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Giessener Zeitung

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Redaktion, DrnrL nud Verlag: Albis Klein i« Gissten.

VcrlagzdruSerei, vorm. Keller, gest. 1783.

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38. Jahrg.

Dienstag, Den 17. März 1925.

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Nr. 32

Das Wandern zu Rade.

Als die Eisenbahn die Postkutsche verdrängte, sprach man von der Poesielosigkeit des Reisens. Man empfand es als prosaisch, von einer rauschenden und puffenden Maschine durch die Lande gezogen zu werden, aber für den Wanderer war be­reits die Postkutsche eine Räuberin der Poesie gewesen und so haben sich im letzten Jahrhundert die Gemüter an Fragen er­hitzt, die mehr oder weniger der Sehnsucht nach der alten Zeit entsprungen waren. Man glaubte mit dem Rückwärtsschauen besser zu tun, als mit dem Vorwärtssehen und die am Antiken hängende Menschheit lehnten die Bemühungen des Freiherrn von Drais, seinen Mitmenschen eine mit eigener Kraft bewegte Fahrmaschine zu gäben, im Jahre 1619 ebenso energisch ab, wie das Bestreben einer modernen Technik, die in ein Tretrad ver­wandelte Draisine zum Verkehrsmittel zu machen. Man hing zu sehr an der Poesie der guten alten Zeit und erst, als die Vorteile eines Reisens mit eigener Kraft allzustark in die Er­scheinung traten, bequemte man sich zu einer näheren Betrach­tung des Velocipeds. Die auf das Wandern zu Fuß eingeschwo­renen lehnten sich gegen die Zerstörung der Poesie des Wan­derns durch das Velociped auf, aber mit der Erfindung des Niederrades und des Luftreifens geriet der Glaube an das Alleinseligmachende des Wandern zu Fuß ins Wanken. Das Fahrrad schuf eine glückliche Verbindung des Wanderns zu Fuß und der mechanischen Fortbewegung durch die Eisenbahn, und das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend, versuchten sich in den neunziger Jahren viele als Radwanderer.

Die Rciseschilderungeu der Radwanderer glühten von Be­geisterung. Man begnügte sich nicht mehr damit, das Vaterland zu durchstreifen, sondern vollbrachte Weltumradelungen. Die Skeptiker wurden eines Besseren belehrt und die bis dahin auf das Futzwandern Schwörenden konnten dem Zuge der Zeit nicht widerstehen. Das Radwandern kam in Mode und alle Hotels und Gasthöfe buhlten um die Kunst der wandernden Stahlrotz­reitern.

Den Reiz der Neuheit hat das Radwandern verloren, aber nicht den sich immer gleichbleibenden Reiz, als ein von öffent­lichen Verkehrsmitteln unabhängiger, mit eigener Kraft vor­wärtseilender Mensch, die Schönheiten der Welt kennen zu ler­nen. Das Rad hat längst aufgehört, an die Grenzen des Vater­landes gebunden zu sein. Die Länder des Südens und des Nordens locken den Radfahrer und zu Hunderttausenden zählen die über die Grenze eilenden Radfahrer beiderlei Geschlechts in jedem Jahre.

Die Industrie hat dem Wandertrieb der Radfahrer in wei­testem Matze Rechnung getragen. Die schweren Tourenräder der neunziger Jahre, als man im Radwandern Erfahrungen für den Bau von Spezialmaschinen sammelte, sind leichten Rädern gewichen. Das Erklimmen der Berge hat dem Rad die In­dustrie den Radwanderern durch Hinterradnaben mit mehrfacher Ueberfetzung möglich gemacht. Es gibt keinen Berg, den ein rüstiger Radler mit dem kleinsten „Gang" einer Uebersetzungs-

nabe nicht bezwingen könnte und neben diesen Annehmlichkeiten in der Vorwärtsbewegung hat die Technik dem Radwanderer viele andere Hilfsmittel am Rade gegeben. Er kann fein Ge­päck befördern, kann etwaige Reparaturen leicht vornehmen und sein Rad gegen Diebstahl mit den einfachsten Mitteln schützen.

Der größte Vorzug des Rades ist für den Wanderer seine An­spruchslosigkeit. Das Rad braucht nichts als einige Tropfen Del und etwas Luft zu seiner Wartung. Einige Stötze mit der Luftpumpe machen den weich gewordenen Reifen wieder flott und wenn der Radfahrer mit dem Staublappen über den Rah­men fährt, kann er sich mit seinem stählernen Weggenossen wie­der in jeder Radlergesellschaft sehen lassen.

Das Radwandern hat in Deutschland einen großen Auf­schwung genommen seitdem der Bund Deutscher Radfahrer die Jugendabteilungen im Wanderfalken übt. Man will mit diesen Fahrten nicht nur die Leibesübung der Kinder fördern, sondern ihr Interesse für die Natur und das Vaterland wecken. Die unter Aufsicht von Jugendleitern ausgeführten Wander­fahrten sind im allgemeinen eine Vervollkommnung der Schul­ausflüge, aber sie bringen neben der Bewegung im Freien den Zwang zur Selbständigkeit mit sich. Die kleinen Radwanderer müssen für sich selbst sorgen und nur bei großen Fragen, wie Quartiermachen und Verpflegung tritt der Jugendleiter auf. Auch der Kameradcngeist soll gehoben werden, indem man die Knaben und Mädchen verpflichtet, gegenseitig zu helfen, wenn Schwierigkeiten auftreten.

Die Wanderfahrten der alten Herren sind alljährliche Ver­anstaltungen des Bundes deutscher Radfahrer, der in dem Ham­burger Gregers Riffen einen Wandcrfahrwart besitzt, der bereits auf dem Hochrade Europa bereist hat. Die begeisterte Aufnahme dieser Propagandafahrten der alten Herren ist der beste Beweis für die Beliebtheit des Fahrrades als Wander­werkzeug, aber der springende Punkt bei diesen Fahrten ist die Propaganda für das Wanderrädeln. Jedermann sagt sich, daß er als zwanzig, dreißig oder gar vierzig Jahre jüngerer Mensch das gleiche können muß, was die alten Herren über rund tau­send Kilometer leisten, und der Erfolg zeigt sich in den Ent­nahme von Erenzüberschreitungskarten vom Bund deutscher Radfahrer, dessen Mitglieder in fast allen europäischen Län­dern freie Erenzüberschreitung haben. Groß ist auch die Zahl der radwandernden Ehepaare. Der Zweisitzer ist nicht mehr so so stark in Mode, wie ehedem. Man zieht das Einzclrad vor, weil es unabhängiger macht, leichter unterzubringen und zu

Korpulenz macht alt,

verunstaltet die Körperformen und ist auch ungesund. Wir raten Korpulenten und allen zum Starkwerden Veranlagten, in der Apotheke 60 oder 30 Gr. echte Toluba-Kernc zu kaufen, die unschädliche Stoffe von fettzchrender Wirkung enthalten. Sicher erhältlich in der Universitätsapotheke „Zum goldenen Engel".