftfuhrtminister an die deutsche Regierung:
„Die englische Luftfahrtbehörde entbietet herzliche Glückwünsche zur erfolgreichen Vollendung von „Graf Zeppelins" denkwürdiger Reise nach Amerika."
Hauptmann Köhl an den Zeppelin:
„Graf Zeppelin, Du kannst es doch besser. Herzlichen Glückwunsch. (gez.) Hauptmann Köhl."
Ein wenig verstimmt.
Der preußische Innenminister, einer der Passagiere, führte wörtlich aus: „Ich freute mich über die ungeheuere Begeisterung, als wir Anierikas Städte überflogen, änderte freilich meine Meinung, sobald wir das Luftschiff verließen. Wir wurden wegen der Zollangelegenheiten durch einen Kordon von Polizeibeamten nach der Zollabfertigung geführt, gerade, als ob wir den Zollbehörden oder Paßbehörden etwas unterschla- gen wollten. Dafür aber sollte doch der Name Dr. Eckener gut sein! Ich bin als Privatmann gekommen, sonst hätte ich als Polizeiminister die Sache noch an demselben Tage geregelt. Ich mache Amerika und sein Volk nicht verantwortlich dafür. Ich sage nur, daß solche Vorkommnisse nicht wieder geschehen sollten?" Die Ausschreitungen der Marinesoldaten gingen so weit, daß selbst der amerikanische Flottensekretär Warner von seinen eigenen Leuten angehalten und mit Arrest bedroht wurde. Ein höherer deutscher Beamter wurde von dem wachthabenden Blauen Jungen ins Gesicht gestoßen. Der Zeitungsvertreter Rolf Brandt erklärte ebenfalls, bei der Landung des Luftschiffes geschlagen worden zu sein, angeblich, weil er zu langsam gegangen sei. Der Zeichner Matejko erklärte, es sei sein erster Besuch der Vereinigten Staaten; aber er sei in Albanien und Bulgarien gewesen und habe dort eine höflichere Behandlung durch die Eingeborenen gefunden. Alle Passagiere zeigten das höchste Erstaunen über diese Vorfälle, da sie doch mit guten Gründen erwarten konnten, mit der gleichen Freundlichkeit empfangen zu werden, mit der Amerikaner bei ähnlichen Anläßen in Berlin empfangen werden.
Die Hessische Finanznot.
Durch Reichsverordnung gehalten, müßen die Länder laufende Ausweise über ihre Einnahmen und Ausgaben veröffentlichen. Dieser verlangte Finanzausweis ist für den hessischen Staat für das Vierteljahr vom 1. April bis 31. Juli 1928 recht depremierend. Der ordentliche Haushaltsplan für diese Zeit schließt wie folgt ab:
Einnahmen 21 159 000 Rmk.
Ausgaben 32 752 000 Rmk.
Defizit 11593 000 Rmk.
Aus dieser Zahl daff etwa nicht gleich auf die Höhe des Iahresfehlbetrages geschlossen werden, aber dieser Abschluß läßt doch ohne weiteres erkennen, in welch heillose Unordnung die hessischen Staatsfinanzen geraten sind.
Das aber steht fest, daß die ganze Wittschaftsweise der Regierung geändert werden muß, wenn zwischen Einnahmen und Ausgaben ein gesundes Verhältnis hergestellt und die Bevölkerung vor Steuerüberlaftung bewahrt werden soll. Verringerung der Zahl der Landtagsabgeordneten und Ministerien, Herabsetzung der Ministerpensionen, Vereinfachung des Verwaltungsapparates und Sparsamkeit in allen Verwaltungs- Zweigen ist zumindestens nötig, um das Defizit für die Zu- , tunst zu verringern.
wie sich die hohen Steuern erklären.
Die gesamte Bevölkerung schmachtet unter unerhörtem Steuerdruck. Insbesondere die Wirtschaft wird steuerlich geradezu ausgesogcn und täglich fallen Existenzen diesem raffinierten Steuersystem zum Opfer. Man begnügt sich heute nicht mehr mit Betricbsübcrschüßcn, sondern zwingt die Steuerzahler dazu die Substanz anzugreifcn, um den steuerlichen Verpflichtun gen nachzukommen. Unter den Wirtschaftskreisen ist es in erster Linie der Hausbesitz, der zum Spielball der geldhungrigen Verwaltungsorgane gemacht wird.
Obwohl nach dem Finanzausgleichgesetz die Länder verpflichtet sind infolge der Mehrzuweisungen aus Rcichsmitteln die Realsteurn zu senken, kümmert man sich um diese Bestimmung nicht, man geht sogar noch dazu über die Realsteuern zu erhöhen (s. Mainz, Darmstadt, Offenbach usw.).
Wir haben in unserer Zeitung wiederholt darauf hin- gewiesen und beanstandet, daß der öffentliche Haushalt in krassestem Gegensatz steht zu der Not des Volkes. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, daß das Volk verarmt ist, weil es bei Reich, Staat und Gemeinden sein Geld verloren hat. Es wird aus dem Vollen gewirtschaftet als wenn wir ein reiches Volk wären. Immer mehr Amtsstellen werden geschaffen und immer mehr Autos angeschafft, während die große Maße der Bevölkerung kaum ihre Stieselsohlen bezahlen kann. Wo früher zwei Bürgermester genügten, leistet man sich heute deren vier oder fünf, und so geht es durch alle Amtsstellen. Man betrachte sich nur den nicht übertriebenen, sondern auch direkt überflüssigen Apparat bei den Kreis- und Provinzialbehörden, die die Steuerzahler, in erster Linie den Haus- und Grundbesitz, belasten. Wir haben diesen Aufwand wiederholt kritisiert, ohne Verständnis bei der Volksvertretung zu finden. Ob das daran liegt, weil durch diese überflüssigen Behörden die Möglichkeit für den einen oder anderen Volksvertreter besteht, Kreis- oder Provinzialdirektor zu werden, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls steht fest, daß schon einige Parteimänner die Stufe des Provinzialdirektors erklommen haben. Alles schreit nach Sparsamkeit, nach Rationalisierung, sogar in der Regierung und im Landrag, aber getan wird nichts. Das Volk läßt es sich ja gefallen, ihm wird ein blauer Nebel vorgemacht, zu diesem Zweck braucht jemand nur Redetalent zu haben, und schon ist er was.
Zu dem Thema der Ueberschrift liegt uns reichhaltiges Material vor, aus dem wir heute nur den Haushalt zweier Gemeinden in der Nähe Darmstadts mit je etwa 8000 Einwohnern le rousnehmen.
Die Gemeinde Eberstadt bei Darmstadt hat nach ihrem Voranschlag folgende Ausgaben an Geheimern gehabt:
1 Bürgermeister, Beigeordneter und
1914
jetzt
Büropersonal der Bürgermeisterei
7750 Ji
22000 Ji
2. Gemeinde-Einnehmerei
3250 Ji
11000 Ji
3. Polizeidiener und Nachtwächter
5175 Ji
15800 Ji
4. Feldschützendienst
3400 Ji
10800 Ji
5. Schuldiener
1875 Ji
6000 Ji
6. Gemeindebaudienst
500 Ji
5500 Ji
zusammen 21750 Ji 71100 Jt oder eine Steigerung auf 327 Prozent von 1914 bis heute.
Aehnlich liegt es bei der Gemeinde Pfungstadt. Dort betragen die Gehälter für:
1914
jetzt
1.
Bürgermeister, Beigeordnete und Personal der Bürgermeisterei
6850 Ji
30000
Ji
2.
Gemeindeeinnehmerei
6800 Ji
13000
Ji
3.
Polizeidiener und Nachtwächter
6350
Ji
19000
Ji
4
Feldschütze ndienst
5200
Ji
17000
Ji
5
Schuldiener
2400
Ji
5500
Ji
6
Gemeindebaudienst
500
Ji
4700
Ji
7.
Krankenschwestern
1540
Ji
6000
Ji
8
Kinderschullehrerinnen
1600
Ji
6000
Ji
zusammen 31240 Ji 101200 Ji oder eine Steigerung auf 324 Prozent gegen 1914.
In beiden Gemeinden werden mehr als 10 000 Mark allein an Gehalt für den Gemeindebaudienst ausgegeben, anstatt dieses Geld zu verbauen und dadurch der Wohnungsnot abzuhelfen. Die Verwendung der Steuergelder soll doch letzen Endes dem Zweck dienen, der Bevölkerung Wohnungen zu verschaffen und nicht Beamtenstellen zu schaffen und von der Wohnungsnot nur zu reden. Für das Geld könnte in jedem Jahr in jeder der Gemeinden eine Wohnung bezuschußt werden. Man betrachte sich ferner das Kapitel: Feldschützeâienst. 10 800 Mark und 17 000 Mark werden allein ausgegeben für Gehälter an die Feldschützen. Um diese Stellen für die Gemeinde rentabel zu machen, müßten im Feld für rund 28 000 Mark an Früchten gestohlen werden, bezw. mehr gestohlen werden als eben. Daß bei den heuttgen Verhältnissen davon nicht im Entferntesten die Rede sein kann, wird ernstlich wohl kaum bestritten werden.
In den obigen Zahlen, die sich durch alle Instanzen wiederholen, finden unsere Leser die Erklärung, wo die vielen Milliarden Steuergelder hinkommen und daß trotzdem neue Schulden gemacht werden und für welche Zwecke die rund 2 Milliarden Sondersteuer im Reich verwendet werden, statt in erster Linie dem Volk für Wohnungen zu sorgen. Wer das eine sieht und auch das andere, wird irre an unserer heutigen Zeit.