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Rhoden omher1’

40. Jahrgang

Sonnabend, den 9. Auli 1927

Nummer 2S

Die Weltarbeitslosigkeit.

Die Gejamtzisser der Erwerbslosen der Welt dürfte schätzungsweise in den Industriestaaten in der Gegen­wart etwa 9 bis 11 Millionen betragen. Im Durch­schnitt entfallen auf Grund der zurzeit erreichbaren Unterlagen an „sichtbaren Erwerbslosen" etwa auf

Deutschland

England (einschl. Nordirland)

Rußland

Polen

Vereinigte Staaten von Amerika

Oesterreich

Italien

Tschechoslowakei

Dänemark

Ungarn

Schweden

Niederlande

Belgien

Schwei? s Stellungsuchende durch, schnittl.ch im Monat

Frankreich (amtlich etwa 27 000) schätzungsweise

Lettland

Estland

Finnland

1 640 000

1 375 000

1 050 000

201 000

180 000

108 000

89 000

67 000

60 000

21 000

20000

18 000

10 000

15 000

Die wirkliche Arbeitslosigkeit ist weit

80 000

1 400

1 000 größer

als

die sichtbare. Hinter den sichtbaren Erwerbslosen steht die ungeheure Zahl derjenigen, welche die unsichtbare Arbeitslosigkeit trifft, die sich darstellt als Kurzarbeit, gestreckte Arbeit, verschämte Erwerbslosigkeit usw. E.D.

Die wirtschaftliche Vage des deutschen Handwerks im Monat Juni 1927.

Vom RAchsocrband des deutschen Handwerks wird uns ge­schrieben:

Für den Monat Juni läßt sich wohl überwiegend sagen, daß die bereits im Vormonat gemeldete Besserung der wirtschaft­lichen Lage im Handwerk sich in einer Anzahl von Gruppen hat halten können und zum Teil langsam vorwärts geht' anderer­seits berichtet auch eine große Anzahl von Handwerkskammern, daß die gesamte Lage des Handwerks in ihrem Bezirk kaum als bejriedigend zu bezeichnen ist, da gewisse Zweige, bei denen der Höhepunkt der Saison in der ersten Hälfte des Juni liegt, bereits ein merkliches Abflauen der Tätigkeit feststcllen müssen. Die Lage wird beherrscht durch die verhältnismäßig günstige Konjunktur im Baugewerbe, das im großen und ganzen gut beschäftigt ist. Lediglich die Handwerkskammer Berlin berichtet, daß infolge der viel zu späten Verteilung der Hauszinssteuerhypotheken die Tä­tigkeit im Bauhauptgewerbc stark gehemmt sei und nunmehr hierunter auch die Baunebengewerbe zu leiden haben. In den Handwerken, bei denen ein Einfluß des Baugewerbes nicht in Frage kommt, war die Beschäftigung uneinheitlich. Bis Pfing- sten war im Bekleidungsgewerbe der Auftragsbestand noch größ lenkst: zufriedenstellend, wenn auch das schlechte Wetter das Geschäft, namentlich in Betrieben mit Verkaufsläden, erheblich beeinträchtigt hat. In der zweiten Hälfte des Monats folgte dann eine stark rückläufige Bewegung. Den gleichen Rückgang zeigen auch einzelne holzverarbeitende Gruppen. Nach Mel dung der Kammer Nürnberg ist ein starker Rückgang wieder bei den Gewerbezweigen fcstzustellen, die in starkem Maße von der Industrie abhängen. Die Verminderung der Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Steigerung der Kaufkraft der Bevöl­kerung hat nur in geringem Maße zu einer gesteigerten Nach­frage geführt, da ein wesentlicher Teil der vorhandenen Mittel dafür gebraucht wird, Abzahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Die Landbezirke berichten weiterhin über schlechten Geschäfts­gang. Hier ist cs den Handwerkern nur dadurch möglich, die gegenwärtige Notlage zu überstehen, daß sie neben ihren Be­trieben meist noch im Besitz eines kleinen Anwesens mit etwas Landwirtschaft sind, durch die sie sich ihren Lebensunterhalt ver­schaffen.

Von weittragender Bedeutung für die Entwicklung des Handwerks werden die Auswirkungen der neuen Ardeilszeitnot- vcrordnung bezeichnet. Es ist eine starke Erregung über die neu­en Bestimmungen feftzustcllen, weil durch sie den Organisationen, die dis jetzt noch keine Tarifverträge hatten, diese aufgezwungen werden. Die Mißstimmung richtet sich vor allem gegen die Ueber stundenzuschläge. die zum Teil eine für das Handwerk nicht trag­bare Belastung bilden.

Ein besonderes Mcrhnat für die Lage in den letzten Wochen ist auch die sich stark bemerkbar machende Geldverknappung. Die Erhöhung des Reichsbankdiskonts macht sich für das Handwerk zum Teil in einer starken Erschwerung der Kreditbeschaffung be­merkbar. Der Wechsel spielt daher wieder eine verhängnisvolle Rolle. Eine ganze Anzahl Handwerker sind genötigt, ihren Ein­kauf nur mit Wechseln zu bezahlen, während sie andererseits ge­zwungen sind, ihren Kunden lange Abzahlungstermine zu ge­währen. Wenn auch der Zahlungseingang zum Teil etwas bes­ser geworden ist, so bleibt diese Besserung doch noch wesentlich hinter dem wünschenswerten Umfang zurück. Besonders in länd­lichen Gebieten ist infolge der Verluste der Landwirte in der Schweinemast der Zahlungsverkehr schlecht.

Der Arbeitsmarkt hat sich erheblich gebessert. Vor allem im

Baugewerbe war die Nachfrage nach Arbeitskräften groß. Etel len weise ist bereits Mangel an Facharbeitern eingetreten, doch ist es bisher noch immer gelungen, diesen Mangel durch Heran­ziehung auswärtiger Arbeitskräfte wieder auszugleichen. Aus dem Kammerbezirk Arnsberg wird gemeldet, daß angesichts des erhöhten Auftragsbestandes die vorhandenen Arbeitskräfte qua­litativ den Ansprüchen kaum noch genügen. Facharbeiter seien überall gesucht und wirklich gute Hilfskräfte kaum in der erfor derlichen Anzahl zu haben. Ueber die Qualität der verfügbaren Arbeitskräfte in diesem Bezirk klagen besonders Schlosser und Maler. Die Lohnsätze haben zum Teil eine weitere Steigerung

erfahren.

Trotz beit noch darüber

der verminderten Arbeitslosigkeit ist die Schwarzar- nicht erheblich zurückgegangen, wenn auch die Klagen infolge der Mchrbeschüftigung des Handwerks etwas

nachgelassen haben.

Die Rohstoff- und Materialbeschaffung war überwiegend ohne Schwierigkeiten möglich. Vereinzelt wird allerdings über Knappheit von Baumaterialien, insbesondere von Ziegeln und Holz geklagt. Die Preise weisen eine steigende Tendenz auf.

Einweihung beä hessischen Artillerie-Denkmals.

Das Denkmal der hessischen Artillerie - ein Handgranaten werfender Feldgrauer im Stahlhelm — wurde am 3. ds. Mts. in Darmstadt im Prinz-Emil Garten eingcweihl. Die Gedacht nisrede für die Toten hielt Pfarrer Rückert. Der Vorsitzende des Artillerievcreins, Generalleutnant a. D. von Klein schm i I t, gab in seiner Ansprache einen Rückblick auf die Ge­schichte der hessischen Artillerie und der Garnison Darmstadt, dankte dem Schöpfer des Denkmals, Professor Cauer, und über gab das Denkmal der Obhut der Stadtverwaltung. Nachdem die Hülle gefallen war, legte als erster der ehemalige Eroß- hcrzog, der in Uniform erschienen war, mit einigen Worten einen Kranz nieder. Weitere Kranzniederlegungen folgten. Am Nachmittag fand unter Musik ein Umzug von mehreren Tausend früheren Artilleristen statt; den einzelnen Gruppen gingen jugendliche Pfadfinder voran. Zusammensein der Teil­nehmer bei Militärkonzerten im Restaurant des Orangerie- gartens leiteten den Arlillcristcntag am Samstag ein und be­schlossen auch den Sonntag.

Deutsch englischer Kredit für Rumänien.

Die an Rumänien interessierten deutschen und englischen Bankinstitute planen eine gemeinsame Anleihealtion zugunsten Rumäniens. In Deutschland ist an Rumänien insbesondere die Diskonto- Gesellschaft interessiert.

Wochenrückblick.

Der Außenminister Stresemann weilte in Oslo, um dort einen durch die Verleihung des Friedensnobel­preises an ihn bedingten Vortrag zu halten. In treff­lichster Weise hat er den Friedenswillen des deutschen Volkes in seinen Worten dokumentiert. An die rüsten­den Völker richtete er eine Warnung. — Der Roya- listenjührer Daudet, der aus dem Pariser Gefängnis durch einen Trick entfliehen konnte, ist nun nach mehr als 10 Tagen immer noch nicht durch die Polizei ge­funden worden. Er schreibt in seine Zeitung weiter Leitartikel und macht sich dabei über die hilflose Pari­ser Polizei lustig. — Das Handelsprovisorium zwischen Deutschland und Frankreich lief am 1. Juli ab, ohne daß cs den Unterhändlern gelungen wäre, eine Ver­längerung zu erzielen, sodaß z. Z. ein vertragsloser Zu­stand herrscht. Für unsere Wirtschaft ein bedenklicher Zustand, da die Nachbarstaaten auf Warenaustausch an­gewiesen sind. — Der amerikanische Flieger Byrd, der mit einem Drci-Motorcnslugzeug und drei Begleitern über den Ozean flog, ist in der Nähe der französischen Küste ins Meer gestürzt, nachdem er wahrscheinlich vor­her schon einige Stunden über Frankreich gekreuzt hatte und ganz in der Nähe von Paris gewesen sein soll. Die Besatzung ist gerettet, doch dürfte das Meer dem Flug­zeug böse mitgespielt haben. — Nachdem nun die Auf­forderung an die beteiligten Mächte ergangen ist, Ver­treter zur Kontrolle der Schleifungen der deutschen Ost- sestungcn zu entsenden, stellt es sich heraus, daß nur Frankreich (Poincarè!) und Belgien daran Interesse haben. Wir sehen wieder einmal, wo die Triebfedern der Schwierigkeiten, die Deutschland bereitet werden, sitzen. — Der deutsche Reichstag schaffte schwere Arbeit: er verlängerte das Mieterschutzgesetz, lehnte die Ver­längerung des Fürstenabfindungsgesetzes ab, genau wie es der Reichsrat mit der geplanten Zollerhöhung tat. Die Regierung kommt daher aus einer Zwickmühle in die andere. — Derweilen prügelt man sich kreuzver­gnügt im preußischen Landtag, um die Würde des „Hohen Hauses" und den geistigen Hochstand der Volks­vertreter zu beweisen. — Die Landtagswahlen in Meck- lenburg-Strelitz weisen einen Ruck nach links auf. — In Koblenz wurde eine Rhcinausftellung eröffnet. — In Hessen feierte die Stadt Alzey in Anwesenheit des hessischen Staatspräsidenten, vieler Behörden und einer großen Zahl von Teilnehmern das Fest ihres 650jähri- gen Sradtjubiläums.

Soll die bäuerliche Produktion vernichtet werden ?

_ Es ist gewiß kein Zufall, daß sich in den letzten Jahren die krisenhaften Erscheinungen gerade auf dem bäuerlichen Absatzmarkt in geradezu ‘ beängstigender Weise wiederholen und vermehren. Im Jahre 1922 war die Schweinezucht infolge hoher Futtermittelpreise und niedriger Schweincpreise vollkommen unrentabel. Bald daraus gingen die Rindviehpreise unter den Vor kriegsstand, und hielten sich, wenn man die Inflations­zeit wegen der fehlenden Vergleichsmöglichkeit aus schaltet, bis in die jüngste Zeit unter den Preisen von 1913^ "Nach Abschluß der Handelsverträge, besonders mit Spanien, erfolgte der fast vollkommene Zusammen bruch des Deutschen Weinbaues, der in seinen Auswir lungen katastrophal war und die bis zur Siedehitze ge steigerte Erbitterung der Weinbauern zur Explosion brachte. Den Weinbauern folgten im Vorjahre die in tensivsten bäuerlichen Betriebe: die Gärtner und Ge müsebauern. Der wirtschaftliche Niedergang dieser Gruppe war ebenfalls in erster Linie aus Handelspoli tische Maßnahrnen (vor allem auf den Handelsvertrag mit Italien) zurückzuführen und erfolgte ebensoschnell wie gründlich. Kleinbäuerliche Landwirte, die mit Be­triebsgrößen von 12 Morgen und ähnlich eine oftmals starke Familie ernährten, gerieten nicht nur in un überwindliche Zahlungsschwierigkeiten, sondern hatten auch, infolge ihrer nicht abzusetzenden leicht verderb lichen Erzeugnisse, mit Ernährungssorgen sehr ernster Art zu kämpfen.

Durch diesen Vorgang wurden wiederum besonders die bäuerlichen Saatgutzüchter fühlbar in Mitleiden schast gezogen, so daß die gesamte intensiv betriebene bäuerliche Landwirtschajt den schwersten Gefahren ent gegensah und mehr als volkswirtschaftlich nützlich zur extensiven Wirtschaftsweise übergehen mußte. Der Grad der wirtschaftlichen Schädigung dieser besten bäuerlichen Ackerwirtschaften wird durch das fast völlige Verschwinden der Kauskrast angezeigt und von In­dustrie, Handel und Gewerbe auch zahlenmäßig nachzuweisen sein. Der wirtschaftlichen Abwärtsbe- wegung, dieser gewiß zahlenmäßig nicht besonders her vortretenden Betriebe, ist nun aber seit Monaten in einem rasenden Tempo die Schweinezucht gefolgt. Nicht nur die rein viehzüchtenden Gebiete stehen vor dem Ruin, sondern auch solche Bauernwirtschaften, die nur im Nebenbetrieb Vieh-, besonders Schweinezucht betrie­ben. Die vollkommene Unrentabilität der Schweine­zucht, die Unmöglichkeit einer Umstellung des Betriebes, führt der weitaus größten Mehrzahl aller bäuerlichen Betriebe, den Ausfall der letzten bis vor kurzem lohnen­den Einnahmequelle in der grausamsten Deutlichkeit vor Augen. Es ist keine Phrase, wenn in diesem Zu­sammenhänge von einer Gesährdung des Bauernstandes ernstester Art gesprochen und aus die unabsehbaren Fol gen verwiesen wird. Die bäuerliche Landwirtschaft war trotz allem auf dem besten Wege, sich den wissenschaft­lichen und technischen Errungenschaften anzupassen und aus einen scharfen Konkurrenzkampf vorzubereiten. Die Erziehungsarbeit der Behörden und Verbände begann Früchte zu zeitigen. Damit ist es, wahrscheinlich auf lange Zeit, vorbei. Ist schon an sich eine Erziehung ohne Unterstützung unmöglich, so trifft das in viel grö­ßerem Umfange bei dem völligen Fehlen auch nur in etwas gesicherter fester Einnahme zu. Es sind nicht etwa die niedrigen Preise, die in erster Linie katastro­phale Wirkungen zur Folge haben, sondern die unge­heueren und unübersehbaren Schwankungen der Pro­duktionspreise, oft bis zu 50 Prozent des Wertes, rich­ten das größte Unheil an. Ist schon ein Kaufmann un­ter ähnlichen Verhältnissen nicht lebensfähig, so trifft das bei dem Landwirt, der nur einmal im Jahr ver­kauft, in viel stärkerem Maße zu.

Die bäuerliche Landwirtschaft hat deswegen aus Gründen der Selbsterhaltung das Recht, alle möglichen Maßnahmen zur Stabilisierung der Produktionspreise zu verlangen. Erperimente handelspolitischer Art bür^ sen auf dem Rücken der Bauernschaft nicht unternom­men werden. Die volkswirtschaftliche und bevölkerungs­politische Bedeutung des Bauernstandes darf nicht nur theoretisch anerkannt werden, sondern muß auch prak­tisch Berücksichtigung finden. Staat und Regierung müssen, und zwar schleunigst, entschiedene, die'Situa­tion klärende Schritte bezüglich der politischen Handels­vertragsverhandlungen unternehmen, um damit den Angstvertäufen und dem damit verbundenen Massen- auftricb von Schweinen ein Ende zu bereiten. Die polnischen Vertragsverhandlungen dürfen nur unter dem Gesichtspunkte erfolgen, daß infolge der starken Hebung der deutschen Schweinezucht für die Fleischver- sorgung Deutschlands zu angemessenen Preisen gesorgt wird und eine polnische Schweineeinfuhr eine Vernich­tung der deutschen Viehzucht zur Folge haben würde.