Liepener Leitung
(neueste nacbricbte«) mit (Giessener Cagebiart)
Amts- u. Vereinsnachrichten
Bezugspreis:
60 Goldpfennig monaclich frei Haus, bei obligatorisch. Bezug durch Vereine 30 Goldpf.
Tel « vdon Nr. 1362.
Expedition: Südanlage 21.
Redaktion, Truck und Verlag: Albin Klein in Meffert, Verlagsdruckerei, vorm. Keller, gegr. 1783.
Anzeigenpreise:
30 mm breite Petitzeile, Auswärts 30 Gokdpfa.
„ „ „ „ Lokal 10 „
90 „ „ Reklamezeile ISO „
38. Jahrg. Samstag, den 2. Mai 1925. Nr. 52
Einstellung ans öen kommenden Luftverkehr.
Von Stadtrat Dr. Lehmann, Liegnitz.
Was Fachleuten schon vor dem Weltkriege Gewißheit war daß Luftschiff und Flugzeug in nicht allzuferner Zeit im Verkehrswesen eine gewaltige Umwälzung herbeiführen würden ist durch die Leistungen der Luftschiffer und Flieger während des Krieges und in der jetzigen Nachkriegszeit auch die Ueber. Zeugung derer geworden, die damals an einen Luftverkehr durchaus nicht glauben wollten. Die glanzvoll verlaufene Amerikafahrt des Luftschiffes (L. Z. 126) Z. R. 3 (jetzt Los Angelos) hat gezeigt, daß das Luftmeer einen geradezu idealen Verkehrsraum darstellt. Schon die Meere haben die Völker nicht getrennt, sondern verbunden — wieviel mehr muß dies vom Lustmeer gelten, das keine Grenzen kennt. Und doch war die Amerikafahrt des Zeppelinluftschiffes keine sportliche Höchstleistung, denn sie ist von den deutschen Luftschiffen im Kriege erheblich übertroffen worden, man denke nur an die merkwürdige Fahrt des L. Z. S9 von Jamboli (Mazedonien) nacht Karthum (Afrika) und zurück ohne Zwischenlandung.
Die wichtigsten Luftschifflinien, welche die allernächste Zukunft bringen wird und die uns interessieren, wären die Verbindungen von Europa mit Nord- und Südamerika. Weiterhin kommen in Betracht die Linie England-Indien und lokale Linien in der Nord- und Ostfee, die mit kleineren Luftschiffen betrieben werden. Ozeanluftschiffe mit 150 000 bis 200 000 Kubikmetern Inhalt, deren Bau vorgesehen ist, werden etwa 100 Fahrgäste befördern, die kleineren Luftschiffe mit ungefähr 30 000 Kubikmetern Inhalt nur etwa 40 Fahrgäste und 3 Tonnen Post. Vorgesehen ist zwar die indische Linie über Süd-Frankreich, Mittelmeer, Rotes Meer, Bombay. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß es durch Verhandlungen gelingt, die Fahrten über Deutschland— Konstantinopel zu leiten. Etwaige Einwendungen wegen noch nicht genügender Betriebssicherheit dürften endgültig widerlegt worden sein durch die Sturmfahrten der Zeppeline in letzter Zeit.
Die Sturmfahrt des englischen Luftschiffes „R. 33“ (es handelt sich bei R. 33 um das Luftschiff, das s. Zt. die erste Fahrt über den Atlantischen Ozean Und zurück gemacht hat) beweist aufs neue die Betriebssicherheit eines modernen Lenklustschiffes selbst unter ungünstigen Witterungsverhältnissen. Die ungeure Kraft, mit der der Sturm das Luftschiff packte, hat nicht nur die Spitze des Ankermastes abgebrochen, sondern auch das Metallgerippe an der Spitze des „R. 33“ stark beschädigt, so daß die vorderste Gaszelle defekt wurde und ihren Inhalt verlor. Durch diesen Gasverlust trat eine nicht unerhebliche statische Veränderung ein und trotz dieser Verschiebung der Gleichgewichtslage wurde das Luftschiff von Menschenhand gemeistert. Der Vorgang, daß ein Luftschiff sich infolge eines plötzlich auftretenden Sturmes losreißt, steht übrigens nicht vereinzelt da. Wie erinnerlich, löste sich das amerikanische Luftschiff „Shenandoah", das kleine Schwesterschiff der „Los Angelos" im Frühjahr vorigen Jahres ebenfalls bei einem plötzlich auftretenden
Orkan von seinem Ankermast und auch hier bereits hatte es die Besatzung, die unter der Führung des deutschen Instruktors stand, vermocht, das Luftschiff aus dem Zentrum des Sturmes herauszusteuern. Man vergleiche doch nur die vielen Unfälle auf dem Meere, bei der Eisenbahn, bei der elektrischen Straßenbahn und beim Autoverkehr. Dann kann man also heute wohl getrost von mindestens derselben Sicherheit im Luftverkehr sprechen wie bei jedem anderen Transportwesen, ja, vielleicht ist sie sogar noch besser, denn all den schädlichen und störenden Wirkungen, die auf dem Erdboden aus dem Neben- und Durcheinander der verschiedenen Verkehrslinien für Sachen und Menschen erwachsen, ist der Luftverkehr völlig entrückt. Auch ist der günstige Umstand zu beachten, daß die Abschaffung des explosionsgefährlichen Benzins durch Schweröle bevorsteht, sodann wird immer mehr der feuergefährliche Wasserstoff durch den neuen, nicht brennbaren Betriebsstoff „Helium" ersetzt werden.
Wenn uns z. Zt. auch noch durch den Versailler Vertrag verboten ist, Luftschiffe zu bauen, so ist das doch aller Voraussicht nach nur eine sicher bald vorübergehende Abschnürung von Kulturfortschritten, denn nicht Verträge sind es, die der Welten Lauf bestimmen.
Wir müssen damit rechnen, daß im kommenden Luftverkehr' das Luftschiff die Rolle des Personenzuges, das Flugzeug die des Schnellzuges — ohne jedoch den Eisenbahnverkehr zu verdrängen — übernehmen wird. Der Luftverkehr ist vielmehr eine wertvolle Ergänzung unserer jetzigen Verkehrsmittel und für seine Inanspruchnahme wird in erster Linie maßgebend sein die Erkenntnis: „Zeit ist Geld". Die Geschwindigkeit der Luftschiffe übertrifft die der großen Pafsagierampfer um mehr als das Doppelte, das Amerika-Luftschiff Z. R. 3 beispielsweise hat bei seiner Ozeanfahrt eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 107 Kilometern in der Stunde entwickelt. Die Zeitersparnis würde nach Dr. h. c. Parseval betragen: „Auf den Linien von Europa nach Nordamerika, wo ein sehr schneller Schiffsverkehr schon heute eingerichtet ist, etwa 3 Tage, nach Südamerika etwa 8 Tage, von England nach Indien 10 Tage,' für kleinere Fahrten an den europäischen Küsten 1 bis 2 Tage. Hier würde es mehr die größere Annehmlichkeit der Luftreise sein, die das Publikum anlockt. Auch Abfahrt und Landung sind gefahrlos und bequem. Der Komfort erreicht natürlich noch nicht die Bequemlichkeit des großen Dampfers, da der Raum auf dem Luftschiff beschränkt ist. Doch können in Bezug auf Verpflegung alle Anforderungen erfüllt werden. DiePreise dürfen wohl nicht viel höher sein als die Fahrtaxe 1. Klasse auf den Luxusdampfern. Wie sich die Rentabilität stellen wird, kann nur beurteilt werden, wenn die Kosten des Betriebes genauer als bisher bekannt sind, namentlich ob und in welcher Höhe staatliche Subvention erreichbar sind."
Was nun das Flugzeug anbetrifft, so muß wohl von jedermann zugestanden werden, daß das Flugzeug im Verkehrswesen heute bereits ein beachtenswerter Faktor ist. Luftlinieri werden heute nicht nur da eingeführt, wo Eisenbahn und Dampf-