Einzelbild herunterladen
 

Siebener Leitung

(Neueste Nsevrlebten) Mit (Giessener Tageblatt)

Amts- u. Uereinsnacbrkbten

Vezugspreis:

0 0 Goldpfenvig monatlich frei Haus, bet obligatorisch. Bezug durch Vereine 3vGoldpf.

Telephon Nr. 1362.

Expedition: Südanlage 21

Redaktion, Druck und Verlag: Albt» Klein in Gießen, Verlagsdruckerei, Vorm. Keller, gegr. 1783.

Anzeigenpreise:

30 mm breite Petitzeile, Auswärts 30 Goldpfg „ „ „ „ Lokal 10 „

90 „ „ Reklamezeile 120 „

38. Jahrg. Samstag, den 6. Juni 1925.

Nr. 66.

Die Zürsorgeeinrichtungen des selbständigen Handwerks und Gewerbes.

Von Karl Emil Repp -Frankfurt a. M.

Die Handwerkskammern dürfen in diesem Jahr auf eine 25jährige Tätigkeit zurückblicken. Was das bedeutet, kann nur der würdigen, wer sich daran erinnert, wie es im deutschen Handwerk vor der Errichtung der Kammern ausgesehen hat. Es war die Zeit, in der die Technik ihre großen, erstaunlichen Triumpfe feierte, das Zeitalter der Maschine, des maschinellen Großbetriebs, der Industrialisierung Deutschlands. Damals standen die Propheten auf, die dem Handwerk den baldigen Untergang voraussagten.

Und in der Tat: es schien so, als sollten diese Propheten recht behalten, als würde das Handwerk von der Industrie er­barmungslos überrannt. Es hat auch manchen ehrlichen Hand­werker nicht nur seine Selbständigkeit gekostet, eine Reihe von Handwerken sind überhaupt verschwunden. Der Mensch der Werkstatt hat der Maschine Platz gemacht. Die Handwerker — um nur ein Beispiel zu nennen — sind fast verschwunden. Sie konnten sich, bei aller Tüchtigkeit, allem Können und auch aller Zähigkeit, mit der sie sich an den Webstuhl klammerten, wirt­schaftlich nicht mehr halten.

Es waren die schwersten Zeiten, die das Handwerk je er­lebt hat und so notwendig die Organisation, der wirtschaftliche Zusammenschluß damals gerade war — ohne ihn wäre der Kampf für den einzelnen gänzlich aussichtslos gewesen — so mühsam hat sie sich im Handwerk durchgesetzt. Heute steht diese Organisation auf festen Füßen. Kein Handwerker möchte die Handwerkskammer mehr missen. Es ist gar nicht zu übersehen, wie nach ihrer Einrichtung sich das schwer kämpfende Handwerk erholte. Die Handwerkskammern wurden zu den Gehirnen, zum Rückgrat des wirtschaftlich schwer ringenden Standes. Richt das aber allein. Ein Blick auf die Fürsorgetätigkeit, die als eine ihrer Hauptaufgaben wie von selbst ihnen zuwuchs, zeigt, daß sie heute geradezu unentbehrlich geworden sind. Wenn einmal Hauptmanns „Weber", dies düstere und leider wahre Bild von der Not der untergehenden Schichten erschüttert haben, weiß etwas davon, wie die Sorge um den Notgroschen für das Alter, wie die Furcht vor Krankheit den Mann der Werkstatt zermürbt.

So sind denn überall schon frühzeitig Krankenkassen des Handwerks und Gewerbes gegründet worden. Aber sie waren, der Masse der Handwerksmeister gegenüber, nicht leistungsfähig genug. Der Handwerker selbst erkannte auch nicht früh genug die ungeheuren Vorteile von Fürsorgeeinrichtungen und eigenen Krankenkassen. Darum fiel er leicht den privaten Aktien­gesellschaften oder privaten Kassen in die Hände, den privat- wirtschaftlichen, auf Verdienst der Aktionäre oder Unternehmer gestellten Einrichtungen, die mit Handwerkerfürsorge nicht das mindeste zu tun haben und denen vor allem jede soziale Ein­stellung fehlt. Es ist geradezu erstaunlich, wie viele Hand­werker und Gewerbetreibende heute noch den großen, durch keine private Einrichtung zu ersetzenden Wert der berufsständigen Versicherungsanstalten übersehen, die noch jung sind, und bei denen nicht alles reibungslos läuft — in welcher Organisation wäre das der Fall? — aber doch dies eine für sich haben, daß hier kein anderen Motiv vorherrscht als der soziale Dienst

am schwer kämpfenden und in diesem Wirtschaftskampf geschä­digten Standes- und Berufsgenossen.

Die anerkannten Krankenkassen und Versicherungsanstalten des selbständigen Handwerks und Gewerbes umfassen 15 Kassen, deren Arbeitsgebiete scharf abgetrennt sind. Sie sind in einem Verband zusammengeschlossen, der Mitglied des Reichsverbandes des deutschen Handwerks ist.

Die Tatsache der Anerkennung dieser Kassen durch die Handwerkskammern ist nicht ohne Bedeutung. Sie bedeutet lebendige Förderung der Kassen und gewährleistet die volle tarifliche Leistung derselben im Interesse der Versicherten.

Im hiesigen Bezirk ist cs die ehemalige Kranken- und Sterbekasse für selbständige Handwerker und Gewerbetreibende, Sitz Frankfurt a. M., die jetzt den Namen „Süddeutsche Ver­sicherungsanstalt für selbständige Handwerker und Gewerbe­treibende A.-E. in Frankfurt a. M., Mainkai 53“ führt, die als die anerkannte Kasse in Betracht kommt.

Die sozialen Aufgaben der Versicherungsanstalten des selb­ständigen Handwerks und Gewerbes umfassen besonders die Krankenversicherung, die Spar-Rentenversicherung und die Lebensversicherung. Für die Lösung dieser Aufgabe ist es von entscheidender Bedeutung, daß die Organisation von Handwerk und Gewerbe selbst getragen ist. Vorstände und Aufsichtsräte werden aus den Reihen der Mitglieder durch diese gewählt. Das Handwerk leitet also diesen ganzen, großen Apparat selbst, sodaß jedem Mitglied auf das Geschäftsgebahren der Kassen ein mitentscheidender Einfluß gesichert ist. Dazu kommt aber das wichtigere, daß die Handwerkskrankenkassen nicht auf „Ver­dienen" oder auf einen möglichst großen Reingewinn eingestellt sind, daß vielmehr die gesamte Leistungsfähigkeit der Kassen den Versicherten zugute kommt, kleberschüsse dürfen nur zur Deckung der gesetzlichen Rücklage dienen und nicht etwa zur Ausschüttung von Dividenden. Der Handwerker sollte doch ein­sehen, daß er bei einer berufsständigen Krankenkasse besser fährt, weil er hier mit seinen Prämien nicht auch noch für die Divi­dende der Aktionäre und die Remuneration der Aufsichtsräte zu sorgen hat. Hier fließt vielmehr die in denKassen aufgespeicherte Leistungskraft ihm selber wieder zu. Nach diesen Gesichtspunkten sind auch die Tarife eingerichtet, die selbstverständlich weiter vervollkommnet werden.

M>IER-COMPAGNIE Â.&DRESDEN