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SS Iahrg

Samstag, den 3 Juli 1926

Nr. 27.

Gießener Ieiinng

Erscheint: Samstags.

Bezugspreis 46 Psg monatlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. — Für Aufbewahrung oder Rück, sendung Nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

Ei« deutsches Olympia.

Zum zweiten Male rüstet die deutsche Jugend zum Wett» streit um die Eichenkrän^ der Deutschen Kampfspiele. Zum ersten Male rüsten fid) auch die deutschen Turn- und Sponver- bände nach vierjähriger Pause, den inneren und äußeren Erfolg der Berliner Kampfspiele von 1922 in diesem Fahre im Kölner Stadion zu erneuern. Und nicht nur die Zeitspanne von vier Fahren, in der sich auch künftig die Deutschen Kampfspiele wie­derholen sollen, legt den Vergleich mit den Olympischen Spie­len des griechischen Altertums nahe. Auch sonst drängt gar Vieles den Vergleich mit der Antike aus. Genau wie damals das griechische Volk suchen wir aus der Zerllüftung. in die uns innere Zerrissenheit und äußeres Unglück gestürzt haben, Kraft und Sammlung in friedlichem Wettkampfe. Kein Land des Altertums ist so zerrissen gewesen durch Parteileidenschaften, durch kleinftaatlichen Egoismus und all die Uebel, an denen auch wir jahrhundertelang gekrankt haben und zum Teil noch kranken, wie das alte Griechenland. Wie einst in Olympia herrscht aber auch bei uns Friede und Ruhe auf dem neutralen Boden des Sportplatzes. Hier schweigen alle Gegensätze der Politik, hier blüht in Wahrheit ein Nationalfcst aller Deutschen heran. Wie sehr wir alle Grund haben, diesen olympischen Ge­danken im Volksbewußtsein zu erhalten und zu fördern, auch dies lehrt uns ein Blick auf die Geschichte des Altertums. Wo immer eine Zeit der Renaissance in Kunst und Wissenschaft empor stieg, da haben die Führer des Volkes auch immer wie­der das Fdeal der altgriechischen Körperkultur zu neuem Leben zu erwecken versucht. Umgekehrt ist stets — wie einst dem Niedergang der griechischen Kultur — dann auch der Nieder­gang der Körperpflege in allen ihren Formen gefolgt.

Die Wirkungen der Hungerblockade, das Valuta-Elend des größten Teiles unseres Volkes und alle anderen Nachwehen des Krieges haben den Boden für ein neues deutsches Olympia vor­bereitet. Als vor zwei Fahren die deutsche Tagung für Körper­erziehung in Berlin versammelt war, da waren Staatsmänner und Pädagogen, Philosophen und Aerzte sich einig darüber, daß in erllererstcr Linie die Pflege der Leibesübungen berufen sein würde, uns aus dem augenblicklichen Tiefstand der Volksgesund­heit herauszuführen. Seitdem haben sich immer mehr Päda­gogen und Aerzte zur Fahne des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen bekannt, und zu Beginn dieses Jahres konnte dem ersten interfraktionellen Ausschuß für Leibesübungen im deutschen Reichstag eine Denkschrift übergeben werden, in der die namhaftesten Vertreter der deutschen medizinischen Wissen­schaft ausnahmslos für die Pflege und Unterstützung der Leibes­übungen treibenden Verbände ausgesprochen haben, weil sie darin, wenn auch nicht das einzige, so doch vielleicht das wirk­samste Mittel zur Wiedergesundung unseres an Leib und Seele erkranken Volkes erblicken. Der alte Ruf nach „Rückkehr zur Wahn" findet in den Forderungen der Turnen und Sport trei­benden Fugend heute seinen natürlichsten Widerhall. Zum ersten Male in der Kulturgeschichte findet dieser Ruf hier ein Echo, das nicht zugleich auch alle Fortschritte der Zivilisation ver­neint und ablehnt, sondern das bewußt bemüht bleibt, die als notwendig erkannte Pflege des Körpers einzugliedern in die moderne Pädagogik des Geistes.

Der Boden, in dem das Saatkorn des deutschen olympischen

Wer mich bekennet.

Von Erwin Eros.

15. Fortsetzung.

„Hm. hm, das ist noch nicht ausgemacht, aber eins hättet ihr hier doch besser im Auge haben müßen, was doch allem andern vorangeht, der Nutzen und Fortschritt der allerheiligsten Kirche. Deshalb hat Seine Exzellenz euch doch zum Schultheißen gemacht, nachdem ihr konvertiert wart."

Mit offenem Mund höchstes, befremdetes Erstaunen im Fuchsgesicht, faß Peter Michel da. „Ja, aber , Herr Amtmann, darum soll doch mein Mädchen den jungen Feuerbach heiraten."

„Nein. Schultheiß, das soll sie eben nicht. Der Feuerbach soll eine andre protestantische Jungfer freien. Da aber eure Tochter zu dem Heeger inklinieret (hinneigt), so hätte er dem Burschen sagen sollen, erst werde katholisch, dann kannst du mein Schwiegersohn werden."

Der Schultheiß saß stocksteif da. Ohne daß er ein Wort sprach, konnte man deutlich erkennen, daß er sich diese Ein­mischung in seine häuslichen Verhältniße als höchst ungehörig verbat.

Der Amtmann Stubenrauch ließ sich durch die eisige Haltung des Mannes nicht anfechten. „Seine Exzellenz haben schon recht übel vermerkt und sich recht indigniert darüber ausgesprochen, daß ihr in eurem Hause nicht der Herr seid und eure Frauens­leute nicht mantenieren könnt, daß sie eurem Glauben folgen. Wenn aber der Liebhaber eurer Tochter konvertiert und dann als Schwiegersohn arreptieret wird, wird die Tochter nachfolgen, vielleicht sogar die Mutter."

„Da kennt ihr meine Weibsleute schlecht; Die haben jede einen Schädel wie von Eisen", brummte der Schultheiß.

Meinetwegen, aber wenn der Eidam katholisch ist, werden auch die Kinder katholisch; und das ist die Hauptsache und das Ziel, — ein Geschlecht nach dem andern muß gewonnen werden. In zwei Menschenaltern kann, wenn man es klug und nachhaltig

Druck. Verlag und Expedition:

Gießen, Südanlage 21 Fernsprecher Nr. 1362 Pofticheckkonto Nr. 8437 Amt Frankfurt a M.

Gedankens sich kraftvoll zum Leben entwickeln konnte, war die Deutsche Hochschule für Leibesübungen. Sie ist nicht nur die Führerin auf dem Gebiete der Körperkultur geworden, sondern zugleich die Zentralstelle für alle geistigen Bestrebungen, die darauf hinzielen, durch Forschung und Lehre die Grundlage für das Heranwachsen eines gesunden und widerstandsfähigen, dabei geistig und sitlich hochstehenden Geschlechts zu schaffen. Weit darüber hinaus liegt aber ihre tiefere Bedeutung und der Sinn, den sie in die deutsche Renaissance des olympischen Gedankens gelegt hat: Der Wert der Deutschen Kampfspiele liegt nicht in etwa allein in der Züchtung neuer Höchstleistungen einzelner. Um die Besten der Besten auszuwählen aus den Millionen, die heute in irgend einer Form schon Leibesübungen treiben, sind tausende von Weltkämpfen und Uebungsfpielen erforderlich ge­wesen. so daß der Ansporn und die Anregung, die von den Deutschen Kampsspiclen ausgehen, viel weitere Kreise in ihren Bann ziehen als die Zahl der Wettkämpfer, die schließlich um den letzten und höchsten Siegeskranz kämpfen werden. Nicht in der Verbesserung der Rekorde liegt das Ziel, sondern in der all­gemeinen Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungs­fähigkeit. in der Erreichung des individuellen Höchstmaßes kör­perlicher und seelischer Gesundheit. Das ist das Ziel der Deut­schen Kampfspiele und das ist der Geist, in dem sie den olym­pischen Gedanken der Antike zu neuem Leben erwecken wollen.

F. P.

Personalüberfluß im Reiche.

Durch die Aufhebung der Weinstcuer werden rund 600 Zoll- beamte erspart werden. Ferner werden Ende dieses Jahres beim Reichsentschädigungsamt rund 700 u. bei der Reichsschul- dcnvcrwaltung rund 600 Beamte laut Etalsvermcrk frei, wäh­rend beim Reichsausgleichsamt und dem Reichskommissariat für Reparationslieferungen im Interesse der Sparsamkeit auf eine weitere Personalverminderung hingewirtt werden soll. Bei der Reichsvcrmögcnvverwaltung werden infolge der Räumung der Kölner Zone usw. von den rund 1000 Beamten ebenfalls eine größere Anzahl anderweitig untergebracht werden müssen.

Pflicht der Reichsregierung ist es, die frciwerdenden Be­amten und Angestellten bei Bedarssverwaltungen (Post usw.) unter,zubringen. Im finanziellen Interesse des Reiches liegt es, keinerlei Neueinstellungen von Beamtenanwärtern vorzunehmen, bis diese überzählig werdenden Beamten untergebracht sind. Notwendig aber ist es, daß die Reichsregierung noch einmal alle Ressorts auf Sparsamkeit in der Verwaltung nachprüfen läßt und durch Einführung maschineller Einrichtungen, durch Ver­wendung der Nebeneinanderarbeit usw. weiteres Personal er­spart und endlich die durch die Personalverminderung freige- wordcnen Diensträume für Wohnzwecke nutzbar macht.

Offener Brief des Eparerbunbes.

An die Reichstagsfraktion der Deutschnationalen

Volkspartei Berlin-Reichstag.

In der Flugschrift Nr. 249 der Deutschnationalen Volkspartei befindet sich ein Beitrag „Für Wahrheit und Recht", dem wir folgende Stelle entnehmen:

„Das Recht schlechthin ist es allein, das die Erund- anfaßt, Holzhausen von der protestantischen Pest befreit sein." Peter Michel saß in verbißenem Schweigen da, so daß der Amtmann nach einer Weile voll Nachdruck sagte: „Mann, tut doch einmal das Maul auf, daß man erkennt, was ihr meint!"

Da erwiderte der Schultheiß: Ich sehe wirklich nicht ein, daß meine Tochter einen hergelaufenen Schuster heiraten soll, von dem ihr obendrein noch gar nicht wißt, ob er nicht bleibt, wie er ist."

„Habt ihr vergeßen, was der Pfarrer Heß von Seulberg öffent­lich bemeldet hat, daß man hier in Holzhausen allerlei Leute von auswärts aufgenommen haben, ohne Unterscheidung, ob sie ordentliche oder unordentliche Subjekte seien, nur müßten sie katholisch sein! Hier ist aber ein junger Mann, der sich um die Gemeinde Meriten (Verdienste) erworben hat, von wegen der Zigeuner, der ein rechter Meister in seinem Handwerk ist und aus allen sotanen Gründen allgemein hoch ästimieret wird. Wenn dieser zu uns traversieret, so ist das ein Exempel von gro­ßer Kraft. Und daß er nicht widersteht, sondern willfährig ist, wenn er nur seinen Schatz erlangt, das ist doch ganz klar. Er stammt ja aus der Pfalz, und dort ist man das Konvertieren gewöhnt."

Der Schultheiß gab trotz alledem nicht nach; der Amtmann Stubenrauch verlor fast die Geduld. Doch, da er wußte, daß dann der Bauer ganz unzugänglich sein werbe, so hielt er sich fest im Zaum. Wie aber sollte er diesen renitenten Bock in den Stall kriegen? Plötzlich blitzte in ihm ein neuer Gedanke aus

„Was ich euch jetzt sage, das geschieht sub sigille silentii (unter dem Siegel der Verschwiegenheit); daß müßt ihr um euer selbst willen ganz für euch behalten. Seine Exzellenz hat mich für einen höheren Posten in Franken allergnädigst auscr- ichen. Wer wird dann hier in das Amtshaus einziehen? Ihr habt einen anjchlägigen Kops; wenn ihr das beweiset und den Heeger einsangt, so wird cs eine Bagatelle (Kleinigkeit) sein, seine Exzellenz aus euch hinzulenken. Er wird wahrscheinlich ohne äußeren Hinweis daran denken, euch zu belohnen. Der hochsreiherliche Amtmann Peter Michel — wäre das nicht ein

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läge jeden Staatswesens und Bürgschaft für die Sicher heil seiner Bürger ist. Dieses Recht ist verwurzelt in bcm seinen Rechlsgesüst!, das ein gesundes Volk als uu schätzbares Erbgut durch Pflege von sittlicher Selbst zücht, Anstandsgefühl, Dankbarkeit und Treue hüten und starten muß, nicht nur durch Entfesselung hem mungsloser Begehrlichkeit anstecken lassen darf."

Es ist aufrichtig zu begrüßen, daß in diesen Aus führungen das Bekenntnis zum Recht als Grundlage jeden Staatswesens in so treulichen Worten betont wird. Leider aber muß seftge stellt werden, daß die Reichstagssratlion der Deutschnationalen Voltspartei sich etwas reichlich spät daraus besinnt, daß diese Grund Wahrheiten von a l l g e ine iner Gültigkeit sind. Es wäre erwünscht und der Sache dienlich gewesen, wenn man sich von Anbeginn an die Wahrheit der Ovidschen Worte vor Augen gehalten hätte: principiis obsta (den Anfängen widerstehe!) und sich bereits bei den Verhand lungen über die Aufwertungsgesetze vom 15. Juli 1925 im Reichstage, bei denen die Gläubiger und Sparer Interessen aus dem Spiele standen, ebenfalls in erster Reihe auf den Rechtsstandpunll gestellt hätte. Leider hat man sich aber seinerzeit so weit davon entfernt, daß das „feine Rechtsgefühl" des Volkes dessen Verletzung bis heute noch nicht vergessen hat.

Sollte die Deutschnationale Volkspartei, wie aus ihren eigenen obigen Ausführungen hervorgeht, gewillt [ein, Rechtsforderungen lediglich auf der Basis des Rechts und in Wahrung von „Treu und Glauben" zu regeln, so ist es auch heute noch nicht zu spät, das an den Gläubigern und Sparern begangene Anrecht wieder gut zu machen. Wir fordern daher auch die Reichstagsfrak Hon der Deutschnationalen Volkspartei auf, die Be­strebungen des Sparerbundes zur Erlangung einer ge rechten Aufwertung bei dem bevorstehenden Volksbe­gehren zu unterstützen.

Von diesem Schreiben geben wir der Öffentlichkeit Kenntnis.

Für Sonüergebäuüesteuer.

Vom Presseamt des hessischen Staatsministeriums wird uns mitgeteilt :

Aus den bei den Behörden einlausenden Beschwerden gegen die Sonbcrgebäubcfteiicr ergibt sich, daß die Bestimmungen über diese und namentlich die zugelassenen Steuererleichterungen vielfach nicht bekannt sind, trotz wiederholter Bekanntgabe in den Zeitungen. Es werden deshalb die in Betracht kommenden Gesichtspunkte und Anordnungen hier nochmals übersichtlich zu- [ammengcftelU:

1. Reichsgesetzliche Zwangsoorschrist.

Beschwerden wegen Erhebung einer Sondergebäudesteuer überhaupt sind zwecklos, denn die Steuer ist durch Reichsgesetz augeordnet. Nach dem Neichsgesetz müssen mindestens 35 Pro­zent der Miete durch diese Steuer weggesteuert werden, cs kann dabei bis zu 50 Prozent gegangen werden. Hessen erhebt für 1026 = 39,2 Prozent der Miete. Von dem Zeitpunkte ab, von dem ab die Miete auf 100 Prozent festgesetzt ist, — und das ist spätestens der 1. Juli haben andere Länder Belastungen von feiner Titel, und wenn dann sein Eidam Heeger in die Stelle als Schultheiß surredieret, nun, wollt ihr jetzt immer noch auf eurem Kopf bestehen, oder meint ihr nicht, daß es nütz­licher ist, sich umzudrehen und mit ganzer Intention dieser Sache nachzutrachten?"

Des Amtmanns Gesicht glänzte von lauter treuherzigem Wohlwollen. Er hatte zwar dem Freiherrn von Ingelheim einen Freund namens Kreß als Nachfolger in der Amtmannswürde empfohlen und feine Exzellenz hatte diesem den in Holzhausen freiwerdenden Posten huldvollst zugesagt, das wußte der dumme Bauer nicht und würde es auch nie erfahren. Die Hauptsache war, daß man ihn auf die Leimrute lockte.

Und der Vogel flog geradenwegs darauf zu.

Dem Schultheiß Peter Michel benahm die neue Kunde fast den Atem. Er, der von kleinen Bauersleuten stammte, der dann ein Ingelheimscher Bedienter gewesen war, — am Ende gar Amtmann!

Doch immerhin war er ein Bauersmann, und das bäuerliche Mißtrauen gegen den Vertreter des Beamtenstandes, dessen Aufgabe es war, den Bauern zu ducken und zu scheren, schlief selbst in diesem Augenblick nicht, ja, es wurde um so wacher, je unerhörter die Sache war.

Mit vor Erregung bebender Stimme sagte Peter Michel: „Will der Herr Amtmann Stubenrauch mir das, was er eben gesagt hat, durch Handschlag bekräftigen und geloben, so will ich mit ihm von der Partei sein!"

Und her Herr Amtmann Johann Nikolaus Stubenrauch itidjte lauter deutsche Biederkeit - dem Schultheißen Peter Michel die Hand.

Und nun hielten sie in guter Eintracht einen Rat, auf welchem Wege weitergegangen werden sollte. —

— Hans Heeger verwunderte sich sehr, daß die Frau Amt­mann Stubenrauch in jenen Tagen schon wieder ein Paar neue Schuhe begehrte und ihn zum Empfang des Leders in das Amts­haus bestellte. Und noch mehr verwunderte er sich über ihr verändertes Wesen. Das erstemal war sie die fürnehme Dame