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38. Iahrg.
Donnerstag, den 29. Januar 1925
Nr. 12
Philosophie des Handwerks.
Von I. Maschmann- Mainz.
(Nachdruck nur mit Genehmigung des Verfassers gestattet.) Einleitung.
Steuersorgen für sich und die Gesellen, Auswendiglernen zahlloser gesetzlicher und behördlicher Vorschriften, immer wiederkehrende Streitigkeiten mit den Gewerkschaften wegen Lohn und Arbeitszeit, Bemühungen um Erlangung und um gewissenhafte Ausführung von Aufträgen, Verwunderung über Submissions- blüten, Prüfung technischer Neuheiten und Bestreben, die wertvollen in der eigenen Werkstatt einzuführen, Ordnung halten in der Werkstatt und den Büchern und so weiter und so weiter, nehmen den Handwerksmeister so sehr in Anspruch, daß er erstaunt und vielleicht ärgerlich fragt: Was soll ich nun auch noch mit Philosophie?
Und dennoch und erst recht! Gerade weil er in Gefahr ist, nach der einen Richtung durch die Vielheit der Anforderungen in flackernde Erregung zu geraten und nach der anderen Richtung in stumpfe Trübheit zu verfallen, gerade darum muß ihm Anregung gegeben werden, hier und da sich und die Welt zu betrachten, objektiv, jenseits vom lauten Leben des Tages und herausgehoben aus geistlosem Dahindänimern. Denn in solcher Betrachtung wird aus dem Gelehrten, dem Bauern, dem Kaufmann, dem Arbeiter, dem Beamten, dem Handwerker — der Mensch und aus dem Menschen die Persönlichkeit. Persönlichkeit heißt: Selbstbewußtsein, Denken und Wissen, Wollen und Können und als Krone — Verantwortlichkeits- gcfühl. Und Persönlichkeiten sind für eine schöne Welt notwendiger als Kinos, Phonographen, Automobile und wie diese Dinge alle heißen. Daß es aber an Persönlichkeiten fehlt, das ist eben die Krankheit unserer Zeit.
Um vielleicht zum Besserwerden ein wenig beizutragen, will ich in zwangloser Reihe einige Artikel hier folgen lassen, wenn cs dem Leserkreis des hessischen Handwerksblattes so gefällt. Für Meinungsäußerungen dafür und dagegen wäre ich dankbar.
I.
Handwerksart.
Das wunderbarste Werkzeug ist die Hand. Mit der Gegenüberstellung des Daumens zu den Fingern ist sic eine tausendfältig verschiedenartig wirkende Zange; gespreizt dient sie dem Pianisten als Hammerwerk, geschlossen dem Schwimmer als Ruder, zur Faust geballt kann sie dem Recht und leider auch dem Unrecht zum Sieg verhelfen und als Schwurhand Dom Recht und der Treue dienen, — wenn Persönlichkeit dahinter- steht. Wie verschiedenartig ist ihre Fähigkeit, von den Abstufungen, wenn der Gebirgler „zum Finger Hackeln anhebt", oder wenn sie Lasten greift und hebt, bis zu der Hand des Geldzählers an einer Bank, wenn er die Scheine so sicher und schnell zählt, daß der Zuschauer kaum folgen kann.
So Vielartiges vermögend ist die Hand und so Vielartiges vermögend das Hand werk, und das ist eben seine Besonderheit.
Ein Teil der menschlichen Bedürfnisse ist schematischer Natur, die Stahlfeder, die Stecknadel, die Eisenbahnschiene; diese werden, auch schematisch, in Massen hergestellt. Umgekehrt, sind viele Bedürfnisse eigener Natur, mit jeweils wechselnden Anforderungen, und ihre Befriedigung verlangt ein Anpassen an diese Anforderungen. So: Häuser, Möbel, Kleidung usw. So, wie die Hand den vielerlei, an sie gestellten Anforderungen genügt, so kann und muß das Handwerk sich seinen vielerlei Aufgaben anpassen. Daß es dieses muß, bewirkt nach einer Richtung hin seine Gebundenheit, die ihm nicht gestattet, Dinge schematisch in Massen herzustellen, und daß es dieses kann, gibt ihm hingegen seine Kraft, die ihm seine Unentbehrlichkeit und Zukunft verbürgt.
Das wunderbarste Werkzeug ist die Hand. Das Werkzeug also, aber nicht der M e i st e r. Der steht hinter ihr als Geist und Wille. Alles, was die Hand tut, jede Bewegung ist Ausdruck dessen, was der Gedanke will. Und alles, was der Handwerker tut, soll Ausdruck sein, dessen, was der Geist will. Willenlose Bewegung und geistloses Werk sind Krampf.
Wechselbar, wie der Geist der Zeiten, muß auch ihr Ausdruck sein, und das Handwerk muß sich darauf einstcllen. Und dennoch: Ewig, wie das Schöne, Gute, Mahre muß auch der Kern des Zeitgeistes bleiben, und wenn dieser sich zu weit von jenen entfernt, dann, Meister, ist es deine Aufgabe, die Auswüchse zu beseitigen. Denn ein Stück deiner Seele soll bei deinem Handwerk sein.
Ich stand vor dem hohen Dom und bewunderte ihn. Dann fragte ich ihn: Weißt du, wie großartig und dabei wie schön gegliedert du bist? So, du weißt es nicht? Kannst dir das auch nicht denken? Dann bin ich mehr wie du, denn ich kann sich denken. Und doch muß ich dich bewundern. Wie kommt das? Und nun wird es mir klar. Es ist der Ausdruck der Gedanken, die dich werden hießen, den ich bewundere. Der meisterhafte Ausdruck und letzten Endes die Gedanken selbst. Ich stehe in Zwiesprache mit dem Baumeister, und wir beide verstehen einander. Und ich stehe im Gespräch mit jeder der geschickten Hände, die dem Gedanken Ausdruck gaben, und auch wir verstehen einander. Und ich bewundere
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