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Giessener Zeitung

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Redaktion, Druck und Verlag: Albin Klei« in Gießen, Nerlagsdruckerei, vorm. Keller, gegr. 1783.

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Nr. äl. Samstag, dm 20. Dezember 1924. . 37. Jahrg.

Der Nachwuchs im Handwerk.

Flucht aus dem Handwerk", dieses Schlagwort ist der Ausdruck eines bcd. Mangels in unseren handwerkerlichen Volksschich­ten geworden, der Ausdruck des Mangels an Nachwuchs brauch­barer Arbeitskräfte. Im Handwerk herrscht ohne Zweifel eine Lehrlingsnot. Die Meister sind gezwungen, Gesellen zu nehmen, was sich ihnen bietet. Von der Auswahl der besseren Kräfte kann längst keine Rede mehr sein. Daß dies zu einem Verdorren des Handwerks führen muß, ist leider klar. Die Schuld daran trägt einmal die üble materielle Lage gerade der- jenigen Bevölkerungsschichten, die heutzutage für den Handwer­terberuf noch in Betracht kommen können. Es ist ihnen eben un­möglich, ohne Schädigung ihrer Lebenshaltung die Kosten für eine drei- bis vierjährige verdienstlose Lehrzeit der Kinder auf­zubringen. Aus diesem Grunde und auch wohl aus Mangel an Interesse für ein selbständiges Fortkommen, wie es das Gewerbe bieten würde, hastet man nach schnellem Verdienst, nach soforti­gem Erwerb. Andererseits sind leider die Zeiten vorbei, in denen regelmäßig der Meistersohn das Handwerk seines Vaters ergriff. Die handwerkerlichen Kreise trachten selbst ihrerseits wieder, ihre Kinder in diehöhere" Laufbahnen hinaufzubringen, züch­ten damit nicht selten ein armseliges geistiges Proletariat heran und berauben sich selbst die festesten Stützen ihres Standes. Ein Hauptgrund der Verarmung des Handwerks an technisch und ethisch hochstehendem Menschenmaterial liegt aber in der zunehmenden Abwanderung gerade der geistig regeren ausge­lernten Kräfte in die Fabriken, der mit höh. Löhnen, reichlicheren Arbeitsbedingungen, gröstcrer Freiheit dieLcute anlocken und sich mit Lehrlingsausbildung größtenteils überhaupt nicht besassen.

Nun gingen ja die Meister selbst daran, durch Verzicht auf Lehrgeld, durch kleine Vergütigung der Notlage der Eltern ent- gegenzukommen und sich so Nachwuchs heranzuziehen. Württem­berg und Sachsen versuchten auch durch staatliche Beihilfen eine Besserung herbeizuführen, und zwar in der Form von Prämien an die lehrlingsbildenden Meister oder auch an die Eltern von Lehrlingen, die sich mit Neigung und Begabung dem Handwerk widmen wollen.. Es ist eine Frage, ob nicht auch die Industrie zu diesen Kosten der Lehrlingsausbildung im Handwerk beizu­steuern hätte. In Norddeutschland hat die Aufklärungstätigkeit der Organisationen für Jugendpflege und die Lehrstellenvcrmitt- lung derselben ebenfalls Erfolge erzielt. Vor allem aber ist es Sache der Schule, durch Eziehung zur Freude an Handwerk. Be­tätigung, durch Aufklärung über den inneren Wert und die Aus­sichten, welche das Handwerk auch heute noch in reicher Fülle zu bieten vermag, durch Darlegung der nationalwirtschaftlich

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großen Bedeutung des gewerblichen Mittelstandes wieder weitere Kreise dem Handwerk zuzuführen. Schulen und Innungen, Lehrer und Handwerker müssen sich hierin die Hand reichen. Die Regelung des Angebotes und der Nachfrage mag der Lehr­stellenvermittlung der Kommissionen für Jugendpflege über­lassen bleiben.

Allerdings werden diese Lehrstellenvermittlungen irgendwie mit den Handwerkskammern verbunden werden müssen, um Angebot und Nachfrage nicht nur am Orte selbst, sondern auch auf breitester Basis nach auswärts regeln zu können. Auf die­sem Weg der Selbsthilfe, staatlich unterstützt und gefördert dort, wo die eigene Kraf der handwerkerlichen Organisationen nicht ausreicht, wird ein Krebsschaden am Handwerk, der Mangel an lebenskräftigem Nachwuchs, am ehesten beseitigt werden kön­nen. Die Wege zu ebnen; die Negierung mobil zu machen zur Förderung dieser Bestrebungen, die Angelegenheit der Auffri­schung des Handwerkerstandes auf eine nationale Grundlage zu stellen, das wird die Sache der politischen Parteien sein.

-der Lâikttxâ," DESHALB DM BILLIGSTE UNDZL JLElCH DER FEINSTE TEE IM VERBRAUCH