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M. Jahrg

Freitag, den 8. Januar 1926

Wr. 1|2.

Gießener JeiLnng

Erscheint: Dienstag und Freitag.

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Sonntagsgeüanken.

Zum Sonntagsfrieden gehört Familiengliick. Die christliche Welt hat beide Begriffe eng verbunden. Der eine hebt und trägt örn andern. Sonntagsfriede ohne diesem Glücke ist nicht denkbar.

Morgen ist Sonntag", spricht der Vater am Feierabend der Koche Und vor ihm ersteht das Bild der mit ihm sich mühen» tes Gattin und der um ihrer Liebe willen ihnen geschenkten Kin­der. wie sie sonntäglich gestimmt und gekleidet mit ihm durch den morgigen Tag gehen werden, von ihm die Sonntags-Heili» N-Kg empfangen.

Feierlicher Ernst, heilige Stimmung und friedvolle Trau- üchletl tragen in Sonntag und Familien ein gemeinsames Etwas hinein. Heute sind beide in Gefahr, Sonntag und Familie. Mt die Begriffe als solche, aber der christliche Inhalt her» leiben Als Tag der Ruhe soll wohl der Sonntag sein Recht bc» teilen; aber die Zeit will allmählich seine Heiligung verwischen. Unb io mit der Familie, die als natürliche Verbindung von Dann und Weib wohl gelten soll, der man aber die auf ewige Jteak gegründete Harmonie der christlichen Familie allmählich rühmen will. Heute ist alles Sinnen und Trachten in der Welt auf den Genuß abgefteüt und für Hohes, Ideales und Heiliges © man keine Zeit mehr haben.

Wem der Sonntag ein leuchtender Friedensstern im Drange der Woche, und die Familie das heilige Eiland ist, an dessen Ärande die Wogen der hohen See sich als tändelnder Wellen- ichleg verlaufen, der hat die heilige Pflicht, eines durch das an- btrt zu retten, den Sonntag durch die Familie und die Familie dkrch den Sonntag. Eines muß im andern wieder tiefer und inniger verankert werden.

Eo heiliget wieder den Sonntag in eurer Familie, so heiliget eite Familie wieder durch den Sonntag?

3u8 6tm hessischen Landtag.

Zusammentritt des Landtages.

$<i Plenum des Hessischen Landtags ist auf Dienstag, den 12 Januar, vormittags 10 Uhr, einberufen. Die Tagesordnung umfaßt 13 Punkte.

Per Sechser.Ausschuß des Lantages hat am Montag feine Meilen wieder ausgenommen. Alle Verhandlungen der zwei- lei Lesung werden wie die bet ersten Lesung vertraulich sein.

Tarmstadt, Januar. Folgende Anträge sind u. a. dem yis,. Landtage zugegangen: 1. Antrag Kindt und Gen., die Men für Erteilung eines Iagdwafenpasies von 50 auf 30 Mk. lc abzufetzen. 2 Antrag Hcinftedt und Gen., die Regierung zu fdu^en, eine Abänderung der Landgemeindeordnung dahin- ge^nb herbeizujühren, daß die Entlastung der nach Art. 139 Diderruflich angcstcllten Beamten nur mit den Sicherungen

möglich ist, wie sie in Art. 143 Abs. 3 für die Entlastung der ^lizcidcamtcn vorgesehen sind. 3. Antrag Dr. Niepoth und 6t**, die Finanzämter an zu weisen, bei der Beitreibung rück- itäibigcr Steuern in weitgehendstem Umfang Rücksicht auf die viltstdasniche Notlage der Steuerpflichten zu nehmen, zinslose Etittldung überall dort cintreten zu lasten, wo eine Beitreibung dir Fortführung eines Betriebes unmöglich machen würde, auf feien Fall aber die Betriebscinrichtung eines Steuerpflichtigen bei Beitreibungen unangetastet zu lasten.

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Englische ^uartieransordcrungen in Idstein.

Die französische Besatzung hat Sonnabend die Stadt Idstein im Taunus verlaßen. Gleichzeitig traf ein Kommando Englän- ! der ein und besichtigte die Quartiere. Für Idstein ist ein Bataillon in Stärke von etwa 300 Mann bestimmt. Die An- : forderungen, die die Engländer in bezug auf gute Wohnungen I und Quartiere für ihre Leute und deren Familien stellen, über» ! treffen die der Franzosen erheblich.

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Ein Wutansall.

Prag, 3. Januar. DieNarodni Listy" hält sich über die Prager Berichte auf, die in reichsdeutschen Blättern über den i Abbau der deutschen Beamten in der Tscheche! erschienen sind, j und fordert die Behörde auf, solchebrutale Lügen" nicht nur I zu widerlegen, sondern auch gerichtlich zu verfolgen.Unser aus- I wärtiger Informationsdienst kostet uns ungeheures Geld, das wäre zum größten Teil hinausgeworfenwenn wir die deutschen Bosheiten nicht vollkommen zunichte machen würden."

Blutige Arbeitslosendemonstrationen in Posen.

In der Silvesternacht fanden in Posen erhebliche Arbeits- I losendemonstrationcn statt, die sich dem Vernehmen nach gegen galizische und kongreßpolnische Beamte richteten. Bei der Macht­losigkeit der Polizei gelang es den Massen im Geschäftsvicrtel über 100 «große Schaufensterscheiben zu zertrümmern und die Auslagen zu plündern. Das alarmbereite Militär wurde erst nach der erfolgten Plünderung eingesetzt. Fünfzehn Schutzleute ! sollen verwundet und gegen hundert- Personen verhaftet wor- ' den sein. *

Das volle Geständnis.

Budapest, 5. Januar. In den Nachmittagsstunden hat Fürst ! I Windischgrätz ein volles Geständnis abgelegt und mitgeteilt, wie j die Fälschung durchgeführt wurde, und auch die Namen derjeni­gen Personen genannt, mit denen gemeinsam die Pläne entwor- 1 fen wurden, sowie auch die Namen derjenigen, die bei der Durch- i führung des Planes mitgeholfen haben. Daraufhin gab heute ' die Staatsanwaltschaft der Oberstadthauptmannschaft Weisun- gen, alle die von Windischgrätz genannten Personen sofort der Polizei vorzuführen. Gegen Abend verließen 85 Geheimpolizisten die Oberstadthauptmannschast, um die angeordneten Verhaftun­gen durchzuführen.

Deichbruchgefahr am Niederrhein.

Bei Mehr, 15 Kilometer nördlich von Wesel, besteht durch die Ueberschwemmung die Gefahr eines Deichbruches. Zur Ab­wendung dieser Katastrophe wurde die Technische Nothilfe in Wesel angerufen und in Stärke von etwa 100 Nothelfern zur ( Unterstützung der gefährdeten Deichstellen eingesetzt. Von der Heranziehung anderer Hilfskräfte aus der Bevölkerung oder Arbeitsloser wurde abgesehen, da bei der Möglichkeit eines plötzlichen Durchbruches Lebensgefahr mit den Arbeiten verbun- ! den ist.

Der Oberpräsident der Rheinprooinz hat aus den ihm zur , Verfügung gestellten Staatsmitteln den Betrag von 100 000 Rmk. der Regierung in Köln überwiesen. Das Geld ist bereits am Sonnabend den vom Hochwaster betroffenen Stadt- und Land­kreisen zur Deckung der dringendsten Bedürsniste und zur Be­schaffung von Brennstoffen untr Nahrungsmitteln ausgezahlt worden.

Neuer Dammbruch.

Emmerich, 5. Januar. Heute morgen ist der sogenannte Polderdamm in Pannerden bei Lobit in Holland gebrochen. Die Bewohner wurden von der Katastrophe so schnell überrascht, daß sie nur mit knapper Not das nackte Leben retten konnten.

*

Die Überschwemmungskatastrophe in Holland.

Amsterdam, 4. Januar. Nach hier eingetroffenen Berichten hat das Hochwaster in Holland einen bisher beispiellosen Um­fang angenommen, der die Ueberschwemmung des Jahres 1880 bei weitem übertrifft. Die ganze Westseite der Provinz Lim­burg, sowie ein großer Teil der Provinz Eelderland und Nord­brabant find vom Hochwaster der Maas und des Waal über­schwemmt. Durch verschiedene Deichbrüche ist das ganze Land zwischen Dtaas und Waal zu einem einzigen großen Master ge­worden. Allein auf der kurzen Strecke zwischen Maas und Roermont sind zehn Dörfer unter Master.

Tausende von Menschen sind gezwungen, auf den Böden und Dächern der Häuser zu kampieren.

Die Militärbehörden haben alle auf Urlaub befindlichen Mannschaften, soweit sie sich nicht schon im Mastergebiet befin­den, zurückberufen. Wie aus Beugen berichtet wird, stehen in Oefflt die Häuser an vielen Plätzen bis über die Dächer im Master. Militärische Abteilungen mit Maaskähnen, Motor­booten und Pontons sollen nach dem bedrohten Gebiet entsandt werden. Dammbrüche werden aus Bormeer und aus Beugen gemeldet. Die höchst gelegene Eisenbahnstation ist eingestürzt unb im Maaswaster verschwunden. Bei der Station Hesp er­eignete sich ein Eisenbahnunfall. Ein von der Station Mill kommender Eisenbahnzug ist infolge Einsturzes des Eisenbahn­damms entgleist. Ein Verlust an Menschenleben ist nicht zu be­klagen.

Warum bedarf die Ausbildung im Handwerk einer besonderen Regelung?

Von Dr. Fochtmann.

Unter allen gewerblichen Berufsgruppen ist das Handwerk diejenige, auf deren Ausbildung zu allen Zeiten ein besonderer Wert gelegt worden ist. Das erfordert die Eigenart des Hand­werks.

Handwerk ist individuelle Kunstfertigkeit. Beim Handwerk kommt der Leistungsfähigkeit des einzelnen eine besondere Be­deutung zu. Der Handwerker wirkt wie der schaffende Künstler ein Stück seines eigenen Ichs in sein Werk hinein, drückt seiner Schöpfung den Stempel seiner Persönlichkeit auf.

Aber nicht nur von der Erzcugerseite her wird dem Hand­werk eine individuelle 9iote gegeben. Die Arbeit des Handwerkers soll andererseits auch dem individuellen Bedarf, den besonderen Wünschen des Auftraggebers Rechnung tragen. Dem perfön lichen Geschmack angepaßte Qualitätsarbeit ist das Erzeugnis des Handwerks. Darin unterscheidet sich der Handwerker von dem Künstler, der ausschließlich sein Ich in seiner Schöpfung sich aus­wirken läßt. Aber diese besondere Orientierung stellt auch eine besondere Anforderung an das Handwerk. Der Handwerker muß Psychologe sein, der sich in das Empfinden und die Wünsche seines Kunden hineinzufühlen hat. Der Dekorateur, der Maler, der Stukkateur, der Holzschnitzer, der Schreiner muß sich beispiels­weise in die Pläne und Gedankengänge einer besonderen Innen­architektur hineinversetzen können.

Diese allgemeinen Ausgaben des Handwerks mit ihren be­sonderen Eigenarten stellen hohe Anforderungen an die Auf­fassungsgabe und die Intelligenz, an den Verstand und die Ge­schicklichkeit, an Können, Wissen und Empfinden. Eine geschickte, sichere Hand, ein ausgeprägtes Formengedächtnis, ein empfind­samer Farbensinn ist notwendig. Diesen Sinn für Form und Farbe braucht vor allem der Dekorationsmaler, der Tapezierer, die Schneiderin und die Putzmacherin. Der Bildhauer und Stuk­kateur, der Möbelschreiner muß über ein ebenso gutes wie zweck­mäßiges Raumgefühl verfügen.

Der Handwerker wird bei jeder neuen Arbeit immer wieder vor neue Aufgaben gestellt. Dazu kommt ferner, daß selten ein Stück Werkarbeit dem anderen gleicht, und da der Handwerker sein Werk vom Anfang bis zur Vollendung bearbeitet, muß er alle Sparten des Produktionsprozesses beherrschen.

Anders ist es bei der Industrie. Für die industrielle Verfertigung ist die mastenmäßige und serienweise Herstellung kennzeichnend, und die moderne Fabrikationsmethode, die Konkurrenzfähig­keit mit dem Ausland, verlangt eine immer weitgehendere Nor­mung, Typisierung und Spezialisierung, eine ausgedehnte Ar­beitsteilung, deren Ertrag mit dem Grade ihres Umfanges steigt Für die Verrichtung einer derartigen Teilarbeit ist aber leine umfangreiche Ausbildung notwendig. Es genügt eine gründ­liche Ausbildung in der Teilverrichtung und vielleicht in einigen verwandten Arbeiten. Es ist m. E. nicht nötig, daß ein Dreher oder Fräser weiß, wie geschmiedet, gegasten, genietet wird. Den Industrielchrlingen mit allen Teilen der Produktionsmethode vertraut zu machen, wäre vielleicht von pädagogischen Standpunkt aus zu begrüßen, würde aber eine unnötige Belastung des Aus- bildungsprozestes und eine Unkostenvermehrung darstellen, würde einen Leerlauf bedeuten, den sich gerade unsere jetzige Wirtschaft, die nach größtmöglichster Unkostenminderung drängen muß, nicht leisten kann. Gewiß werden an einen künftigen Werkmeister auch erhebliche Anforderungen gestellt, aber der Unterschied be­steht darin, daß er allmählich in den Aufgabekreis hineinwächst und sich durch die praktische Erfahrung, die er sich während seiner Jahre als gelernter Arbeiter und Vorarbeiter gesammelt hat, die notwendigen Kenntniste für die spätere Tätigkeit aneignen kann.

Der Handwerksmeister sieht sich im Augenblick der Geschäfts­und Betriebseröffnung auf einmal der ganzen Mannigfaltigkeit feines Aufgabekreises gegenüber. Der Werkmeister wird durch feinen Vorgesetzten kontrolliert. Er hat auszuführen, was die technische oder kaufmännische Zentrale ihm vorschreibt. Die Ar­beit, die der selbständige Handwerker vollbringt, muß er selbst vertreten und evtl, mit seiner Vermögenssubstanz bezahlen.

Als weiteres wesentliches Moment kommt hinzu, daß der Handwerker nicht nur Handwerker ist, sondern auch Kaufmann sein muß. Er muß wirtschaften, rechnen und kalkulieren können. Der Wirtschaftskampf verlangt von ihm eine ordentliche Buch­führung. Er muß über die allgemeinen Rechtsregeln Bescheid wisten, er muß die neuesten Bestimmungen des Steuerrechts und der Sozialversicherung, die wesentlichen Vorschriften der Gewerbe­ordnung und des modernen Arbeitsrechts kennen. Er hat sein Augenmerk auf den technischen Fortschritt zu richten und hat die Aenderung der Arbeitsmethoden zu studieren, kurz, er muß die Augen stets offenhalten, um zu sehen, wohin die Entwicklung der Wirtschaft strebt.

Das Schaffen selbst ist eitel Bewegung Das stümpert sich leicht zu jeder Frist, Allein der Plan, die Ueberlegung

Tas zeigt erst, was ein Meister ist.

Die oben skizzierte Vielseitigkeit des Aufgabenkreises, den der selbständige Handwerker zu bewältigen hat, macht eine be­sondere Regelung der Ausbildung des Handwerkerlehrlings und