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40. Jahrg. Samstag, den 1. Januar 1927. Nr. 1.

Gießener Aeitung

^^^^^Z I ^M (Neueste Nachrichten) (Gießener Tageblatt)

Erscheint: Samstags.

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Ein gesegnetes neues 9ahr

wünschen wir allen Lesern derGießener Zeitung" und allen Mitarbeitern und Freunden der Gießener Ver­lags-Druckerei. Unseren treuen Mitarbeitern, welche uns stets durch wertvolle Beiträge in die Lage ver­setzten, unsere Organe auf bleibender Höhe zu erhalten, danken wir heute recht herzlich und bitten sie, uns auch im neuen Jahre weiter tätig zu unterstützen.

Die Redaktionen derGießener Zeitung" und derHessischen Hausbesitzer-Zeitung".

P a u l E h r i st i a n K l e i n. A l b i n K l e i n.

Politische Nachrichten.

Begnadigung der Landauer Verurteilten!

Pari». Der französische Präsident hat ein Dekret unter­zeichnet, durch das sämtliche vom Kriegsgericht in Landau ver­urteilten Deutschen begnadigt werden.

Gegen die Fortdauer der Besatzung.

Düsseldorf. Auf einer außerordentlichen Tagung des rhei­nischen Promnüallandtages hielt Overpräsident Dr. Fuchs eine Ansprache, in der er seine tiefe Enttäuschung darüber zum Aus­druck brachte, daß uns das Jahr 1926 trotz Locarno, Thoiry und Genf der Räumung der Rheinlande niesn merklich näher ßc= braât bade. Nach dem Eintritt Deutschlands in den Völker­bund sei die Anwesenheit fremder Truppen auf deutschem Bo­den ein Unding. Deutschland habe ein Recht auf die baldige Entfernung der Besatzung, die ein unbedingtes Hindernis für die wahre Befriedung ist und immer bleiben wird.

Der deutsch-italienische Schiedsvertrag unterzeichnet.

Rom. Am Mittwoch Nachmittag wurde der deutsch-italie­nische Vergleichs- und Schiedsgerichts vertrag unterzeichnet und zwar deutscherseits von dem deutschen Botschafter Freiherrn v. Neurath, italienischerseits von Mussolini.

Zur Ausweisung der deutschen Redakteure in Litauen.

Berlin. Die Erklärungen des litauischen Ministerpräsiden­ten über die Deutschenausweifungen aus Memel haben in Ber­lin großes Besremden hervorgerufen. Der deutsche Gesandte in Kowno hat der litauischen Regierung seinen Zweifel darüber gelassen, daß durch die Ausweisungsbefehle eine sehr ernste Situation entstanden ist. Man erwartet, daß sich die litauische Regierung die Konsequenzen überlegt, die sich ergeben würden, wenn die Ausweisungsbefehle nicht zurückgenommen würden.

Die Erwerbslosigkeit.

Berlin. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger hat in der ersten Dezemberhälfte eine Zunahme von rund 95 0000, d i. 6,9 Prozent, erfahren

Der Mikado gestorben.

Tokio. Der Kaiser von Japan ist, 78 Jahre alt, gestorben.

Der neue Kaiser

Hirohito, der eine sehr sorgfältige Erziehung in der AdelssäMe in Tokio erhalten hat, ist 25 Jahre alt. Er hat eine Botschaft ar das japanische Volk gerichtet, in der er sichStorra" (Leuchtender Frieden) nennt.

Schaffung einer evangelischen Kirchenfahne.

Der deutsch-evangelische Kirchenausschuß hat beschloßen, als cinheitlikl)« Kirchcnfahnc ein dunkelviolettes Kreuz auf weißem Grunde zu empfehlen.

Mutig in das neue Sahr!

Sprüche 2,7. Gott läßt es dem Aufrichtigen gelingen.

Nun laßt uns gehn und treten

mit Singen und mit Beten zum Herren, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.

So singt Paul Gerhardt in den Zeiten des dreißigjährigen Krieges. Auch wir wollen in unterer Zeit des Sturmes und Dranges der Nachkriegszeit mit frohem Mure und Eottvertraucn in das neue Johr hineingehen. Was hilft es, den Kopf hängen zu laßen? Gewiß gibt es heute viele enttäuschte Menschen, die über alles Mögliche jammern. Gewiß gibt es bei dieser Jahres­wende vieles, was einem nicht gefallen kann. Wir leben eben im Reiche der Menschen und nicht unter lauter Engel. Es hat jeder seinen Grund für die Unzufriedenheit. Der eine ist nicht befriedigt vom Gange unserer Außenpolitik, der andere kann sich nicht in unsere Innenpolitik hineinfinden. Da ist einer, dem gefallen die religiösen, dem anderen die konfeßionellen Zustände in unserem Volke nicht. Der eine klagt über das herunterge­kommene Volk, der andere über seinen eignen Niedergang. Klagen über Klagen hören wir, wenn wir einen neuen Anfang machen wollen. Wie kann der Anfang gut werden, wenn er un­ter Jammern und Klagen begonnen wird? Heute gilt, noch ein anderes Wort aus schwerer Zeit unseres evangelischen Sän­gers Paul Gerhardt zu beherzigen:Aus, auf. gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht' laß fahren, was das Herze be­trübt und traurig macht: bist du doch nicht Regente, der alles führen soll: Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl." An dem getrosten und frohen Mute dieses vorbildlichen Leid­

Wochenrückblick.

Die Tage knapp vor dem Weihnachtsfest brachten noch einige Erregungsmomente im politischen Leben. Innenpolitisch war der Sturz der Reichsregierung eines der kläglichsten Ereignisse im parlamentarischen Leben. Man must sich immer wieder über die Leichtfertigkeit und Verantwortungslosigkeit unserer Parlamentarier wundern. Wo steckt da der christliche Berantwortungs- geist? Nun sind wir ohne Negierung bis Mitte Ja­nuar. Und das ausgerechnet nach Genf! Konnte man den Zeitpunkt unglücklicher wählen? Kaum? Wie eine schallende Ohrfeige für das gesamte Deutschland, wie ein Peitschenhieb für das Nechiswesen der gesamten Welt schallt in die Weihnachtsfeicrtage das Urteil im Prozeh Rouzier'. Ein chauvinistischer französischer Offi­zier knallt einen Tag vor Abzug seines Regiments in Germersheim, im besetzten Gebiet, wehrlose Deutsche in knapp 20jährigem Blutdurst zusammen. Deutsche wer­den mit in Anklage gesetzt. Urteil: die Deutschen wer­den verurteilt, der Franzose freigesprochen? Gibt es einen größeren Hohn? Unsere nationalistischen Kreise werden ihre Folgerungen daraus ausgiebig ziehen. Das mühsam geschaffene Friedensgebäude, zwischen Frankreich und Deutschland erbaut, hat eine französi­sche Granate auf das Dach gesetzt bekommen? Daran kann alles das, was nachkommt, nichts ändern? Poin- cares Geist hat dieses Urteil gefällt? Poincare hat da­mit sich, den Geist seiner Armee, den Friedenswillen Frankreichs, die Justiz der Gewalt gerichtet. Helfen kann in dieser vergifteten Atmosphäre nur der schleu­nigste Abzug der Besatzungstruppen. Fordern wir sie als Kompensation? Zu derselben Zeit putscht es in Litauen? Unklare Meldungen kommen nur von dort. Die Entscheidung, wer die Oberhand behält, ist noch nicht gefallen. Jedenfalls ist man in der Mehrheit anti-polnisch gesinnt. Das mit vollstem Recht! Von Polen hat man bis jetzt als Staat nichts Ersprießliches erlebt. Die polnischen Zustände der Vorkriegszeit be­kommen leider wir Deutsche austenpolitisch nur zu oft zu spüren. Daß man sich in anderen Staaten davor be­wahren möge, erklärt die litauische Bewegung. So werden wir innen- und außenpolitisch mit schweren Sorgen und zahlreichen Belastungspunkten ins neue ; Jahr gehen müssen. Die Zukunft liegt nicht rosig vor uns. Hoffen wir, daß im kommenden Jahre mit Gottes Hilfe sich alles zum Guten wende!

trägers wollen wir uns aufrichten. Darum laßt uns allen Klein­mut wegwerfen. Mutig gehen wir in das neue Jahr hinein !

Manchen fällt es heute schwer, an das Regiment Gottes zu glauben. Wenn man die Vergewaltigung unseres deutschen Vaterlandes sieht, die Ungerechtigkeit und Frevelhaftigkeit, wo­mit ein französisches Kriegsgericht einen Mörder freispricht, weil er Franzos ist und andere zu schweren Gefängnisstrafen verur­teilt, weil sie Deutsche sind. Andere sehen kopfschüttelnd die Herz­losigkeit und Habgier, die Bestechungen und Korruptionserschein­ungen im eignen Volke. Da meinen viele, Gott müße da mit seinem Strafgericht dazwischenfahren. So hatte Johannes sich auch den kommenden Meßias vorgestellt. Aber ein ganz anderer kam. Es kam der Bringer der göttlichen Langmut und Liebe. Daß Menschen so sündigen können, ohne daß gleich von Gott eine Strafe eintrifft, daran erkennen wir gerade, daß Gott ein gnädi­ger Gott ist. Wenn das Maß voll ist, dann wird er schon zur rechten Zeit eingreifen. Das war die Verkündigung der Pro­pheten des Judentums. Damit haben sie ihre Volksgenoßen bei Glauben und Volkstum erhalten. Eie haben sich nicht geirrt. Wie die Propheten es ansagten, so stürzten die Reiche, die schwere Schuld auf sich geladen hatten.

Darum wollen wir Gott danken, daß er so langmütig sein kann. Wer schuldlos leidet, der soll sich an dem schuldlosen Lei­den unseres Heilandes aufrichten und mit Jesus leiden. So blei­ben wir an unserem Gottesglauben. Wer in schwerer Zeit ein festes Gottvertrauen hat, der ist sicher vor der Verzweiflung, durch die sich heute so viele Menschen das Leben nehmen. Wer an Gott glaubt, der gibt sich selbst nicht auf. Er sagt vielmehr: Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich !" Er weiß, daß Gott es dem Aufrichtigen gelingen läßt.

Was bedürfen wir, um zu diesen Aufrichtigen zu gehören?

zur Mrcswtnde 1927.

Wieder ist ein Jahr an uns Dorübergcgangcn. Für alle, welche nicht über Arbeitslosigkeit zu klagen hat len, ist es mit Eilzugsgeschwindigkeit vorbeigerast. Was hat es uns alles gebracht? Das außenpolitische Ge schenk des Jahres waren die Verhandlungen in Genf. Wenn auch nicht alle Kreise unseres Volkes von den dortigen Abmachungen restlos befriedigt sind - das wird wohl auch nie möglich sein so halten doch viele das Erreichte für einen Fortschritt. Endlich hat man sich für die Beendigung der Militärkontrolle auf einen Tag, den 31. Januar 1927, geeinigt. Leider liegt die Frage der Erlösung aller immer noch besetzten Gebiete Deutschlands im Unklaren. Hoffentlich ist es möglich, im neuen Jahre auch hier Fortschritte zu erlangen. Allerdings wird diese Hoffnung durch die unglaubliche Freisprechung des Mörders Rouzier schwer erschüttert.

Unsere Wirtschaft leidet unter der Geldnot von fast allen Berufsschichten. Die Arbeitslosigkeit, welche zeitweise eine langsame Abwärtsbewegung zeigte, nahm gegen Ende des Jahres in manchen Reichsgebieten, be sonders in Berlin, wieder zu. Die Bauersleute, welche immer noch die Mißernte des vorigen Jahres spüren, haben sich in diesem Jahre noch nicht völlig erholen können. Neue Verschuldung ist über diesen Stand ge kommen, der dazu noch sehr unter ungerecht verteilter Steuerlast zu leiden hat.

Auf dem Gebiet der Kultur ist als besonderer Fortschritt das Gesetz gegen Schund und Schmutz zu nennen. Es ist erfreulich, daß ein demokratischer Mi nister gegen einen Teil seiner Partei dieses Gesetz im Reichstag durchgebracht hat. Bedauerlich waren die Schwierigkeiten, welche die Annahme eines so notwen digen Gesetzes verzögerten u. oft sogar in Frage stellten. Das Reichsschulgesetz ist in diesem Jahre nicht dem Reichstag vorgelegt^ worden, trotzdem immer wieder versichert wurde, daß seine Bearbeitung im Ministerium fortschreiten würde. Eine andere Frage wird wohl da hemmend wirken: Wie steht es um das Reichskonkordat? Wir haben ja in Nr. 51 des vorigen Jahrgangs einen längeren Artikel abgedruckt, welcher eine inoffizielle Förderung eines Reichskonkordates behauptete. Viel leicht wird uns das neue Jahr den Vorhang über diese Machenschaften lüften.

Ein wenig schönes Geschenk ist dem Reiche vor Weihnachten gebracht worden. Wie vor einem Jahre die Regierung Luther abgedankt hatte, so mußte dies­mal auf Grund eines sozialdemokratischen Misftrauens- antrags die Regierung Marx zurücktreten. Wieder gehen wir ohne Regierung in ein neues Jahr, wodurch natürlich die schwebenden Fragen der äußeren und inneren Politik ein ungewisses Schicksal erfahren haben. Diese Unstetigkeit in der politischen Leitung unseres Reiches, welche durch fehlende sichere Mehrheitsverhält­nisse verursacht war, verhindert eine geradlinigePolitik, die wesentlich die Beruhigung unseres Volkes fördern könnte. Regierungswechsel erregen die politischen Ge­müter und lassen eine neue Reichstagswahl in das Be­reich des Möglichen treten. Das vergangene Jahr war ja für uns Hessen ein wahlfreies Jahr. Damit wir

Sicher fordert Gott nicht von uns, daß wir alle gleiche Menschen sind wie die Puppen aus der Fabrik. Wie jeder sein eigenes Gesicht hat, so darf auch jeder seine eigene Art haben. Aber in dieser Eigenart soll er ein aufrichtiger, ehrlicher, ganzer Mann und eine ganze Frau sein Allc Halbheit uns Unentschlossenheit ist Gott zuwider. Wie wären wir in dem Neubau unseres Volkes weiter voran, wenn wir nicht die vielen Willensschwächen Dolks- genoßen hätten. Wie wären unsere Kirchen fest gefügt und stark, wenn wir nicht an den maßgebenden Stellen häufig so ängst­liche Männer hätten. Wir können gewiß keine Engel werden. Unsere Taten und Handlungen werden immer etwas Erden­geruch haben. Aber ehrliche, treue, ganze Menschen können wir wohl werden, die es aufrichtig meinen. Dazu wolle uns Gott im neuen Jahre helfen.

Aufrichtiges Wollen ist schließlich nie vergeblich gewesen. Wenn vielleicht auch eine Zeit lang der Erfolg ausblieb, endlich gelangt festes Gottvertrauen und treues Ausharren doch zum Sieg. Darum wollen wir mutig in das neue Jahr hineingehsu? Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?

Unsere Wege wollen wir nun in Jesu Namen gehen; geht uns dieser Leitstern für, so wird alles wohl bestehen und durch seinen Gnadenschein alles voller Segen sein.

Alle Sorgen, alles Leid soll sein Name uns versüßen, so wird alle Bitterkeit uns ein Segen werden müßen. Jesu Nam' sei Sonn und Schild, welcher allen Kummer stillt. Amen. Hr.