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39» Jahrg

Samstag, de« 2 Oktober 1926.

Nr. 40

Gießener Iârtng

Erscheint: Samstags

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Sem RMövriWcnttn!

Paul von Beneckendorff und von Hindenburg, letzter Gene- ralstabschef des Kaiserreiches und erster, vom Volke selbst ge­wählter Präsident der Republik, tritt in sein M. Lebensjahr ein Aber nicht durch die Höhe der Jahre allein, zu denen es gekom­men ist, ward dies Leben der merkwürdigsten eines, worüber die Geschichte zu berichten haben wird' es ward jo durch den Reich­tum feines Inhalts, davon es erfüllt war, durch die Dorbilülich- teit der Ziele, denen es zugestredt hat.

Und wenn es köstlich gewefen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen . . ." Mühe und Arbeit haben dieses Lebens Inhalt ausgemacht, aber Mühe und Arbeit von nicht gewöhnlicher Art. Der eine müht sich ein Leben lang um Geld und Gut für sich und die Seinen; der andere denkt kaum an sich und den Vorteil, den seine Arbeit ihm und seiner Familie bringen könnte. Er denkt nur an die Sache, der zu dienen sein Leben bestimmt ist. Das find die Leute, die wie Schlieffen es von feinem großen Meister Moltke rühmte -das Ich und das Selbst nicht kennen", und deren Stolz es allezeit bleibt,mehr zu fein als zu scheinen". Seit der elfjährige Hindenburg, am Gittertor des Kadettenhouses zu Wahlstadl in Schlesien, die letzten Kindertränen geweint hat, als es Abschied vom Vater und von den sorglosen Jahren erster Jugend zu nehmen galt seitdem hat sein Leben dem Staat und dem Vaterland gehört. Der stete Blick auf ein überpersönliches Ziel, dem der Einzelne Gut und Leben schuldig ist, hat den Kadet­ten sicher geführt, so daß er in einem Alter, wo andere ein Recht auf ungestörte Ruhe zu haben glauben, einem MillionenVolk noch als Vorbild dienen und ihm Richtung und Haltung des Lebens zurückgeben könnte.

Die in sich gefestigte Ruhe eines tätigen Alters, das ist Hin­denburgs wertvollste Eigenschaft auf dem Prästdentenstuhl. Es ist nicht an dem, daß er jederzeit leicht für diesen oder feilen Vorschlag zu haben wäre. Er hat seinen Willen und er hat seine Meinung. In all den durchcinanderquirlenden Strebun­gen und Strömungen, die wir heute Regierung nennen, muß einer feststehen und das innere Gleichgewicht behalten. Gesegnet sei uns diese Ruhe des weisen Alters, die zuviel Wechsel und Wandel gesehen hat, um ob neuem Wechsel und Wandel die Haltung zu verlieren. Möge sie dem Deutschen Reiche, möge sie dem Deutschtum, das unser aller Vaterlande ist, noch manches liebe Jahr erhalten bleiben!

Germersheim, 30. September. Germersheim gleicht heute am Tage der Beerdigung des jüngsten Opfers der französischen Besatzung, des durch die Kugel des Leutnants Rouzier getöteten Emil Müller, einem großen Trauerhausc. Sämtliche Geschäfte find zum Zeichen der Trauer geschloßen. Die Kandelaber in den Straßen, durch die der riesige Trauerzug seinen Weg nahm» silid umflort. Die Leiche war im Hofe des Krankenhauses aufgebahrt. Unter Teilnahme der ganzen Bevölkerung non Germersheim wurde der Tote um vier Uhr nachmittags von seinen Kameraden zu Grabe getragen. Zu beiden Seiten des Sarges stritten Fackelträger mit brennenden Fackeln. Die Bürgersteige bc1 ^*ra tzen waren dicht mit Leidtragenden besetzt. Nicht aus NeM^rde waren sie gekommen. Tiefe Trauer und tiefer Schmerz spiegelte^ sich in ihren Mienen. Unter dem Geläute der Glocken der Kirchen beider Konfessionen und unter den Klängen eines Trauern morsches wurde E. Müller zur letzten Ruhe gebracht.

Ter Fehlbetrag im sächsischen Etat

beläuft sich zurzeit auf 39 Millionen Mark. Er ist allein in den letzten fünf Monaten um 19 Millionen gestiegen, und zwar zur Hälfte infolge von Mindereinnahmen, besonders aus der Miet zinssteuer und zur anderen Hälfte infolge von Mehrausgaben bei der Erwerbslosenfürsorge.

Tie Kämpfe in Marrokko.

leben überall wieder auf. Ueberfälle und Angriffe aus Posten und militärische Streifzüge finden überall statt.

In Südpersien

ist eine Rebellion ausgebrochen, die England benutzt, um sich fluß auf die innere Politik Persiens zu verschaffen.

Ein-

er 1362 und 1145.

Arbettsmarktlage und Erwerbslosigkeit io Hessen, Hessen-Nassau und Werf im Monat September 1926.

Das Lawdesamt für Arbeitsvermittlung in Frankfurt a. M. teilt uns mit:

Im Monat September ist sowohl die Zahl der Arbeitsuchen­den als auch die der Hauptunterstützungsempfänger stärker zu­rückgegangen als im Vormonat. So stellte sich die Zahl oer bei

verwendet für

8- und Kächenbrand

USSKOHLE»

den öffentlichen Arbeitsnachweisen weiblichen Arbeitsuchenden

am 15. Juli

15. August

15. September

gemeldeten männlichen und

auf 157 171

139 554

In den Saisonberufen ist die Arbeitslofenziffer naturgemäß schon wieder etwas gestiegen. Seit längerer Zeit ist zum ersten Male wieder ein geringer Rückgang der Zahl der arbeitsuchenden Angestellten festzusteNen. Auf die Gruppe der Ungelernten ent­fällt über ein Drittel aller Arbeitsuchenden.

Erwerbslosenunterstützung haben bezogen:

am 16. August

1. September

15. September Zn den einzelnen Gebietsteilen

122 618

118 363

113 039

wurden am 15. September

30 Prozent über Friebensmiete?

Eine Vorschlag des preußischen Wohlfahrtsministers.

Der preußische Wohlfahrtsminister H i r t s i e s e r veröffent­licht im Amtlichen Preußischen Pressedienst einen Aufruf, der eine Privatarbeit des Ministers darstellt und in dem es u a heißt:

Wir können und müssen die Arbeitslosigkeit dadurch er­heblich vermindern, daß wir die Wohnungsnot beseitigen. Da­mit das Wohnungswesen in Preußen voll gesundet, brauchen wir eine Bautätigkeit, die für die nächsten Jahre 200 000 neue Wohnungen jährlich erstellt. Dafür werden an öffentlichen Beihilfen jährlich benötigt eine Milliarde Mark. Als Quelle für diese öffentlichen Beihilfen kommt bis auf weiteres die Hauszinssteuer, die nötigenfalls auszubauen sein würde, in Frage. Um diese eine Milliarde Mark aus Der Hauszins- steuer für Nebenbauzwecke zu erhalten, ist die Erhebung von etwa 50 Prozent der Friedestsmiete bei Berücksichtigung der Ausfälle und der gesetzlichen Befreiung nötig.

Nötig wäre also eine weitere Steigerung der Mieten um 30 Prozent der Friedensmiele.

Diese Steigerung erscheint auf den ersten Blick unerträglich' bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, daß dieses Mehr an Miete von unserer Volkswirtschaft getragen werden muß, wenn wir in absehbarer Zeit aus der Wohnungsnot, aus der schlimm­sten Arbeitslosigkeit, aus der Wohnungszwangswirtschaft und letzten Endes auch aus der Hauszinssteuer herauskommen wollen. Die Vorteile der erhöhten Bautätigkeit sind also so groß, daß sie von keinem geleugnet werden können. Im übrigen hat kein Mensch von einem erhöhten Bauprogramm einen Nachteil, denn das Mehr der Miete kommt doch. Das zeigen die Erfahrungen in allen anderen Kulturländern. Deshalb wende ich mich an jeden Deutschen und an jeden Preußen mit der Bitte, an der Er­füllung dieses Programms mitzuwirken." - Ob der Minister viel Gegenliebe finden wird?

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Hauptunterstützungsempfänger gezählt:

auf

1000 Einwohner entfielen

am 15. 9.

am 15. 8.

in Hesien

45 831

34,0

37,9

im Bezirk Kassel

26 353

25,3

27,0

im Bezirk Wiesbaden

39 179

30,2

31.6

im Bezirk Wetzlar

1582

22,5

25,1

in Waldeck

84

1,5

3,0

im Gesamt bezirk

113 039

29,3

31,7

im Reich

25,6

Au^ dem besetzten Gebiet.

Der Oberbefehlshaber der Rheinarmee hat mit Rücksicht auf den Germersheimer Zwischenfall allen Besatzungsangchörigen im besetzen Gebiet das Tragen von Zivilkleidung verboten und gleichzeitig angeordnet, daß in den von Besatzungsiruppen be legten Orten des Nachts bis auf weiteres ein reger Patrouillen- gang in Verbindung mit den örtlichen deutschen Polizeibehörden rmgerichtet werden soll.

Ter Germersheimer Protest in Genf.

Genf, 1. Oktober. VomBürgermeister von Germersheim ging in dem Eeneralsckretaritat des Völkerbundes ein Telegramm ein, worin der Bürgermeister gegen die Zwischenfälle, die sich kürzlich zugetragen haben, und gegen die französische Besatzung protestiert. Bekanntlich kann der Völkerbund nur durch die Regierungen, nicht durch eine Gemeindebehörde angegangen werden.

Deutsches Recht.

Verheißungsvoll mehren sich die Stimmen im deutschen Vaterlande, die aus vollster Ueberzeugung in aller Oefsentlich- kcit für das einstmals gewesene deutsche Recht eintreten. Es ist der Anbeginn einer Gesundung, es ist die Stimme des Blutes, die sich nicht mehr unterdrücken läßt? Das höchste Gut des Volkes ist sein Recht, so erklang es einst begeistert von Felix Dahns Lippen'. Auf laßt uns um dieses Heiligtum kämpfen und streiten! Schlimmer denn je tobt der Kampf dunkler Machte um dieses schlichte und große Erbe einer vergangenen Zeit? Vor mir taucht da ein Bild auf, geisterhaft und geheimnisvoll:

Ein uralter Eichbaum, weithin gehen feine Zweige, am Fuße des gewaltigen Stammes ein steinerner Tisch, darauf ein breites wohlgeschlifftnes Schwert, dessen Griff die sehnige kräftige Hand eines Mannes umspannt, der reckenhaft mit blitzenden, blauen

Augen in die Versammlung von im Kreise unter den raunenden sammengetreten.

Hier wird Recht gesprochen.

kernigen Männern schaut, die Wipfeln der EerichLseiche zu-

einmal gesagtes, klares unbe-

zwingliches, unbestechliches Recht? Einfach und klar, jeder unbe­fangene, germanische Mensch fühlt es in seiner Brust? Keine Hintertreppen, keine Schliche! Tue Recht und scheue niemand! Lausche aus die Stimme deines Gewissens, deutscher Mensch.

Brüder, cs gilt das höchste Gut unseres Volkes wiederzuge- winnen! Der Einsatz lohnt? Es lebe das freie, de tische Recht B. H a r tz , d.

Scffifthcr Perktfirsverdand.

Am vergangenen Freitag fand im Gutenberg Kasino zu Mainz eine stark besuchte Borstandssitzung bet- Hessischen Ver kehrsocrbandes (Vorort Darmstadt) statt. Der Vorsitzende Th Stemmer Darmstadt begrüßte bu Erschienenen und konnte zu seiner Freude feftstellen, daß zahlreiche Vertreter von Behörden, an ihrer Spitze der Provinzialdirektor der Provinz Rheinhesien, Herr Geheimrat Dr. Usinger der Etnladung Folge geleistet hatten.

Des kürzlich dahingegangenen hochverdienten Vorsitzenden der Industrie und Handelskammer Mainz, Geheimrats Dr Bamberger, der besonders auch in Verkehrsfragen vielfach füh­rend tätig gewesen ist, gedachte die Versammlung durch Erheben von den Sitzen.

Sodann erstattete der Vorsitzende den Geschäftsbericht und gab insbesondere Kenntnis über die letzten Fahrplanverhand- luttgen in Oberhessen. Dem gemeinsamen Vorgehen her örtlichen Stellen und des Hesiischen Verkehrsverbandes sei es gelungen, in letzter Stunde wesentliche Verbesserungen für den Winterfahr^ plan entgegen den Absichten des Entwurfs zu erreichen.

Geheimrat Dr. Usinger sagte im Namen der Eingeladenen I dem Hesiischen Verkehrsverband und namentlich seinem stets I rührigen Vorsitzenden für ihre gemeinnützige Tätigkeit Dank und j wies darauf hin, daß auch die rhein-hesiischen Verkehrsintereffen ' noch immer am besten bei dem Hesiischen Verkehrsverband auf gehoben seien. Redner wies auf die Schwierigkeiten hin, mit denen gerade Hessen angesichts seiner geographischen Lage im Verkehrswesen zu kämpfen habe. Es sei dringend notwendig, daß seitens des Reiches Hesien ein besonders weitgehendes Entgegen kommen bewiesen werde. Wenn besonderen Belangen anderer Länder Rechnung getragen werde, so könne dies auch angesichts seiner besonders schwierigen Lage Hessen verlangen.

Dr. Charisse, Syndikus der Industrie und Handelskammer Mainz, dankte namens der vertretenen Hesiischen Industrie und Handelskammern für die Einladung und betonte, daß eine enge Zusammenarbeit der beiderseitigen Organisationen unbedingt geboten sei.

Dr. Pricken, Vorsitzender des Verkehrsvereins Mainz, gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß der Hesiische Verkehrsverband heute in Mainz tage. Erfreulich sei, daß tue Sache der Verkehrswerbung an Anziehungskraft gewinne. Im mer mehr sehe man ein, wie ein lebhafter Fremdenverkehr luirt schastlich für die Allgemeinheit von der größten Bedeutung sei.

Der Vorsitzende konnte mitteilen, daß im Einvernehmen mit amtlichen Stellen ein Adreßbuch der hesiischen Kraftwagenbefitzer in Arbeit ist. Das seit längerer Zeit erwartete Prachtwerk Hesienland" sei in Druck. Eine besondere Anerkennung zollte der Vorsitzende dem bedeutsamen Geschäftsbericht des mit beson­derer Tatkraft arbeitenden Verkehrsvereins Worms. Notar Stahl-Bad Nauheim betonte, daß dieses im Heisenland gelegene Weltbad schwer unter der stark fiskalischen Haltung der nraß- gebenden Stellen bezüglich der Höhe der Bäderpreise und der Kurtaxe leide. Es sei dringend geboten, diese Abgaben auf ein erträgliches Maß zurückzuführen. Bisher habe man bei den Darmstädter Stellen kein ausreichendes Verständnis gefunden Im gleichen Sinne spricht Hotelbesitzer Krauß-Bad Rouheim, der eine Revision der Taxen für unerläßlich hält, wenn nicht Bad Nauheim im schweren Konkurrenzkampf unterliegen soll.

Der 2. Vorsitzende Dr. Roesener-Darmstadt weist darauf hin, daß Mainz zugunsten des benachbarten Wiesbaden im Rheinver- tehr eine schwierige Stellung habe und daß alles geschehen müsse, um den Mainz gebührenden Teil de.s Verkehrs dorthin zu führen. Nur nach größten Schwierigkeiten sei es beispielsweise gelungen, eine erneute Benachteiligung von Mainz gegenüber Wiesbaden, die in Gestalt des Durchfahrens der Fenischnellzüge Holland Bayern durch Mainz-Kastel geplant war, hintanzu­hallen. Es sei ein besonderes Verdienst des Hesiischen Gesandten in Berlin, Exzellenz v. Biegeleben, der sich auch sonst verständnis­voll in Verkehrsfragen ganz besonders für die Wahrung der hes­sischen Interesien einsetze, daß die Nichtberücksichtigung von Mainz in letzter Stunde verhindert worden sei. In Mainz müsse übri­gens die Erkenntnis immer mehr an Raum gewinnen, daß dcr rechtsrheinische Bahnhof Mainz-Kastel ein dem linksrheinischen Hauptbahnhof durchaus gleichwertiger Bahnhof sei und daß die über Mainz-Kastel verkehrenden Züge noch stärker benützt wur­den als bisher.

Besonders dankbar begrüßt worden sei es, daß die Köln Düsieldorfcr Rheindampffchiffahrt nicht zu chrem Schaden

I den dringenden Wünschen nach verbilligten Fahrten Rechnung getragen habe. Nur so sei es vielen Einheimischen und Fremden \ möglich gewesen, sich den Genuß einer Rheinfahrt zu gestatten, i Dr. Rocsener berichtete hierauf im einzelnen über verschiedene besondere Pläne, namentlich hinsichtlich der Verbesserung der BP-Zugverbindungen in Süddeutschland und in Oberhessrn. Be­züglich eines für Rheinhesien besonders wichtigen weit ausge- . dehnten Projekts der organischen Vermehrung der BP-Züge in Süddcutschland sei in einer vom Hesiischen Verkehrsverband nach Stuttgart einberufenen Versammlung von etwa 50 Vertretern süddeutscher Stellen und Organisationen nach eingehender Aus­sprache weitgehende Uebereinstimmung erzielt worden.

Syndikus Dr. Hager-Worms klagt über die wesentlichen Verschlechterungen, die der Wormser Bewehr nach oem Kriege erlitten hat und wünscht grundlegende Verbesierungen. Es wird in Aussicht gestellt, daß in Bälde eine besondere Besprechung über