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Giessener Zeitung

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38. Jahrg.

Samstag, dm 17. Januar 1925

Nr. 7.

GrunLlezen-e Kragen 6er Wohnungswirtschast.

Von G. Ziegler- Darmstadt.

(Fortsetzung.)

Diese yans oberflächlich aufgestellte Behauptung, für die bei der für die nächsten Jahre gänzlich unübersichtlichen Wirt­schaftslage aber auch der geringste Anhaltspunkt fehlt, ent­spricht lediglich der Gedankenrichtung des Verfassers Er hat, wie eingangs bereits erwähnt, nicht fein Urteil auf zusammen­getragenem Material aufgebaut, sondern hat das an sich nicht wertlose Material für seine Zwecke zu verwenden sich bemüht. Bei einer urteilslosen Menge mag er damit Eindruck machen, wer der Sache aber auf den Grund geht, wird sich meinem Ur­teil anschließen.

Nach einer Schilderung des Wohnungsmarktes in verschie­denen Ländern, wobei der Verfasser — was in Anbetracht seiner Heimat nicht zu verwundern ist — mit besonderem Lobe des englischen Kabinetts Macdonald gedenkt, weil dies ein „Bau­programm" vorgelegt habe, (das tut man bei uns doch auch) kann es der Verfasser wieder nicht über sich gewinnen, nochmals festzustellen, daß „von der Wiederherstellung der Friedensmieten keine Neubautätigkeit zu erwarten ist und die Wiederherstellung der freien Neubautätigkeit vollkommen unmöglich ist". Diese Feststellung kehrt in dem Aufsatz so auffallend oft wieder, daß man unwillkürlich auf den Gedanken kommt, der Verfasser glaube selbst nicht recht an seine These.

Die Zahl der fehlenden Wohnungen soll in Sachsen mit rund 100 000 ermittelt worden sein, sodaß auf 1000 Einwohner etwa 20 fehlende Wohnungen entfallen würden. Eine Familie zu vier Köpfen gerechnet ergibt, daß etwa jede 12 Familie wohnungslos wäre. Bei Anlegung eines schärferen Maß­stabes kann mit rund 10 fehlenden Wohnungen auf 1000 Ein­wohner gerechnet werden. In Vaden sind etwa 12 fehlende Wohnungen auf 1000 Einwohner ermittelt worden. Berlin hatte dasselbe Ergebnis. Hessen wird ebenfalls mit etwa 10 fehlenden Wohnungen auf 1000 Einwohner genannt. Auf ganz Deutschland gerechnet ergibt sich ein Fehlbedarf von rund 600 000 Wohnungen.

Diese Zahlen können indes keinerlei Anspruch auf Zuver­lässigkeit machen, um so mehr nicht, seit man weiß, welches Interesse oft die ermittelten Stellen an einer möglichst hohen Fehlziffer haben.

Nach der Einwohnerzahl umgerechnet, müßte, wie die Be­rechnungsbeispiele aus einer ganzen Anzahl von Städten zeigen, sogar ein Wohnungsüberschuß vorhanden sein.

Die bisherige Praxis, einen gewißen Teil der Sondersteuer für den Wohnungsbau zu verwenden, während der größere Teil in die Kassen der Länder und Gemeinden fließt, wird als un­genügend bezeichnet, da durch die damit zu erstellenden Woh­nungen die Wohnungsnot erst in 15 dis 20 Jahren behoben

werden könnte. Verfasser verlangt eine Abgabe von 10 Pro­zent der Friedensmiete und hofft damit in fürnf Jahren die dringendste Wohnungsnot beseitigen zu können.

In Hessen beträgt der Jahresnutzungswert aller stcuer- pflichtigen Gebäude 100 Millionen Mark. Unter Berücksich­tigung der Ausfälle kann bei einer lOprozentigen Abgabe mit einem Aufkommen von 8 Millionen Mark gerechnet werden. Bei einer Darlehenshöhe von 5000 Mark für jede Wohnung können damit jährlich 1600 Wohnungen erbaut werden. Bei einem angenommenen Fehlbedars von 12 000 Wohnungen könn­ten diese in etwa 8 Jahren erbaut werden. Voraussichtlich haben wir bis dahin wieder mit 12 000 neuen Wohnungssuchen­den zu rechnen, die sich aus neugegründeten Ehen zusammcn- setzen und aus Leuten, die aus den Althäujern ausziche- müs­sen, weil diese infolge der vom Verfasser empfohlenen ewigen Zwangswirtschaft zusammengcfallen sein werden.

Zum Schluß erwartet der Verfasser von der Erhöhung der Mieten — nach seiner Angabe sollen sie im Monat etwa 90 Pfg. (bei einer Dreizimmerwohnung) steigen —, ein Zusammenrücken. Wenn auch infolge dieser kollosalen Mieterhöhungen der Ver­fasser sich über den Erfolg getäuscht haben dürfte, jo ist doch seine Feststellung wertvoll, daß durch die billige Miete die Wohnungsnot gefördert wird.

Schließlich wird eine Entschließung mitgeteilt, die auf der Tagung für wirtschaftliches Bauen gefaßt worden ist und in der 10 Prozent der Friedensmiete für den Wohnungsbau ge­fordert werden. Die durch die Darlehnstilgungen in die öffent­lichen Kassen zurückfließenden Mittel müßten dazu dienen, eine großzügige deutsche Wohnungsrcform auf sozialer Grundlage aufzuführen. Das große Opfer, das heute das deutsche Volk in allen seinen Schichten für die Behebung der Wohnungsnot bringt (bis jetzt haben nur die Hausbesitzer die Opfer gebracht. D. Verf.), darf nicht verloren sein, sondern soll die wirtschaft­liche Grundlage dafür bilden, die deutsche Wohnungswirtschaft nach großen Gesichtspunkten neu zu ordnen und für alle Zu­kunft in gesunde Bahnen zu lenken. (Deswegen muß der Alt­hausbesitz verschwinden).

Mich überkommt ein eigenartiges Gefühl, wenn ich von diesen Repräsentanten des heutigen Staatswesens von „großen Gesichtspunkten" reden höre. Bis jetzt sind unsere Regierungen nur großzügig im Steuererheben gewesen. Darin dürften sich menschlichem Ermessen nach auch im wesentlichen die „großen Gesichtspunkte" der künftigen deutschen Wohnungswirtschaft, wovon der Verfasser schwärmt, erschöpfen.

(Schluß folgt.)