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Giessener Zeitung

(neueste Nachrichten) Hit (Giessener Cageblatt)

Amts- u. Uereinsnacbricbten

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6 0 Goldpfennig monatlich frei Haus, bei obligatorisch. Bezug durch Vereine 30 Goldpf.

Telephon Nr. 1362.

Expedition: Südanlage 21.

Redaktion, Druck und Verlag:

Albin Klein in Gietzen, Berlagäbruietfi, vorm. Keller, gegr. 1783.

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30 mm breite Petitzeile, Auswärts 30 Goldpfg.

Lokal 10

90 Reklamezeile 130

38. Jahrg. Donnerstag, den 22. Januar 1925, Nr. S.

Vor 10 Jahren.

Aus französischer Gefangenschaft entwichen.

Von Lt. d. R. Karl Witzel.

Als die Division in Flandern lag, wurde Musketier H. mit Befehlen vom Geschäftszimmer zum Gefechtsstand des Bataillons geschickt. Nachdem er sein Fahrrad in einer Hecke bei W. ver­steckt hatte, ging er zu Fuß weiter. Dabei stieß er auf Leute von einer Kompagnie seines Bataillons. Sie wiesen ihn noch einigermaßen zurecht, und er arbeitete sich in dem Feuer weiter vor. Von Trichter zu Trichter springend, kam er über unsere vordere Linie hinaus und saß plötzlich in einem von Engländern besetzten Trichter. Sofort nahmen sie ihm sein Seitengewehr, seine einzige Waffe, ab. Da seine Meldetasche wichtige Schrift- °stücke enthielt, verscharrte er sie unbemerkt hinter sich. Früh­morgens brachten ihn die Leute zu einem Gefangenensammel- platz in der Näh. der Batteriestellungen. In Gegenwart eines Offiziers wurde er durch einen gut Deutsch sprechenden Dol­metscher einem eingehenden Verhör unterworfen. Er gab all­gemeine oder falsche Antworten. Die Gefangenen wurden im Laufe des Tages weiter zurückgeführt. Nach sechsstündigem Marsche erreichten sie den Verladebahnhof. Zum ersten Male gab es in spärlicher Menge warme Verpflegung. Französische Landwehrlcute übernahmen den Transport und machten von Schimpfwarten und Kolbenstößen reichlichen Gebrauch. Dreißig Mann wurden in wenig zarter Weife in Güterwagen verstaut. Am Nachmittag des nächsten Tages langte der Zug in einem größeren Gefangenenlager an. Morgens gab es eine wässerige Suppe mit einer Schnitte rauhen Brotes, mittags Gemüsesuppe, an recht wenigen Tagen etwas Fleisch darin, abends zwei Schnitten Brot mit etwas Marmelade, hier und da ein wenig Käse; Butter, Fett und Wurst wurde den Armen nie gereicht. In täglich neunstündiger saurer Arbeit wurde das zum größten Teil zerschossene Städtchen R. aufgeräumt und die deutschen Stellungen abgcbaut. Aus den Unterständen wurden die guten Bohlen entfernt und zu weiterer Verwendung bereitgelegt, die schlechten den' Gefangenen und Zivileinwohnern als Brennholz gegeben. Die Bürger waren zum Teil in dieses Städtchen zurückgekchrt. Das Geschäftsleben fing an, sich zu regen. Land­wirtschaft wurde in mäßigen Grenzen betrieben. Auf der wiederhergestellten Bahn fuhren wieder regelmäßig Personen- züge. Auffallcnderweise benahmen sich die Zivilisten sehr ent­gegenkommend gegen die Gefangenen. Es ist sogar vorgekom­men, daß ihnen von den Einwohnern Zigaretten und sonstiges zugesteckt wurde. Sehr wenig Post aus der Heimat stellte sich im Lager ein. Wurde ein Brief dorthin von der Zensur bean­standet, so wurde sein Schreiber mit mehrwöchiger Briefsperre belegt.

Nach zwei Monaten wurde das Lager aufgelöst. In ein­tägigem Marsch erreichten seine ehemaligen Insassen ein anderes Lager in einem Wald, der seinerzeit bei dem Rückzüge von der

Somme hart umkämpft worden war, bei dersterbenden Stadt" St. Quentin. Die Gefangenen waren dazu bestimmt, an einer großen Straße Ausbesserungen vorzunehmen. In der Ferne sah H. die stark zerschossene Kathedrale dieser ehedem an Kunst­schätzen so reichen Stadt. Da er früher mit seinem Regiment dort gelegen hatte, war er gut orientiert, und so reifte bald in ihm der Entschluß zur Flucht. Am nächsten Abend ließ er sich bei dem Rückmarsch von der Arbeitsstelle er ging am Ende seiner Abteilung in den Straßengraben fallen, ohne von dem auf der anderen Straßenseite marschierenden Wachtmann bemerkt zu werden. Als alles ruhig geworden war, kroch er im Graben weiter und ging dann über freies Feld. Seine Richtung waren die an der Front aufsteigenden Leuchtkugeln. Zunächst stieß er auf einen unbesetzten Graben, dann auf einen durch Posten be­setzten. Er schlich sich vorbei und gelangte in einen Laufgraben, der ihn in eine Linie brachte, die zahlreiche Posten aufwies. Da er hörte, daß sich französische Patrouillen im Vorgelände beweg­ten, arbeitete er sich über diesen Graben hinaus und blieb in einem Eranattrichter sitzen. Erst am folgenden Abend konnte er es wagen, den starken Drahtverhau zu durchschneiden, was ihn eine einstündige Arbeit kostete. Nach einigem Umherirren kam er an die erste deutsche Linie. Dem anrufenden Posten gab er sich als Deutscher zu erkennen. Auf seiner ganzen Flucht war er weder angerufen, noch war auf ihn geschossen worden. Er wurde verschiedenen Dienststellen vorgeführt und bereicherte sie durch sehr wichtige Aufschlüsse und Mitteilungen; auch seinem Heerführer wurde er vorgestellt. Für seinen Schneid und seine Kaltblütigkeit erntete er Worte der Anerkennung, seine Brust schmückte das Eiserne Kreuz ^ster Klasse.

Maßnahmen gegen den Verfall von Ältmohnungen.

DenMitteilungen des Deutschen Städte­tages" Nr. 1 (1925) entnehmen wir die nach­stehenden interessanten Ausführungen zur In­formation der Haus- und Erundbefitzervereine in solchen Städten, die bisher noch keine Mit­tel zur Verfügung gestellt haben, um den Ver­fall von Altwohnungen aufzuhalten

Durch eine Rundfrage vom Oktober 1924 die an rund 290 Städte gerichtet war, ist festgestellt worden, in welchem Umfange die Städte dem Verfall von Altwohnungen durch finanzielle Unterstützung der Hausbesitzer entgegenwirken. Bis­her sind darauf von 102 Städten Antworten eingegangen.

Die Notwendigkeit derartiger Maßnahmen wird von fast allen Städten, von denen Antworten vorliegen, anerkannt. Wegen schlechter Finanzlage haben allerdings 34 Städte in Er­mangelung besonderer, für den Zweck verfügbarer Mittel Don geeigneten Maßnahmen Abstand nehmen müssen.

In 35 Städten sind für Gewährung von Instandsetzungs­darlehen im Rahmen des Etats besondere Mittel bereit gestellt.