Gießener Jettung
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Lt. Fahey. Samstag, öen 9. Funi 1928 Mmmer 47
politische Tagesschau.
Der Reichspräsident empfing am Freitag den Reichskanzler Dr. Marx zu einer Besprechung über die Neubildung der Regierung.
Der Radioamateur Clyde Amos in Altona (Pennsylva- nien) berichtet» eine Botschaft der „Italia" ausgefangen zu haben, die in deutscher Uebersetzung lautet: „SOS Nobile (Punkt) Kein Schutz für Italia die gegen Berg rannte (Punkt) Position 8,15,10 nördliche Breite 15,20,40 östliche Länge (Punkt) Temperatur Nullpunkt (Punkt) Sendet eiligst Nahrung (Punkt) Alle am Leben (Punkt) Einige verletzt (Punkt) Hören keine Rufe (Punkt) S (Punkt) O (Punkt) S (Punkt) 8 (Punkt) O (Punkt) S (Punkt) Reo Reo Reo Nobile (Punkt)"
An den Berliner italienischen Botschafter ist vom stellvertretenden Staatssekretär im Auswärtigen Amt aus Anlaß der bekannten Ausschreitungen ein Schreiben gerichtet worden, in dem im Namen der Reichsregierung der Vorfall auf das schärfste verureilt und aus das tiefste bedauert wird.
Der Verwaltungsrat der Neichsbahngesellschaft ist für Sonnabend nach Berlin einberufen worden, um zu der Ablehnung der beantragten Tariferhöhung durch die Reichsregi?- rung Stellung zu nehmen. Nach dem Reichsbahngesetz steht es der Gesellschaft frei, die Entscheidung eines besonderen Gerichtes anzurufen.
Um die Regierungsbildung.
Der für gestern beim Reichspräsidenten an gesetzte Empfang der Parteiführer ist auf Samstag verschoben. Der als Reichskanzler präsentierte Führer der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, Hermann Mü Hb ent-Franken, wird erst heute wieder aus Köln in Berlin eintreffen. Der Beschluß des sozialdemokratischen Parteiausschusses hat zweifellos eine gewisse Klärung und Erleichterung der Situation gebracht und ist ein Zeichen dafür, daß die Sozialdemokratie zunächst eine positive Politik betreiben will. Der Reichspräsident wird als erste Parteiführer die Sozialdemokraten Löbe und Müller- Franken empfangen. Außerdem werden die übrigen Fraktionsführer nach ihrer Fraktionsstärke empfangen werden. Nicht empfangen werden die Führer der antiparlamentarischen Parteien, also die Kommunisten und Nationalsozialisten. Der offizielle Auftrag zur Regierungsbildung wird natürlich erst dann erteilt werde können, wenn die Demission des jetzigen Kabinetts vorliegt, die man am 12. Juni erwarten kann.
Die Personenfrage wird in der Presse weiter erörtert. Die Soziâldemokratische Partei beansprucht anscheinend jetzt neben dem Reichskanzler drei Ministerien! das Innenministerium für Severing, das Reich-sfinanz- oder das Reichsjustizministerium, das Reichsarbeitsministerium oder das Ministerium für die besetzten Gebiet. Für das Reichsfinanzministerium käme Hilferding, für das Reichsjustizministerium Landsberg in Frage. In der Sozialdemokratie läuft man Sturm Hegen den früheren Neichsfinanzminister Dr. Reinhold. Man erklärt, Reinhold lei nicht tragbar als neuer Finanzminister, er fei in der Phöbus- Affäre engagiert gewesen. Zum Teil scheinen sozialdemokratische Kreise den Demokraten das Reichsjustizministerium zu- jchieben zu wollen. Für die Deutsche Volkspartei kommen nach wie vor Dr. Stresemann und Dr. Curtius in derselben Eigenschaft wie bisher in Frage. Sicher ist, daß Dr. Groener als Reichswehrminister bleiben wird.
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9er Neutschnationalm Reichstagsfraktton haben sich die auf der Liste des Württembergifchen Bauern- und Weingärtner-Bundes gewählten drei Abgeordneten und die auf der Liste des Sächsischen Landvolkes gewählten zwei Abgeordneten angeschlossen. Dadurch erhöht sich ihre Stärke von 73 auf 78 Abgeordnete.
Der Abfindungsverglelch mit dem hessischen Fürstenhaus in 2. Lesung angenommen.
Entgegen manchen Befürchtungen wurde die Regierungsoorlage in der gestrigen Landtagssitzung mit 29:27 Stimmen angenommen. Dagegen stimmte die gesamte Linke, dafür die Mitte, unb die Rechte enthielt sich der Stimme. Von den Sozialdemokraten fehlten zwei Abgeordnete, sonst wäre der Antrag gefallen und man hätte mit einer Regierungskrise rechnen 'dürfen.
Avtosionsungtült bei der Reichsmarine.
Kiel. Donnerstag abend explodierte bei einer Uebung des Sperrversuchskommandos im Seegebiet östlich Schleimünde aus bisher ungeklärter Ursache auf dem Minenleger „C. 12" ein Sprengkörper. Auf „C. 12" und dem neben ihm liegenden „C. 8" wurden sechs Soldaten des Sperrversuchskommandos tödlich, drei weitere Soldaten und ein Angestellter schwer ver
letzt. Die Toten stammen aus folgenden Orten: Obermaschinistenmaat Vogt aus Frankfurt a. M., Stabsmatrosengcsreitc Ganz aus Berlin, V i n l o w aus Berlin-Neukölln, Ruttkowski und Matrosengesreiter Nosther aus Danzig und Stabsmalrosengefreiter Eröschl aus Regensburg. Von den Schwerverletzten stammen Obermatrosengefreiter Otto aus Berlin, Matrosengefreiter Daum aus Darmstadt, Werner aus Le- gienen (Kreis Friedland-Ostpreußen) und Zivilangestellter Takler-Schwerin aus Kiel.
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Beileidstelegramm des Reichspräsidenten.
Der Herr Reichspräsident hat folgendes Telegramm an den Chef der Marineleitung gerichtet:
„Tief erschüttert durch die Nachricht von dem Explosionsunglück bei Schleimünde bitte ich Sie, den Hinterbliebenen der in treuer Pflichterfüllung Verunglückten der Reichsmarine die Versicherung meiner aufrichtigsten Teilnahme zu übermitteln und den Verletzten meine herzlichsten Wünsche für baldige Wiederherstellung auszusprechen. Einem Bericht über die Ursache des Unfalls sehe ich entgegen."
Deutschlands muß zahlen.
Der belgische Finanzminister lehnt die Aenderung des Dawesplanes ab.
Brüssel. In den Beratungen zum belgischen Finanzhaushalt ergriff auch der Finanzminister das Wort. Er bezeichnete die finanzielle Lage als durchaus befriedigend. Die Einnahmen aus dem Verkauf des beschlagnahmten deutschen Eigentums hätten bisher 581 Millionen Franken ergeben.
Ueber den Dawesplan äußerte der Minister, daß von einer Abänderung keine Rede sein könne.
Ehescheidungsklage der rumänischen Ek-Krvnvrinzessin.
Bukarest. Prinzessin Helena hat bei dem Appellationsgericht ein Gesuch um Trennung ihrer Ehe mit dem Exkronprinzen Carol eingebracht. Das Ehetrennungsgefuch wird mit den schweren Beleidigungen begründet, die der Prinz seiner Gattin zugefügt hat. Prinzessin Helena weist darauf hin, daß Carol im Ausland vor aller Oeffentlichkeit einen Lebenswandel führe, der mit der Würde der Ehe unvereinbar fei und eine ständige Beleidigung dar stelle. Der Termin für den Ehe- scheidungsprozeß ist auf den 21. Juni anberaumt.
„Gemeinnützige" Unternehmungen.
Das Handwerk hat sich schon von jeher gegen den zunehmenden Unfug gewandt, Unternehmungen jeglicher Art den Mantel der Gemeinnützigkeit umzuhängen. Letzten Endes soll diese Gemeinnützigkeit doch weiter nichts bezwecken, als sich nach außen den Anschein besonderer sozialer Einstellung zu geben, um dadurch Kunden zu gewinnen, Steuererleichterungen zu erhalten usw., um dann in Wirklichkeit aber umsomehr für den eigenen Verdienst arbeiten zu können. Wie Pilze sind derartige Unternehmungen in den letzten Jahren aus der Erde geschossen. Wir erinnern an die vielen „gemeinnützigen" Wohnungsfürsorgegesellschaften, die ihren Machtbereich nicht weit genug ausdehnen konnten, an die „gemeinnützigen" Veamlen- und Konsumvereine, an die „gemeinnützigen" Siedlungs- und Baugesellschaften usw., alles Unternehmungen, die auf eine Ausschaltung des Handwerks hinauslaufen.
Wie es in Wirklichkeit um die so gern betonte Gemeinnützigkeit bestellt ist, beweist das Material, das nach Richard Calwer der Zweckverband des Chemnitzer Einzelhandels der Beamtenschaft zur Aufklärung über die „Debewa" (Anstalt des Deutschen Veamten-Wirtschaftsbundes) mitteilt. Danach ist die „Deweba" ein großkapitalistisches Privatunternehmey., dessen Anteile ursprünglich sämtlich in den Händen einer Hamburger Firma waren. Diese Firma (Emil Köster A.-G.) hat inzwischen einen Teil der Anteile an den Beamten-Wirtschaftsbund abgetreten, verfügt aber noch immer über die Mehrheit. Der Hauptverdienst fällt angeblich noch immer der Fa. Emil Köster A.-E. zu, für welche die „Debewa" als Kommissionär tätig ist. Die Hamburger Firma hat die Lieferung sämtlicher Artikel übernommen, wofür sie auch die Preise festsetzt. Das Aktienkapital der Emil Köster A.-G. befindet sich aber zum überwiegenden Teil in ausländischem Besitz. Von dem Kapital in Höhe von 1 Million RMk. sind nicht weniger als 994 000 RMk. in Händen zweier holländischer Firmen, die wiederum Deckfirmen des bekannten Michael-Konzerns sein sollen. Nach außen werden diese Zusammenhänge nicht bekanntgegeben und es kann auch bezweifelt werden, ob die Beamtenschaft überhaupt eine Ahnung davon hat, wie ihre Einkaufsorganisationen vom ausländischen Kapital abhängig sind und für dieses arbeiten.
Der Fall zeigt, welch verderbliches Spiel mit der angeblichen gemeinnützigen Einstellung getrieben wird. Man darf davon überzeugt sein, daß bei einer ganzen Menge ähnlicher Unternehmungen die inneren Verhältnisse ähnlich gelagert sind. Es wäre wahrlich an der Zeit, diesem Unfug, der sich zum Teil einer staatlichen Unterstützung erfreut, ein Ende zu bereiten.
Eindrücke von einer Reise durch Elsaß-Lothringen.
„^?^ ®rGn^c überschritten hat, so beginnt man so-
Lebensaugerungen der einem begegnenden elsas- i|(hcn Menschen den aus ihnen lastenden Druck ihrer Befreier zu empfinden. Das Volk ist verschüchtert und mißtrauisch und eine eigenartige Atmosphäre umgibt den Reichsdeutschen, der gestern noch in badiichen Dörfern und Städten denselben Voltc;- stamm sah, dieielbc Mundart von unbedrückten Menschen hörte Dos gleiche deutsche Stadtbild trägt hier an den Straßen und Laden fremde Ausschriften und wie sollte ich wohl die Gefühle beschreiben beim Anblick von deutschen Aienschen in den hell- blauen Uniformen, die jâem Rheinländer die Galle ins Blut treiben? Wie in den Städten des besetzten Gebietes hebt sich auch im Elfay der lnncrfranzösifche Zivilist scharf von dem deutschen Typ der Bevölkerung ab. Hier ist es nicht die Kleidung, die vielleicht durch den andern Schnitt den Unterschied hervorruft, es ist das Wesen, das jeder ausstrahlt, und da wirkt der germanische Mensch ruhiger, ernster, gediegener als ’e* f aAh dunklere — Romane. Man erkennt uns auch sofort als Reichsdeutsche und wir werden öfters als Saarländer angeredet. Nach einer anfänglichen Zurückhaltung ist die Bevölkerung sehr zuvorkommend und freundlich, und ich muß das besonders von den Bahnbeamten rühmen. Wenn man unsere Herkunst erfahren hat, beginnt ein Erinnern an Garnisonen Erlebnisse und Bekannte und ein Seufzer: „Ja, es waren schönere Zeiten, es herrschte wenigstens Ordnung und Sauberteit, das muy man sagen." Ordnung und Sauberkeit wie oft konnten wir das hören.
Aber bei der Unterhaltung mit bäuerlicher und Arbeiter- bevölkerung tritt auch sehr oft erst der Vorwurf, die Spitze an uns heran: „Ihr habt uns ungerecht behandelt, ihr habt uns durch euer Mißtrauen und eure Behandlung vor und während des Krieges aufs tiefste in unserer Volksehre gekränkt, wir waren Deutsche zweiter Klasse, Wackes, wie wir heute die Boches sind". Oder wir sitzen in einer Wirtschaft — man beguckt uns —, das Gespräch nimmt eine Wendung und ohne uns anzureden redet man für unsere Ohren. Immer das gleiche zuerst der Vorwurf, dann Erinnerungen und Vergleiche, der Schluß aber' wir sind Elsässer.
In den Dörfern an der Sprach- und ehemaligen Reichs- grenzc trafen wir die volksbewußteften Elsässer mit einem ausgeprägten völkischen Grenzergeist. Man ist eifersüchtig auf sein Ditsch bedacht und mit Ingrimm betrachtet man die Renegaten dre ohne Not französisch sprechen. Man ist stolz darauf, als lchlechter Patriot in Paris verschrieen zu sein, weil man sein Clsässertum behauptet. Die Empörung über französisch sprechende Elsässer konnten wir verschiedentlich mitanhören. Selbst ein von dem deutschen Militär als Soldat wegen seines widersetzlichen Verhaltens zu 5 Jahren Kerker verurteilter elsässischer Arbeiter schimpft unter dem Beifall des ganzen Lokals: „Die Preußen waren Schweinehunde, die Franzosen sind aber heute noch zehnmal größere." — Wir sind Elsässer: Dieses Bekenntnis zum eigenen Stammestum fiel uns immer wieder auf. Auch an der lothringischen Sprachgrenze begegneten wir dem Bekenntnis: „Ja, es ist ja sehr gut, wenn man zweisprachig ist, aber deshalb bleibt unser ganzes Dorf doch immer ditsch." — Dieses Hin- und Herzerren des Grenzlandes zwischen zwei Nationen begünstigt auch das Aufkommen materialistischen Denkens und einer auf den Augenblicksoorteil bedachten Opportunität.
Ein großer Teil des Volkes hat seit 1871 gänzlich neben uns her gelebt und besonders unter der bürgerlichen Halbbildung begegnet man den in Deutschland selbst in demokratischen und marxistischen Kreisen verschwundenen und überwundenen rationalistischen Aufklärungsphrasen. Ein Ingenieur, der sich uns als „Demokrat und Franzose aus Ueberzeugung" vorstellte, und der in Friedberg und Mittweida seine Ausbildung genossen hat, überraschte uns als Höhepunkt feiner Ausführungen mit dem Bekenntnis: „Am 14. Juli 1789 haben wir das Licht der Welt erblickt.^Frankreich ist das Land der Freiheit und Deutschland ist 200 Jahre hinter ihm in der Kultur zurück."
Elsaß-Lothringens Volk ist geistig entwurzelt und«steht heute zwischen zwei Nationen. In seinem Volkstum bedroht, klammert es sich mit Inbrunst an feine Sprache und kämpft wenigstens um die Heimat^ ein Vaterlarrd besitzt es noch nicht oder nicht mehr.
Das wilhelminische Deutschland hatte nach 1871 keine geistigen Kraftströme von sich ausgehen lassen, die dem Elsaß ein Nationalgefühl gegeben hätten, und das überalterte, verkalkte Frankreich hat ihm heute auch nichts zu bieten als alte Phra- jen der ehemaligen Revolutionsideologie: Libette, Egalite, tfraternité. Die Hohlheit spürt der tiefer veranlagte elsässische Mensch. Heute geht zwar eine französische Zivilisations- und Assimilationswelle über das Land, aber feine Seele erreicht sie nicht. Der geistige Kampf steht' zur Zeit unentschieden. D i e Natton wird den Sieg erringen, die die größere innere Kraft besitzt, die wieder geistige Werte bieten kann und so die Seelen erfüllt und magnetisch anzieht. Diese geistige innerliche Entscheidung ist es, die schon vor der politischen Machtprobe den Kampf entscheidet. Und darüber seien wir uns alle klar: die elsaß-lothringische Frage ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer größeren. Sie ist nur eine Etappe im tausendjährigen Kampf der zwei großen Nationen um das ganze Rheinsystem. Und dieser Kampf wird, soweit unser Blick in die Zukunft reicht, nicht zur Ruhe kommen, denn der Verzicht aus den Rhein bedeutet Abdankung aus der Geschichte. E. V.
Nachwort: Der Abwehrkamps der Westgermanen gegen das Romanentum.
Die vorstehenden Ausführungen unseres Mitarbeiters weisen bereits auf die größeren Zusammenhänge hin, in deren Rahmen die elsaß-lothringische Frage zu betrachten ist. Hier sei noch in kurzen Worten die Stellungnahme des deutschen Nationalismus zu diesen Fragen umrissen:
Wir sehen an unserer westlichen Volksgrenze seit Jahrhunderten ein zähes Ringen des Deutschtums (im weitestens Sinne) gegen das Romanentum (sranzösifcher Art) sich abspielen. Seit Jahrhunderten steht das Romanentum im Angriff, das Deutschtum in — stetig zurückweichender Verteidigung. Während das Romanentum durch straffe staatliche Zentralisation seine politische und kulturpolitische Schlagkraft verstärkte, löste sich das Deutschtum gerade an seiner westlichen Vollsyrenze aus nicht nur in verschiedene eigenftaatliche Komplexe, sondern sogar in Komplexe eigenen Volksbcwußtseins. So steht heute dem Romanentum nicht eine geschlossene deutsche Volksfront