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Samstag, den 1 Mai 1926
Rr. 18.
Gießener Weitung
V ^ I w (Neueste Nachrichten) ^WM^^ (Gießener Tageblatt)
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-Flugtag
1 Lich
° der L'«ö Lich-Bessingen 8- den 25. April 1926
1 lW Uhr bis ^G Uhr
Sonntagsgeöankcn.
Maienjonntag! Der Mai ist gekommen. die Bäume schlagen aus. da bleibe, wer Lusi hat, mit Sorgen zu Haus. Der Himmel öffnet fein Sonncnhaus, und ein Iubelchor gefieberter Sänger stimmt an die Frühlingshymne am ersten Maienjonntag. Wacht auf, ihr Menschen, und höret das Klingen und Singen, das Lied des neuerwachenden Lebens' Macht Türen und Fen- iur auf, der Frühling ist da, auf sonnenhellen Wegen zieht er durchs Land, streut Blumen und Blüten über die Erde und eine Lerche über dem Feld fingt uns den Maiensegen.
Dahin sind die rauhen Tage. Stürme und Frost, Maienzeit ist wieder, der Frühling ist erwacht. Wer könnte mit grämigem He ficht das Wunder schauen, das uns der Mai gebracht? Wo ist die Lette die in dieser Zeit nicht auch ein Sehnen fühlt, ein Heimweh nach einem Wunderland, nach nie endendem Frühling, nach unendlichem Leben? Die Blumen im Hag, der Flieder 'm Strauch, die Vöglein im Walde, der blühende Mai — sic alle fingen heute das Lied vom ewigen Leben, vom ewigen Sieg, vom ewigen Triumph. Der Sieg des Lebens über den Tod vollendet sich erst im Maien.
Und ihr Menschen, die ihr heute am ersten Maicnsonniag den herrlichen Frühling, das neue Leben rings um euch seht, lernet vom Frühling unb vom Erwachen des Lebens. Dann wird das Alle unb Welke, das dürre Laubwerk von selber sauen, so wie draußen am Busch die toten Blätter fielen, als neues Leben in die Zweige drang.
Laßt Frühlingssonne herein in eure Herzen, damit das Leben erwache! Wecket das Gute, laßt Maien werden und alles Schöne erblühen, dann werdet ihr einst des Herbstes mit seinen
Darben und Gaben euch freuen! —
Waldfried.
worden.
Jahresraten vor. Die Gesamtsumme de
Schuld, bie Zinsen einbegriffen, ist auf 6847 Mill. Dollar feftge setzt worden Eine Sicherheitsklausel hinsichtlich der devtschcu Reparationsleistungen, eine von den Franzosen bis zum letzten Augenblick verteidigte Forderung. enthält nach bisherigen Mel bringen der Vertrag nicht.
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Jugend und Politik.
Alle Verständigen sind sich darüber einig, daß die vorzeitige parteimäßige Beeinflussung junger Menschen verderblich ist, und daß das Hereintragen der Partei- politik selbst in die Schule eine gewaltige Gefahr bedeutet. Mehr und mehr regen sich auch aus den Parteien heraus Stimmen nüchterner Zurückhaltung. So gibt jetzt die „Frankfurter Zig." an leitender Stelle Ausführungen des Privatdozenten Dr. Mommsen (Göttingen) Raum, in denen aus Grund der Erfahrungen in der politischen Jugendbewegung selbst für eine Heraussetzung des Wahlalters eingetreten wird:
„Gerade weil ich der politischen Jugendbewegung mehrere Jahre angehört habe, halte ich es für notwendig, einmal sehr nachdrücklich auszusprechen, daß die politische Jugendbewegung in dem Sinne, wie alle Verständigen sie erhofften, restlos gescheitert ist, und zwar in allen politischen Lagern. Eine politische Jugendbewegung, die versucht, von innen heraus sich neue politische Ideale zu erarbeiten, anstatt rein zweckmäßig für eine bestimmte parteimäßige Richtung einzutreten, gibt es heute in nennenswertem Umfang nicht mehr. Die starke Bindung der politischen Jugendorganisationen an politisch maßgebende Kreise der Weiteren hat zu einer sehr bedauerlichen Erscheinung geführt, die für fast alle Richtungen gilt. Von den in der politischen Jugendbewegung führend tätig gewesenen jungen Menschen ist ein erschreckend hoher Prozentsatz in dieser Tätigkeit innerlich und zum Teil auch äußerlich gescheitert. Ueber diese Tätigkeit wurde nicht nur die Vorbildung für den Beruf, sondern auch durch das Ueberwiegen rein organisatorischer Betätigung die wirklich politische Bildung vernachlässigt. Die Zahl z. B. der in dieser Tätigkeit stehenden Studenten, die nicht einmal bis zum Examen kamen oder an seinen Klippen scheiterten, ist eine recht erhebliche."
„Es ist selbstverständlich, daß eine Heraufsetzung des Wahlalters diesen Uebelstand nicht allein beseitigen kann, aber es ist klar, daß der Anreiz zu parteimäßiger Beeinflussung der Jugendlichen sehr erheblich gemindert wird, wenn mit ihren Stimmen erst nach Jahren zu rechnen ist. Run hat man gesagt, daß gerade vom Standpunkt der Demokratie aus politische Bildung der Jugend ein unbedingtes Bedürfnis sei. Das ist gewiß richtig, aber
gerade im Interesse der politischen Bildung der Jugend ist unbedingt nötig, ihr Zeit zu geben, sie zu erwerben, und die Jugend nicht vorher zu nötigen, durch Wahlzettel sich parteimäßig festzulegen."
Deutschlands Verarmung.
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Während im Jahre 1913 die vierte Klasse 45 Prozent aller Reisenden und die dritte Klasse 45 benutzt wurde, ergibt sich jetzt folgendes Bild. vierte Klasse 75 Prozent, dritte Klasse 22 Prozent.
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Abschluß des französisch-amerikanischen Scbulderr- abkommens.
Paris, 30. April. Das amerikanisch-französische Schuldenabkommen ist gestern abend zustande gekommen und unterzei hnct
Die Not der Junglehrer.
Eine in Berlin abgehaltene und aus ganz Preußen stark besuchte Kundgebung des Preußischen Lehrerver eins stellte fest, daß 30 000 preußische Junglehrer seit langem einen Elendsweg gingen, der unaufhaltsam ins Verderben führe. Die Berufsentfrentdung greife immer weiter um sich. Der Staat müsse um seiner selbst willen die Juttglehrerschaft vor dem völligen Zusammenbruch retten, dann werde auch diese sich zu ihm bekennen und Mitarbeiten am deutschen Boltsstaal.
Im Verlauf der Kundgebung wurde eine Entschließung einstimmig angenommen, in der schärfster Einspruch gegen die vom Preußischen Staat mit vollständig unzulänglichen Mitteln betriebene Lösung der Junglehrerfrage eingelegt wird.
Die Junglehrernot werde allmählich zu einer Kul- turschandc.
Abhilfe schaffen könne nur ein Gesetz, durch das die Klassenfrequenz so weit herabgesetzt werde, daß sämtliche Stellungslose Beschäftigung erhalten. Einstimmige Annahme fand ferner ein Antrag, der besagt, daß der Kultusminister Becker nicht das Vertrauen der preußischen Junglehrerschaft besitze. Die Forderungen der Junglehrerschaft sollen durch die Vertreter des Preußischen Lehrervereins dem Landtag und der Regierung vorgetragen werden.
fibbau und Schulprobleme.
Von H. Erdmann, Siegen.
Ein Volk, das in vier Kriegsjahren so Fürchterliches erlebt hat und unter den Folgen jener Riesenereignisse fortgesetzt aufs schwerste leidet, tann der ungewissen Zukunft nur trotzen durch Heranbildung einer wohlvorbereiteten, entbehrungsfähigen Fugend. In allen deutschen Schularten wird daher dem Heranwachsenden Geschlecht in gesunden pädagogischen Bahnen das Rüstzeug für den Existenzkampf geboten.
Viele Eltern glauben nun ihre Kinder durch Gewährung einer besseren Ausbildung in die Beamtenlaufbahn oder andere gesicherte Stellungen bringen zu können. So begann die Flucht aus der Volksschule in die höheren Schulen, die in Hessen über 200 Junglehrer abbaute und in Preußen viele Tausende stellenlos machte. Hub welches Eldorado winkt den Schülern, die unter viel Aufwand von Zeit und Geld endlich Obersekunda, Prima- reife oder gar Abitur erkämpft haben? Halt: Abbau und Sperre auf der ganzen Linie. Post und Bahn, Justiz- und Forstfach, Kirche und Schule, staatliche und Privatbüros — alle stehen unter Abbau und gewähren zur Zeit weder Unterkunft noch sichere Zukunft. Welcher Trost für betagte Eltern, die sich harte Entbehrung auferlegten, um Sohn oder Tochter die Erreichung des Zieles zu ermöglichen. Selbst eine Besserung der Wirtschaftslage kann dem Ueberangebot an Geistesarbeitern nicht die erhofften Existenzmöglichleiten bieten. Eltern, seid gewarnt! Eine gute, abgeschlossene Volksschulbildung ist auch heute noch für Millionen ausreichend, um Brot und Zufriedenheit zu finden. Allezeit nährt die Scholle; noch hat das Handwerk goldenen Boden, immer wieder bietet sich Gelegenheit, in treuer Arbeit ein nützliches und geachtetes Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden, ohne durch die Flucht aus der Volksschule in die „bessere" Schule an der Jagd nach dem Glücke teilgenommen zu haben.
Wenn auch die schönen Leistungen der höheren Schulen durchaus Anerkennung finden, kann nicht bestritten werden, daß
der Ballast Minderbegabter Schüler, namentlich in den und mittleren Klassen die Arbeit und den Fortschritt Dies führt zum Problem der Schülerauslese.
Jeder Mensch hat neben den allgemeinen Pflichten,
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sein Menschentum auferlegt, auch noch eine besondere Berufung, die seiner eigentümlichen Veranlagung entspringt. Diese Verpflichtung - seine Gaben sozial zu entfalten - hat auch der Staat zu respektieren, indem er sic hütet und pflegt und ihnen freie Bahn bereitet.
Die Möglichkeit des Ausstieges ist durch den Ueberga.rg aus der Grundschule in die verschiedenen Zweige und Bahnen des Schulwesens gegeben. Es ist nun eine Kernfrage, wie unter Ausschaltung des hindernden und hemmenden Ballastes die richtigen Kinder gefunden werden, die sich zum Aufstieg eignen. Bei dieser Auslese müßten Volksschullehrer und Philologen zweckdienlich zusammen arbeiten. Auch die Psychologie, die sich Begabungsforschung und Begabungsdiagnose zur Aufgabe gestellt hat, wird bei dieser Auswahl vortreffliche Dienste leisten können. Vorwärts! Denn
Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
An Deines Volkes Aufersteh'n!
Laß diese Hoffnung Dir nicht rauben, Trotz allem. was noch mag gefcheh'n!
I wie find die Steuern in gerechter Weise auf ein erträgliches Maß zu senken?
Bei der heutigen äußerst kritischen Wirtschastslage wird mit Recht von allen Seiten eine wesentliche Herabsetzung der in den lebten Jahren rapid angewachsenen Steuerlasten gefordert.
Wenn man die diesbezüglichen Aeußerungen in der Presse genau verfolgt, baun gewinnt man den Eindruck, als wenn die Öffentlichkeit, ja selbst einige Steuerzahler und zum Teil auch die zuständigen Behörden, über die von einzelnen Erwerbs gruppen tatsächlich aufgebrachten Gesamtsleucru nid)t ganz im Bilde sind; insbesondere nicht über die Steuern von heute im Verhältnis zu 1914.
Folgendes Beispiel:
Ein kommen 1925 an
mittlerer Gewerbebetrieb mit einem veranlagten Ein aus Gewerbe in Höhe von 6500 Mark hat im Jahre
Steuern bezahlt: Gewcrbekapitalsteuer Gcwcrüeertragssteucr Umsatzsteuer Einkommensteuer Vermögenssteuer Aufbringung Kirchensteuer
Jt .U vH Ji J( J( Jt
246 -
880.
644.
240.
68.'
188.-
zusammen Jt 2888.
also fast die Hälfte des Einkommens an Steuern abgeführt
Unter Hinzurechnung der Hauszinssteuer mit der Grundocrmögenssteuer mit der sonstigen Steuern mit
plus mehr an Hauszinssteuer für
insgesamt
1926
das
ab Umsatzsteuerermäßigung für
Gesamtsteuer
1926
1926
Ji 2430.
Jt 972.
Ji 128.
Jt 6418,
Ji 1400.-
J( 7818.
Ji 470.
Ji 73-18.
sind 8 Prozent des mit 900 000. K veranlagten Gesamt
vermögens.
Nach dem vorliegenden Steuerzettel von 1914 zahlte derselbe Betrieb bei günstigeren Deschäftsoerhältnissen wie heute:
Einkommen-, Gewerbesteuer usw.
Grund- und Gebäudesteuer
woraus sich ergibt, daß die ^Belastung für 1926 bei der Einkommen-, Gewerbesteuer usw. bei der Grund- und Gebäudesteuer
gegenüber der Vorkriegszeit beträgt.
An vorstehenden Beispielen ersieht man, Reichsregierung geplanten Steuersenkungen,
J( 290.
Ji 650.—
das tOfache das 8fache
daß die von der so begrüßenswert
sie auch sind, überhaupt nicht in die Erscheinung treten werden, wenn andererseits nicht die gesamte Steuerwirtschaft in den Ländern und Gemeinden damit in Einklang gebracht wird.
Dor allen Dingen ist es die Hauszinssteuer, die mit dem enormen Ertrag von 3 Milliarden gerade die Wirtschaft am allerschwerstcn belastet, weil die meisten handel-, Handwerk- und gewerbetreibenden Steuerzahler auch gleichzeitigHausbesitzer sind.
Angesichts der Tatsache, daß beispielsweise ein Kapitalist, der ein Vermögen von 90 000. Mark in 10 Prozent Goldpfand- briesen besitzt, und dies durch Krieg und Inflation erworben hat, nur 960. “ Mark also kaum 1 Prozent Steuern bezahlt, muß mit allem Nachdruck gefordert werden, daß die Hauszinssteuer als reine Vermögenssteuer auf das gesamte Bolksvermögen umgelegt wird. Etwa in der Weise, daß man die Hauszins-, Grundvermögens- und Vermögenssteuer zu einer allgemeinen Vermögenssteuer in Höhe von etwa 2 Prozent vereinigt. Die Verwaltungskosten, die man dadurch sparen würde, sind sehr beträchtlich und der Ertrag bei einem steuerbaren Volksvermögen von etwa 150 Milliarden würde derselbe sein.
Die angeführten Beispiele zeigen ferner, daß das immobile Kapital viel zu hoch belastet ist, während die Barvermögen, also das mobile Kapital, welches auch vielfach durch Krieg, Inflation und Nachinflationszeit erworben bezw. erhalten wurde, nur mit 1 statt 8 Prozent zur Steuer herangezogen wird.
Dieser Zustand, der auf der einen Seite einer Vermögensenteignung gleichkommt, auf der anderen Seite aber einer bestimmten Gruppe von Steuerzahlern Erleichterungen zugesteht, die nicht zu verantworten sind, ist die größte Ungerechtigkeit auf steuerlichem Gebiet, die je vorgekommen ist und die sich bitter rächen muß, wenn nicht schleunigst Abhilfe geschaffen wird.
Bei der Gewerbesteuer ließe sich ebenfalls durch Zusammenlegung der Eewerbekapital- unb Eewerbeertragssteuer ein gewaltiger Betrag an Verwaltungskosten sparen. Vor dem Kriege hatten wir doch auch nur eine Gewerbesteuer; wozu denn heute zwei Arten von Steuern, die doch ein und dasselbe sind.
Damil die Sache keinen Aufschub erleidet ist ferner, im Ee- genia^ zu dem Plan der Regierung, zu fordern, daß bis zum 1. 7. 1926 eine neue Veranlagung zur Vermögenssteuer nach dem Stichtag vom 1. 1. 1926 stattfindet, da die Vermögen sich seil 1. 1. 1924, dem Stichtag für die letzte Veranlagung, ganz gewaltig verschoben haben und zwar zu Gunsten des mobilen
Kapitals.
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