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41. Fahey. Mittwoch, den 9. Mai 1928 Nummer 38
BollMe Tagesschau.
Der diesjährige Friedensnobelpreis soll u. a. dem amerikanischen Staatssekretär des Aeußeren, Kellogg, verliehen werden. Das Nobelkomitee hat Kellogg zu dieser Ehrung ausersehen, weil er durch seine Antikriegsaktton, die jetzt in London, Paris, Brüssel, Tokio und Berlin zur Diskussion gestellt ist, sich wesentlich um die Sicherung des Friedens verdient gemacht habe.
Das englische Unterhaus hat den Gesetzentwurf, der den Frauen in gleicher Weise wie den Männern vom 21. Lebensjahre das Stimmrecht gewährt ohne Debatte in dritter Lesung angenommen.
Die Besserung des Gesundheitszustandes Briands schreitet nunmehr rasch vorwärts, so daß er in Kürze seinen Erholungsurlaub beenden kann. Vermutlich wird sich Briand aber auf der Genfer Ratstagung im Juni durch Paul-Boncour vertreten lassen. •
Prinz Karol von Rumänien ist auf Beschluß der englischen Regierung aus England ausgewiesen.
Brasilien, das gebeten war, seine Austrittsmeldung aus dem Völkerbund zurückzuziehen, besteht auf derselben.
Zu den kommenden Wahlen.
16 Wahlvorschlüge in Wen.
Darmstadt, 8. Mai. Der Kreiswahlausschutz für den Wahl- ausschuß 33 (Hessen-Darmstadt) tagte unter dem Vorsitz des Kreiswahlleiters, Ministerialrat Bornemann zwecks Prüfung und Festlegung der für die nächste Reichstagswahl eingelaufenen Wahlvorschläge. Eingegangen sind: Vorschlag
Nr. 1 Sozialdemokratische Partei, Spitzenkandidat Ulrich- Darmstadts
Nr. 2 Deutschnationale Volkspartet, General a. D. von Preusche n - Darmstadt;
Nr. 3 Zentrumspartei, Dr. Bockius, Rechtsanwalt Mainz;
Nr. 4 Deutsche Volkspartei, Minister a. D. I. Becker-Darmstadt;
Nr. ö Kommunistische Partei, R e m m e l es-Berlin, ® aK m - Offenbach;
Nr. 6 Deutsche Demokratische Partei, Minister Helpach- Baden;
Nr. 8 Linke Kommunistische Partei Ejbner, Mechanikey, Isenburg;
Nr. 9 Reichspartei des Mittelstandes (Wirtschaftspartei), Dr. Rhode-Frankfurt a. M.;
Nr. 10 Nationalsozialistische Arbeiter-Partei, St rasse r- München;
Nr. 11 Deutsche Bauernpartei, Karl Schuster in Rastenberg (Württemberg);
Nr. 12 Völkisch-nationaler Block, R i m b.a ch-Marburg;
Nr. 15 Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei, Dorsch- Wölfersheim;
Nr. 16 Volksrechtpartei (Aufwertungspartei), Oberlandesge- richtspräfident a. D. Dr. Best-Darmstadt;
Nr. 17 Evangelische Volksgemeinschaft (Evangelische Partei Deutschlands), Pfarrer Weidner-Ober-Lais;
Nr. 18 Deutscher Reichsblock für Geschädigte, Buchhändler S ch e n k in Berlin;
Nr. 19 Alte Sozialdemokratische Partei, Redakteur Münch- Potsdam.
Die Reichsliste Nr. 7, Bayr. Volkspartei, Nr. 13, Hannover, und 14 fallen für Hessen aus. Die Liste 11, Deutsche Bauernpartei, hat für ihren Mahlvorschlag nicht die für einen An- schlutz an die Rcichswahllistc nötigen Unterschriften beigebracht. Die übrigen Parteien haben entweder die für einen gültigen Wahlvorschlag in Hessen nötigen 500 Unterschriften (wie die Evang. Volksgemeinschaft) vorgelegt, oder die zu einem Anschluß an die Reichsliste notwendigen 20 Stimmen bei gebracht und gelten daher für zugelassen.
Wir haben demnach in Hessen mit 16 verschiedenen Wahl- vorschlägen zu rechnen.
Die Stellung des Zungdeutschen Ordens zu den Wahlen.
Der Iungdcutschc Orden erörterte auf einer Tagung in Berlin das Verhalten des Jungdeurschen Ordens zur kommen- 'den Wahl. Das Hochkapitel erklärte u. a. einmütig: Es besteht keine Hoffnung, daß Deutschland durch das gegenwärtige parteristische System gesundet. Aber noch ist die Zeit der Wahlenthaltung nicht reif. Der Jungdeutsche Orden entsendet keine Vertreter in die Parlamente des Reiches und der Länder. Ordensbrüdern ist es nicht gestattet, bei den kommenden Wahlen zu kandidieren.
Stresemann, Ehurmann, Kellogg.
Anläßlich der Ueberreichung der Ehrendoktordiplome weilten Stresemann und der amerikanische Botschafter Shurmann letztens in Heidelberg. Beide Staatsmänner hielten bei dieser Gelegenheit bedeutungsvolle Ansprachen als Kundgebung für die gemeinsame Friedenspolitik Deutschlands und der VereHlig- ten Staaten. Das Echo, das aus Frankreich zu uns herüber
schallt, ist gewiß alles andere als eine freudige Zustimmung. Man versucht mit den gehässigsten Mitteln und einer Beschwörung der Kriegspsychose Deutschland bei den Vereinigten Staaten zu verdächtigen, sowie gegen Shurmann Sturm zu laufen. Jedoch deckt der amerikanische Staatssekretär des Aeußeren, Kellogg, seinen Botschafter. Newyort meldet dazu: Staatssekretär Kellogg lehnte es ab, die Pariser Pressemel- dungen zu kommentieren, wonach Shurmanns Heidelberger Rede einie schmerzliche Ueberraschung in Frankreich hervorgerufen habe. Shurmann habe eigenen Anschauungen Raum gegeben, die sich jedoch, wie betont wurde, mit der Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten in Uebereinstimmung befinden. Die Shurmannsche Rede könne keineswegs als ein Affront gegen Frankreich umgedeutet werden.
Non den deutschen Ingenieuren in Rußland.
Nach monatelanger Verschleppung hat die russische Regierung den deutschen Ingenieuren, die am 10. März verhaftet wurden und angeblich in eine große Sabotageaktion von Gegenrevolutionären verwickelt sind, jetzt endlich wissen lassen, was man ihnen eigentlich zur Last legt. Die Anklageschrift ist veröffentlicht worden und bestätigt alle Vermutungen, die man bisher über Material und Zweck dieses großen Prozesses hegen durfte. Sie beschuldigt in den üblichen, ganz allgemeinen Redewendungen die deutschen Ingenieure, ja deutsche Firmen selbst, der Teilnahme an den kühnsten „gegenrevolutionären" Plänen und vermag als Kronzeugen dafür niemand weiter als einen einzigen russischen Ingenieur anzuführen, der angeblich ein umfassendes Geständnis abgelegt hat, aber offensichtlich keine andere Rolle spielt, als die des Spitzels, der der Form halber mit-
eine Miwremtiammlmra des Bezirtsverbandes Gießen.
Gestern, Dienstag, den 8. Mai 1928, nachmittags ^4 Uhr, eröffnete der Vorsitzende des Bezirksverbandes, Herr Prof. K r a u s m ü ll e r , die Bezirksversammlung im Sauerschen Saal mit der Begrüßung des Referenten, Herrn Direktor Schüttler von der Handwerkskammer. Nach kurzen -ein- lettenden Worten erteilte er Herrn Dir-ektor Schüttler das Wort, der folgendes ausführte:
Eine selbstverständliche Pflicht der Berufsvertretung eines Standes ist es, nicht nur zu akuten Fragen allgemein Stellung zu nehmen, sondern wenn eine neue Regierung antritt, dieser ein Programm, die Forderung des Standes zu übermitteln. Auch die Handwerkskammer hat nach der Re-gierungsneubildung sofort die Verhandlungen ausgenommen und hat ein Programm ausgearbeitet, das mit dem Minister für Arbeit und Wirtschaft schon durchgesprochen ist und auf welches er schon im Landtag Bezug genommen hat. Trotzdem ist es nötig, auch durch Handwerkerversammlungen im Lande: 1. die Standesangehörigen W unterrichten und 2. dieselben geschlossen hinter die Führer zu stellen. Man sieht es an den Landwirten, die sich auf den Ruf ihrer Führer zu machtvollen Kundgebungen vereinigt haben, um ihre Forderungen durchzudrücken. Daß diese Kundgebungen der Landwirtschaft im Gegensatz zu denen des Handwerks so stark besucht sind, liegt daran, daß die Landwirtschaft ein einheitlicher Berufsstand ist, während im Handwerk rund 60 verschiedene, zum Teil sich wirtschaftlich bekämpfeirde Stände vereinigt sind. Es ist ja langweilig, immer wieder auf die Organisation zurückzukommen, aber es ist notwendig, immer wieder davon zu sprechen, denn es ist nachweisbar, daß das Handwerk schon Schaden gelitten hat, weil die Handwerker nicht so einheitlich und straff organisiert sind wie andere Berufsstände.
Wohl mag im Handwerk Erbitterung herrschen, veranlaßt vor allem durch die drückenden Steuerlasten und Abgaben. Aber jeder bedenke, wir haben einen verlorenen Krieg und einen Massenkonkurs, die Inflation, hinter uns. Die Tatsachen haben nun bewiesen, daß an diesen Mißständen, die alle treffen, festgefügte Organisationen mit dem nötigen Rückhalt für ihren Stand helfend haben eintreten können. Besonders die Arbeitnehmerschaft hat im jahrzehntelangen Kampf eine überaus machtvolle Organisation geschaffen. Das könnte das Handwerk auch, denn in Deutschland gibt es
VA Million selbständiger Handwerksbetriebe, die 3 Millionen Arbeiter beschäftigen. In Hessen hat die Gewerbesteuerveranlagung 1926 38 300 selbständige Handwerksbetriebe, in denen insgesamt 105 000 Menschen arbeiten, gezählt. Das sind 9,5 Prozent der hessischen Gesamtbevölkerung. Eine Macht, auch unsere Forderungen durchdrücken zu können.
In den hessischen Handwerksbetrieben sind über 40 Millionen Mark investiert, die sich auf die Landesteile wie folgt verteilen:
Oberhessen 10 900 Betriebe mit 9 000 000 Ji, Starkenburg 16 700 „ „ 18 800 000 Ji
Rheinhessen 10 700 „ „15 300 000 Ji.
Diese Zahlen beweisen, daß das Handwerk gleichfalls verlangen darf, gehört und berücksichtigt zu werden.
Als nun die Landwirtschaft mit ihren Forderungen die Regierung veranlaßt hat, zu Hilfmatznahmen zu schreiten, die andere Berufsstände schädigen und benachteiligen, meldete sich der Reichsverband des Handwerks und Eeweroes mit feinen Forderungen:
Vereinfachung der Steuergesetzgebung,
vcrurtcilt und begnadigt wird, wenn der Zweck des Prozesses erreicht ist. Und auch dieser Zweck ist nach der Anklageschrift deutlich sichtbar. Moskau braucht Sündenböcke, um die Aufmerksamkeit des Auslandes und der Opposition im Innern von den wirklichen Ursachen der chaotischen Zustände in den verschiedensten Industriegebieten der Sowjetunion abzulenken. Es will „Sabotage" feststellen, wo doch nichts anderes die Schuld an den wirren Wirtschaftsverhältnissen trägt, als das bolschewistische System, das einfach nicht imstande ist, eine zerrüttete Volkswirtschaft mit marxistischen Experimenten wieder zu festigen.
Hessische Verhandlungen mit dem Ministerium der besetzten Gebiete.
Staatssekretär Schmid vom Reichsministerium für die besetzten Gebiete weilte am Mittwoch uni) Donnerstag in Begleitung des Ministerialdirektors Dr. Dilthey und des Oberregierungsrates Haaser zu einem Besuch der Hessischen Regierung in Darmstadt. Die Besprechungen bezogen sich u. a. auf folgende Punkte: Verbreiterung der Rheinbrücke zu Mainz, kulturelle Maßnahmen für das besetzte Gebiet, verschiedene die Stadt Mainz berührende Angelegenheiten, Ordonnanz 64 über die Musterungen für die Besatzungsmächte im besetzten Gebiet, die Möglichkeiten, für die Wirtschaft des besetzten Gebiets Hilfsmaßnahmen zu ergreifen u. a. m. Hessischerseits wurde besonders auf die Tatsache hingewiesen, daß 'bie hessischen Wünsche auf Beteiligung an den Mitteln des sog. Erenzfonds nach den Beschlüssen des Reichstags und Reichsrats nicht erfüllt worden sind. Wieweit hierfür ein Ausgleich gefunden werden kann, wird sich aus den weiteren Verhandlungen, die mit Berlin zu führen sind, ergeben.
Sparmaßnahmen in allen Verwaltungen, Einschränkung der sozialen Lasten, die, selbst wenn Rücklagen ja nötig sind, in den wenigen Jahren nach der Inflation Nicht Hunderte von Millionen in den Der- sicherungsinftituten zwangsläufig zu sammeln brauchten.
Restlose Einführung der Reichsverdingungsordnung, Ablehnung von Krediten für einzelne Stände, Regiebetriebe usw.
Diese Forderungen hat die Hessische Handwerkskammer für hessische Verhältnisse umgearbeitet und spezialisiert und im Handwerkerprogramm zusammengeftellt. — Der Punkt 1 gibt der Erwartung Ausdruck, daß die Spitzen des hessischen Handwerks vom hessischen Staat anerkannt werden.
Punkt 2. Die Gewerbesteuer muß als ungerechte Sondersteuer verschwinden. Wenn diese Forderung auch in absehbarer Zeit noch nicht verwirklicht werden kann, mutz man sie doch bei programmatischen Erklärungen immer wieder aufstellen. Vis zur Beseitigung dieser Steuer ist dieselbe umzustellen auf eine allgemeine Verufssteuer, alle müssen die Lasten tragen, die Defizite von 1,5 Mill, in Mainz, 1,2 Mill, in Darmstadt und die von Worms und Gießen und anderen Städten dürfen nicht einfach durch Erhöhung der Gewerbe- und Grundsteuer ausgeglichen werden. Besonders in Mainz und Darmstadt haben in letzter Zeit die Steuerzahlerschichten einmütig zusammengestanden und die Forderungen der Stadtverwaltungen erfolgreich bekämpft.
Die Handwerkskammer hat es nunmehr erreicht, daß bei der Beratung des Eewerbesteuergefetzes im Finanzausschuß des Landtags seine Forderung auf allgemeine Berufssteuern anerkannt wurde, so daß nunmehr nur noch der Landtag zuzustimmen hat, um auch die sogenannten freien Berufe, Rechtsanwälte, Aerzte, Dentisten, Geometer usw. zur Gewerbesteuer heranzuziehen.
Weiterhin ist vom Finanzausschuß dem zugesttmmt worden, daß in Zukunft die Steuersätze für das Ertragskapital im Gegensatz zu denen für das Anlage- und Betriebskapital möglichst niedrig zu halten sind. Das Handwerk kommt bei dieser Regelung günstiger weg.
Diese Punkte sind von der Handwerkskammer im Finanzausschuß durchgedrückt. Jetzt müssen die Vertreter des.Handwerks im Landtag dort ein gleiches tun.
Auf die Reichsgesetzgebung im Steuerwesen hat die Organisation des hessischen Handwerks nur insoweit Einfluß, als sie in Gutachten zu steuerlichen Maßnahmen beim Reichsverband Stellung nehmen kann.
Viele alte Handwerker mit geringem Einkommen müssen auch noch Sondersteuer (Hauszinssteuer) abführen. Das Handwerk fordert, daß alle alten und schwachen Personen mit einem Einkommen von weniger als 5000 Ji von der Sondersteuer befreit werden. Weiterhin wird verlangt, daß der neue § 33 des Mieterschutzgesetzes, besten Durchführung den Länderregierungen überlassen ist und der besagt, daß mit Hilfe öffentlicher Gelder nach 1918 erbaute Häuser unter das Mieter-Schutzgesetz gestellt werden können, in Hessen keine Anwendung findet. Das private Kapital würde dann überhaupt nicht mehr bauen — zum Schaden vieler Handwerksbetriebe.
Der Punkt 3 beschäftigt sich mit den Regiebetrieben, mit Gefängnis- und Strafanstaltsarbeiten, die doch nichts ein- bringen. Gefordert wird ein Gesetz, daß die Einrichtung von