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Nr. 26. SamAag, den 28. Juni 1924 37. Jahrg.

Ein Vorschlag zur Zchassung einer Pfan-briefmarK

zwecks Gesundung der Wohnungsnot und Geldknappheit.

Drei Grundforderungen stellt das Leben an den Menschen: Die Beschaffung der Nahrung, der Kleidung und der Woh­nung. Die Ernährungsfrage bildete schon im Frieden das Schmerzenskind unseres wirtschaftlichen Lebens, weil die deutsche Landwirtschaft trotz rationellster Bodenausnutzung nicht imstande war, die^Bevölkerungsmassen des Reiches zu ernähren. Nach dem Kriege haben sich die Ernährungsverhiiltnifse für Deutsch­land noch^wesentlich verschlechtert, weil uns die großen östlichen Kornkainmern Posen und Westpreußen an Polen verloren gingen. Es war somit Aufgabe des Reichskabinetts, für die ausländische Zufuhr der nötigen Lebensmittelmengen Sorge zu tragen. Diese Ausgabe wurde befriedigend gelöst, ein Nahrungsmangel herrscht gottlob heute in Deutschland nicht mehr und ein Blick in die Lebensmittelgeschäfte zeigt uns, daß jetzt wiederalles" zu haben ist. Die Lebensmittelzufuhr hängt innig mit unserem industriellen Export zusammen; ist unsere Industrie in der Lage, genügend zu exportieren, so fehlt es uns nicht an Devisen zum Ankauf von Lebensmitteln. Es darf natürlich nicht wieder vorkommen, daß wie leider geschehen unsere schönen Devisen durch sinnlose, vom Gewinnhunger diktierte Frankenspekulationen oder ähnliche'BLrsenmanöver flöten gehen. Aber wie gesagt, die Er- nährungssrage ist, vorläufig wenigstens, geregelt und die bessere oder schlechtere Ernährung unseres Volkes hängt lediglich von der Gestaltung unseres gesamten Wirtschaftslebens ab.

Auch die Bekleidangsfrage macht uns keine Schwierigkeiten mehr. Die hochentwickelte Textilindustrie Deutschlands hat den Markt reichlich versorgt und wenn man den Riesenkonsum allein an Florstrümpfen (doch ein gewisser Luxusartikel!) berück­sichtigt, muß cs uns eigentlich auf diesem Gebiete ganz gut gehen.

Ganz anders aber liegen die Dinge auf dem Wohnungs­markte. Hier haben sich Zustände eingefressen, die das Familien- leben bedrohen, die gesetzlich garantierte Freizügigkeit vernichten und einen Hauptgrund der allgemeinen Unzufriedenheit des Volkes bilden. Wir dürfen uns nicht über die Tatsache hinweg­täuschen, daß die furchtbare Wohnungsnot und die dadurch be­dingte Zwangswirtschaft sich immer mehr zu einer kulturellen und wirtschaftlichen Katastrophe auswachsen. Es ist auch grund­sätzlich falsch, diesen Krebsschaden an unserem Bolkskvrper (wie es sonst geschieht) dem Umsturz aus das Sündenkonto zu schreiben. Der Wohnungsmangel ist vielmehr ein Kricgsiibcl und es ist eine der unseligsten Taten deS ehemaligen Kanzlers Bethmann- -Hollwcg, der da glaubte, dem drohenden Wohnungsmangel durch die Wohnnngszwangswirtschaft abhelfen zu können. Wie anders stünden wir heute da, hätte Bethmann die Millionen von Kiegs- gefangenen, die in Deutschland interniert waren, und unter denen sich eine gewaltige Menge von Bauhandwerkern befanden, zum Wohnungsbau angehalten. So aber hat er durch die Zwangs- - wirtschaft den Wohnungsmarkt ruiniert sind die Wohnhäuser, die ein Drittel des deutschen Nationalvermögen darstellen, entwertet - auch in der Nachkriegszeit wirkte dieses Kriegsübel wie eine schleichende Krankheit fort und verhinderte selbst in der Inflations­

zeit, als das Papiergeld auf der Straße lag, die Aufnahme einer geregelten Bautätigkeit, da der Häuserbau infolge der lächerlich geringen Mietenfestsetzung auch nicht den bescheidensten Ertrag abwirft. Dabei hat die Zwangswirtschaft weder dcmMieter noch dem Vermieter irgend welchen Nutzen gebracht. Im Gegenteil, die Wohnungsnot ist heute schlimmer denn je und jeder, der in einem Wohnungsamte tätig ist, steht dieser katastrophalen Entwicklung machtlos gegenüber. Es spricht Bände, wenn man hört, daß allein in Berlin am 1. Januar 1924 die Zahl der Wohnungssuchenden sich auf 223 000 belief! Aehnlich liegen die Verhältnisse in allen deutschen Kommunen. Der Zwangsmieter, den man mit Hilfe des Mietgesetzes notdürftig in eine Wohnung eingepreßt hat, fühlt sich besonders wenn seine Familie in­zwischen größer geworden ist nach jeder Richtung hin beengt - der Vermieter ist dauernd verärgert, weil man ihm Räume, die er früher benutzen konnte, abknöpfte- junge Leute, die heiraten wollen, finden keine Wohnung- der Stellungsuchende, dem aus i wärts eine lohnende Beschäftigung winkt, kann mit seiner Familie nicht dorthin ziehen, weil die Unterkunft fehlt kurzum, jeder einzelne Deutsche leidet unter den Wirkungen dieser total verfehlten gesetzgeberischen Maßregel, auf die, wie gesagt, die allgemeine Unzufriedenheit unseres Volkes in derHauptsache zurückzuführen ist.

Alle Vorschläge und Versuche, dem Wohnungsuuglück zu steuern, haben sich bisher als unzulänglich erwiesen. Man bedenke, daß im Frieden jährlich 120000 neue Wohnungen in Deutschland fertig gestellt wurden und daß die reguläre Bautätigkeit seit nun­mehr 10 Jahren stockt, um zu ermessen, wie groß der Wohnungs­mangel geworden ist, denn die Familienbildung ist weiter fort-