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40. Jahrg

Samstag, Den 2. April 1927

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Die hessischen Beamten.

Auf der Tagesordnung stand die elfte Ergänzung Des Gc- \a ^ vom 11 Oktober 1921, Di. Besoldung der Staatsbeamten. Tu Vorlage will die Besoldung und Die Anstellungsverhält- Nisse der Staatsdiensten märtet regeln. Es lagen dazu Anträge von fast allen Parteien vor, die sich zum Teil mit den Belob dungsiäyen und zum Teil mit Der Festlegung eines bestimmten Verhältnisses der Anwärter zu den festangestellten Beamten be- sastten. Die Besoldungssätze der Regierungsvorlage bleiben dmos hinter denen des Reiches zurück. Vom Finanzausschuß wurde die Annahme eines sozialdemokratischen Antrages emp­fohlen. der für Die ersten fünf Jahre die Sätze der hessischen Regierungsvorlage und für die späteren Jahre die Reichssätze oorsieht Im übrigen soll mit einigen entsprechenden Aende­rungen die Regierungsvorlage gelten.

Erklärungen des Reichsfinanzministers.

Der Reichstag hielt gestern eine Vormittags, und eine Rachmmagsjitzung ab In der Nachmittagsfitzung jagte Der Reichsfinanzminister- Das Jahr 1927 soll eine durchgreifende Vereinfachung in sachlicher und personeller Beziehung bringen Sie must leider mit einer Vermehrung der Veranlagungs- und Volbtrcckungsbeamten beginnen. Die Steuer-Rückstände von mehr als einer halben Milliarde (Hort, hört!) sollen unbe­dingt eingetrieben werden, allerdings unter Rücksichtnahme auf Die Bedürftigen Die Einziehung der Rückstände sind wir aber den Lohnsteuerpflicktigen schuldig, Die ihre Steuern regelmästig

adführen müssen.

Einvernehmen mit

Todesfall

Die Zahl der Steuerämter werde ich den Ländern wesentlich vermindern.

am Berliner Bismarckdcnkmal.

im

Berlin, 1 April Vor dem Bismarckdentmal am Reichs­tage erschien heute mittag anläßlich des Geburtstages des ält» reich kanzlcrs eine Abordnung unter Führung des General von Wrisberg. Dieser versuchte eine Ansprache zu halten, wurde aber von Der Polizei darauf aufmerksam gemacht, dast dies Den Bestimmungen des Dannmeilengesetzes widerspreche Als der Redner trotzdem weitersprach, forderte ihn ein Schutzmann aus, mit auf Die Wache zu kommen. General n. Wr sberg folgte dieser Aufforderung, brach aber nach 2" Uletm dann plötzlich zusammen. In der Eharitè konnte nur noch sein Ton durch Schlaganfall festgestellt werden. General v. Wrisberg ist der großen Öffentlichkeit aus vielen Reichstagsdebatten bekannt geworden Er trat Dort als Abteilungschef des preußischen Kriegsminister, ums häufig hervor und war um seiner konzi­lianten Haltung willen sehr geschätzt.

Der Landtag von Mecklenburg-Lchwerin beschloß einstimmig, sich aufzulösen. Die Neuwahlen jind auf den 22. Mai angesetzt.

Das deutsch-französische Handelsabkommen unterzeichnet.

Paris, 1. April. Das provisorische Handelsabkommen zwi­schen Frankreich und Deutschland ist gestern von Briand und Balanowsky einerseits und dem deutschen Botschafter von Hösch andererseits unterzeichnet worden. Das Abkommen verlängert das provisorische Handelsabkommen bis zum 30. Juni. Letzteres enthält gleichzeitig ein Spezialabkommcn über alle Fragen der Einfuhr der französischen Weine, deren Einfuhrkontingent auf 70 000 Hektoliter festgesetzt wird und zwar für die Zeit zwischen dem 11 April und 30. Juni ds. 3$ Diese französischen Weine werden den gleichen Zolltarifen unterworfen sein, die spanische

und italienische Weine in Deutschland genießen. In dem kommen sind ebenfalls andere Spezialsragen, die sich auf Elsast und die Saar beziehen, geregelt.

Ab­das

Italienische Soldaten, Waffen und Munition in Albanien.

Am 20. März landeten 6000 feldmarschmäßig ausgerüstete italienische Soldaten nahe Skutari. Sie führten sieben Panzer- autos mit sich und halten in der Umgebung von Skutari dau­ernd Gefechtsübungen ab. In Durazo wurden 40 Gebirge- kanonen, 4 weittragende Kanonen und 50 Lastautos und noch weiteres andere Kriegsmaterial, sowie große Mengen Mu- nition ausgcladen Gleichfalls wurden 20 000 italienische Uni­formen nach Skutari gesandt, die wahrscheinlich für die jüngst mobilisierten albanischen Truppen bestimmt sind. 6 italienische Kriegsschiffe hätten in der Nähe von Valona Anker geworfen Die albanischen Truppen wurden mit zahlreichen Maschinen­gewehren versehen. 40 italienische Offiziere in Zivil sind als Instrukteure der albanischen Formationen tätig. In Skutari selbst haben italienische Offiziere das Kommando über das Dot tigc albanische Bataillon übernommen. Vor Skutari werden ausgedehnte Befestigungsarbeiten unter Leitung von italieni fchcn Ingenieuren Dorgenommen, nach deren Weisungen auch die militärischen Straften ausgebaut werden.

Wockenrückblilk.

Wad)bcm die Kantonarmee Schanghai eingenom men hat, will sie weiter ihren Bormarsch auf Peking fort jetten, um die dortige Regierung entweder zu zwin gen, sich ihren Zielen anzupasien oder sie zu stürzen. In Schanghai selbst geht es drunter und drüber. Bei einem ernstlichen Angriff der Chinesen wären die aus­ländischen Niederlassungen kaum zu halten. Man sucht nun mit Hilfe zahlreicher Flugzeuge, die im Falle eines Kampfes mit Luftbombardement drohen, die Chinesen zu erschrecken. Die Kanronrcgierung hat erklären las­sen, daß sie nicht beabsichtige, gegen die Fremdennieder- lassungen vorzugehen, im Gegenteil bedauere sie die Zwischenfälle in Wanting, bei denen die Wordtruppen die Ursache seien. Der Konflikt Italien und Jugo­slawien zieht sich in die Länge. Obwohl die europäischen Mächte bald einmal in Nom, dann wieder in Belgrad intervenieren, scheinen beide Staaten ihre eigenen Wege gehen zu wollen. Der Krieg liegt dort sozusagen in der Luft: die kriegerische Stimmung ist durch den Zankapfel Albanien hervorgerufen, schon vor dem Welt­kriege ein Schmerzenskind Europas. Damals versuchte man mit einem deutschen Fürsten das Experiment der Kultivierung der kriegerischen albanischen Gebirgs- stümme, das gründlich mißlang. Heute ist es kaum anders. Der wichtige Küstenstreifen ist ein begehrens­wertes Objekt sowohl für Italien wie für Jugoslawien. Italien konnte außerdem die Gelegenheit benützen, seine kriegslustigen Untertanen von inneren Verwick­lungen abzulenken. Zwischen Holland und Belgien ist ebenfalls eine tiefe Verstimmung cingetretcn. Man wollte die Scheldcmündung so halb internationalisie­ren. Belgien, das den größeren Vorteil davon hätte, hat schon im vergangenen Jahre dem Vertragsentwurf zugestimmt, die holländische Kammer hat ihn aber mit einer starten Mehrheit abgelehnt, da es im Falle kriegerischer Verwicklungen, bei denen nach dem Ver­trag die Scheide von belgischen Kriegsschiffen benützt werden könnte, für seine Neutralität fürchtete. In der Genfer Abrüstunqsdebatte hat Graf Bernstoff, der Vertreter Deutschlands,mannhafte Worte gesunden, in denen er den Staaten zeigte, wie sie die im Versailler Vertrag gegebenen Grundlagen einer Abrüstung zu ihren Gunsten verdrehten. Das bat natürlich schiefe Gesichter und schwere Wortkämpfe gegeben. Der Reichskanzler Dr. Marr hat in der Besatzungsfraqe ernste Worte gesprochen. Gegenüber 26 deutschen Gar­nisonen vor dem Kriege gibt es noch immer heute, 1% Jahre nach Locarno, 115 Garnisonen der alliierten Truppen. 9 364 Wohnungen sind beschlagnahmt, von denen in der zweiten Hälfte 1926 600 zurügegeben wur­den. Für die Besatzung wurden insgesamt 7 786 Woh­nungen errichtet, für die deutsche Bevölkerung nur 4 084. Die Zahlen reden eine deutliche Sprache. Es wäre tatsächlich an der Zeit, daß endlich einmal ein­schneidende Aenderungen mit dem Endziel völliger Frei­heit, einträten. In Wien fand eine glanzvolle Kund­gebung anläßlich des 100jährigen Todestages des gro­ßen deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven statt Die vorbereitenden Arbeiten eines Verwaltunosreform- gejehes in Hessen sind soweit gediehen, daß Teile daraus in Kürze dem Landtag zugehen. Eine Werbewoche für das Deutschtum im Auslande wird in Hessen im Monat Mai veranstaltet. In Mainz fand am 26. 3. eine große öffentliche Pestalozzifeier in der überfüllten Stadthalle, die ca. 7000 Personen faßt, statt, bei der der badische Staatspräsident a. D., Prof. Aellparf), die Fest­rede hielt. Am 1. April wird in Berlin ein groß­zügig angelegter Hessenabend veranstaltet, bei dem der Oberbürgermeister von Mainz. Dr. Külb, die Grüße des besetzten Messen überbringen wird.

Vom Wesen des ölaalcs

Bon Edwin Hamburger Staden.

Acil den folgenden Zeilen will ich mich besonders solche wenden, welche sich neu mit Politik beschäs ligcn. Wer politisch tätig sein will, der muß einen klaren Begriff vom Wesen des Staates haben. Wie

an

Todesurteile in Albanien.

Stutari, 31. März. Wie die hiesige Zeitung .Liria Kom- betare" meldet, hat das Kriegsgericht von Skutari wegen des nordalbanischen Aufstandes gegen Achmed Bei Zogu im No­vember des vergangenen Jahres 15 Angeklagte zum Tode und 321 Angeklagte zu Strafen von zusammen 1598 Jahren ver­urteilt.

Weitere 14 Angeklagte, denen es gelungen war, ins Aus­land zu flüchten, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Gegen 26 Personen ist das Anklageverfahren noch nicht durch Urteil abgeschlossen.

Zum Abkommen zwischen Reichslandbund und Reichsverband des deutschen Handwerks.

Das zwischen dem Reichslandbund und dem Reichsverband des deutschen Handwerks geschloffene Abkommen über eine Ar­beitsgemeinschaft hat in den Tageszeitungen teilweise eine starke Kritik gefunden. Es sei festgestellt, dast mit dem Abkom­men politischcMotive u.Absichten nicht verbunden sind. DerReichs- vcrband des deutschen Handwerks hat in absolut einwandfreier und klarer Linie von Anfang an den Grundsatz der parteipoli­tischen Neutralität nickt nur auf sein Programm gesetzt, son­dern auch strikte innegehalten. Beide Teile sichern sich übrigens durch das Abkommen volle Wirtschafts- und staatspolilische Be­wegungsfreiheit zu.

Zur Zeit, als die Konkurrenz durch die landwirtschaftlichen Genossenschaften sich gegenüber dem Handwerk am stärksten be­merkbar machte, war zwischen dem Reichsverband des deutschen Handwerks und der deutschen Landwirtschaft die Errichtung einer Lchiedsstclle veranlastt worden, die sich an die Unter­nehmer-Abteilung des Rcichswirtschaflsrars anlehnte. An dieser Schiedsstelle waren auf feiten der Landwirtschaft be­teiligt Vertreter des Landwirtschaftsrats, des Reichslandbun­des und der Vereinigung der Bauernvereine. Der Versuch, durch eine zentrale Schiedsstelle die Streitigkeiten zwischen Landwirtschaft und Handwerk zu bereinigen, ist damals ge-

kann man denn von den notwendigen Bedürfnissen eines Staatsnanzen reden, wenn man nicht dieses grobe Gebilde, das man Staal nennt, überschaut. Häufig liest und hört man auch Verwechslungen zwischen dem, was man Staat nennt und dem, was Volk 311 nennen ist Wie wenige sind sich ganz klar bewußt, daß dies scharfe Unterschiede sind.

Es ist notig, den Staat einmal vom Standpunkte der Biologie aus zu betrachten. Da möchte ich unsere Freunde zu ihrem eigenen Studium oder auch zur Lek türe bei Bereinszusammenkünfte aufmerksam machen aus eine als Sonderheft der ZeitschriftDeutsche Rund schau" im Verlag von Gebrüder Paelel in Berlin im Jahre 1920 von dem Biologen Prosesior Dr. H. c. Jakob von Uexküll verfaßte Arbeit.Staatsbiologie" ist sie benannt. Der Name sagt schon, wovon das edjrift chen handelt.

3m ersten Abschnitt führt uns der Verfasser hinein in den Bauplan des Staates. Wir lernen, daß der Staat ein nalurnotwendiges Gefüge ist und seine ganz bestimmte ihn aufbauende Ordnung besitzt. Der Staat ist aufgebaut durd) eine Menge von Menschen, welche mcht allein für sich leben und arbeiten, sondern in ihrer Tätigfeit Ketten bilden, wobei ein Glied dem anderen in die Hände arbeitet. Eine solche Kette bilden die Erzeugnungsorgane. Vom Acker, wo die Lebensmittel wachsen bis hin zum Dorfe, wo sie als Wahrung dienen, verläuft eine Kette von Menschen, welche den Stoff be arbeiten und formen. Bildlich stellt der Verfasser den Weg dar, den die Kornähre ehmen muß, um vom Felde jur Dreschmaschine zu gelangen, den weiter die Körner zur Mühle nehmen, das Mehl zum Bäcker gelangt und dann als Backwerk in die Häuser des Dorfes kommt. Die Waturnotwendigfeit, mit der diese Tätigfeit vor Hd) gebt und bestimmten Regeln folgt, drückt die exakte Biologie mit der BezeichnungFunktion" aus.

Was nun alles zu den Funktionen der Staats Organe gehört, merkt man, wenn man sich klar macht, wie jedes Mitglied eines Volkes sowohl Mitarbeiter als auch Genießer der Früchte des Staates ist. Der Verfasser weist darauf hin, daß die Arbeitsleistung des einzelnen für den Staat in keinem Verhältnis steht zu dem Reichtum der Gegengaben durch den Staat. Ein näheres Eingehen müssen wir uns aus Raummangel versagen und es bei diesem Hinweis beruhen lassen.

Wir gehen weiter und finden als zweites Staats­organ das Tauschmittelorgan. Bei primitiven Staaten findet dar Austausch der Gegenstände unmittelbar statt Der Nahrungserzeuger tauscht die Nahrung gegen die Kleidung des Kleidererzeugers ein. Bei weiter ausge bildeten Staatsorganen ist ein allgemein anerkanntes Tauschmittel eingeführt, das jedem die Möglichkeil bietet, sein Erzeugnis gegen dieses Tauschmittel umzu- setzen, oder einen notwendigen Gegenstand einzutau schen. Dabei besteht zwischen Leistung und Gegen leistung ein festes Verhältnis. Für die Innehaltung dieses Verhältnisses sorgt der durch das Tauschmittel ausgedrückte Preis. Der Peis wieder regelt sich nach der Menge der Erzeugung. Tritt eine Uebererjeugung eines Gegenstandes ein, dann sinkt dieser Preis, tritt eine Untererzeugung ein, so steigt er.

Dieses Tauschmittel durchflutet nun ein ganzes Staatswesen bis in die feinsten Teilchen. Haben wir oben von einer Kette der Erzeugungsorgane gesprochen, welche sich in einer bestimmten Richtung bewegt, so fließt das Tauschmittel in umgekehrter Richtung. Um das Tauschmittel in Fluß zu halten und für den not­wendigen Ausgleich zu sorgen, sind hier und da Sam- melftellen eingeschaltet, die den Umlauf erleichtern, die kleinen und groen Banken.

Dem Verfasser gelingt es, durch die graphische Darstellung der Staatsorgane und der Tauschmittel adern ein Bild vom Staatsförfer zu entwerfen. Die­ser Staatskörper verlangt allerdings seine Ordnung, d. b. es muß wiederum ein Organ da sein, welches da- iür sorgt, daß alle Organe ihre Funktionen verrichten. Professor von Uerfüll nennt sie Ordnunasorgane. In Tätigkeit dieser Organe vor. Der Stationschef einer Eisenbahnstation hat nicht dafür zu joraen, daß die Züge sich bewegen, sondern er hat nur dafür zu sorgen, wie sie sich nach einer bestimmten zeitlichen Regel be­wegen. Er bringt also in das scheinbar wirre Ein- und Ausfahren der Züge nach einer ihm wieder vorgeschrie­benen Zeiteinteilung Ordnung hinein. Da jedoch dieser Stationschef nur über einen beschränkten Kreis seine ordnende Macht ausüben kann, an sein Macht­bereich andere Machtbereiche seiner Amtsgenossen gren­zen, muß dafür gesorgt werden, dast an den Grenzstellen keine Unordnung eintritt. Deshalb sind für größere Bezirke Mittelpunkte eingerichtet, denen die Ueber-