zs. Jahrg Samstag, den 27. März. 1926 Nr. 13.
Erscheint: Samstags.
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Sonntagsgeöanken.
Der heutige Sonntag führt uns hinein in die stille Trauer woche der Christenheit. Mit dem Jubel des Volkes und dem Hosianna.Rufen beginnt sie. mit dem schaurigen Haßgebrüll ..Kreuziget ihn" endet sie.
Goldiger Sonnenglan; liegt über Jerusalem. Blumen und Teppiche liegen auf den Straßen, die Menschen kommen aus den Häusern und harren in festlicher Freude der großen Stunde, wo der Heiland der Welt seinen Einzug halten soll als König seines Volkes. Ein Sturm der Begeisterung bricht los, als der Festzug herannaht und durch das Blumengeschmückte Portal in die Straßen der glorreichen Konigftadt einzieht. Als feien die Glorientage von ehedem wiedergekehrt, so schön ist heute wieder Jerusalem geworden, die alte herrliche Gottesstadt.
Hosiannadurchklungen und palmenumrauscht leuchtet dieser Sonntag hinein in die Trauer und Todeswoche. Gleich Frühlingswehen ziehts durch die Palmenprozession: siingende Menschen rauschende Lieder, jubelnde Menge, Blumen und Palmen. Unv ringt vom Volke zieht der Heiland ein in die Stadt der Könige.
Fünf Tage später. Dasselbe Jerusalem, dieselben Straßen, dieselbe Utcngc, aber keine Blumen und Palmen mehr, kein Hosianna-Rufen und kein Jubel und keine Freude. Eine haßerfüllte Menge begleitet wieder einen Zug durch die gleiche Stadt, umringt den Gleichen, dem sie vor wenigen Tagen Hosianna zugerufen hat und heute voll Ingrimm und Haß ein ..Kreuziget ihn!" Die Feinde des Heilandes hatten in wenigen Tagen aus Vollsbegeisterung durch Blendwerke und Betörung grimmigsten Haß erzeugt Die ihm damals zujubelten und ihm naditiefen, haben heute die Fäuste gegen ihn und verlangen seinen Tod. Für einen Straßenränder und Mörder fordern sic die Freiheit, einen Unschuldigen schlagen sie dafür ans Kreuz. -
Jener Palmensonntag in Ierusalm zeigt uns, wie leer mrd hohl und wie vergänglich alle Volksgunst ist. So wie damals, so ist es noch heute. Wogen der Volksgunst heben sich so rasch, wie sie sich wieder senken; bald turmhoch hinauf, bald in die Tiefe hinab.
Das sei uns die Lehre zum heutigen Sonntag.
Das Gesamtergebnis des Volksbegehrens zur Fürstenabfindung.
Nach den vorläufigen amtlichen Mitteilungen beträgt die Gesamtzahl der Eintragungen für das Volksbegehren 12 512 140.
Zu dem Ergebnis des Volksbegehrens nimmt nur ein Teil der Berliner Blätter Stellung. Die „Kreuzzeitung" schreibt: „Zweifellos ein Erfolg, der nicht geleugnet werden kann. Wenn auch die Mehrzahl des deutschen Volkes dem Volksbegehren ferngeblieben ist und die Enteignungsabsichten, wenn es zum Volksentscheide kommt, zu verhindern wissen wird, so muß doch angesichts der hohen Zahl der Eintragungen für das Volksbegehren eine ernste Mahnung an alle bürgerlichen Kreise gerichtet werden." Die „Tägliche Rundschau" ist der Ansicht, daß der Ausfall des Volksbegehrens den Mißerfolg des Volksentscheides in sichere Aussicht stellt.
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Aus dem Haushaltausschuß des Reichstags.
Der Haushaltsausschutz des Reichstages bewilligte unverändert di^e zur Bekämpfung des Alkoholismus ausgeworfene Summe von 1 800 000 Ji. — Eine Besprechung über das Gemeindebestimmungsrecht wurde entsprechend den früher gefaßten Beschlüssen, keine Aussprache über Gesetzesvorlagen zuzulassen, damit der Reichshaushalt rechtzeitig verabschiedet werden könne, abgelehnt, aber durch Antrag Strathmann erreicht, datz diese Aussprache noch im Laufe des März stattfinden mutz, eine Verzögerung also vermieden wird. Nur durch diese Festlegung der Aussprache auf Mitte März wurde eine unwürdige Ueberhastung, bei der jedem Redner nur 5 Minuten Redezeit gewährt worden wäre, verhütet.
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Im Reichstags-Steuerausschuß.
Berlin, 26. 3. Der Sicucrausschuß des Reichstags setzte heute vormittag 9 Uhr die Beratung des Gesetzentwurfes, betr. Steuermilderungen zur Erleichterung der Wirtschaftslage fort.
Beim Artikel 4 der Regierungsvorlage, „vereinfachte Erhebung der Vermögenssteuer 1926“, wird beschlossen, die Dor schristen zur Vermögenssteuer wie folgt zu ändern: „Die Der mögenssteuer ermäßigt sich, wenn das abgerundete Vermögen 10000 Rm. nicht übersteigt, auf 1 d. I.; 10 000, aber nicht 20 000 Am. übersteigt, auf 2 v. T.; 20 000, aber nicht,30 000 Rm. übersteigt, auf 3 v. T.: 30 000, aber nicht 50 000 Rm. übersteigt, auf 4 v. T."
Die Not des deutschen Weinbaues.
30 000 Betriebe unrentabel.
Ueber die Not der Winzer am Rhein wird mitgeteilt, daß zurzeit an der Mosel insgesamt 437 56 0 hl. unverkaufte Weine lagern. Die Ernte des Jahres 1924 ist nicht zur Hälfte, die des Jahres 1925 überhaupt nicht verkauft worden. Das sind mehr als 40 000 Fuder. 10 000 Betriebe kommen als existenzfähig
überhaupt nicht mehr in Betracht, bei über 20 000 Betrieben lohnt der Ertrag nicht mehr die Arbeit u. Beiriebsunkosten. Als wirksamstes Mittel wird bie Aufhebung des unrentablen Kleinbetriebes bezeichnet.
Reichskanzler a. D. Fehrenbach ^.
Freiburg, 2G. März. Der frühere Reichskanzler Konstantin Fehrenbach ist wenige Minuten vor 3 Uhr sanft entschlafen.
Was wir wollen.
Immer wieder gehen Nachrichten durch die Zeitungen, die Davon sprechen, daß andere Völker Expeditionen ausrüsten, um den Nordpol zu erforschen. Und nun heißt es, daß auch wir Deutschen in unserer Armut uns aufmachen wollen, um den Nordpol zu entdecken. Es wird, wie irrtümlich immer wieder verbreitet wird, darum Geld für die Zeppelin-Eckener-Spende gesammelt. Und mit Recht taucht die Frage auf: können wir denn das heute? Haben wir denn heute, wo Millionen darben, das Geld für ein solches Unternehmen?
Nein, wir haben es nicht! Die zahlreichen führenden Männer aus allen Kreisen des deutschen Wirtschaftslebens, die den Aufruf für die Zeppelin-Eckener-Spende unterzeichnet haben, würden es sicherlich nicht vor der Öffentlichkeit verantworten wollen, in diesem Augenblick schwerster wirtschaftlicher Bedräng nis auch nur die kleinste Geldsumme vom deutschen Volke zu fordern, wenn es sich um nichts anderes als um Die Erforschung des "Nordpols handelte, die gewiß noch einige Jahre Zeit hätte und notfalls auch anderen Völkern überlasten werden müßte, die durch den Krieg nicht auf einen solchen wirtschaftlichen Tiefstand gebracht worden sind, wie Deutschland.
Nein, nicht um den Nordpol geht es uns! Es geht heute um etwas ganz anderes: es geht um die Erhaltung des Lebenswerks Grafen Zeppelin; denn wenn es nicht bald gelingt, der Werft in Friedrichshafen ein neues Luftchiff in Auftrag zu geben, dann muß der Luftschiffbau Zeppelin seine Pforten schließen. Damit aber hätte das deutsche Volk der sichtbarsten Verkörperung seines unbeugsamen Willens entsagt, durch technisches Können und friedliche Kulturarbeit seine alte Stellung unter Den Völkern zurückzugewinnem Damit wären zahlreiche langjährige bewährte Arbeiter, welche die Erfahrung von 25 Jahren auf dem Gebiete der Luftschiffahrt und des Luftschiffbaues haben, brotlos geworden. Und gerade das können wir nicht wollen!
Wir haben zwar unter den Völkern der Erde die ärmeren Kleider an. Aber das soll uns nicht irre machen. Wir, die Aermeren auf der Welt, wollen das uns vom Grafen Zeppelin geschenkte Luftschiff nicht untergehen lassen. Wir, die Aermeren, wollen trotz unserer Armut nicht gleichgültig sein!
Wir wollen Dr. Eckener ein Luftschiff bauen helfen, damit er sich wieder den in die Zukunft weisenden Verkehrsplänen des überseeischen Luftschiffverkehrs zuwenden kann, damit er als Erbe Zeppelins die in friedlicher Arbeit auf diesem Gebiete gewonnene Vormachtstellung Deutschlands erfolgreich behaupte.
Und wenn das gelingt, wenn alles begreift, worauf es ankommt, wenn unser ganzes Volk diesen Aufstieg ernsthaft will, dann werden auch die andern in der Welt uns unseren Platz an der Sonne nicht länger vorenthalten können. Und sie werden nicht umhin können, einer wie der andere, zu denken, daß wir keineswegs die Geringsten geworden sind in der schweren dunklen Zeit unseres Schicksals.
vom Reisen.
Italien hat im Jahre 1924 aus dem Zustrom ausländischer Gäste eine Iahreseinnahme von 2900 Millionen Lire — etwa 4SO Millionen Mark — gemacht. Eine Riesensumme und ein unentbehrlicher Faktor für die Zahlungsbilanz Italiens gegenüber dem Auslande!
Wahrscheinlich hat Deutschland vor dem Kriege ähnliche Iahreseinahmen aus dem Ausländerverkehr genosten. Authentisches wissen wir nicht darüber; denn merkwürdigerweise hat das Statistische Reichsami gar keine Statistiken oder Schätzungen über hie Bilanz des internationalen Fremdenverkehrs veranstaltet. Aber nach sorgfältigen Schätzungen von Fachleuten sind in der Vorkriegszeit 400 bis 500 Millionen Goldmark durch Betuche von Ausländern nach Deutschland gebracht. Das wäre also auf der Aktivseite in der Bilanz des internationalen Fremdenverkehrs zu buchen gewesen. Auf der Pastivseite jedoch hätten die Ausgaben gebucht werden müssen, die von Deutschen auf Reisen im Auslande gemacht wurden. Nach privaten Schätzungen darf angenommen werden, daß vor dem Kriege etwa r. Millionen Reisen von Deutschen ins Ausland gemacht worden sind, da damals sehr viele nicht bemittelte Deutsche einmal ins Ausland reiften, so darf der Durchschnittsbetrag für die einzelne Reise nicht zu hoch angesetzt werden, vielleicht auf 300 Mark; dann wäre der Gesamtpoften auf der Pastivseite etwa 450 Millionen Mark.
In der Vorkriegszeit war die Zahlungsbilanz Deutschlands gegenüber dem Ausland stark aktiv, trotzdem der Wert unserer Einfuhr in den letzten sieben Dorkriegsjahren durchschnittlich jährlich 1510 Millionen Goldmark höher war als der Wert unserer Ausfuhr; denn zum Ausgleich hatten wir anderweitige hohe Einnahmen aus dem Auslande, in erster Linie die Zinsen
aus dem gewaltigen deutschen Auslandskapital. das bei Kriegs ausbruch auf 25 bis 2s Milliarden Goldmark geschärft wurde Vor dem Kriege spielt also die Bilanz des internationalen Fremdenverkehrs keine entscheidende Rolle Heute ist das ganz anders und uncnbtidj viel schlechter geworden Der Einfuhr Ucberschuß Deutschland ist in den ersten zehn Monaten 1925 im reinen Warenverkehr auf die Riestnsumme von 3628 Millionen Goldmark angewachsen, und der Ausgleich aus dem Eigenen fehlt, das deutsche Auslandslapnal ist durch den Krieg und seine Folgen vernichtet und nur durch Anleihen im Auslande kann der Einfuhr-llederschuß vorläufig noch notdürftig gedeckt wer den. Heute müssen alle Hedel in Bewegung gesetzt werden, die katastrophal passive Zahlungsbilanz Deutschlands gegenüber bem Auslande zu bessern und dabei fällt auch der Gestaltung des internationalen Fremdenverkehrs eine sehr bedeutsame Aus gäbe zu.
Unter den 835 000 ausländischen Gästen Italiens 192 4 nah men die deutschen die erste Stelle ein, es waren 186 000. Im Durchschnitt hat jeder ausländische Gast 1924 in Italien 572 Rik ausgegeben. Trifft diese Durchjchnittsausgabc auch für die deutschen Gäste zu, so betrug 1924 die Gesamtausgabe der deutschen in Italien 106 Millionen Mark; tatsächlich dürften sich die deutschen Gäste Italiens 1924 durchschnittlich aus woht stabenderen Schichten rekrutiert haben, als die deutschen Besucher in der Vorkriegszeit. Jedenfalls sind annähernd 100 Millionen Mark guten deutschen Geldes 1921 nach Italien abgeflossen.
Das Blatt des derzeitigen italienischen Alleinherrschers Mussolini, der „Popolo d' Italia", hat sich die Unverfrorenheit geleistet, ein Gesetz zur Beschränkung des Aufenthalts Deutschet in Südtirol auf 12 Stunden zu fordern, und daran hochtrabend die Bemerkung geknüpft: „Das Italien Mussolinis kann auf den deutschen Fremdenverkehr verzichten."
Daraus müssen natürlich die Deutschen die Schlußfolgerungen ziehen für 1926!
Italien war schließlich nur eins unter den Fremdländern, die 1924 von Deutschen besucht wurden. Die gesamte deutsche Volkswirtschaft hat davon 3ladjtcif gehabt, daß sie eine solche Riesensumme durch Vergnügungs- und Erholungsreisen Deut scher ins Ausland verloren hat. Das muß sich jeder denkende Deutsche sagen! Grundsätzlich muß die Freiheit des Verkehrs gefördert werden. Aber in dieser Ausnahmezeit schärfster wirt schaftlicher Not muß der Deutsche es als eine Ehrenpflicht empfinden, freiwillig seine Neigung zu Erholungs oder Vergnü gungsreisen ins Ausland zurückzudrängen, bis wieder bessere Tage kommen und daraus die innere Freiheit für Reisen in die Weite erwächst. Der Einzelne ist leicht geneigt, sich damit auszureden, daß die paar hundert Mark, die er für eine Reise ins Ausland ausgibt, keine Rollen spielen. Aber viel mal wenig macht viel!
Auf der anderen Seite müssen alle Anstrengungen gemacht werden, die Aktivseite des internationalen Fremdenverkehrs wieder auf die Vorkriegshöhe zu bringen. Es wäre immerhin schon eine sehr beträchtliche Erleichterung für die deutsche Zahlungsbilanz gegenüber dem Ausland, wenn wir heute wieder zu den 400 bis 500 Millionen Goldmark jährlicher Einnahmen aus dem Zustrom ausländischer Gäste kämen. Deshalb gilt es, daß Deutschland seinen alten guten Ruf der Gastlichkeit wieder herstellt. Die Hemmungen durch Paßvisum, durch Zollschikanen cct. müssen fallen. Und der gute ausländische Gast muß mit dem Gesamteindruck aus Deutschland scheiden, daß er in einem gastlichen Lande geweilt hat!
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