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40. Sahryans

Samstag, den 29. Oktober 1927

Nummer 44

Politische Tagesschau.

Die Meldung, daß der Herr Reichspräsident einen Schlaganfall erlitten habe, ist glatt erfunden.

Bei der Auseinandersetzung über Deutschlands Aus­landsverschuldung ist vergessen worden, zu den genann­ten 8 bis 8 Milliarden Mark Anleihen, die kapitalisierte Tat wesschuld von 40 Milliarden Mark und die Passivität unserer Handelsbilanz, die in diesem Jahre bis Oktober 3 Milliarden beträgt, hinzuzurechnen. Der Reichswirtschaftsminister meint: Roch ist die Lage nicht kritisch geworden.

Reichsjustizminister Hergt ist gegen eine Abschaffung der Todesstrafe, für welche die Zeit noch nicht gekommen sei. Weiterhin hält er den Re ichsschulgesetzentwurf nicht für oerfassungsändernd.

Das Reichskabinett konnte gestern die Aussprache über die deutsch-polnischen Handelsvertragsverhand- l vagen nicht zum Abschluß bringen.

Das Reichskabnett hat einen Ausschuß eingesetzt, der die Frage der Verwaltung-reform behandeln soll. Beson­der» geprüft werden sollen die möglichen Ausgabenersparnisse und inwieweit Toppeiarbeit von Reich und Ländern zu ver­meiden ist.

Der Anschluß Waldecks an Preußen scheint nach Besprechungen aus letzten Tagen endgültig gesichert.

Das gegen den Führer des Alldeutschen Verbandes, Justiz- rat Elaß, eingeleitete Hochverratsverfahren ist vom Reichs­gericht eingestellt worden.

Bei der französischen Saarkohlenverwaltung ist man größe­ren Kohlenschiebungen durch Beamte aus die Spur ge- kcmmen.

In Sachsen sind 12 0000 Zigarrenarbeiter ausgesperrt.

In Rumänien spitzt sich die Lage immer mehr zu. Mantu, der Führer der nationalen Bauernpartei, der unter Polizeikontrolle gestellt werden sollte, konnte fliehen. Sämtliche öffentliche Gebäude Bukarest'- sind von Truppen besetzt.

In Lissabon ist die Polizei schon wieder auf die Spu­ren einer Verschwörung gegen die Staatsbehörden gekommen.

Hessische Wahlen.

Man schreibt uns dazu:

Vor einigen Wochen wiesen wir schon einmal darauf hin. daß die kommenden Wahlen in Hessen von ganz besonderer Be­deutung sind. Und zwar nicht nur, daß wir in vierzehn Tagen durch unsere Stimmabgabe die Geschicke unseres Landes für die nächsten Jahre festlegen, sondern daß am 13. November durch die Gleichgültigkeit der bürgerlichen Kreise ein Unheil ange­richtet werden könnte, dessen Folgen sich dann die Saumseligen später selbst zuzuschreiben hätten. Gemeint ist damit, daß bei einem sozialdemokratischen Wahlsieg die Gefahr besteht, daß der Reichstag ein vorzeitiges, gewaltsames Ende finbet. Da­mit würde all« positive politische Arbeit bis zu den dann er­folgten Neuwahlen unmöglich sein. Dies gilt es zu verhindern.

Der Bedeutung dieser Wahlen sind sich auch die Parteien klar, und wenn von einem langen Wahlkampf diesesmal auch kaum die Rede sein kann, so wird er kurz und heftig werden. Fraglich wird es sein, ob es'selbst den Größten gelingen wird, den wahlmüden Bürger an die Wahlurne zu ziehen.

Ein weiterer Gefahrenmoment für den Steg der bürger­lichen Sache sind die Splitterparteien. Wie viele hat es da­von sck^n in Hessen gegeben, die wie Kometen auftauchten und die am Tage nach den Wahlen meistens wieder geräuschlos ver­schwanden. Mag man auch juristische Bedenken gegen das neue Gesetz, das die Bildung neuer Parteien in Hessen so sehr er­schwert, hegen, so wird man zugeben müssen, daß es doch das Richtige will. Rufen wir uns stets ins Gedächtnis zurück, daß dem Bürgertum bei den Wahlen zum hessischen Landtag im Jahre 192 4 annähernd 40 000 Stimmen durch solche Splitterpar­teien verloren gingen, denen es nicht gelang, auch nur einen Kandidaten in den Landtag zu bekommen.

Als solche Splitterparteien sind diesmal die Polksreckns partei, die Evangelische Volksgemeinschaft und die Hesiische Dirtschastspattei zu bezeichnen. Die Dolksrechtspattei bat ja nun die erforderlichen 7000 Unterschriften und noch etliche mehr gefunden. Die beiden anderen Parteien haben es allem An­schein nach nicht so weit gebracht. Interessieren würde es auf alle Fälle, welche Verhaltungsmaßregeln diese neuen Parteien nunmehr ihren Anhängern geben werden. Wenn sie ehrlich des Landes Wohl im Sinne haben, werden sie ihre Mitglieder aufrufen, wenn auch nicht sie, so aber doch auf alle <^a11 c zu wählen, damit das Bürgertum in diesem Wahlkampfe nicht den Kürzeren zieht.

Also Bürger, weg mit der Wahlfaulheit!

Die Splitterparteien in den hessischen Wahlen.

Darmstadt. Während es der Volks rechtspart ei gelungen ist. die oorgcfd>ri ebenen 7000 Unterschriften bei zu bringen und sogar um rund 4OOO zu übersteigen, hat die Evangelische Volksgemein- schuft, mit ihrem Führer Pfarrer Weidner an der Spitze, die erforderlichen Unterschriften nicht aufbringen können. Es fehlten an den 7000 Unterschriften noch 320, die allerdings am heutigen Tage deigedracht wurden. Für die Gültigkeit der Un­terschriften ist es jedoch zu spät, so daß die Kandidatenliste der Evangelischen Volksgemeinschaft nicht genehmigt wurde. Die Evangelische Volksgemeinschaft wird sich dem Protest der Wirt- schaft-partei gegen die Wahlrechrsbeschränkung anschließen.

Die Besoldungsregelung in Hessen.

Darmstadt. Den hessischen Staatsbeamten sind laut Bc schlug des Hessischen Landtages für den Monat Oktober nach Ge- Hallsklasien abgestuftc Dorschüsie auf die demnächst erfolgende Erhöhung der Beamtenbesoldung zur Auszahlung gebracht wor­den. Die hessische Regierung hat nun die Anweisung ergehen lassen, die Vorschüsse in gleicher Höhe auch mit den November- Gehaltszahlungen und bis zur endgültigen Gehaltsregelung weiterhin laufend zur Auszahlung zu bringen.

Landesparteitag des hessischen Zentrums.

Das hessische Zentrum hielt am letzten Sonntag feinen Landesparteitag in Frankfurt ab, auf dem die Stellung des Zentrum zu den wichtigsten Zeit^roblcmen: Einheitsstaat, Beamtenbesoldung und Reichsschulgesetz präzisiert wurde. Be­züglich des Reichsschulgefctzcs macht sich das hesiische Zentrum voll den Standpunkt des Reiches zu eigen. In der Beamten- bcfoldungsfrage ist man sich ebenfalls darüber einig, daß eine Erhöhung der Bezüge notwendig ist; die daraus entstehenden Mehrausgaben aber soll das Reich tragen.

Es gelangten schließlich zwei Resolutionen zur Annahme, und zwar fordert die eine die baldige Verabschiedung des Reichs­schulgesetzes, und die andere wendet sich gegen den zentralistischen Einheitsstaat, da er der Eigenart der deutschen Stämme nicht genügend Rechnung tragen könne, und weil die Selbstverwaltung nicht genügend gesichert erscheine. Dagegen sieht der Parteitag in der Schaffung finanziell und wirtschaftlich leistungsfähiger großer Staatsgebilde unter Berücksichtigung geschichtlicher, kul­tureller und wirtschaftlicher Zusammengehörigkeit der Bevölke­rung einen geeigneten Weg, die deutsche Staatsgestaltung be­friedigend zu lösen.

Die Kosten der Besoldungsresornr aus eigenen Mitteln zu decken.

Auf dem Parteitag der preußischen Demokraten hielt der preußische Finanzminister Höpker-Aschoss eine Rede, in der er mitteilte, daß die Mittel für die Beamtenbesoldungsreform in Preußen infolge der guten (seiner!) Wirtschaft aus eigenen Kräften gedeckt werden könnten. Aber auch die Gemeinden könnten die Deckung infolge der höheren Ueberweifungen selbst bestreiten. Allerdings hält der Minister eine Senkung der Steuern jetzt für unmöglich. ,

Prinz Karols Bote verhaftet.

Montag wurde der aus Paris zurückkommende ehemalige Staatssekretär Manoilescu an der rumänischen Grenze verhaf­tet. Man vermutete und fand bei ihm einige Schreiben des Exkronpeinzen

Aufträge der Sowjetunion 1S26-27.

Tic Metallindustrie der Sowjetunion vergab im Wirtschafts, fahr 1926-27 für 74 Millionen Rubel Aufträge nach dem Aus. land, davon 50 Millionen nach Deutschland aus Grund zwei- bis vierjähriger Kredite.

»beinlänitr, hört!

Lins der letzten Hefte desKinderfreundes" brachte einen Artikel, ^er Rhein". Darin stand u. a. folgendes zu lesen:

Auch der Rhein, um den in Deutschland so viel patrio- tischcr Unfug getrieben wird, ist, wie die Elbe und die Do­nau, ein internationaler Strom. Von Rüde-Heim aus fuhr ich mit einem Rheindampfer nach Köln. Der berühmte Fel­sen der Loreley trat nahe an den Rhein, jener Felsen, über den der deutsche Dichter Heinrich Heine ein wunderschönes Gedicht geschrieben hat. eines von den wenigen Gedichten und Liedern in dem verlogenen Chor der anderen Gesänge, die d^n Rhein lobpreisen und die weiter nichts sind als ab« geleierte Gassenhauer auf den Straßen pattiotischer Dumm­heit. Tic meisten Rheinlieder sind nämlich gar nicht von Rheinländern gedichtet worden, sondern von Leuten, die den Rhein niemals gesehen haben, di« nicht wissen, bafi der Rhein ein internationaler Strom ist und nicht eine Mauer gegen

Frankreich."

Jetzt hört: DerKinderfreund" ist eine Beilage zialdemokratischenVorwärts" und einer ganzen Reihe sozialdemokratischer Part ei bl älter.

Wird hier mit dem NamenKinderseund" nicht meinstc Unfug getrieben?

des so- anderer

der

ge

Nun werden es die genosiischen Sprößlinge wohl in

der

Ordnung finden, daß dieserinternationale" Strom auf deut­schem Boden von französischen, belgischen und englischen Trup­pen bewacht wird. Und Poincars darf sich eins ins Fäustchen lachen.

Lokales.

Lom Willi Fix und Hannes èchlau.

Willi, heule wollen um mal nicht so viel nörgeln und schimpfen ... da ist mir denn doch bas Wetter zu schon Ordent­lich jung konnte man werden bei all biefer Prach,. bte der gol» bene Herbst uns noch schenkt E- ist, als wenn bie sterbende Statur uns noch einmal zeigen will, was wir in ihr verlieren, als wenn sie uns jetzt schon wieder bte Sehnsucht nach leuchten- den Frühlingstagen ins Blut hineinzaudern möchte. . .

Tut sie, tut sie, lieber Hannes. Aber was Dich dabei ab lenkt von dem Getriebe unserer lieben Vaterstadt Gießen, was Dich alles andere vergessen läßt, regt mich mur an. Diese letzte Kraftentfaltung der Natur st«igett meine Aufmerksamkeit und schärft mein Auge . . dja

Komm, hör' auf, oder drück Dich ein wenig populärer aus.

Ra ja. zum Beispiel hat Gießen jetzt ein moderne- Lichtfpiel. theater Das ist gut so und der Optimismus bes Unternehmers nur zu schätzen. Aber nun muß er meines Erachtens auch da nach trachten, daß man ohne Führung Vertrauter zu ihm hinein findet. Denn unter Garantie, wenn Du die Bahnhofstraße ent» lang gehst, passierst du das Kino, ohne daß es sich Dir durch etwas in die Augen springendes präsentiert, so unscheinbar sind seine Eingänge, so unscheinbar ist seine Front.

Komm, wenn Du nichts besseres zu erzählen hast, dann schweig' lieber still.

Aber was hast Du denn! Warte Bürschchen, ich will Dich schnell aus Deiner Naturfchwärmerei herausholen. Sag', hast Du gelesen, was eine hochwohllöbliche Stadtverwaltung über die Auswertung der alten Gießener Stadtanleihen geschrieben hat? Fein, was? Na, ich mein ja man . . . mich triffts ja nicht.

Zum Donnerwetter . . . jetzt halt aber Dein lästerliches Mundwerk. Mußt Du denn ausgerechnet davon anfangen. Den ganzen Tag laufe ich schon herum und lache und tuue . . . und stöhne und schimpfe. Oh, was war ich doch für ein Rindvieh, als ich vor dem Kriege als alter Gießener Einwohner mein Geld gab ... in dem Bewußtsein . . . dies Geld ist so sicher wie in Abrahams Schoß aufgehoben . . . haha, und jetzt sagt der Oberbürgermeister wart'» ich kann » beinahe auswendig die Aufwertungsfrage kann niemals vom Standpunkt des Ge fühls, sondern nur vom Standpunkt der öffentlich-wirtschaftlichen und privatwirtjchastlichcn Möglichkeiten Mensch, paß auf! Möglichkeiten aus gelöst werden Hast Du schon einmal mit derartigem Deinem Gläubiger kommen können, weißt Du, was der getan hätte? ... Er hätte Dich vor den Kadi geschleppt und hätte wie ich geschrien: wo bleibt mein Recht! Sieh, in demselben Artikel steht etwas vom umfangreichen städtischen Ge­bäude-, Grundstücks- und Waldbefitz, sieh', es war doch unser Geld, was da verbaut und angelegt worden ist. Heute macht man neue Schulden braus und hat uns, die alten Gläubiger, noch nicht bezahlt. Und trifft man jetzt endlich Anstalten dazu, bann ja nicht mehr als das Gesetz nicht das Rechtsempfin­den es vorfchreibt ... ja nicht mehr. Na, ich denke und hoffe, unsere Stadtväter werden auch noch ein Wort dazu sprechen.

Hannes, Hanne», was kannst Du schön sprechen. Wie freu'

ich mich, daß ich nie Dein Geld jetzt auch Deine Sorgen erspart gebiet ist so Heikler Natur . . . gespannt bin, wie die verehrten her werden.

gehabt habe, so bleiben mir Du, aber des Au'w^riung»- so kitzelig, daß ich ordentlich Parteien sich da herauswtn-

Willi, so ist das heute leider überall, wo einer Körperschaft Geld anvertraut ist, sie nehmen und nehmen und geben nur

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