Gießener Jeitnng
I MM (Neueste Nachrichten) ^^w^^ ((Siegener Tageblatt)
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41 Zähes
SamsSas, den 4. Ausust 1928
Nummer 61
SRI
PolUMe Zasesscha«.
Der mit den Ermittelungen gegen den Mörder Obregons, Toral, betraute Generalstaatsanwalt hat einen Bericht veröffentlicht, in dem er erklärt, daß der verhaftete Toraleiner von einer Klosteroberin geleiteten terroristischen Organisation angehöre.
Nach einer soeben hier eingetroffenen telegraphischen Mitteilung hat der Kommandierende General des 32. französischen Armeekorps die Haftbeschwerde des Kriminaloberkommissars Bauer aus Zweibrücken abgewiescn. Die Untersuchungshaft dauert fort.
Der neuernannte großbritannische Botschafter Sir Horace Rumbold ist in Berlin eingetroffen.
Der englische Außenminister Chamberlain ist erkrankt. Nach dem Bericht der Aerzte leidet er an einer Lungenentzündung.
Wie aus Nutzlaird gemeldet wird, sind, dort mit dem Verbrauch der Getreidevorräte aus dem vorigen Jahre wieder Brotkarten eingeführt woren, die den Brotverbrauch bis zur neuen Ernte regeln sollen. Es ist die Zusicherung gemacht worden, daß die Brotkarten nach der neuen Ernte wieder aufgehoben werden sollen. (Ist in bem kommunistisch-bolschewistischen Rußland, das früher die Getreidekammer für Europa war, ein starker Rückgang im Getreidebau ein getreten? D, Red.)
Die Verfaftungsfeier im Reichstag.
Vom Reichsministerium des Innern sind in diesen Tagen die Einladungen zur Teilnahme an der Dersassungsfeier im Reichstag versandt worden. Das Programm enthält einleitend einen Chorvortrag des Staars- und Domchors unter Leitung des Professors Hugo Rüdel: „Festgesang", neue Dichtung von Max Kahlbeck, Musik von Christoph Willibald Gluck in der Bearbeitung von Schuhmann. Es folgt dann die Festrede des Univcrjitätsprofesiors Dr. R a d b r u ch. Daran reiht sich wieder ein Chorvortrag „An Deutschland", ein-e neue Dichtung von Max Kahlbeck zu einer Komposition von Heinrich Marschner. Reichskanzler Hermann Müller bringt alsdann nach einer kurzen Ansprache das Hoch auf die deutsche Republik aus. Auf das Hoch folgt der gemeinsame Gesang des Deutschlandliedes.
Reichskanzler Müller gegen Monialyolitik.
Reichskanzler Müller hat sich in Beantwortung einer Frage: „Soll Deutschland Kolonialpolitik treiben?" gegen jede aktive deutsche Kolonialpolitik ausgesprochen. Entscheidend für diese Ablehnung sind dem Reichskanzler sogenannte „praktische" Erwägungen, in erster Linie der Kapitalmangel der deutschen Wirtschaft. Aber diese Begründung ist nicht die einzige. Nicht weniger wichtig ist dem sozialdemokratischen Kanzler, daß Deutschland an der kolonialen „Ausbeutung" fremder Völker unbeteiligt bleibt, um sich dadurch Ansehen und Absatz bei den nach Selbständigkeir drängenden Kolonialvölkern zu sichern. Auch von der Uebernahme eines Kolonialmandates durch Deutschland will Herr Müller nichts wissen.
Hierzu schreibt die Deutsche Kolonial-Gesellschaft: „Die Erklärung des Reichskanzlers ist von außerordentlicher Tragweite, daß man die Frage stellen muß: Hat Hermann Müller dieso Erklärung abgegeben als Vertreter der Politik seiner Partei oder als Venreter der Politik der Reichsregierung? Wie stellt sich das Reichskabinett, wie stellt sich der Außenminister zu dieser Erklärung des Führers der deutschen Politik?
Ein Schritt des Deutschen Beamtenbundes.
Gegen die Unterstellung deutscher Beamten unter fremdes Militärrecht.
Ddr geschäftssührende Vorstand des Landesverbandes Rheinland des Deutschen Beamtenbundes hat sich mit der Verhaftung zweier Reichsbankbeamten urtb eines deutschen Polizeibeamten in Maximiliansau und Zweibrücken befaßt und einstimmig beschlossen, die Reichsregierung zu bitten, den Vorgängen ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken und durch Verhandlungen dahin zu wirken, daß die deutschen Beamten im besetzten Gebiet endlich von der Unterstellung unter fremdes Militärrecht befreit werden, damit sich derartige unverständliche Vorgänge, wie in Maximiliansau und Zweibrücken, nicht wiederholen können.
Ein EisenbahnungiüS -urch den Lotomotis- Mhrer in letzter Minute verhütet.
Würzburg. Durch die Aufmerksamkeit eines Lokomotivführers ist Donnerstag abend auf dem Hauptbahnhof Würzburg einen neues Eisenbahnunglück verhütet worden. Der Vorzug bes' beschleunigten Personenzuges Frankfurt—Würzburg mußte, weil alle Gleise außergewöhnlich dicht besetzt waren, in ein sonst von ihm nicht benutztes Gleis einfahren. Dabei bemerkte der Lokomotivführer H o f e r e r aus Frankfurt gerade noch rechtzeitig, daß auf diesem Gleis bereits eine Wagengruppe abgestellt war. Es gelang ihm zum Glück, feinen Zug noch etwa 100 Meter vor diesen Wagen zum Halten zu bringen. Eine Untersuchung ist eingeleitet.
Amtliches zum Dinkelscherbener Unglück.
Augsburg. Ueber die Ursack>e des Eisenbahnunglücks auf der Station Dinkelscherben wird von der Reichsbahndirektion Augsburg mitgeteilt: Es steht zweifelsfrei fest, daß der Personenzug 911 infolge falscher Weichenstellung anstatt in das dritte Gleis in das vom Güterzug besetzte vierte Gleis fuhr. Die falsche Weichenstellung hängt zusammen mit dem derzeitigen Umbau des Stellwerks auf der Westseite des Bahnhofs Dinkelscherben. Zur Wahrung der Sicherung während des Umbaues mürbe dort ein Behelfsstellwerk aufgestellt, durch das die erforderlichen Abhängigkeiten zwischen Weichen und Signalen hcrgestellt werden. Diese Abhängigkeiten zeigten insofern eine Lücke, als das Signal für die Einfahrt in Gleis 3 aufgezogen werden konnte, wenn die Eingangsweiche auf Gleis 4 gestellt war. Diese Lücke trat weder bei der Abnahmeprüfung noch im Betriebe des Behelfsstellwerks zutage. Es hat sich bei den nachträglich gemachten Versuchen am Stellwerk gezeigt, daß dieser Mangel nur bei einer ganz bestimmten, zufällig sich ergebenden Stellung der Verschlußelemente zueinander auftreten konnte. Die Reichsbahndirektion Augsburg hatte zur weiteren Sicherung noch ein besonderes Meldeverfahren angeordnet. Demzufolge hatte der Stellwerkswärter bei jeder Zugfahrt die richtige Stellung der Weichen zu prüfen und dem Fahrdienstleiter in einer entsprechend genau festgelegten Meldung anzuzeigen. Bei dem verunglückten Zug 911 hat der Stellwerkswärter insofern eine falsche Meldung erstattet, als er die Fahrstraße für diesen Zug in Gleis 3 hergestellt meldete, obwohl sie noch vom vorausgehenden Durchg angsgüterzug auf das Gleis 4 eingestellt war. Diese falsche Meldung ist als erste Ursache des Unglückes anzusehen, das aber nur dadurch eintreten konnte, daß gleichzeitig auch der erwähnte Mangel an den mechanischen Abhängigkeiten gerade bei der Bereitstellung dieser Fahrstraße zum ersten Male sich zeigte. Der Stellwerkswärter ist seines Dienstes enthoben worden.
Bericht über die wirtschaftliche Loge -es deutschen San-werks im Monat Zuli 1928.
Vom Reichsverband des deutschen Handwerks wird uns geschrieben:
Nach den eingelaufenen Berichten war die wirtschaftliche Lage des Handwerks während der Berichtszeit nicht einheitlich zu beurteilen. Während einige Kammern berichten, daß ein Stillstand, bezw. sogar ein Verschlechterung des Geschäftsganges in den meisten Handwerken eingetreten ist, hat sich in anderen Kammerbezirken die Wirtschaftslage gegenüber den Vormonaten günstig entwickelt. Vor allem trifft dies für das Baugewerbe in den Orten zu, in denen die Hauszinssteuermittel bezw. Hypotheken zur Verfügung gestellt sind, während in anderen Orten die anhaltende Kapitalknappheit, das Ausbleiben der Mittel zur Finanzierung des Wohnungsbaues das Aufleben der Geschäftstätigkeit im Baugewerbe in dem gewünschten Umfange verhinderten. Bedingt durch die Hebung der Lage im Bauhauptgewerbe, sowie nicht zuletzt auch durch die günstigen Witterungs- Verhältnisse der letzten Wochen waren auch die Baunebengewerbe zum Teil gut beschäftigt und zwar gilt dies besonders für die Tischler, Maler, Glaser, Klempner und Schlosser. In einigen Gewerbezweigen hat auch die große Hitze der vergangenen Wochen -den Auftragsbestand günstig beeinflußt; der Reiseverkehr hat dagegen in den meisten Handwerkszweigen hemmend gewirkt. Lediglich das Schuhmacherhandwerk, das Sattlerhandwerk, sowie das Konditorenhandwerk in Badeorten haben hiervon profitiert. In den Bekleidungsgewerben ist ine Verringerung des Beschäftigungsgrades zu verzeichnen, da das schöne Sommerwetrer zu spät eintrat, um noch auf den Absatz des Schneiderhandwerks für die Reisezeit in erheblichem Umfange belebend einzuwirken. Jahreszeitlich bedingt find gewisse Umlagerungen und Veränderungen des Absatzes im Nahrungs- mittelgewerbe. So war der Umsatz des Bäcker- und Konditorenhandwerks während der Reisezeit zugunsten der Betriebe in den Badeorten verschoben. Im Schlachterhandwerk ging, wie stets mit Eintritt des wärmeren Wetters, der Absatz erheblich zurück. — Auf dem Lande blieb der Beschäftigungsgrad bei weitem hinter dem der Städte zurück. Die Belebung der Bauwirtschaft hielt sich mit Rücksicht auf die schlechte Finanzlage der Landwirtschaft in sehr engen Grenzen. Nur die Handwerksberufe, die für Reparaturarbeiten an landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen in Frage kommen, waren überwiegend besser beschäftigt.
Soweit eine Auftragsbesserung eintrat, ist diese durchweg als eine rein mengenmäßige anzusehen; die Preisgestaltung blieb ungünstig. Die Geldverhältniss beim Handwerk haben sich ständig verschlechtert und die Bildung neuen Betriebskapitals wird erschwert.
Neue Lohnsteigerungen sind im allgemeinen nicht mehr eingetreten. — Für die Preise der Rohstoffe und Halbfabrikate wird zum Teil gemeldet, daß sie unverändert geblieben sind. Andere Kammern hingegen berichien, daß die Holz-, Eisen- und Kohlenpreise langsam anziehen. Auch die Preise für Einband- stoffe für Buchbinder, sowie Uhrenfabrikate und Beleuchtungskörper sind im Kammerbezirk Altona gestiegen.
Der Arbeitsmarkt war entsprechend der unterschiedlichen Geschäftslage in den einzelnen Kammerbezirken nicht einheitlich
Dte wirtschaftliche, kulturelle unsoziale Bedeutung des Handwerks.
Auf der Tagung des Rheinischen Handwerkerbundes am 22. Juli zu Euskirchen sprach der Generalsekretär des Deutschen Handwerks- und Eewerbekammertages, Dr. Mensch, Hannover, über die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Bedeutung des Handwerks. Als Leitmotiv stellte er seinem Vortrag die Worte voran, die der Reichspräsident als Ehrenmeister des deutschen Handwerks im Vorjahre der Handwerks-Ausstellung in München mit auf den Weg gegeben hatte, in denen er die große Vergangenheit des deutschen Handwerks und seine Bedeutung für die deutsche Kultur und das deutsche Wirtschaftsleben der Gegenwart hervorhob.
Bezüglich der wirtschaftlichen Bedeutung des Handwerks stellte der Redner zunächst fest, daß sich entgegen vertretener Lehrmeinung die Handwerkswirtschaft vom Beginn des neuen Jahrhunderts ab trotz Kriegs- und Nachkriegszeit ständig aufwärts entwickelt hat. Allerdings fei das Handwerk von heute ein anderes als das Handwerk um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, da auch das Handwerk in Anpassung an die wirtschaftliche Entwicklung zur Anwendung neuzeitlicher technischer und kaufmännischer Hilfsmittel übergegangen sei. Dieser Umwandlungsprozeß werde weitere Fortschritte machen und das Handwerk werde sich auch in der weiteren Entwicklung der Wirtschaft behaupten. Infolge dieses Umstellungsprozesses habe sich auch die früher gültige Begriffsbestimmung des Handwerks geändert. Immerhin geben zwei Momente auch heute noch dem Handwerk das charakteristische Gepräge, nämlich grundsätzliches Ueberwiegen der menschlichen über die mechanische Arbeitsleistung und allseitige Beherrschung des Arbeitsgebietes durch die im Betriebe beschäftigten Personen, wodurch zugleich der eigenartige qualifizierte Ausbildungsprozeß im Handwerk bedingt werde.
Im Rahmen dieser Begriffsbestimmung kennzeichnete Dr. Mensch die Hauptgruppen des handwerkerlichen Betätigungsgebietes, wobei er die Ziffer der gegenwärtig vorhandenen selbständigen Handwerksbetriebe nach der neuesten Erhebung des Deutschen Handwerks- und Eewerbekammertages mit rund 1,3 Millionen angab. In diesen sind rund 3% Millionen Personen tätig. Zahlenmäßig nimmt also das Handwerk auch in der Gegenwart einen sehr erheblichen Platz in der deutschen Wirtschaft ein. Das Handwerk hat aber auch an der Gütererzeugung und an der Deckung des Gesamtbedarfs der deutschen Wirtschaft einen so umfangreichen Anteil, daß an seiner Erhaltung Staat und Gesellschaft in hohem Maße interessiert sind.
Hinsichtlich der kulturellen Bedeütung des Handwerks habe das Goethewort: „Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk vorausgehen" Geltung für alle Zeiten. Die Kultur des alten Handwerks im Mittelalter habe eine breite Grundlage gehabt; sie sei im besten Sinne Eemeinschaftskultuc des deutschen Bürgertums gewesen. Wie früher sei auch heute noch mit dem Wesen des Handwerks untrennbar die Idee der sittlich geordneten Berufsstandsgemeinschaft verbunden. Das Handwerk bekenne sich auch noch heute zu dieser Auffassung und bedürfe zu ihrer Verwirklichung einer festen beruflichen Organisation. Auch in der Gegenwart habe das Handwerk noch eine wichtige und besondere kulturelle Mission zu erfüllen. Ihr Kern läge in dem seelischen Verhältnis des handwerksmäßig schaffenden Menschen zu seiner Arbeit. Mit dieser kulturellen Mission des Handwerks berührten sich aufs engste seine wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben, nämlich die Schaffung von Qualitätsarbeit und die Erziehung eines gewerblichen Nachwuchses, der die hochwertige Leistung der deutschen Gütererzeugung fortsetzt und vermehrt. Es sei undenkbar, schöpferische Arbeit in zeitlicher Begrenzung unter staatliche Bevormundung zu stellen. Die deutsche Sozialpolitik müsse daran denken, welche kulturellen und nationalen Werte durch eine zu weit getriebene mechanische Gesetzgebung vernichtet werden können. Dabei handele es sich nicht so sehr darum, das Handwerk gegen die Industrie wirtschaftlich zu sichern, denn auf weiten Gebieten gäbe es einen solchen Wettbewerb gar nicht, sondern kulturell gesehen vor allem um die Aufrechterhaltung eines Handwerkerstandes, der die Möglichkeit selbständigen individuellen Schaffens behält. Es dürfe aber nicht etwa versucht werden, das Handwerk unter allen Umständen gewaltsam in der Richtung zum Kunsthandwerk zu entwickeln, viel wichtiger sei es, soweit wie möglich wieder den breiten Kulturgrund zu gewinnen, der die Handwerkskultur des Mittelalters auszeichnete. Diese Ziele müßl^n auch den Unterricktsanstalten dienen, indem sie ihre Bildungsbestrebungen nicht vorwiegend auf fachliche Leistungen abstellten, sondern sich nicht minder die Ausbildung der Persönlichkeit zum Ziele setzten. Der Arbeit am kulturellen Aufbau des Handwerks gelte auch die Schaffung des Instituts für Handwerkswirtschaft. Dieses Institut soll die exakten wirtschaftswissenschaftlichen Nachweise über die Verhältnisse im Handwerk beibringen, die zur Durchsetzung seiner wirtschaftlichen Forderungen, vor allem in den Parlamenten, unbedingt nötig seien. Die ersten Schritte zu einer besseren Würdigung des Handwerks feien gemacht durch die Erhebungen im Ausschuß zur Untersuchung der Erzeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft (Enquete-Ausschuß) und durch die Einleitung konjunkturstatistischer Erhebungen über die Handwerkswirtschaft durch das Institut für Konjunkturforschung. Zur Erlangung genauer statistischer Unterlagen bedürfe es allerdings der Mithilfe des gesamten Handwerks.