Giessener Zeitung
(neueste Nachrichten) mit (Giessener Cageblatt)
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Telephon Nr. 1362.
Expedition: Südanlage 21
Redaktion, Druck und Verlag: Albi« Klein in Gießen, Nerlagsdruckerei, vorm. Keller, gegr. 1783.
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38. Jahrg. Sonnabend den 11. Juli 1925. Nr. 81.
Landwirtschaftliche Umschau.
(Zujammenfassende Uebersicht über die Lage der deutschen Landwirtschaft.)
Allgemeine Lage. Die Agrarkrise ist noch immer ungelöst. Die Schutzzollvorlage wird weiterhin beraten und soll noch vor Eintritt der Reichstagsferien verbeschieden werden. Die Geldknappheit ist außergewöhnlich groß. Der Landwirt ist gezwungen, seine Ausgaben auf das allergeringste Maß zu beschränken Dies trägt wohl in der Hauptsache dazu bei, daß die nur berechtigten Klagen der Geschäftsleute über den ganz außergewöhnlich schlechten Geschäftsgang nicht verstummen.
Arbeitskalender. Die Heuernte ist noch immer in vollem Gang. Die Pflegearbeiten der Hackfrüchte, wie Hacken, Häufeln usw. werden durchgeführt. Abgeerntete Grünfutterschläge werden umgebrochen und abgeeggt. Die Rapsernte dürfte beendet sein. Die Vorbereitungen zur Getreideernte werden getroffen. Wintergerste ist bald schnittreif.
Stand der Fluren. Voraussichtliche Ergebnisse: In den Gegenden mit sandigem Untergrund waren die Niederschläge bis vor kurzem noch immer zu wenig. Hier findet man stark ausgetrocknete Felder und Wiesen. Im allgemeinen hat die Heuernte heuer qualitativ und quantitativ befriedigt. Leider konnte das in den letzten Tagen geerntete Heu nicht so gut unter Dach gebracht werden, wie das erst geerntete. Die Gewitterregen haben das Heu ausgewaschen. Weizen steht gut; teilweise lagert er; zur Zeit ist er in Blüte; Roggen steht ebenfalls üppig, lagert auch leicht; Hafer ist stark von Frittfliege befallen, was den Ernteertrag herabdrücken wird. Gerste wird durch den Mangel an Regen und durch die starke Verunkrautung sich nicht so entwickeln können, wie es den Anschein hatte. Kartoffeln stehen im allgemeinen gut. Hier wird leider immer noch zu wenig Gewicht auf Saatgutwechsel gelegt. Den Rüben sind die Niederschläge gut zustatten gekommen. In den Hopfengärten richtet die Blattlaus sehr empfindlichen Schaden an, desgleichen der Heuwurm in den Weinbergen.
Produktenmarkt. Die Unsicherheit in der Zollfrage drückt immer mehr auf die Stimmung. Hafer wird etwas stärker gefragt, da die Ernteaussichten infolge der für Hafer ungünstigen Witterung nicht günstig sind. Am Berliner Markt wurde der Weizenbedarf fast ausschließlich mit Aostralweizen befriedigt. Die Nachfrage nach Roggen konnte nicht befriedigt werden. Die Tendenz für Futtermittel blieb unverändert. Am Hopfenmarkt sind die Zufuhren und Umsätze weiter zurückgegangen. Die Preise blieben unverändert. Das Kartoffelgeschäft ist zur Zeit ganz ruhig.
Viehzucht. Die gesamte landwirtschaftliche Nutztierzucht befindet sich auf dem aufsteigenden Ast. Einer weiteren Hebung der Tierzucht steht aber in erster Lienie die außerordentliche Geldknappheit entgegen. Dadurch kann der Züchter seine Zucht- ; tiere nicht verkaufen, da nur in den seltensten Fällen von Land
wirten oder Genossenschaften wegen Geldmangels Zuchttiere getauft werden können. Auf diese Weise wird es dem Züchter verleidet, die große Arbeit und Mühe für die Heranziehung besten Zuchtmaterials zu verwenden; die Landwirte dagegen verwenden schon nicht mehr für die Zucht geeignetes Material oder zuchtuntaugliches Tiermaterial. Es kommt auf diese Weise fast keine Blutauffrischung herein und die Tierzucht kann schließlich nicht auf die Höhe kommen, wie es im Interesse des ganzen deutschen Volkes notwendig wäre. Denn es kann nicht gleichgültig sein ob schlechte Futterverwerter das auf der deutschen Scholle erzeugte Futter verwerten, oder gute. Mit einer Scherstellung der Ernährung des deutschen Volkes aus der eigenen Produktion muß auch eine intensivste Tierzucht Hand in Hand gehen. Die sehr begrüßenswerten Arbeiten der Tierzuchtinspektionen, Tier- zuchtbeamtcn, Zuchtgenossenschaften werden erst dann voll zur Geltung kommen können, wenn der Landwirt diese Arbeiten in die Praxis umsetzen kann und dazu braucht er in allererster Linie gute Zuchttiere, die zu beschaffen aber braucht er Geld, d. h. langfristige Kredite zu anständigem Zinsfuß.
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