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I ^M (Neueste 9?achrichtcn) (Siebener Tageblatt)
Erscheint: Samstags.
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Pafsionszeit.
Wenn es auf Ostern geht, sind besonders ernste Tage im Kirchenjahr. Es ist die Pafsionszeit. Was der Mann von Nazareth hat leiden müssen, das soll dem ChristenvoLke in diesen Tagen und Wochen besonders deutlich zum Bewußtsein kommen. Wie der große und selbstlose Helfer zum Dorngekrünten wurde, wie ihn Undank und Unverstand verfolgte, wie er dennoch unermüdlich seinen Heilandsweg gegangen ist und wie er auf Gol- j gatha als ein Sterbender doch der erhabene Sieger blieb, das ; hat auch heute noch für jeden ernsten.Menschen etwas Ehr- i würdiges und Ergreifendes. Für die christliche Kirche aber bedeutet es den unvergänglichen und heiligsten Mittelpunkt des i Glaubens „Darum laßt uns versuchen", so heißt es in der tiefernsten Ansprache, die jüngst ein Landesbischof an alle Gemeinden der Landeskirche ergehen ließ, „die Menschen aus ihren Interessen und Fragen heraus zum Kreuz zu rufen und um das Kreuz zu sammeln. Das Kreuz ist neutestamentlich verstanden, die Stätte, da man zusammenkommt." Man wird ein solches Wort um so dankbarer begrüßen, als es in eine besonders schwere Zeit hineinleuchtet, eine Zeit, wo neben vielen äußeren Nöten auch eine große Weltanschauungsnot zu schaffen macht. Christlicher Passionsglaube will das Leid nicht einfach beiseite schieben, aber er nimmt ihm die schicksalhafte Trostlosigkeit, er stellt es vielmehr eben in das sieghafte Licht des Kreuzes, und so kann hier sogar von einem Leidsegen die Rede sein. Die Leidenszeit des deutschen Volkes und damit im Zusammenhänge die vielen Plagen und Kümmernisse ungezählter Einzelner, — alles ist dennoch nicht bloß zum Verzweifeln, wenn über allem Wirrsal klärend und erlösend jenes Golgatha-Kreuz sich erhebt, das dem innersten Menschen Halt und Frieden geben möchte.
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Wochenschau.
In ganz Europa richtet man einheitlich die Augen nach Gens. Die gemeinsame Frage ist: „Was wird dort geschehen?" Der wackelige Völkerbund soll durch den Eintritt Deutschlands gestützt werden. Aber noch weiß man nicht, ob diese Stützung überhaupt möglich ist. Ja, wenn Treu und Glauben die Grundlagen der europäischen Politik wären, dann ging alles glatt. So aber ist die Politik der führenden Staaten ein fortgesetztes Ränkespiel. Der englische Außenminister Chamberlain hat Briand im Geheimen versprochen, in Genf dafür einzutreten, daß, wenn Deutschland einen Ratssitz erhält, ein solcher auch Polen eingeräumt werden solle. Darüber ist nun im englischen Kabinett eine große Unstimmigkeit entstanden. Die meisten Minister sind gegen Chamberlain, wünschen, daß er seine Stellungnahme in Genf vom Ministerium vorgeschrieben bekommt, und sollen auch Demissionsschreiben eingereicht haben. So ist also auch das englische Kabinett wackelig geworden. In der öffentlichen Meinung in England, soweit man diese aus den Presjeäusterungen seststellen kann, ist über die Haltung Chamberlains Unruhe, ja Bestürzung ein- getreten. In schärfster Form greift „Manchester Guardian" die Politik Chamberlains an. Das Blatt schreibt u. a.:
„Chamberlains Birmingham-Rede kann sich als die schädlichste in ihren Wirkungen auf den Völkerbund und als die gefährlichste in ihren Wirkungen auf die europäischen Beziehungen erweisen, die bisher irgendein englischer Politiker seit Schaffung des Völkerbundes gehalten hat. Chamberlain steht in England fast allein mit seiner Bereitschaft die Türen des Völkerbundes der französischen Intrige zu öffnen. Wenn einmal ein Land mit sowenig Anspruch auf Rücksicht von seiten des Völkerbundes wie Polen für die besondere Würde einer Ratsmacht ausersehen wird, so können daraus Folgen entstehen, die weder Großbritannien noch irgendein anderer Staat in der Lage sein wird, aufzuhalten. Der Rat des Völkerbundes würde dann den Geist von Versailles und nicht den des Völkerbundes verkörpere. Der Völkerbund wird zugrunde gehen, wenn klar erwiesen ist. daß seine Beschlüsse käuflich sind. Amerika wird darüber spotten, und ein neuer Keil wird zwischen Gros- britannien und die Dominios getrieben werden, die in dieser Frage nicht die sentimentale Schwäche Chamber Iains für Frankreich teilen würden.
Auch die „Times" bezeichnet die Haltung Chamberlains als besorgniserregend. Das Blatt veröffentlicht einen von sechs konservativen Parlamentsmitgliedern unterzeichneten Brief, worin es heißt:
Die Einberufung einer Sondersitzung im März n ir dem ausgesprochenen Zweck der Ausnahrne Deutschlands in den Völkerbund bietet keine Rechtfertigung dafür, über diese andere vitale Streitfrage eine hastige Entscheidung zu erzwingen.^Die Unterzeichner richten daher an die Regierung das Ersuchen, eine unzweideutige Er
Samstag, den 13. März 1926.
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klärung abzugeben, dahingehend, daß sie unbeschadet der Haltung, die sie gegebenenfalls im September einnehmen wird, jedem Vorschlag auf Abänderung der Zu- I sammensetzung des Völkerbundsrats im März widersprechen wird, abgesehen natürlich von der 2Uahl i Deutschlands zum ständigen Mitglied.
Von einer geheimen Verpflichtung Chamberlains gegenüber Briand spricht der diplomatische Korrespondent des „Daily Chronicle", des Lloyd-George-Blattes. Er schreibt:
„Bestürzung ist das einzig passende Wort, um die Empfindungen der Mitglieder aller Parteien über biv diplomatischen Manöver in der Frage des Völkerbunds- rats, an denen Chamberlain sich beteiligt hat, auszudrücken. Chamberlain habe, wie erzählt wird, am Mittwoch das Kabinett durch Mitteilung von einer geheimen Verpflichtung gegenüber Briand überrascht, und diese Verpflichtung habe sich auf die Gewährung eines ständigen Sitzes an Spanien und eines nichtständigen Sitzes an Polen bezogen. Der Berichterstatter fragt, ob Polen als Lohn für die viermalige Verhöhnung des Völkerbundsrats einen Ratssitz erhalten solle.:
Was werden nun unsere Reichsminister den Briand- Chamberlainischen Ränken gegenüber tun? Darüber belehrt uns die Rede unseres Reichskanzlers Dr. Luther, welche er am 2. Mürz im Hamburger Rathause gelegentlich seines Besuches in Hamburg gehalten hat. Nachdem er die außenpolitische Entwicklung des Reiches dargestellt und versichert hatte, daß trotz der innerpolitischen Schwierigkeiten die außenpolitische Linie der Regierung klar und gradlinig geblieben sei, kam er auf den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu sprechen. Darüber führte er aus:
„Woraus es für die praktische Politik ankommt, ist allein dieses: Jeder Schritt, den wir tun, muß uns weiter nach oben führen. Heute will ich versuchen, meinen Zuhörern nahezubringen, daß auch Locarno nur ein Schritt auf dem Wege der allgemeinen Politik eines wirklichen Friedens ist, allerdings ein Schritt von ganz besonderer Bedeutung.
Nun wissen Sie, meine Herren, daß der Locarnopakt erst wirksam wird durch den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund. Die Reichsregierung hat deshalb den Aufnahmeantrag gestellt, nachdem der deutsche Anspruch auf Räumung der ersten Rheinlandzone endlich erfüllt war. Zunächst muß ich leider einen Umstand erwähnen, der alsbald nach der Absendung unseres Eintrittsgesuches hervorgetreten ist, und der das ganze Werk von Locarno zu zerstören droht. Sie alle wissen, worum es sich handelt, da die deutsche Oeffentlichkeit auf das tiefste von der Frage erregt worden ist. Bei allen Erörterungen über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund war es für uns ganz selbstverständlich, datz vor unserem Eintritt irgendwelche bedeutungsvollen Aenderungen innerhalb des Völkerbundes nicht mehr vorgenommen werden konnten. Auch als die Vertragspartner die Verbindung zwischen Sicherheitspakt und unserem Eintritt in den Völkerbund anregten, ist keinerlei Anregung erfolgt, aus der etwas anderes entnommen werden konnte.
Ebenso selbstverständlich war von vornherein, datz der Eintritt Deutschlands nur dann erfolgen kann, wenn wir einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat erhalten. Dies ist von allen beteiligten Regierungen auch anerkannt worden. Mit diesem Stand der Dinge ist es unvereinbar, wenn die Einräumung des ständigen Ratssitzes an Deutschland mit einer weiteren Aenderung in der Zusammensetzung des Rats verbunden würde. Wer auf Grund bestimmter Abreden seine Aufnahme in eine Organisation beantragt, darf erwarten, diese Organisation bei seinem Eintritt in unveränderter Gestalt oor- zufinden. Es ist neuerdings gesagt worden, datz die Erweiterung des Rates ein längst in Aussicht genommener Plan sei, zu dessen Verwirklichung der deutsche Antrag jetzt die pasiende Gelegenheit biete. Wäre dem so, dann wäre doch wohl das Gegebene gewesen, die deutsche Regierung bei den Verhandlungen des letzten Jahres hiervon zu verständigen. Mir ist auch nicht bekannt, datz die jetzi erörterten Veränderungen jemals auf der Tagesordnung der Bundesversammlung oder des Rates, zum Beispiel im September oder Dezember 1925, gestanden hätten. Wir haben von derartigen Absichten erst Kenntnis erhalten durch die Presseerörterungen, die unmittelbar nach Absendung unseres Völkerbundantrages einsetzten.
Von gleichem Schwergewicht aber ist für uns folgende Erwägung: Jede Meinungsäußerung über etwaige Veränderungen in der Zusammensetzung des
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Rates oder in der Organisation des Völkerbundes würde Deutschland in eine völlig unmögliche Lage dringen."
y?ad) diesen Ausführungen dürfen wir wohl von unserem Reichskanzler erwarten, daß die deutsche Abordnung sofort Genf verlassen wird, wenn man dort Ränke spinnen will. Aber die Frage der Ratssitze ist es nicht allein, was Deutschland beunruhigen kann. Es ist vielmehr noch eine Ueberraschung für die deutsche Abordnung in der Tagesordnung vorgesehen. Der erste Punkt der Xagcsorbnung in Genf beschäftigt sich mit der Ernennung des Vorsitzenden und der Dkitglieder der Saarregierungskommission und mit Angelegenheiten, die sich auf die örtliche Gendarmerie, die französischen Truppen und die Volksabstimmung im Saargebiet beziehen. Da Deutschland schwerlich seinen Ratssitz vor dem 2. ober 3. Verhandlungslag einnehmen werde, fragt man sich, ob, falls die Reihenfolge der Tagesordnung innegehalten werden, Deutschland dadurch nicht von der Erörterung eines Problems ausgeschlossen werden solle, das in ganz Deutschland als von vitaler Bedeutung angesehen wird.
Wo man hinschaut, nichts als Ränke und Hintergehungen Deutschlands. Das alles läßt uns bis jetzt noch keine Freude am Völkerbund gewinnen.
Aus Bernkastel an der Mosel wird von einem Winzerausstand berichtet. Für Donnerstag, den 26. Februar, war von seiten der Zentrumspartei eine Winzerversammlung angesetzt. Aber ungefähr 1000 junge Leute fanden es lustiger, unter Vorantragen einer schwarzen Fahne, sämtliche Fensterscheiben des Finanzamts einzuwerfen, Akten zu verbrennen und dergl. Zeitvertreib sich zu suchen. Gleiches verübten sie bei der Finanzkasse und dem Zollamt. Früher wurde solches nur unter der roten Fahne vollbracht, heute also auch unter der schwarzen. Obwohl die Steuern jetzt billiger werden, nachdem soviel zerstört wurde? Das werden sich die Winzer in Bernkastel wohl später gefragt haben.
Sonntag, den 28. Februar, wurde der deutsche Volkstrauertag begangen. Er war durchgängig ein Gedenktag an die Gefallenen des Weltkrieges. Ich schweige von denen, die den Tag zur Parteipropaganda mißbraucht haben. In Berlin fand im Reichstag, nachmittags um 12 Uhr, eine vom Volksbund „Deutsche Kriegsgräberfürsorge veranstaltete Gedenkfeier statt, zu der Reichspräsident von Hindenburg, Reichskanzler Dr. Luther, Reichsautzenminister Dr. Stresemann und zahlreiche Vertreter der Reichs-, Staats- und Stadtbehörden erschienen waren. Die Gedenkrede hielt der Präsident des Volksbundes, Pfarrer Siems. Vielleicht haben manche Leser mit Hilfe des Rundfunks die sehr eindrucksvolle Feier mitangehört.
Von den Toten gilt es nun wieder aufzuschauen zu den Lebendigen. Die schönste Ehrung für unsere Gefallenen ist helfen mit allen Gaben, allem Fleiß, aller Ueberlegung das wieder aufzubauen, wofür diese Helden gestorben sind.
Die Kosten der Wohnungszwangswirtschast betragen jährlich 2 000 000 000,— Mark!
Der Reichstagsabgeordnete Lucke hat sich der Mühe unter* zogen, die Kosten der Wohnungszwangswirtschast und ihrer Nebenerscheinungen zu berechnen. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, daß rund zwei Milliarden Reichsmark jährlich unproduktiv verausgabt werden, während man sich auf der anderen Seite mit dem Gedanken trägt, durch eine Ausländsanleihe in Höhe von N< Milliarden Mark die Kosten für den Bedarf an Woh- nungcbauten im kommenden Baujahr aufzubringen. In den Wohnungsämtern sind nach seinen Erhebungen rund 30 600 Beamte, bei den Gerichten 19 800 Beamte nur mit Wohnungs- angclcgenheiten beschäftigt. Die mit dem Wohnungswesen zusammenhängenden Steuern und Abgaben beanspruchen zu ihrer Verwaltung einen Apparat von 8000 Steuerbeamten. So sind insgesamt 38 400 Menschen mit einem Durchschnittseinkommen von 4000 je für die Verwaltungsarbeit der Wohnungszwangs- wirtschaft nötig, die einen Aufwand von 233,6 Millionen Mark allein an Gehältern verursachen. Hinzu kommen die sachlichen Ausgaben, wie Büromieten und Handlungsunkosten, die eine Summe von 100 Millionen Mark erfordern. Durch die 816 000 Prozesse wegen Wohnungszwiftigkeiten sind dem Reiche im vergangenen Jahre 122,4 Millionen Mark Unkosten entstanden, während die klagenden Parteien einen Arbeitsverdienstausfall erlitten haben, den Lucke mit 90,82 Millionen Mark beziffert. — Aus diesen Zahlen läßt sich unschwer ein Bild gewinnen, wie viel Wohnungen man mit den Mitteln hätte Herstellen können, die für die Aufrechterhaltung der Wohnungszwangswirtschast verausgabt wurden^