Giessener Zeitung
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38. Jahrg.Samstag, ÄM 23. Mai lv2b. Nr. 6».
Wirtschaftliche Rnndscha«.
(Zusammenfassende Uebersicht über die deutsche Wirtschaftslage.)
(Nachdruck verboten.)
Allgemeine Lage- Die Unsicherheit im deutschen Wirtschaftsleben hat angehalten. Die Kapitalnot konnte durch die bisherigen Kreditgewährungen nicht behoben werden, sondern hat sich eher noch weiter ausgewachsen. Der ausländische Kreditzuflug ist nicht mehr so stark wie ehedem; der inländische wird als vollkommen unzulänglich erklärt.
Staatswirtschaft. Im April erzielte das Reich an Steuern, Zöllen und Abgaben insgesamt 652,9 Mill, gegen 601,7 im März. Die Mehreinnahmen sind auf die Einkommen- und Umsatzsteuer zurückzuführen. — Bei der Reichshauptkasse betrugen im April die Einzahlungen 668,3 Mill. (März 623, die Auszahlungen 649,7 (619), sodaß ein Ueberschuß von 18,6 (4) Mill, verbleibt. Der Stand der schwebenden Schuld vom 30. April beträgt 155,8 (31. Mä^ 153,8).
Geldmarkt. Leichte Ansätze zu einer Besierung der bisherigen gedrückten Börsentendenz sind zwar erkennbar geworden, aber, in der großen Linie gesehen, verharrt die Börse Boi), noch immer in abwartender Stellung. Wenn sich auch ein festerer Unterton durchrang, so handelte es sich immer noch um kleines Geschäft, das nur da und dort lebhaftere Ausmaße annahm.
Handel, Gewerbe und Industrie. Die letzte Groghandelsindexziffer ist um 0,3 Prozent auf 131,3 zurückgegangen. — Die großen Industriezweige, namentlich die Maschinen-, die Eisen- und Papierindustrie sind zur Zeit mit Aufträgen gut bedacht. Auch die Kaliindustric kann nach Abschluß der getroffenen Vereinbarungen mit einer guten weiteren Entwicklung rechnen. — Nach dem katastrophalen Verlauf der Londoner Wollauktion ist eine scharfe Krise auf dem Gebiete der Wolle zu konstatieren. Sie ist geeignet, die schwierige Lage der deutschen Textilindustrie noch zu verschärfen. — Die Schwerindustrie ist in den meisten Betrieben gut beschäftigt. — Interessenten am deutsch-ägyptischen Handel beabsichtigen in Frankfurt a. M. eine Auskunftsund Vermittlungsstelle ins Leben zu rufen. — Ende Mai findet eine deutsche kaufmännische und industrielle Expedition, verbunden mit offizieller Musterschau, in Mexiko statt. — Im April hat sich die günstigere Entwicklung des deutschen Außenhandels fortsetzen können. — Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft fordern die sofortige Aufhebung der Preistreibereigesetzgebung.
Kohlen. Die kritische Lage im Kohlenbergbau hält an und hat sich weiter verschärft. Der Absatz an Hausbrandkohlen ist durchaus unbefriedigend, und auch der Abruf der Industrie ist ziemlich gering.
Holzmarkt. Am Nadelschnittwarenmarkt blieb die Stimmung weiterhin zuversichtlich und durch den Umstand begünstigt, daß die Vorräte im allgemeinen ziemlich knapp geworden sind und der Markt infolgedessen durch dringliches Angebot nur
wenig oder gar nicht beunruhigt wird. Bei den größeren Holzversteigerungen der letzten Zeit sind zum Teil wieder verhältnismäßig höhere Preise gezahlt worden.
Marenmarkt. Die fast täglichen Meldungen über Insolvenzen im Textil- und Lederhandel, in der Konfektion und im Getreidehandel, sowie die Klagen über mangelnden Zahlungseingang auf allen Warengebieten illustrieren die schwere Krisis, die der Warenmarkt zu überwinden hat. — Der Metallmarkt verharrt weiterhin träge und ohne Anregung. — Die wachsende Nachfrage nach Gummi hat in einer starken Preissteigerung ihren Ausdruck gefunden. — Gegenwärtig Belaufen sich die sichtbaren Weltvorräte an Zucker auf rund 79 Mill. Zentner gegen 68,28 und 62,57 Mill. Zentner in der entsprechenden Zeit zu den beiden Vorjahren. — Auf der Erfurter Häuteversteigerung erfuhren Ochsen- und schwere Rinderhäute gegen April einen Aufschlag von 10 bis 15 Prozent; auf der Hamburger Versteigerung blieben Kalbfelle 5 bis 10 Prozent niedriger als im April. — Am Ledermarkt verlief das Geschäft ziemlich ruhig und größere Abschlüsse fanden nicht statt. Als Hauptkäufer ist die Schuhindustrie am Markt und auch der Lederkleinhandel hat für einzelne Sorten Leder Interesse. — Der Roheisenberband hat die Grundpreise für Juni unverändert gelassen. — An den Zuckermärkten war das Geschäft wieder vorwiegend ruhig. — Die Branntweinherstellung umfaßte im April 264 105 Hektoliter.
Ausstellungen und Messen. Die Grossisten- und Exportsondermesse der Edelmetallindustrie wird vom 3. bis 6. Juni in Stuttgart stattfinden. — Die große Berliner Möbelmesse wird vom 1. bis 6. September abgehalten. — In Padua ist die heurige Mustermesse vom 15. bis 19. Juni, in Neapel vom 16. bis 31. August. Für beide Veranstaltungen sind wieder Eisen- bahnfahrpreisermäßigungen in Aussicht genommen.
Landwirtschaft. Der Saatenstand wird in ganz Deutschland als befriedigend bezeichnet. Die Entwicklung der Futtermittel verspricht schon beim ersten Schnitt eine erträgliche Ernte. Auch der Weinbau ist mit der jetzigen Entwicklung der Weinberge zufrieden.
Produktenmarkt. Das Geschäft bewegte sich im allgemeinen in ruhigen Bahnen. Die Preise sind kaum verändert.
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