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Erscheint Mittwochs und Samstags.

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Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.

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41. Aahrv. Mittwoch, den 1. August 1828 Nummer 60

PolitWe ZageWau.

Der deutsche Minister des Auswärtigen, Dr. Stresemann, erstattete in Karlsbald dem Präsidenten Masaryk einen Besuch ab. Der Präsident empfing Dr. Stresemann und verblieb mit ihm in längerem Gespräch.

Der französische Botschafter hat dem Auswärtigen Amt einen Besuch abgestattet und bei dieser Gelegenheit mündlich die offizielle Einladung der französischen Regierung an den Reichsautzenminister Dr. Stresemann ausgerichtet, zur Unter­zeichnung des Antikriegspaktes am 27. August nach Paris zu kommen.

Polizeilommiffar Bauer, der bekanntlich in den Zwei­brückener Flaggenzwischenfall verwickelt ist, hat von der fran­zösischen Besatzungsbehörde einen Ausweisungsbefehl erhalten. Bauer hat sofort dagegen Einspruch erhoben.

Der rumänische Außenminister Titulescu ist zurückgetreten. Er wird sein Amt als rumänischer Gesandter in London wieder übernehmen.

Die lettische Regierung hat der Sowjetregierung eine scharfe Rote gesandt, in der die Abberufung des Militärattachcc in Riga, Sudakow, verlangt wird, da er einen Anschlag gegen den lettischen Staat vorbereite.

Eine neue EifenbahnkataftrMe in Bahern.

Augsburg. 30 Kilometer von Augsburg entfernt, bei Dinkelscherben inmitten des Bahnhofes, ereignete sich heute ein surchtbares Eisenbahnunglück, das schwerer als die Katastrophen von Siegelsdorf und München ist. Bis jetzt wurden 15 Tote, 28 Schwerverletzte und 23 Leichtverletzte festgestellt. Der be­schleunigte Personenzug 911 fuhr bei der im Umbau befindlichen Blockstation auf den Durchgangs-Güterzug 7535, der 60 Wagen zählte, auf. Das Unglück entstand durch falsche Meichenstellung, vie den Personenzug nicht, wie vorgeschrieben, geradeaus, sondern aus das Ueberholungsgleis dirigierte. Die Lokomotive des Personenzuges ist vollständig zersplittert. Drei leichte Wagen vierter Klasse wurden zusammengedrückt und zersplit­tert. Die Unglücksstätte bietet ein surchtbares Bild. Die in der Gitterhatte ausgebahrten Toten sind beispiellos verstümmelt.

Mit Bedauern und Entrüstung hört man von diesem neuen Unglück, leider zu spät für die Opfer dieser Katastrophe. Jetzt muß aber endlich Abhilfe geschaffen werden.

Maßnahmen Dr. Dorpmüllers.

Berlin. Der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn­gesellschaft hat sofort nach Bekanntwerden dieses neuen Un­salles in Bayern, um volle Klarhett über die Gründe des Unfalles zu schaffen, zusammen mit dem Herrn Reichsver­kehrsminister eine Kommission an die Unfallstelle entsandt. Zu dieser Kommission gehören die Reichsbahndirektoren Kilp und Stäckel sowie Ministerialrat Dr. Ebeling.

Wie wir hören, ist Dr. DorpmüNer entschlossen, in rück­sichtsloser Strenge im Interesse der Sicherheit auf der Reichs­bahn durchzugreifen. Seine Maßnahmen werden sich erstrecken insbesondere auf das Gebiet des Sicherungswesens, auf die Vorschriften in der Durchführung des Betriebes und der Ar­beitszeit und auf personelle Fragen.

ZahrkattensKwindel bei der Reichsbahn.

Breslau. Die Pressestelle der Reichsbahndirettion Bres- Hqu teilt mit: Der Fahndungsdienst der Deutschen Reichsbahn hat Fahrkartcnbetrügereien großen Umfanges aufgedeckte. Ein Bediensteter des Hauptbahnhofs Breslau entwandte abgefah­rene Fahrkarten und überließ sie dem Kaufmann Norbert Schernig in Breslau. Dieser Schernig fälschte diese Fahrkarten oder ließ sich den Fahrpreis imErstattungswcge von den Fahr- itartcnausgaben oder den Verkehrsämtern zurückzahlen. Wie .einträglich das Geschäft war, geht daraus hervor, daß er Mitte Juli eine Reife mit dem Automobil nach Görlitz, Dresden, Leip- üg, Chemnitz usw. unternahm und in allen größeren Orten halt machte, um derartig gefälschte Fahrkarten zu reklamieren. Obwohl die Fälschungen äußerst geschickt durchgeführt waren, zlückte Schernig sein Vorhaben in vielen Fällen nicht und in .Leipzig ereilte ihn fein Schicksal. Scherning befindet sich in Untersuchungshaft.

Entstehung u. Entwicklung des Eaarvroblems.

Auf der bevorstehenden September-Tagung des Völker­bundes dürften die wesentlichsten Differenzpunkte der deutsch- französischen Beziehungen, die Rheinland- und die Saarfrage, erneut in den Kreis der zu erwartenden Staatsmänner-Be- sprechungen gezogen werden. Es ist leider eine Tatsache, daß politisch durchaus interessierte Kreise in Deutschland das Saar­problem in seinen verschiedenen Aeußerungen und Auswirkungen nicht genügend beherrschen. Für diese dürfte die aus Anlaß der 8. Tagung des Bundes der Saarvereine in Heidelberg (30. Juni und 1. Juli) erschienene Sondernummer desSaar­freund", die Halbmonatsschrift des erwähnten Bundes willkom­mene Unterlagen bieten. In mehr als 20 Aufsätzen von im politischen Saarkampf, in der Tages- und Wirtschaftspolitik stehenden Kennern der Saarfrage werden alle die Einzelfragen behandelt, die insgesamt jenes Saarproblem ausmachen, wie es in Versailles durch den Versuch Frankreichs, das Saargebiet zu annettieren, heraufbeschworen worden ist. Die einzelnen Aufsätze der Festschrift sind in vier Gruppen zusammengefaßt, die die politischen Absichten und Auswirkungen der Versailler Saarregelung, ihre wirtschaftlichen Folgen für das Saargebiet', den Abwehrkamps und den Heimkehrwillen der Bevölkerung und schließlich das Verhalten und Versagen des Völkerbundes und der von ihm ernannten Saarregierung in der Saarfrage darlegen. Diese Aufsatzreihen geben den Stand der Sa-arfrage bis auf ihre jüngste Entwicklung wieder. U. a. wird auch auf die Bestrebungen eingegangen, die von der in Paris neu ge­gründetenAssociation Franco-Sarrois" verfolgt werden und nachgewiesen, daß diese Bestrebungen jener Begründung ent- gcgenlaufen, mit der in Versailles Clemenceau die Annexion des Saargebietes betrieben hat. In seiner Denkschrift vom Fe­bruar 1919 erklärte Clemenceau, daß dieZerlegung des Saar­gebiets in mehrere Stücke sein Untergang und eine Quelle unzähliger Belästigungen für die Bewohner wäre." Die Ver­sailler Friedenskonferenz hat sich die Begründung Clemenceaus dadurch zu eigen gemacht, daß sie die von Clemenceau festge- ftellte Unteilbarkeit des Saarbeckengebiets mitden ausgebeu- teten Gruben, Stahlwerken, Hochöfen, die nur von dem Saarbek- ken leben und mit ihm eine Einheit bilden", anerkannte, u. für diese wirtschaftliche Einheit ein besonderes Verwaltungsregime festsetzte. Wenn die erwähnte neugegründete französische Ver­einigung ihre Hauptaufgabe darin erblickt, eine Abänderung des Versailler Vertrages in der Richtung herbeizusühren, daß bei der Rückkehr des Saargebiets zu Deutschland die Saar­gruben für die Dauer bei Frankreich verbleiben, dann erstrebt sie nach Clemenceaus Begründung denwirtschaftlichen Unter­gang des Saarbcckengebiets und unzählige Belästigungen für ihre Bewohner".

Weiter wird in der erwähnten Festschrift nachgewiesen, daß Frankreich seine Saaransprüche auf Grund falscher ge­schichtlicher Darlegungen erhebt, indem es die Zugehörigkeit des Saargebietes zu Deutschland erst von 1815 an rechnet, da­gegen die voraufgegangene 9vvjährige Zugehörigkeit zu Deutschland übergeht, die 1000jährige Zugehörigkeit zu Deutsch­land also verleugnet. Die französische Saarpropaganda, die sich außerordentlich aktiv zeigt, schiebt die historische Wahrheit über das Saarbeckengebiet ebenso beiseite, wie den in Hunderten von Kundgebungen der Saargebietsbevölkerung zum Ausdruck gekommenen einheitlichen Willen der Bevölkerung, deutsch zu sein und deutsch, zu bleiben, wider besseres Wissen als künst­liche Mache bezahlter deutscher Agenten hinstellt. Einen tie­fen Einblick in die enge wirtschaftliche Verbundenheit des Saar­gebiets mit der deutschen Wirtschaft erhält man aus den Auf­sätzen prominenter Gewerkschafts- uird Wirtschaftsführer des Saargebiets über die wirtschaftlichen, sozialen und arbeits­rechtlichen Folgen der vernunftwidrigen Losreißung des Saar­gebiets von der deutschen Wirtschaft. Daneben kann man er­hebende Bekenntnisse der Bevölkerung in allen ihren Schichten und Ständen zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft, zur deutschen Heimat und zum deutschen Vaterland nachlesen, Bekenntnisse, die alle Parteigegensätze und konfessionellen Ver­schiedenheiten verwischen.

Da die Festschrift außerdem reich illustriert ist, bildet sie in jeder Hinsicht eine wertvolle Werbeschrift für die deutsche Saar und das beste Beweismaterial für die Berechtigung des von der 8. Tagung des Bundes der Saarvereine ausgehenden Weckrufes:Vaterland, Saardeutschland ruft dich!"

Diese vortreffliche Festnummer desSaarfreund" ist zu beziehen zum Preise von 50 Pfg. durch die EeschäfsstelleSaar­verein". Berlin, SW. 11, Königgrätzer Straße 94, II.

Die Notlage der alleren Angestellten.

Berlin. Der Arbeitsausschuß der erwerbslosen Angestell­ten Groß-Berlins hat an die zuständigen Ministerien eine Denk­schrift gesandt, in der die Notlage der erwerbslosen älteren An­gestellten eingehend geschildert wird. In dieser Denkschrift wer­den vor allen Dingen drei Forderungen zur Abstellung der dringendsten Not erhoben: 1. Schaffung eines Zwangseinstel­lungsgesetzes im Interesse der älteren Angestellten; 2. Einrich­tung eines Fonds, aus dem erwerbslosen Angestellten die Mit­tel zum Aufbau einer Existenz gewährleistet werden; 3. Erlaß einer Verordnung, die den erwerbslosen Angestellten die Kri­senfürsorge in Höhe der Erwerbslosenversicherung für die ge­samte Dauer der Erwerbslosenzeit gewährt.

Gießen ehrt seine siegreichen Turner vom 14. Deutschen Turnfest.

Auf dem 14. Deutschen Turnfest in Köln errangen bei schärfster Konkurrenz Karl Reuter-Gietzen den ersten Sieg im Zwölfkampf (208 Punkten), im Fünfkampf L. Malkomesius- Mtv. Gießen mit 83 Punkten den 34. Rang, im Neun kampf der Aelteren den 28. Rang mit 139 Punkten Karl Müller (44 Jahre alt) vom Mtv. Gießen, im Fünfkampf der Aelteren Toni Schneider Mtv. Gießen den 10. Rang mit 104 Punkten, im Siebenkampf der Turnerinnen Elfriede Münnich, Gießen^ den 22. Rang, Paula Hofmann, Gießen, den 28. Rang, und Ria Schwan, Gießen, den 30. Rang, im Vierkampf Tilli Espach, Gießen, den 18. Rang, im Hochsprung Else Bickelhaupt mit 1,48,4 Meter den 2. Platz. Im Schwimmen-Mehrkampf be­legte den 5. Platz Hans Geismar-Gießen mit 127 Punkten, den .2 Platz im 100-Meter-Dainen-Brustschwimmen belegte Frau Dr. Althoft-Gicßen, desgl. den 1. Platz im 200-Meter- Lagenschwimmen.

Trockene Aufzählungen, die kaum verraten, was hier in Gießen geleistet und gearbeitet wird. Als Dank für die wür­dige Vertretung unserer Stadt in Köln bereitete die Bevölke­rung den am Montag abend Hei nährenden Turner und Turne­rinnen einen selten begeisterten Empfang.

Schon um 7 Uhr stauten sich die Massen in der Bahnhof­straße und auf dem Bahnhofsplatz. Alles schwatzte, gestikulierte: Alte Männer kletterten Leitergerüste hinauf, belagerten Dächer und Fenster. Fluchende Wagenführer mußten ihre Vehikel beim Hotel Kuhne stillegen, weiter ging es nicht. Karl Reuter kam! Der Zwölfkampfmeister der Deutschen Turner­schaft kam aus Köln! Und er kam nicht alleine. Um ihn schar­ten sich viele Turner und Turnerinnen, geschmückt mit dem eichenen Kranz. Sie alle eine Zierde unserer und ihrer Hei­matstadt.

Stadt und Behörden hatten in letzter Stunde die Bevöl­kerung aufgeboten, den siegreichen Turnern einen würdigen Empfang zu bereiten. Und wohl noch nie ist einer Anregung so spontan Folge geleistet wie am Montag abend.

Auf dem Bahnsteig hatten sich der Oberbürgermeister Dr. Keller mit den Vertretern der Behörden eingefunden, um­ringt von den Mitgliedern der hiesigen Turnvereine. Mit ein­halbstündiger Verspätung kam der Kölner Zug, der schon von Dillenburg an auf jeder Station von begeisterten Turner be­grüßt worden war. Schmetternde Marschmusik, nicht enden­wollendesGut Heil" undHoch" empfing um 8 Uhr die sieg­reichen Turner. Oberbürgermeister Dr. Keller fand zu Her­zen'gehende Begrüßungsworte und geleitete den Helden be? Tages Karl Reuter, den Zwölfkampfmeister durch die jubelnde Menge zum Wagen.

Kaum konnten sich die Kutschen, die die Gefeierten und die Vertreter der Behörden ausgenommen hatten, durch die Mas­sen, die in hellster Begeisterung dieselben umlagerten, einen Weg bahnen. Voran schmetternde Marschmusik, dann die Wa­gen und im Anschluß daran die Kölnfahrer und dann eine lange lange Reihe Gießener Vereine, die sich geschlossen eingefunden hatten.

Ein Marsch unter Blumen war es. Dichtumsäumt die Straßen, kein Fenster nicht besetzt, Blumen von oben und von der Seite.

Wie ein Triuphator wurde der bescheidene und sichtlich überraschte Karl Reuter empfangen.

An der Volkshalle auf dem Trieb spielten sich inzwischen aufgeregte Szenen ab. Geplant war, den Festzug in die Volkshalle zu leiten und die Teilnehmer des Zuges geschlossen in derselben unterzubringen. Der Bevölkerun-g stand die ge­räumige Galerie zur Verfügung; aber es dauerte nicht lange, da mußten Schutzleute und Feuerwehr ihre Absperrposten räu­men. Die Menge überflutete die weit Halle bis zur Hälfte um dann mit ungeheurem Jubel die (gefeierten an der Spitze des Festzuges in die Volkshalle einmarschieren zu sehen.

Wie es wogte und rauschte, wie gespannt diese Tausende waren! Nur mit vieler Mühe konnte sich der erste Redner, Herr Lehrer Kling, der gleichzeitige Vorsitzende der Gießener Turnerschaft, zur Begrüßungsansprache Ruhe verschaffen. Er führte aus:

Hochverehrte Festversammlung!

Liebe Turnschwestern und Turnbrüder!

Ein seltenes Erlebnis, von dem noch unsere Kinder und Kindeskinder reden werden, hat uns heute hier an dieser Stelle vereint, (gilt es doch, die Sieger und Siegerinnen Gießens auf dem großen Deutschen Turnfest in Köln zu ehren. Daß die Gießener Bevölkerung die dort am Rhein vollbrachten Lei­stungen in ihrem ganzen Umfang zu würdigen weiß, hat der begeisterte Empfang der Kölnfahrer eben am Bahnhof und hat der überwältigende Besuch dieser Feier in der Volkshalle zur Genüge bewiesen. Namens der Gießener Turnerschaft heiße ich Sie alle hier auf das herzlichste willkommen. Insbesondere gilt heute abeird mein Gruß den Kölnfahrern, unter ihnen wie­derum dem Gauvertreter Pfeiffer, Wetzlar, unsern Sieger und Siegerinnen, vor allem dem ersten Preisträger Karl Reu­ter. Er besonders hat durch seine Leistungen auf dem Turnfest den Namen der Stadt Gießen in alle Welt getragen. In den fernsten Orten der Welt wird jetzt in diesen Tagen seine Name und der der Stadt Gießen mit ehrenvollster Anerkennung ge-