Samstag, den 13. Oktober 1928.
„Gietzener Zeitung"
Nr. 81
von verschiedenen Seiten drohten, nach, wie seit Bestehen von Wirtschaftsvertretungen die Entwicklung zum Nutzen der beteiligten Wirtschaftskreise wie der Allgemeinheit stets vom freien Zusammenschluß zur amtlichen Vertretung mit öffentlichen Rechten und Pflichten gegangen ist.
Besondere Beachtung verdienen die Ausführungen des Verfassers über das Verhältnis der Handelskammer zu den freien Wirtschaftsverbänden. Freimütig und mit großem Verständnis für die bestehenden Schwierigkeiten wird der Gedanke der Wirt- schaftsvertretung in seiner Bedeutung für Staat und Wirtschaft behandelt, werden die Aufgaben aufgezeigt, die sich aus dem Nebeneinanderarbeiten von Kammer und Verband für eine zweckmäßige Gestaltung der Wirtschaftsverwaltung ergeben. Hierbei lehnt der Verfasser mit Recht eine starre Zuständigkeitsverteilung zwischen Kammer und Verband ab.
Ergänzt werden diese Ausführungen in den weiteren Abschnitten, in denen die Doppelstellung der Kammer als Interessenvertretung und öffentlichrechtliches Organ klar umrissen und die Bestimmung der Kammer als Stelle für den Ausgleich der Interessen der verschiedenen Gewerbegruppen dargelegt wird. Die Abschnitte „Die Handelskammer als Staatsorgan", „Ordnung der Weltwirtschaft", „Pflege des Nachwuchses", „Dienst an der Gemeinde", zeigen im einzelnen an Beispielen, auf welchen Gebieten sich die Kammer in ihrer amtlichen Eigenschaft betätigt.
Die Forderung nach paritätischer Umgestaltung der Kammern ist, wie die Schrift zeigt, weder in rechtlicher Beziehung nach den Bestimmungen der Reichsverfassung noch in tatsächlicher Hinsicht aus dem Aufgabenkreis der Kammer zu begründen. Man kann dem Verfasser, der dem Gedanken einer Ueber- brückung der widerstrebenden Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer an geeigneter Stelle an sich durchaus zustimmt, darin Recht geben, daß die Handelskammer nach ihrer Anlage und Rechtsnatur nicht der Ort für diese Art des Ausgleichs ist. Dabei hält es der Verfasser für möglich,, daß auf bestimmten, hierfür geeigneten Gebieten etwa dem der Berufsausbildung, eine Zusammenarbeit der Kammer mit den Arbeitnehmern stattfindet. Er wendet sich nur dagegen, daß die Handelskammer schlechthin ohne Rücksicht auf ihre Bestimmung und Eigenart aus politischen und organisatorischen Gründen in ihrem Wesen verändert und dadurch in ihrer Arbeit gestört wird.
Beachtung verdienen auch die Ausführungen über die „Kammer der Zukunft". Der Verfasser erblickt in einer Kammer für das gesamte Gewerbe, also in einer Zusammenfassung von Handels- und Gewerbekammer, das Ziel, dem aus Gründen der Einfachheit und Zweckmäßigkeit, wie vor allem der Geschlossenheit und Stärke nach außen, zugestrebt werden sollte. Der Vorschlag sollte in unserer Zeit der Rationalisierung auf allen Gebieten eingehende Würdigung und Prüfung finden.
Die Schrift behandelt somit überaus bedeutsame, wenn auch im Augenblick freilich noch von einer abschließenden Erklärung entfernte Fragen. Sie ist als wertvoller Beitrag zu dem Problem der Gestaltung der Wirtschaftsvertretung zu begrüßen und verdient nicht bloß in dem engen Kreis der unmittelbar Beteiligten, sondern in der breiten Oeffentlichkeit volle Beachtung.
Dicke Lust.
Unter dem Titel „Dicke Luft" ist im Eulen spiegel-Verlag, Magdeburg, soeben eine „Neue Ladung Frontwitze" erschienen, die von dem bo kannten Zugend-Mitarbeiter Prühäußer mit kost lichen Karikaturen geschmückt wurde. Dem auct kulturhistorisch hochbedeutsamen Sammelwerk entnehmen wir mit Erlaubnis des Verlags die nach- stehenden lustigen Anekdoten:
Lazarettbesuch. „Na, bei welcher Gelegenheit Hat's benn Sie erwischt?" — „Bei der Sitzgelegenheit, Hoheit."
Zm Unterstand. Ein Kamerad hat in einem sehr engen Unterstand in unbequemer Lage etwas geschlafen; als er erwacht, bemerkt er, daß er nicht Herr seiner Füße ist, wie man sagt, eingeschlafen. Um wieder Leben in seine Glieder zu bringen, zieht er die Schuhe aus. Das bemerkt ein anderer Kamerad und spricht: „Warum ziehst du denn die Schuhe aus?" „Weil mir die Füße eingeschlafen sind." — „Na," meint der andere, „dem Geruch nach sind sie schon längst tot?"
Die Unterhose. Ein herrlicher Frühlingstag. Infanterist Hampel hat seine Unterhose gewaschen und zum Trocknen im Schützengraben aufgehängt. Der guten Sicht halber, beginnt uns die feindliche Artillerie schon zeitig in der Frühe zu „begasen"? Das Feuer dauert mehrere Stunden mit gleicher Heftigkeit an. Nachdem wieder Ruhe geworden ist, bringt Hampel seine Unterhose, die infolge der Beschießung zahlreiche Löcher aufweist, mit den Worten: „Bin i froh, daß i s' net ang'habt hab'?"
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Die englische Zeitung „Manchester Guardian" schrieb am 12. September: „Montag erzählte Herr Briand seinen Zuhörern, daß Deutschland mit 100 000 Soldaten und einer Flotte von vernachlässigter Größe noch nicht abgerüstet habe, Dienstag stellte Lord Eushendun fest, daß England mit der größten Flotte der Welt die Abrüstungsgrenze erreicht habe. Ein traurigerer Witz läßt sich nicht denken . . ."
Verantwortlich: Paul Ehrib i a n Klein in Gießen.
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